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Jürgen Albertsen
Kategorie: Tagebuch
Prophezeiung, selbsterfüllende
Liebe Medien,
mir ist ja klar, dass ihr die Hosen voll habt. Es gibt ja immer mehr von euch, und all die Kanäle, all die Seiten müssen ja gefüllt werden. Und bezahlen will auch keiner mehr dafür. Wozu 1,50 für eine Zeitung ausgeben, wenn ich sie auch im Internet lesen kann? Und von den Filmen und den MP3s wollen wir gar nicht erst anfangen.
Aber versucht es vielleicht doch mal mit einem Experiment. Wenn die nächste Wirtschaftskrise ansteht — kleiner Tipp: so in zehn Jahren — schreibt einfach nicht darüber. Kommentiert nicht jeden Tag des DAX-Kurs (”bricht dramatisch ein”), lässt den IFO-Index links liegen (”auf den niedrigsten Stand sein sieben Jahren”) und ignoriert mal jegliche Prognosen (”Nullwachstum in nächsten Jahr”).
Ihr werdet sehen, so schlimm wird das dann nicht. Okay, die eine oder andere Firma wird trotzdem hops gehen, Leute werden ihren Arbeitsplatz verlieren, aber die große Panik? Die bleibt dann aus. Und was bedeutet das? Kleinanleger rennen nicht zu den Banken und heben ihr Guthaben ab, verkauften nicht hektisch ihre Aktien und sind ganz allgemein viel gelassener.
Denn das brauchen wir mal. Ein bisschen Gelassenheit. Und weil es ohne eure Panikmache dann gar nicht so schlimm kommt, springt auch was für euch raus. Die Firmen schalten immer noch Anzeigen und pflastern eure Portale mit Bannern voll. Ihr verdient immer noch Geld. Ihr müsst nicht auch noch Leute entlassen. Und ihr könnt weiter eure Seiten füllen. Ist das nicht was?
What’s In a Name?
Es wird mir ja auch nicht leicht gemacht. Axel, Alex, Andreas. Auf dreißig Mitarbeiter scheinen nur ein halbes Dutzend Namen zu kommen. Immerhin kann ich die Leute in meinem Bürozimmer auseinanderhalten. Aber kaum gehe ich ins Nachbarzimmer fängt es schon an. Rudi? Hubi? Juri? Spitznamen machen es nicht unbedingt leichter. Und von den Leuten, die vorne in der FiBu sitzen, wollen wir gar nicht erst anfangen, geschweige denn von den Dependencen in den anderen Städten.
“Vielleicht interessiert du dich nicht für Leute”, heißt es dann. Aber würde ich dann nicht auch die Gesichter vergessen? Außerdem: Selbst in den spannendsten Büchern komme ich manchmal durcheinander. War John jetzt der Bösewicht oder Jack?
Vielleicht sollte ich mich mal untersuchen lassen. Ein Röntgenbild meines Hirns. Vielleicht würde der Arzt — wie hieß er doch gleich? — mir dann ein tiefes schwarzes Loch zeigen, in dem all die Alex’ und Axels verschwinden. Und dann würde er mir sagen, wie der heißt, der Defekt, den ich habe. Aber den Namen würde ich auch gleich wieder vergessen.
Wie man sieht, passiert hier mal wieder nichts. Als Ausgleich gibt es jetzt noch eine zweite Seite, auf der nichts passiert: Die letzten Lieder. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass dort ein bisschen mehr passiert als hier ist ein bisschen größer.
Also.
Danke für die Geduld.
“Trink halt weniger” ist als Antwort auf eine zugebenen nervige Frage auf dem Oktoberfest irgendwie auch eine Tautologie. (Und dass mir ein Ingo-Schulze-Lookalike eine halbe Stunde versucht hat, mir zu erklären, dass früher alles besser war, weil cherchez la femme, macht es auch nicht besser.)
Wenn Frank-Walter Steinmeier noch mehr zugenommen hat und sich einen Schnauzer hat wachsen lassen, dann hat er sein Wochenende am Achensee verbracht.
Kopfschmerzen
Es ist eine Party mit Saft und ohne Alkohol und mit Couscous, mit Vorspeisenplatten und sowieso ohne Fleisch, Milch und Eier. Ein paar Leute sind schon gegangen, andere sind rüber zum Haxnbauer. Der Geschäftsführer verspricht uns: Später kommt noch was.
Ich habe Kopfschmerzen. Ein Bier würde helfen, aber es gibt keins.
Die Reden fangen an. Hier drinnen ist es so heiß und so feucht vom Gewitter und vom Schweiß. Ich muss kurz an die frische Luft. Die Fenster stehen auf, auch hier draußen kann ich die Rede hören. “Thanks to everyone who has contributed”, heißt es, ich ich habe einen nutzlosen Gedanken: Betont man “contributed” nicht auf der zweiten Silbe?
Ein paar Touristen kommen aus dem Haxnbauer und stellen sich neben mich. Von hier draußen durch das Fenster habe ich jetzt eine viel bessere Sicht auf den Redner als drinnen. Einer der Touristen sagt: “Das ist aber kein Bairisch, oder?” Alle lachen.
Meine Kopfschmerzen werden nicht besser, ich gehe wieder rein. Eine halbe Stunde später sind die Reden vorbei, und alles strömt in den Club ein Stockwerk höher. Es gibt Bier und Wodka, eine Discokugel und eine DJane. Für ein paar Stunden habe ich keine Kopfschmerzen mehr. Bis zum nächsten Morgen.
Liebes Blog,
du weißt ja, die meisten Einträge beginnen mit “Jetzt habe ich schon so lange nichts mehr geschrieben…” Aber darüber sind wir hinweg, nicht? Über sechs Jahre halte ich dir schon meine Treue, habe mal jeden Tag geschrieben, mal nur einmal im Monat, mal nur Erfundenes, mal nur Fetzen, mal nur Rezensionen. Jetzt war mal wieder längere Zeit Pause, denn ich brauchte Urlaub: Von meiner Arbeit, vom Internet, von meinem eigenen Blog, von anderen Blogs (sorry, nicht persönlich nehmen).
“Jetzt habe ich schon so lange nicht mehr geschrieben…”, fängt es meistens an und geht weiter mit: “Ich weiß grad nicht, wie es hier weitergeht.” Sogar der große DPR musste solche Phasen durchmachen, und wenn er, warum dann nicht auch nicht?
Also, worüber soll ich schreiben? Über meine Arbeit? Zu speziell, für die meistens zu langweilig. Über das Schreiben? Jetzt habe ich schon so oft etwas angefangen und verworfen, dass ich abergläubisch werde: Ich sage nichts mehr über neue Romane/Geschichten/Vorhaben, bis sie nicht fertig sind. Bleiben noch die Bücher, die ich lese, und das sind gerade viele, gerade im Urlaub.
Also wird es wohl wieder mehr Rezensionen geben, mal wieder, nachdem ich eigentlich gar keine mehr schreiben wollte. Aber ich merke, es macht mir Spaß, also warum nicht? Damit man sich dann auch besser zurechtfindet, gibt es rechts eine Übersicht der Kategorien. So kann man alles andere, was einem nicht gefällt, ausblenden. Wo lässt sich sowas schon sagen?
Hell’s Bells

An mir soll’s nicht liegen: Kaufen Sie! Kaufen Sie! Eine formidable Krimi-Anthologie mit spannenden Geschichten (von Christiane Geldmacher z.B.), lustigen Theaterstücken (von Henrike Heiland) und Schulaufsätzen (Autor habe ich vergessen). Wenn man nicht im Sommer Krimis liest, wann dann? (Ach ja, und eine Geschichte von mir ist auch noch dabei.)

