Kopfschmerzen

Es ist eine Party mit Saft und ohne Alkohol und mit Couscous, mit Vorspeisenplatten und sowieso ohne Fleisch, Milch und Eier. Ein paar Leute sind schon gegangen, andere sind rüber zum Haxnbauer. Der Geschäftsführer verspricht uns: Später kommt noch was.

Ich habe Kopfschmerzen. Ein Bier würde helfen, aber es gibt keins.

Die Reden fangen an. Hier drinnen ist es so heiß und so feucht vom Gewitter und vom Schweiß. Ich muss kurz an die frische Luft. Die Fenster stehen auf, auch hier draußen kann ich die Rede hören. “Thanks to everyone who has contributed”, heißt es, ich ich habe einen nutzlosen Gedanken: Betont man “contributed” nicht auf der zweiten Silbe?

Ein paar Touristen kommen aus dem Haxnbauer und stellen sich neben mich. Von hier draußen durch das Fenster habe ich jetzt eine viel bessere Sicht auf den Redner als drinnen. Einer der Touristen sagt: “Das ist aber kein Bairisch, oder?” Alle lachen.

Meine Kopfschmerzen werden nicht besser, ich gehe wieder rein. Eine halbe Stunde später sind die Reden vorbei, und alles strömt in den Club ein Stockwerk höher. Es gibt Bier und Wodka, eine Discokugel und eine DJane. Für ein paar Stunden habe ich keine Kopfschmerzen mehr. Bis zum nächsten Morgen.

Red Road

Regie und Drehbuch: Andrea Arnold. Jahr: 2006.

Filmplakat Jackie (Kate Dickie) ist Mitte dreißig, alleinstehend, wohnt in Glasgow und arbeitet in einem Kontrollzentrum für Überwachungskameras. Ihr ist die Gegend um die Red Road zugeteilt, ein Viertel mit Sozialbauten, die so hoch in den Himmel aufragen, dass sie einmal sogar die höchsten Europas waren. Ihre Aufgabe: Das Treiben in den Straßen beobachten und die Polizei vor Ort informieren, wann immer sie etwas Verdächtiges sieht.

Aber natürlich beobachtet sie nicht nur potentielle Verbrecher, sondern auch ganz normale Menschen. Da ist der Mann, der sich liebevoll um seinen schon viel zu alten Hund kümmert, oder die fröhliche dicke Putzfrau, die offensichtlich in ihren Chef verliebt ist. Und dann ist da noch ein Mann (Tony Curran), den Jackie zu kennen scheint. Zuerst verfolgt sie ihn mit ihren Kameras, dann sogar in persona auf der Straße. Immer weiter steigt sie in sein Leben an und scheint ihm zu verfallen.

Erst nach und nach erfahen wir, was es mit dem Mann auf sich hat und dass Jacke ihre Einsamkeit nicht selbst gewählt hat. In dem Maße, in dem Jackie sich hinter ihren Kameras hervorwagt, wird sie gleichzeitig verwundbarer, stärker — und menschlicher.

Red Road basiert auf Ideen, die von Lars von Trier mit entwickelt worden sind, aber er verzichtet auf allzu hysterische psychologische Ausbrüche. Statt dessen beobachtet er die Charaktere ähnlich distanziert wie Jackie die Leute auf der Straße und kommt ihnen erst mit der Zeit näher. Der Film ist ruhig und deshalb um so intensiver. Auch vermeidet es Andrea Arnold, das Überwachungskamerasystem mit erhobenen Zeigefinger anzuklagen. Für Jackie ist es ein ganz normaler Job, der sie zufällig auf die Spur dieses Mannes bringt, aber sonst macht sie sich keine weiteren Gedanken darüber. Und auch wenn sie einfachen Passanten hinterherspioniert, tut sie das eigentlich aus einer Schwäche, aus ihrer Einsamkeit heraus und nicht aus einem Gefühl von Macht.

Red Road ist ein exzellenter Film, der sowohl als Thriller als auch als Familiendrama funktioniert. Und doch ist er nicht so düster, wie es erst den Anschein hat, kommt mit einer Prise untergründigem Humor daher und einer gehörigen Portion Humanismus.

Nur ein Tipp noch: Wer ihn sich im englischen Original anschaut, sollte vielleicht die Untertitel mitlaufen lassen, denn der schottische Akzent ist für ungeübte Ohren wirklich eine harte Nuss.

Arnaldur Indriðason: Todeshauch

Todeshauch: BuchumschlagGehört Island zu Skandinavien oder nicht? Je nach Sichtweise und Kontext kann man unterschiedlicher Meinung sein, aber will man in Deutschland Krimis aus Island verkaufen, so ist die Antwort eindeutig ja. Und Indriðasons Kommissar Erlendur Sveinsson erfüllt auch die Standardanforderungen an einen skandinavischen Kommissar, wie man ihn hierzulande gerne sieht: Einsam, melancholisch, mit seiner Familie überworfen. Leider bleibt er trotz all dieser Bürden erstaunlich blass, wenn auch nicht ganz so blass wie seine Kollegen, die man gerne einmal miteinander verwechseln kann, so schwach sind sie charakterisiert.

Die Handlung: Reykjavík breitet sich immer mehr ins Umland aus, und in einem der vielen Neubaugebiete wird ein Skelett gefunden. Es ist alt, sechzig, siebzig Jahre, und so beginnt eine Spurensuche in eine Zeit, als Island noch zu Dänemark gehörte, das wiederum aber von Deutschen besetzt war, so dass die Briten bzw. Amerikaner ihrerseits Island besetzen, um die strategisch wichtig gelegene Insel nicht den Feinden zu überlassen. In Rückblenden erfahren wir dann die Geschichte einer Familie jener Zeit, die unter dem herrischen Terror des Vaters zu leiden hat. Und anders als in der Gegenwartshandlung bekommt hier der Roman ein bisschen Tiefe und vor allem nachvollziebare Charaktere. Zwar schrammt die Darstellung der väterlichen Gewalt manchmal arg haarscharf am Klischee vorbei, aber sie ist zumindest sehr eindringlich und führt uns vor Augen, dass auch in den heutigen Musterländern der freien Gesellschaft einmal ein tief einzementiertes Rollenverständnis geherrscht hat.

So hätte es eigentlich der Ermittlung der Polizei gar nicht gebraucht. Sie dient eigentlich nur dazu, den Erzählstrang aus der Vergangenheit ab und so spannungswirksam zu unterbrechen. Außerdem krankt das Buch wie auch schon Nordermoor an einer schlampigen Sprache und hastigen Perspektivwechseln. Und von dem deutschen Titel will ich gar nicht erst anfangen. Aber angesichts der Tatsache, dass dieses Buch besser ist als sein Vorgänger, besteht ja noch Luft nach oben.

Richard Price: Lush Life

Richard Price: Lush LifeEric Cash ist Mitte dreißig, lebt an der Lower East Side von New York und arbeitet als Manager in einem Restaurant. Aber natürlich will er Künstler sein, wie so viele in dem Viertel. Eines Tages geht er mit seinem über zehn Jahre jüngeren Kollegen Ike und dessen Kumpel auf Sauftour. Sie werden überfallen. Während Eric bereitwillig sein Geld weggibt, makiert Ike den starken Mann — und wird erschossen. Aber von wem? Von dem Gangster… oder doch von Eric? Wurden sie überhaupt überfallen oder behauptet Eric das nur? Immerhin kann der Dritte im Bunde keine vernünftige Aussage machen, so besoffen wie er war.

Wir Leser wissen eigentlich relativ schnell, wer es war. Und so beobachten wir, wie die Polizei erst der falschen Spur folgt und wie sie sich zwischen den verschiedenen Gruppen des Viertels bewegen muss: Den Hipstern, den Neureichen, den Alteingesessenen, den Chinesen, den Schwarzen und Latinos in den Sozialbauten. Die Lower East Side befindet sich mitten im Umbruch. Früher Heimat der sozial Schwachen, der Einwanderer, sind jetzt die Künstler da, angelockt von billigem Wohnraum. Doch wie immer frisst die Revolution ihre Kinder. Die coolen Läden, die Bars, die Atomosphäre der Bohème lockt jetzt die Reichen an. Und die treiben die Mieten derart in die Höhe, dass die Künstler, die das Viertel erst cool gemacht haben, es sich nicht mehr leisten können, dort zu wohnen. Von den Alten und Armen ganz zu schweigen.

So ist Price’ Roman natürlich eine Art Sittengemälde, a great american novel. Aber Gott sei Dank macht Price keine große Show draus, sondern erzählt lakonisch und bisweilen sarkastisch seine Geschichte. Er ist immer dann am besten, wenn er den Leuten aufs Maul schaut: Seine Dialoge gehören zu den besten, die man im Moment lesen kann. Nicht umsonst hat er auch an The Wire mitgearbeitet.

Fazit: Ein sehr gutes Buch. Manchmal, nur manchmal will es ein bisschen zuviel und quetscht Price ein bisschen immer noch ein bisschen mehr rein, will alle Facetten der Lower East Side beleuchten. Das Buch wird ja schon heute als Klassiker gefeiert, und an der einen oder anderen Stelle hat man den Eindruck, dass Price genau darauf abgezielt hat.

Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Das Buch ist wirklich exzellent und voller so unglaublich lebendiger Charaktere, dass sie einem auch nach der Lektüre noch tagelang begleiten. Wollen wir nur hoffen, dass das Ganze auch in der deutschen Übersetzung rüberkommt (Erscheinungstermin: 2009).

Jason Starr: Top Job

Bill Moss arbeitet als Telefonverkäufer in New York. Natürlich ödet ihn der Job an, natürlich will er eigentlich was ganz Anderes machen. Aber irgendwo muss das Geld ja herkommen, und außerdem ist er grad zu träge, um sich um einen neuen Job zu kümmern. Doch dann wird er plötzlich befördert, sehr zum Leidwesens seines Abteilungsleiter. Bill muss sich also gegen seinen Konkurrenten wehren, und tut dies mit allen Mitteln. Irgendwann hat er sich so in seine eigene Lügenwelt verheddert, dass er nur noch mit Gewalt da raus kommt.

Top Job ist ein böser Kommentar auf die Arbeitswelt heutzutage. Jeder, der mal in einem entwürdigenden Job unter dämlichen Chefs gearbeitet hat (und wer hat das nicht?), wird sich wiederfinden. Als Thriller funktioniert das Buch aber leider nicht immer, denn irgendwie ahnt man schon von Anfang an, wohin die Reise geht. Wer aber auf absolute Hochspannung verzichten kann und sich mit schwärzester Satire begnügt, ist hier gut aufgehoben.

John Burdett: Bangkok Haunts

Es ist ja immer so eine Sache mit den Romanen, die an “exotischen” Schauplätzen spielen. Meistens klingen sie wie ein Reiseführer. Aber Burdett hat da einen ganz einfachen Trick. Er lässt seine Hauptfigur, den Polizisten Sonchai Jitpleecheep, direkt zu uns sprechen, zu uns Westlern nämlich, den Farrang. Es ist also, als würden wir mit ihm in einer Kneipe sitzen und er erklärt uns: “Sieh her, so ist das bei uns in Thailand.” Und weil Sonchai nur halb Thai ist (seine Mutter ist eine Thai, eine Ex-Prostituierte, und sein Vater einer ihrer Freier, ein Amerikaner) versteht er natürlich auch uns ein bisschen.

Das funktioniert über weite Strecken, wenn es auch in den vorherigen Teilen — Bangkok 8 und Bangkok Tattoo — besser funktioniert hat. Denn in diesem Buch reitet Burdett manchmal zu sehr auf den Unterschieden herum, ergreift zu stark Partei: Hier die zwar armen, aber erleuchteten Thai, dort die reichen, aber entfremdeten Westler.

Doch das ist eigentlich auch fast schon der einzige Kritikpunkt. Burdett schafft es wieder einmal, ein tolles Szenario aufzubauen, eine spannende Geschichte mit schillernden Charakteren, in die Sonchai und damit auch wir mitten rein geworfen werden. Es geht um ein Snuff-Video, das Sonchai anonym zugeschickt bekommt und in dem eine Frau brutal umgebracht wird, die ihm sehr nahe stand. Die Spur führt ihm in die Bagkoker Geschäfts- und Unterwelt und sogar bis nach Kambodscha.

Die anderen beiden Bücher der Serie mögen vielleicht besser sein, aber auch dieses: Durchaus gelungen.

Ron Leshem: Wenn es ein Paradies gibt

Nachdem wir Deutschen erst einmal Europa in Schutt und Asche gelegt haben, haben wir ja auch festgestellt, dass der Krieg es irgendwie nicht sein kann. Und weil wir alles immer ganz richtig machen, sitzen wir jetzt auf dem hohen Ross und mokieren uns über alle, die zu den Waffen greifen.

Klingt ja auch einfach: Wer tötet, kann nicht recht haben, und wer damit anfängt, hat Schuld. Aber was ist z.B. mit Israel? Das Land ist ja quasi umzingelt von Feinden. Soll es deren Angriffe mit Lichterketten und Sitzblockaden begegnen? Oder haben die Israelis gar selbst Schuld, weil sie die Araber vertrieben hatben? Oder haben sie nicht doch ein Anrecht auf das Land, weil sie es ganz ursprünglich mal bewohnt haben?

Schwierig zu beantworten, wenn überhaupt. Fakt ist jedenfalls, dass Isreal in einer verdammt aussichtslosen Situation ist, seit seiner Gründung von über sechzig Jahren eigentlich im permanenten Kriegszustand ohne wirkliche Aussicht auf Frieden.

Und von dieser Situation handelt der Roman. Genauer: Er geht um die Festung Beaufort im Süden des Libanon. Dort waren die Isralis Anfang der Achtziger einmarschiert und hielten fast zwanzig Jahre lang einen Schutzstreifen besetzt, um den Norden Isreals vor Rektenangriffen zu schützen. Einer der stragegisch wichtigsten Punkte ist eben diese Festung Beaufort, die auf eine jahrhundertealte Geschichte zurückblicken kann. Anfang der Achtziger war ganz Isreal voll auf Seiten der Besatzungssoldaten, aber Ende der Neunziger schwenkte die Stimmung: Man begann zu erkennen, dass all das keinen Sinn hatte. Immer noch kamen Soldaten um, und die Hisbollah schien stärker denn je.

Das Buch erzählt die Geschichte einer Soldateneinheit aus Sicht eines Offiziers. Die Soldaten wissen bereits, dass die Festung, dass der Ganze Sicherheitsstreifen aufgegeben werden soll, und müssen trotzdem ausharren. Jeder Tote ist eigentlich noch sinnloser als sowieso schon.

Leshem führt uns ganz tief in die Innenwelt der Soldaten. Der Erzähler steht voll und ganz hinter den Zielen Israels, ist vom tiefen Hass auf die Hisbollah erfüllt. Das ändert sich auch bis zum Schluss nicht, aber je mehr Kameraden sterben müssen, je abhängiger sie von den Winkelzügen der Politker sind, desto mehr beginnt in ihm die Erkenntnis zu reifen: Dieser Kampf ist aussichtslos.

Es ist ein sehr gutes, sehr bewegendes Buch. Gerade weil es überhaupt keine Distanz zu den Figuren hält, kann es tief berühren. Es zeigt, wie es ist, in einem Land zu leben, das sich permanent im Berdrohungszustand befindet, und wie es die Menschen zerreißt.

Jakob Arjouni: Kismet

Dies ist das neueste und voerst letzte Buch um den türkischstämmigen Privatdetektiv Kayankaya. Hier muss er sich — zuerst aus Freundschaft, dann aus Schuld — mit Schutzgelderpressern und Schleusern herumschlagen. Das ganze spielt im Frankfurter Bahnhofsviertel, und diese Halbwelt ist von Arjouni mit soviel Gespür und Liebe für das Klientel dort erzählt, dass es eine Freude ist, das zu lesen. Wenn auch leichter, so erinnert das Ganz an Jörg Fauser, denn auch der ließ sich von seinen großen amerikanischen Vorbildern (Chandler et. al) dazu inspirieren, die bundesdeutsche Gewöhnlichkeit unter die Lupe zu nehmen. Und so lernen wie nicht nur fiese Gangster kennen, sondern auch die hessische Eingstirnigkeit, gleichförmige Einkaufszonen und jede Menge Leute, die, egal ob aus Brasilien oder Offenbach, versuchen, irgendwie zu überleben. Thrillermäßig kommt vielleicht nicht die maximale Spannung auf, aber man fiebert mit den Charakteren und fühlt sich nach der Lektüre prächtig unterhalten.

Doris Gercke: Weinschröter du musst hängen

Der erste Roman um die Kommissarin Bella Block. Sie wird in ein Dorf geschickt, in dem sich kurz hintereinander zwei Leute umgebracht hat. Sie hält den Auftrag für Quatsch, geht aber trotzdem, weil sie in dem Dorf sowieso ihr Wochenendhaus hat und anfangs meint, sich dort erholen zu können statt sich um den Fall zu kümmern. Aber natürlich kommt es anders…

Was schön ist: Viel ermittelt wird nicht in dem Buch. Wir erfahren das meiste aus der Sicht der Mörderin, nur ihre Identität ist uns bis zum Schluss nicht klar (wenn auch keine wirkliche Überraschung). Das Buch ist kurz und knackig (kaum 100 Seiten), die Figuren sehr gut gezeichnet, wenn auch manchmal ein wenig arg nach dem Schema “Wir im Dorf sind uns selbst genug”, und Block lässt sich mehr von Wodka-O-Saft und Intuition leiten als von Schema-F der Ermittlungen.

Ich muss jetzt nicht unbedingt noch ein Buch aus der Serie lesen, aber der Ton hebt sich angenehm ab von Rest der Krimiwelt.

Cormac McCarthy: All the Pretty Horses

Mit diesem Buch ist McCarthy endgültig zu einem meiner Lieblingsautoren geworden. Es gehört zusammen mit The Crossing und Cities of the Plains zur Border Trilogy, die vom Leben an der Grenze zwischen den USA und Mexiko erzählt. Wenn einem das jetzt an No Country for Old Men erinntert, so ist das kein Wunder, denn in Stimmung und Thema ist die Trilogie sicher ein Vorläufer von No Country.

Pretty Horses spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Texas und handelt von einem sechzehnjähigen Jungen, der nach Mexiko ausreißt, um dort als Cowboy zu arbeiten. Man merkt McCarthy die Liebe zu dem Land an, doch auch wenn eine gewisse Romantik immer mitschwingt, wird das Buch niemals sentimental. Dafür ist McCarthys Erzählstil einfach zu trocken und zu realistisch. Allein schon, dass er zeilenlange Dialoge ausschließlich auf Spanisch schreibt, weil die einfachen Arbeiter in Mexiko nunmal kein Englisch können, zeigt dass er keine Kompromisse macht. (Aber keine Angst, auch ohne Spanischkenntnisse kann man ganz hervorragend folgen.) Dabei geht es bei aller Lakonie um die Sehnsucht nach Abenteuer und Heimat gleichermaßen. Und natürlich um Freundschaft und Liebe.

Ich habe auch die beiden anderen Bände dieser Trilogie hier liegen und freue mich schon sehr darauf.

Liebes Blog,

du weißt ja, die meisten Einträge beginnen mit “Jetzt habe ich schon so lange nichts mehr geschrieben…” Aber darüber sind wir hinweg, nicht? Über sechs Jahre halte ich dir schon meine Treue, habe mal jeden Tag geschrieben, mal nur einmal im Monat, mal nur Erfundenes, mal nur Fetzen, mal nur Rezensionen. Jetzt war mal wieder längere Zeit Pause, denn ich brauchte Urlaub: Von meiner Arbeit, vom Internet, von meinem eigenen Blog, von anderen Blogs (sorry, nicht persönlich nehmen).

“Jetzt habe ich schon so lange nicht mehr geschrieben…”, fängt es meistens an und geht weiter mit: “Ich weiß grad nicht, wie es hier weitergeht.” Sogar der große DPR musste solche Phasen durchmachen, und wenn er, warum dann nicht auch nicht?

Also, worüber soll ich schreiben? Über meine Arbeit? Zu speziell, für die meistens zu langweilig. Über das Schreiben? Jetzt habe ich schon so oft etwas angefangen und verworfen, dass ich abergläubisch werde: Ich sage nichts mehr über neue Romane/Geschichten/Vorhaben, bis sie nicht fertig sind. Bleiben noch die Bücher, die ich lese, und das sind gerade viele, gerade im Urlaub.

Also wird es wohl wieder mehr Rezensionen geben, mal wieder, nachdem ich eigentlich gar keine mehr schreiben wollte. Aber ich merke, es macht mir Spaß, also warum nicht? Damit man sich dann auch besser zurechtfindet, gibt es rechts eine Übersicht der Kategorien. So kann man alles andere, was einem nicht gefällt, ausblenden. Wo lässt sich sowas schon sagen?

Das Jahr 2008 in Büchern, Teil 2

Teil 1 → hier.

Kaum mokiere ich mich darüber, dass ich keine guten Bücher mehr finde, lese ich zwei Meisterwerke hintereinander.

Cormac McCarthy: No Country for Old Men

Ich bin da ja etwas zwanghaft. Wenn ich von einem Film die Romanvorlage lesen will, dann mag ich den Film nicht vorher sehen. Diesmal hatte ich aber Angst, dass der Film aus den Kinos verschwand, bevor ich den Roman durch hatte, also ließ ich das Buch auf dem Nachttisch liegen und ging ins Kino.

Die Coen-Brüder machen dann auch einen guten Job, eng an der Vorlage, aber leider auch immer wieder leicht ins Klamaukhafte abrutschend, nämlich dann, wenn zwischen den Figuren einer dieser typischen Südstaatendialoge entspinnt. McCarthy hat ein großartiges Ohr für die Ausdrucksweise der sogenannten kleinen Leute, doch während man bei McCarthy die tiefe Symapthie für diese kleinen Leute spürt, geben die Coen-Brüder sie mehr als einmal der Lächerlichkeit preis.

Aber wieso eigentlich vergleichen? Das Buch ist ein ganz großer Wurf, noch besser also der Pulitzer-Preis-Gewinner The Road. McCarthys Prosa strahlt gleichzeitig Wärme und Kälte aus. Wärme, weil sie uns mitnimmt in die Seele der Leute, die sich dem harten Leben an der Grenze zwischen Mexiko und der USA stellen müssen, und Kälte, weil sie uns klarmacht, warum genau diese Leute niemals werden überleben können.

Clemens Meyer: Als wir träumten

Den Autoren dieses Buches sah man auf der Leipziger Buchmesse an jeder Ecke. Natürlich, hatte er ja auch den Messepreis gewohnnen, und Leipziger ist er obendrein.

Er hat ein Kunsttüsck fertig gebracht, dass nur wenige zustande bringen, und Deutsche normalerweise schon gar nicht: einen sentimentalen Roman, der nicht in Kitsch abdriftet. Er erzäht über eine Handvoll Heranwachsender vor und nach der Wende in Leipzig. Eigentlich ist es auch nicht unbedingt ein Roman, sondern eine Sammlung von Episoden, die in nicht-chronologischer Reihenfolge erzählt werden. Trotzdem fügen sie sich zu einem so stimmigen Gesamtbild zusammen, dass einen das Herz für die Figuren aufgeht und man sie am Ende gar nicht mehr missen möchte.

Ian Rankin: Exit Music

Rankin habe ich an dieser Stelle ja schon rauf und runtergelobt, aber man kann ihn ja gar nicht genug anpreisen. Fast jedes Jahr hat er uns mit einem neuen Roman über John Rebus verorgt, einem melancholischen, trunksüchtigen Inspektor in Edinburgh. Aber anders als die melancholischen, trunksüchtigen Kommissare diverser schwedischer Autoren nervt uns Rebus nicht mit Wehleidigkeit, sondern nimmt sein kaputtes Dasein immer mit einer Prise schottischen Humors.

Jetzt, nach zwanzig Jahren und fast ebensoviele Romanen mit Rebus, ist Schluss. Exit Music ist Rebus’ letzter Fall. Das ist natürlich traurig, denn eine solche Figur gibt es kein zweites Mal. Andererseits tut es Rankin vielleicht auch mal gut, sich auf etwas Neues zu stürzen. Denn auch wenn Exit Music ziemlich gelungen ist, merkt man dem Buch ein bisschen die Routine an. Rankin hat sich nicht zu einem ähnlichen Bombast hinreißen lassen wie bei dem eher schwachen Vorgänger The Naming of the Dead, aber angesichts der Tatsache, dass Rebus in diesem Buch in Rente geht und damit den Mittelpunkt und einzigen Sinn in seinem Leben verliert, hätte man sich doch ein bisschen mehr Tiefe gewünscht.

Nichtsdestotrotz ein tolles Buch, das soviel Anderes aus diesem Genre auf Distanz hält.

Rolo Diez: Hurensöhne

Eine böse Satire auf Korruption und Machismo in Mexiko. Aber leider auch nicht viel mehr. Bei mir ist nicht viel hängen geblieben, auch wenn das Buch nicht wirklich schlecht ist. Wahrscheinlich muss man Mexiko besser kennen, aber das fast völlige Fehlen eines Falles als roter Faden ist mir persönlich nicht genug, um noch ein Buch von Diez zu lesen.

Michael Cunningham: Flesh and Blood

Zusammen mit A Home at the End of the World eines der früheren Werke von Cunningham, die noch nicht so sehr auf literarische Vorgaben fußen, wie z.B. das großartige The Hours. Cunningham beschreibt die Geschichte einer Familie, gegründet von zwei Amerika-Einwandern (einem Griechen und einer Italienerin), die so gefangen sind in dem Zwang, den amerikanischen Traum zu leben, dass sie sich selbst, den Ehepartner und auch die Kinder hintenanstellen. Wir verfolgen den Weg der Eltern, der Kinder und zum Teil auch der Enkelkinder. Jeder von ihnen versucht, einen Platz im Leben und vor allem ein kleines bisschen Glück zu finden. Das alles ist zwar angereichert mit ein paar größere Dramen, als sie in einem normalen Leben vorkommen mögen, aber letztlich geht es um die Gefühlswelt innerhalb einer Familie, um die Reibungen, die große Liebe und der große Hass, den es nur zwischen nahen Verwandten geben kann. Ein tolles, bewegendes Buch.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Aus irgendeinem Grunde wird Genreliteratur ja immer an ihren schlechten Beispielen gemessen. Ich will hier gar nicht anfangen zu fragen, was “literarische Krimis” sind, dafür sind andere zuständig. Aber eigentlich ist es klar, warum Bücher wie diese nie genug Leser finden werden: zu viele Anspielung, zu wenig Action, zuviel Innerliches.

Wie viele andere “bessere” Krimi-Autoren auch, benutzt Padura den Krimi als Vehikel, um bestimmte Randthemen der Gesellschaft zu beleuchten, in diesem Falle die Kubas. Aber anders als manch anderer der “Literischer-Krimi”-Fraktion tut er das mit einem tiefen Respekt gegenüber dem Genre. Der Fall ist eben nicht nur Nebensache, auch wenn die Auflösung keinen Knalleffekt bringt.

Der Roman schwirrt nur so von literarischen Anspielungen und wechselt zwischen poetischem Stream-of-Concioness und direkten, bisweilen vulgären Dialogen. Ich will hier gar nicht großartig auf die Handlung eingehen, denn alles, was ich hier sage, trifft auch auf die anderen drei Bücher des “Havanna-Quartets” zu. Unbedingte Empfehlung!

Hell’s Bells

An mir soll’s nicht liegen: Kaufen Sie! Kaufen Sie! Eine formidable Krimi-Anthologie mit spannenden Geschichten (von Christiane Geldmacher z.B.), lustigen Theaterstücken (von Henrike Heiland) und Schulaufsätzen (Autor habe ich vergessen). Wenn man nicht im Sommer Krimis liest, wann dann? (Ach ja, und eine Geschichte von mir ist auch noch dabei.)

Ein Faden, sanft, verloren

Leopoldstraße, ca. 23.15 Uhr

(Achtung Georg, du musst jetzt ganz tapfer sein.)

Eine Viertelstunde brauchen wir von der Franz-Josef- zur Hohenzollernstraße. Mit knapp 37 könnte ich von gut einem Drittel der Feierenden der Vater sein. Bei den Mädchen habe ich das Gefühl, dass es ihnen egal ist, ob sie gerade Mark Medlock zujubeln oder Schweinsteiger. Feiern zu feiern, wie sie gerade fallen, ist eines der Privilegien der Jugend. Die Zeit der Bedenken kommt schon noch früh genug.

Für ein paar Minuten habe ich dann doch Angst, dass mir jemand um den Arm fällt und Schwarz-Rot-Gold auf die Wange schmiert. Aber dann wird der Pulk schon lichter, und wir biegen ab. Qualitätsbewusst kaufen wir uns noch ein hausgemachtes Eis und gehen dann nach Hause. Das Feiern überlassen wir den Jüngeren.