Kategorie: Tagebuch

Es gibt über eine Milliarde Inder. Und sie scheinen sich dabei abzuwechseln, mich anzurufen. Vielleicht würde es mir helfen, wenn ich ihre Namen verstünde. Aber ich bin ja schon froh, wenn ich zwischen all dem Rauschen in der Leitung und bei diesem Maschinengewehr-Redetempo überhaupt etwas verstehe.

Und es müssen immer wieder andere sein. Denn wieso fangen sie jedes Mal von vorne an? Es ist wie bei diesem Kofferspiel: “Ich mache eine Reise, und in meinen Koffer packe ich einen Regenschirm.” Der nächste sagt: “Ich mache eine Reise, und in meinen Koffer packe ich einen Regenschirm und eine Badehose.” Und so erklären sie das ganze Problem immer und immer wieder, hängen dann am Schluss ein neues Detail an, und ich denke, warum nicht einfach mal unhöflich sein und sagen: “Just tell me what the fuck you want?!”

Aber vielleicht meinen sie, dass ich nicht immer derselbe bin. Wenn ich mir ihre Namen nicht merken kann, können sie sich meinen vielleicht auch nicht merken. Sogar in Bayern habe ich mit dem ja Probleme, wie soll es da erst in Indien sein? Kommunikationsgefälle Husum-München-Bangalore. Willkommen in der Globalisierung.

Man muss viel öfters lange zu Mittag essen. Um eins, halb zwei damit anfangen, Vorspeise, Hauptspeise, Kaffee. Ein Bier trinken oder auch zwei und danach nicht schnell weiter, sondern nach Hause und ein Stündchen hinlegen. Dann ist es sechs Uhr Abends und der Tag kann weitergehen. Mit der allgemeinen Arbeitswelt verträgt sich das natürlich nicht, aber so ausgeruht, wie man daraus hervorgeht, wundert es, dass sich noch keine Entschleunigungsratgeber dieses Themas angenommen haben.

Marsch auf den Grand Prix

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Deutschland den European Song Contest gewinnen würden, wenn sie Rammstein schicken würden (meinetwegen auch Oomph). Was soll dieser Quatsch mit Comedy, Selbstironie oder “Wir sind doch so anders, als ihr denkt.” Brüllende Stimme, rolendes R, marschierender Beat — das erkennt doch jeder wieder, das ist identitätsstiftend. Und packt man vielleicht noch einen Refrain mit Frauenstimme dazu, hat man auch gleich diesen “Schöne-und-das-Biest”-Effekt. R’n'B, Swing, so ein Quatsch. Links, zwo, drei — das ist der Rhythmus, den jeder versteht.

Ich kann grade nicht bloggen. Ich bin damit beschäftigt, darauf zu bestehen, die Restaurantrechnung zu bezahlen.

Die Feier zur Meisterschaft…

…fängt klein an…

…zwingt mich zur Tarnung (rote Jacke!)…

…lässt den schwarzen Block aufmarschieren (oder so)…

…riecht schon ziemlich nach Schweiß und Bier…

…rauscht dann ziemlich schnell vorbei…

…und macht Arbeit.

Abschuss

Kioske heißen sie wohl, die Büdchen. In ganz Flensburg gibt es davon mehr als hier in München in einem einzigen Stadtteil. Aber in Flensburg muss auch jeder Kiosk zum Monatsende fast Konkurs enmelden, weil die Kunden nur noch anschreiben lassen.

Was macht man also ohne Kioskse? Man sitzt in der Küche, das Fenster auf, noch ein bisschen weiter die Luft riechen, die man auf dem Zuhauseweg geatmet hat und denkt sich: “Es könnte ja noch weiter gehen”. Aber vielleicht ist es besser, wenn es nicht weiter geht. Du schießt dich nicht ab, der nächste Tag wird es dir danken, dein Chef auch, die Volkswirtschaft. Darauf einen Klaren.

Zonen

Am vollsten ist es im Süden. Nicht nur an den Biertischen, sondern auch auf den Wiesen. Es gibt Zonen für die Nackten und für die, die Nackte sehen wollen. Es gibt Verstecke und Winkel, und es gibt eine riesige Fläche für all diejenigen, die denken, sie sind das, was Schwabing ausmacht.

Jenseits der Brücke, jenseits des Tunnels wird es schlagartig ruhiger, die Sonnenbrillen kleiner, die Lesenden mehr. Gleich am Anfang ist das Gras kurz, hierher kommen sie mit ihren Fußbällen und Frisbees, egal, wie heiß es ist. Noch weiter Richtung Norden kann man sich die Bäume aussuchen, wenn man der Sonne entfliehen will. Hier braucht man keine Verstecke. Hier will niemand suchen. Hier wollen wir einfach nur unsere Ruhe haben.

Gründe für die Gründung

Es heißt ja immer, in Deutschland wird zu wenig gegründet. Kämpft man sich allerdings im Münchner Kreisverwaltungsreferat bis zur hintersten Ecke des zweiten Stocks vor und steht man endlich in der Abteilung “Gewerbe”, so stellt man fest: Es ist voll. Sehr voll. So voll, dass kein Sitzplatz mehr frei ist und die Leute stehen. Was der Atemluft nicht guttut übrigens. Gar nicht gut.

Eine Nummer muss man natürlich ziehen, ist klar. “Wegen Krankheit und Fortbildung kann es heute zu Wartezeiten kommen.” Und: “Es sind 26 Personen vor Ihnen.” Klare Kommunikation, immerhin. Dann heißt es Formular ausfüllen, Gewerbezweck angeben. Stift vergessen, Stift geliehen, alles niedergeschrieben, immer noch 25 Personen vor mir. Also runter zur U-Bahn-Station, Frühstück gekauft, wieder hoch, Früshtück essen. 20 Personen. Es geht voran.

Die restliche Stunde Wartezeit verbringe ich damit, die Leute zu mustern. Viele schwitzen, was die schlechte Atemluft erklärt. Neben ein oder zwei Nerds, die wahrscheinlich dasselbe machen wollen wie ich, teilt sich der Rest in zwei Gruppen. Einmal Männer, die in Polizeibeschreibungen so gerne als “südländisch” bezeichnet werden, und dann Blondinen mit zu engen Hosen ohne Gesäßtaschen. Bei einer von Letzteren schiele ich auf Formular (und nur aufs Fomular). Darauf steht: Friseursalon. “Und der Rest macht ‘ne Dönerbude auf”, denke ich und schäme mich pflichtbewusst, aber ich bin ja selbst ein Klischee.

Die Anmeldung selbst ist dann eine Art Antiklimax. Ich lege meinen Ausweis vor, die Beamtin sucht mir die passende Gewerbekategorie aus, im dritten Stock muss ich 40€ bezahlen, dann habe ich ihn, den Gewerbeschein. Ich werfe ein Blick drauf, und dort steht: “Entwicklung von/im Software.” Und ich als vor der Tür stehe und gierig einatme, damit der Geruch von Abgasen den Geruch von Schweiß vertreibt, denke ich, wie das gehen soll, sich entwickeln in der Software.

Keine Arbeit am Tag der Arbeit

Ausgerechnet heute, der Tag, der den Arbeitnehmern gewidmet ist, ausgerechnet heute ist der erste Tag meiner Selbständigkeit. Und ich habe Kopfschmerzen. Vielleicht war es die Anstrengung, die es mich gekostet habe, den Ausführungen meines Verischerungsvertreters zu Rürup & Co zu folgen, vielleicht war es aber auch nur das Bier.

Ich bin jetzt frei irgendwie, und darum starte ich auch gleich angemessen mit einem langen Wochenende. Schließlich muss ich nachdenken, ich brauche einen Plan, denn ich kann ja jetzt alles machen. Programme programmieren, Texte texten oder bei der nächsten Fußball-WM in Deutschand Bier auf der Leopoldstraße verkaufen.

Eines weiß ich jedoch sicher: Das nächste große Ding ist eine Illusion. Wenn schon, dann nur in Form eines Romans. Wenn er dann fertig ist — in fünf Jahren oder so.

Bis dahin: Mieten Sie mich, kaufen Sie mich. Ich kann das Geld gebrauchen.

“Wenn man dein Blog so liest, könnte man glatt glauben, dass du ein total netter Kerl wärest.”

Hell’s Bells nochmal

Das muss ich an dieser Stelle mal loswerden:

Abgesehen davon, dass ich es ganz großartig finde, dass Christiane das Buch auf die Beine gestellt hat, fand ich auch ihre Geschichte mit am besten — einen ganz klassischen Kurzkrimi mit überraschendem Schluss. Sehr gut gefallen haben mir auch die Beiträge von Dieter Paul Rudolph und Henrike Heiland. Ersterer ist wunderbar bösartig und letzterer, obwohl natürlich nicht die Bohne ein Krimi im klassischen Sinne, sehr lustig und unterhaltsam. Die eine oder andere Länge im Mittelteil kann man da verschmerzen (hey, das hat Henrike selbst gesagt).

Bevor es hier heißt, ich fände nur die Geschichten von Leuten gut, die ich schon vorher kannte (wobei ich ja nun auch wieder nicht behaupten kann, dpr zu kennen), möchte ich noch die Beiträge zweier Michaels loben. Michael Theurillats und Michael Hüttenbegers nämlich. Beim ersteren hätte ich mir einen bisschen weniger hektischen Schluss gewünscht, bei letzterem ein bisschen mehr Tempo, aber man kann ja nicht alles haben. Noch dazu, wenn ich feststelle, dass meine Geschichte den falschen Titel trägt. Sie sollte heißen “Ein Platz bei ihr im Grab” und nicht “…am Grab”. Da habe ich wohl nicht aufgepasst. Hoffentlich habe ich mir dadurch jetzt nicht den letzten Rest meiner Karriere versaut.

Elbow: Grounds for Divorce

Solange es noch solche Musik gibt, ist noch nicht alles zu spät:

Turn me Up

Das neue Elbow-Album ist einmal wieder zum Niederknien. Und es ist absichtlich leiser. Warum?

Darum: Turn me Up!.

Sant Jordi

Barcelona ist immer voll, aber heute ist es voller. Es sind noch mehr Fußgänger als sonst unterwegs, und sie müssen sich den Platz auf den Bürgersteigen und Plätzen teilen. Überall sind Buden und und Tische und Stände mit Büchern. Sie liegen manchmal unter Planen, falls es dann doch einmal regnet, aber meistens kann man sie anfassen, drin herumblättern, und wie ich diese Stadt kenne, kommen etliche dabei weg.

Leider sind es oft nur Bestseller, Vatikan, Diabolus, diese Schiene, aber auch ein paar Antiquariate haben ihre Stände, und dann in diesen Jugendstilbauten an den Ramblas oder drinnen im Barri Gòtic, wo es enger wird, gibt es haufenweise Lesungen, Aufführungen, Diskussionen.

Heute ist Diada de Sant Jordi, die Männer kaufen eine Rose und die Frauen ein Buch, aber meistens kaufen sie alle beide ein Buch, denn es ist nicht nur ein schöner Brauch, sondern es geht natürlich auch ums Geschäft. Wer braucht schon einen Valentinstag?

(Außerdem ist heute noch Tag des Deutschen Bieres, aber das ist wohl eine andere Geschichte.)

Ferientage

50cm, das hört sich gar nicht soviel an, aber es reicht, dass das Boot die Wellen über nimmt. Wir haben nur die Genua oben, was es nicht einfacher macht. Aber ich kann es noch. Höher ran, fieren, wenden, das aber mit Hilfe. Egal, endlich wieder Wind und Weite.

Wir fahren in den Hafen rein, ein paar Mal killt das Segel, meine Schuld, bin eben doch aus der Übung, außerdem sind da die Silos. Zurück müssten wir kreuzen, aber mach das mal nur mit der Genua, also dann unter Motor, AK auf Kollund zu, jetzt wehen meine Haare in die Augen, so lang sind sie geworden.

Scheiße, Kamera vergessen.

Am nächsten Tag finde ich das Kirchenprogramm von 2006 in der Jacketttasche. So lange habe ich den Anzug nicht angehabt. In der Zwischenzeit mal fetter geworden, aber rechtzeitig genug wieder abgenommen, es ist eben immer ein Auf und Ab. Sowieso kenne ich kein einizges der Lieder, und warum nach einem Bläserchoral nicht geklatscht werden darf, kann mir auch niemand sagen.

…und auch nicht, warum Sonnenuntergänge schöner sind als -aufgänge. Weil das Ende schöner ist als der Anfang? Andererseits, ist es nicht die Nacht, die anfängt, also wo ist hier das Ende? Und vielleicht ist es wahrscheinlich wieder nur blöde Sentimentalität.

Anders als das Buch von Clemens Meyer, der sowas von hätte schiefgehen können bei dem Milieu, in dem wa spielt, aber endlich mal ein deutscher Roman, bei dem das funktioniert. Von acht Stunden Fahrt sechs Stunden lang darin gelesen. In der restlichen Zeit festgestellt, dass deutsche Zugbegleiter genauso schlecht Englisch sprechen wie spanische Piloten. Am falschen Ende globalisiert.

Schließlich dann zurück. Bier kaufen, Chips, sich auf Deadwood freuen. Regen, Müdigkeit, nichts von Wind und Weite, es ist eben immer ein Auf und Ab.