Nachdem ich von Barbara Vine’s A Dark-Adapted Eye und The House of Stairs so begeistert war, habe ich jetzt auch eines ihrer Bücher unter ihrem richtigen Namen Ruth Rendell gelesen, nämlich End of Tears. Vielleicht mag es ja daran liegen, dass mich der klassische Polizeiermittler-Krimi mittlerweile ein bisschen anödet (zuviel Noir gelesen, wie’s scheint) oder dass Frau Rendell mit den Jahren schlechter wird, aber auch wenn ich mich tapfer durch das Buch hindurchgekämpft habe, hat es mich doch über weite Strecken gelangweilt. Die Charaktere sind zwar alle sehr liebevoll gezeichnet, aber die Handlung ist doch arg konstruiert, und den endlosen Monolog des Inspectors, der uns noch einmal alles erklärt wie weiland Hercule Poirot hätte nun wirklich nicht sein müssen. Ich bleibe bei denen frühen Vine-Büchern.
Jürgen Albertsen
Kategorie: Rezensionen
Burial
Vielleicht ist das alles gar nicht wahr, aber die Legende geht so: Keiner kennt seinen Namen. Nur seine Familie und genau fünf andere Leute wissen, dass er Musik macht. Er arbeitet nachts in seiner Wohnung in London, wenn die meisten schlafen und der Rest des Lebens um ihn herumfließt. Manchmal geht er in Clubs, stellt sich ganz nach hinten und hört dem DJ zu, sieht den Tanzenden zu, im Nebel und im flackernden Licht. Wenn er nach Hause geht, allein, hallen die Beats in ihm nach, gebrochene Beats, und diesen Nachhall nimmt er mit nach Hause, vermischt ihn mit dem Geräuschen von klirrenden Schlüsseln, zischenden Projektilen aus Computerspielen, mit Stimmfetzen und Gesang mit einem überirdischen Soul. Was dabei herauskommt, nennen Experten Dubstep, aber so einig sind sie sich nicht, sagen dann, es ist “mehr als das”, aber am besten kann man die Musik empfinden, wenn man sich eine unendliche Stadt vorstellt und eine unendliche Nacht und eine unendliche Fahrt alleine im Bus durch den Regen.
The Wire
Drehbuchschreiber, Regisseure, Produzenten wenden sich von Hollywood ab, weil sie sich durch die Blockbuster-Maschine eingeengt fühlen. Und wohin gehen sie? Ausgerechnet zum Fernsehen. Denn es gibt nämlich Abo-Sender wie HBO, die das Geld ihrer Zuschauer nicht nur dafür benutzen, sündhaft teure Sportrechte zu kaufen, sondern auch exzellente Serien zu produzieren. Ein paar von ihnen sind auch nach Deutschland geschwappt. Sex and the City zum Beispiel oder The Sopranos.
The Wire hingegen wird hierzulande wohl niemals laufen. Schon in Amerika ist die Serie nicht besonders erfolgreich bei den Zuschauern. Zu komplex die Handlung, die sich in jeder Staffel über ein gutes Dutzend Episoden à eine Stunde entwickelt, zu oft benutzen die Charaktere das Universalwort “Fuck” und sprechen sowieso wahlweise in einem Gangster- oder einem Bullen-Slang.
Warum hat HBO dann vier Staffeln produziert und plant noch eine fünfte? Weil sie eben nicht von Werbeeinnahmen abhängig sind und wohl so etwas wie eine Mischkalkulation machen. Das Geld von Leuten, die wegen der Sex and the City ein Abo abgeschlossen haben, fließt eben auch in weniger erfolgreiche Serien wie The Wire.
Worum geht bei The Wire? Um etwas, das einer der Charaktere sarkastisch “The modern urban crime environment” nennt. Auf der einen Seite stehen Gangs, die die Viertel der Stadt kontrollieren und dort Drogen veraufen, sogar noch aus dem Gefängnis heraus ihre Truppen steuern, sich gegenseitig bekriegen, aber auch immer wieder an ihrem Tun zweifeln und sich nicht immer zwischen dem Geschäft und Freunden bzw. Familien entscheiden können. Auf der andere Seite steht die Polizei mit Typen, denen es einen Kick verschafft, wenn sie den Gangstern immer um einen Schritt voraus sind oder die Karriere machen wollen und auch vor Korruption nicht zurückschrecken; die bei der Polizei sind, weil sie einfach nur einen sicheren Job wollten oder manchmal auch, weil sie an die Gerechtigkeit glauben.
Es wäre fast zu banal zu sagen, dass jeder Charakter gute und schlechte Seiten hat, vielmehr ist es so, dass man sogar bei den fast ausschließlich Bösen immer nachvollziehen kann, warum sie tun, was sie tun. Sei es, weil sie den Druck der Gruppe nicht stand halten, sei es, weil sie auch endlich einmal beweisen wollen, dass sie ein Ding durchziehen können, oder sei es, weil sie von klein an nur das eine kennen: The Game, das Spiel um Drogen, Macht und Gewalt.
Dann das Drehbuch. So brillante Dialoge hört man selten, weder im Kino noch im Fernsehen. Jede Szene ist wie eine winzige Geschichte in sich und treibt diese ganz subtile Spannung dieser Serie nach oben. Cliffhanger hat sie nicht nötig, alles ergibt sich wie von selbst.
Dabei hat The Wire es sich zum Anspruch gemacht, möglichst realisitisch zu sein. Ob sie es schaffen, kann man als Mittelklasse-Westeuropäer schwer beurteilen, aber vieles deutet darauf hin. Die Ausstattung zum Beispiel. Die Polizeibüros sehen genauso öde und abgenutzt aus, wie man sich Behörden nunmal so vorstellt, die Dealer am unteren Ende der Hackordnung schlafen auf Matratzen in heruntergekommenen Sozialbauten, sowohl Gangster als auch Polizisten lassen sich in schmierigen Bars an einem klebrigen Thresen volllaufen. Kein Vergleich mit der MTV-Welt von CSI.
A propos CSI: Im Gegensatz zu dort sind viele der Polizisten bei The Wire fett, schlecht angezogen und haben den käsigen Teint aller Büroarbeiter. Die Haut der Hafenarbeiter ist mit schlampigen Tätowierungen überzogen, und die Gangster tragen ihre Hosen bis zu den Knien heruntergezogen.
Fast überflüssig zu sagen, dass das Ende jeder Staffel ebenso ambivalent ist wie die Motivation jedes einzelnen Charakters. Irgendwie hat jeder immer gleichzeitg gewonnen und verloren, wobei es natürlich immer die keinen sind, die am meisten zu leiden haben — auf beiden Seiten.
Eine Warnung noch: Die Serie macht süchtig. Da sie in Deutschland nicht läuft und wohl auch zu Tode synchronisiert würde, muss man sie sich auf DVD ansehen. Und ist es leicht, nach dem Ende jeder Folge zu sagen: “Noch eine” und “Noch eine” und “Noch eine”. Aber warum eigentlich nicht?
Mercè Rodoreda: Auf der Plaça del Diamant
Gestern ging die Buchmesse zu Ende, mit Katalonien als Gastland, und in diesem Zusammenhang will ich noch einen Buchtipp loswerden.
Auf der Plaça del Diamant von Mercè Rodoreda ist ein moderner Klassiker der katalanischen Literatur und dieses Jahr — wahrscheinlich auch wegen der Buchmesse — auf Deutsch neu aufgelegt. 1962 erschienen, als die Autorin noch im Schweizer Exil lebte, erzählt es die Geschichte von Colometa (dt. Täubchen), einer jungen Frau im Barcelona der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Sie ist ein ganz normales Mädchen für die damalige Zeit, gefangen in einem Weltbild, das für sie die Rolle der Ehefrau und Mutter vorsieht. Sie ist verlobt mit einem sympathischen und soliden jungen Mann, aber bei einem Tanz lernt sie Quimet kennen. Der ist mehr ein Hans-Guck-in-die-Luft und schafft es, sie rumzukriegen, in dem er einfach verfügt: “Du heiratest mich.” Dass er nicht der beste Ehemann ist, sehen wir gleich, als er sich vor der Renovierung der gemeinsamen Wohnung drückt und später einen ganzen Schwarm von Tauben mit ins Haus holt. Als dann der Bürgerkrieg ausbricht, lässt er Colometa mit den Tauben und den Kindern allein und schließt sich den republikanischen Milizen an.
Ein deutscher Autor aus derselben Generation wie Rodoreda hätte aus diesem Stoff wahrscheinlich ein komplexes, moralinsaures Gebilde gemacht. Doch die Geschichte ist so herrlich lakonisch und anrührend erzählt, dass sie weder verkopft noch kitschig daherkommt. Ganz nebenbei zeigt sie uns, wie jemand, der sich weder für Politik interessiert noch sonst irgend etwas Besonderes vom Leben will, Opfer eines Krieges wird, sich für alle aufreibt, ohne an sich selbst zu denken, bis es ihr irgendwann zuviel wird.
Dass das Buch kein Klassiker der Weltliteratur, ja, noch nicht einmal der spanischen ist, liegt natürlich daran, dass Rodoreda auf katalanisch geschrieben hat. Aber vielleicht hat die Buchmesse ja die Leser auf Autoren wie sie aufmerksam gemacht. Verdient hätte sie es, auch wenn sie nichts mehr davon hat.
The Proposition
Nick Cave lebt ja in einem Kosmos irgendwo zwischen altem Blues, Punk und dem Alten Testament. Während seine Songs immer nur einen kleinen Blick auf diesen Kosmos freigeben, breitet er diesen in dem Film The Proposition episch vor uns aus: Das lebensfeindliche australische Outback Ende des 19. Jahrhunderts, das britische Empire gegen die Ureinwohner und oft genug gegen sich selbst. Gewalt, Rassismus, Verrohung. Ein Mann, der sich zwischen zweien seiner Brüder entscheiden muss. Ein Sergeant der Royal Police, der seiner Frau vorzugaukeln versucht, mit genug Anstrengung könne man das Land schon zivilisieren. Doch er kämpft nicht nur gegen rebellische Aboriginees, sondern auch gegen Outlaws und die Würdenträger der Stadt. Jeder gegen jeden also, und irgendwie hat jeder Recht und Unrecht zugleich, sehnt sich jeder nach etwas Schönheit und kann sie doch nicht finden. Ein Western, in dem jeder hart, aber niemand cool und schon gar nicht edel ist.
Cave hat nicht nur die Filmmusik geschrieben, sondern auch das Drehbuch. Wie er es geschafft hat, zwischen all seinen Projekten, ein so großartiges Skript hinzulegen, ist mir rätselhaft. Andere brauchen für so etwas Jahre. Während er für seine Songs seine Geschichten bisweilen auf die stärksten Motive reduzieren muss, hat er hier Zeit für Nuancen — trotz der Härte und trotz der Brutalität. Die Gewalt beschränkt sich nicht nur aufs Blut, sondern geht tiefer. Das macht den Film so beängstigend — und auch so gut. Er erzählt so von Mechanismen, die immer dann einsetzen, wenn die äußere Struktur zusammenbricht. Wie bei Lord of the Flies oder dem Film City of God. Kein Film also für alle, die an den Fortschritt der Menschheit glauben.
Ballads of the Book
Es gibt zwei Schichten von Vorurteilen gegenüber Schotten. In der ersten, der oberflächlichen Schicht redet man von Männerröcken mit nichts drunter, Geiz und Dudelsack. In der zweiten, leidlich differenzierteren, von Schwermut, Selbstzerstörung und Trunksucht. Immerhin gibt es Schriftsteller, die über diese zweite Schicht schreiben und Musiker, die davon singen.
Das verdienstvolle Label Chemikal hat jetzt eben solche schottischen Schriftsteller und Musiker zusammengebracht. Erstere schreiben die Texte, letztere machen die Musik dazu.
18 Lieder sind es geworden. 18 Lieder übers Trinken, Schlägereien und zerbrochene Liebe und immer mit einer guten Portion grimmingen Humor: Ballads of the Book.
Bands wie De Rosa, Idlewild, Aereogramme, Musiker wie Aidan Moffat (Ex-Arab Strap), Norman Blake (Teenage Fanclub), Mike Heron (The Incredible String Band). Schriftsteller wie A.L. Kennedy, Ian Rankin und Lousie Welsh. Sie haben etwas Wunderbares geschaffen. Kein Kunstprodukt, sondern etwas Rauhes, Ehrliches, aber trotzdem Schönes.
So wie ihr Land, möchte man denken. Und scheiß drauf, wenn das ein Klischee ist.
Andere brauchen auch keine Polizei
Opernball von Josef Haslinger
Eine Neonazigruppe verübt einen Giftfgasanschlag auf den Wiener Opernball. Ein Fernsehreporter sitzt im Ü-Wagen und muss mit ansehen, wie drinnen sein Sohn verreckt. Er macht sich auf den Weg und sucht Spuren.
Ein Plot, der furchtbar schiefgehen könnte. Aber Haslinger zeichnet keine Helden. Das Buch spuckt Zynismus nach allen Seiten, nicht nur durch die Attentäter, sondern auch durch den Fernsehreporter, für den früher nichts anderes zählte als Bilder.
Haslinger lässt Protagonisten im O-Ton zu Wort kommen. Den Fernsehreporter als Erzähler und die anderen, die ihm aufs Band sprechen: Einen der Attentäter, einen Schutzpolizisten und einen der Opfer. Das ist so unmittelbar wie entlarvend. Wir ertappen uns dabei, allen irgendwie Recht zu geben und merken erst zum Schluss, wie scheinheilig wir doch auch selber sind.
Die im Dunklen sieht man doch von Barbara Vine
Barbara Vine ist Ruth Rendell, aber es ist klar, warum sie für einige ihrer Bücher ein Pseudonym wählt. Hier geht es nicht um Ermittlungen, egal ob durch die Polizei oder sonstwem. Hier müssen wir uns selbst einen Reim machen.
Vor Jahrzehnten, in den 50ern, hat Vera Hillyard ihre Schwester Eden umgebracht. So kurz nach dem Krieg war England ganz anders als heute, und hinter die Gründe zu kommen, die damals jemanden bewegen konnten, einen Mord zu begehen, ist spannender als in anderen Büchern die Suche nach dem Mörder. Vine deutet an, lässt Dinge unausgesprochen, aber wir haben nie das Gefühl, in die Irre geführt zu werden. Denn die Sprache spiegelt den Geist der Zeiten: Damals sprach man gewisse Dinge nicht aus, und selbst heute wirkt dieser Schweigebann. Doch zusammen mit der Erzählerin, der Nichte Veras, sind wir Stück für Stück dabei, diesen Bann zu brechen.
Gunnar Staalesen: Die Schrift an der Wand
War ja klar, dass sie im Klappentext Marlowe erwähnen. Aber eigentlich geht das schon in Ordnung, denn Marlowe entspricht seinem eigenen Klischee letztlich auch nicht.
Bergen ist nicht Los Angeles, und das weiß Staalesen genau. Und so ist alles eine Nummer kleiner, aber nicht weniger dramatisch. Es geht um ein verschwundenes Mädchen aus ganz normalen Hause (das heißt: Ehe der Eltern zerrüttet, die Teenagerin von Mutter und Vater entfremdet). Der Privatdetektiv Varg Veum soll sie suchen, doch jäh endet sein Auftrag: Das Mädchen wird gefunden. Tot. Trotzdem ermittelt Veum weiter. Warum, weiß man nicht genau, vielleicht weil er früher Sozialarbeiter war und sich für solche Schicksale immer noch verantwortlich fühlt, jedenfalls bohrt er so lange im Kleinkriminellenmileu herum, bis er auf Hinweise trifft: Prositution, Drogensucht und ein toter Richter in Damenunterwäsche.
Staalesens größte Stärke sind die Dialoge, selbst da, wo sie dann tatsächlich ins Marlowehafte kippen. Von mir aus könnte er ganz auf die wenigen Actionszenen verzichten, aber die gehören wohl dazu. Nötig hat er sie nicht, denn er kann etwas, was nicht immer selbstverständlich ist: Eine gute Geschichte direkt von A nach B erzählen, ohne sich in Nebensächlichkeiten oder gar Moral zu verheddern, aber auch ohne oberflächlich oder gar unlogisch zu werden. Man könnte sagen, dieses Buch sei solide, aber eigentlich ist es mehr als das. Es ist sehr, sehr gut.
Jean-Patrick Manchette: Nada
Ich habe ja eine Schwäche für Revolutionsgeschichten (egal ob Orwells Homage to Catalonia oder Petzolds Innere Sicherheit). Vielleicht wegen der Verschwörungsromantik, vielleicht weil ich ja auch ein bisschen hoffe, dass man die Welt mit einem Mal verändern könnte.
Doch da ist dieses Buch eigentlich genau das Falsche.
Es handelt zwar von einer Terroristentruppe — namens Nada —, die sich Anarchisten nennen und den Botschafter Amerikas in Paris entführen wollen, aber es geht nur einem, höchstens zwei von ihnen um die Politik, und noch dazu steigt der theoretische Kopf vorher aus. Dem Rest geht es ums — na klar: Lösegeld. Bei der Entführung sterben ein paar Flics, was niemanden recht kümmert, am allerwenigsten der Polizei. Die hätte sowieso eine Hetzjagd veranstaltet. Und der Kommissar nimmt den Fall zum willkommenen Anlass, mal richtig auf den Putz und den Anarchos in die Fresse zu hauen.
So ist das Buch: Schnell, brutal, zynisch. Und sehr, sehr gut.
Andrea Maria Schenkel: Tannöd
Im Zweifelsfall ist die Niedertracht auf dem Land größer als in der Stadt, in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts allemal. Dieses Buch lässt die Niederträchtigen selbst zu Wort kommen, und sie reden über einen Mord an einer ganzen Familie.
Mehr möchte ich darüber gar nicht sagen — eine ausführliche Rezensionen gibt es von dpr. Nur eines: Es ist absolut lesenswert.
Bernhard Horwatitsch: Anleitungen zum Scheitern
Ich gebe zu, ich bin befangen. Bernhard habe ich in einer Münchner Autorengruppe kennengelernt und über ihn den Kontakt zu den Herausgebern der Klivuskante und letztlich zum Wittaverlag hergestellt, der nicht nur dieses Buch, sondern bald auch einen Erzählband von mir herausbringt. Aber ich meine es ehrlich, wenn ich sage, dass mir Bernhards Geschichten immer sehr gefallen haben. Ich glaube, seine Figuren würden sich mit meinen gut verstehen (und vermutlich das eine oder andere Bier trinken gehen), kämpfen doch auch sie meist außerhalb des Gesellschaftsradars um ihr Überleben. Allerdings sind Bernhards Geschichten mit einer noch größeren Portion Ironie durchsetzt und — ich hoffe, Bernhard verzeiht mir — literarischer. Vom Scheitern handeln sie jedenfalls tatsächlich alle, sei es, dass sich jemand versucht, mit einer Überdosis Augustiner Hell umzubringen, der von Kafka bekannte Ex-Affe seinen letzten Bericht an die Akademie liefert oder ein Unglücklicher in einer feministischen Fickverschwörung wähnt.
Wer jetzt das Buch kaufen will, kann das im übrigen nicht nur im Buchhandel, bei Amazon, Buch.de usw., sondern auch direkt beim Autoren. Es lohnt sich auf jeden Fall.
Norbert Horst: Todesmuster
Das mit der Stimme eines Autoren ist so eine Sache, insbesondere wenn man ihn in einer Lesung gehört hat. Horsts Stil kommt dem gesprochenen Wort so nahe, dass man seinen Tonfall die ganze Zeit im Ohr hat, wie man liest. Das hat sicher auch damit zu tun, das Horst etwas besitzt, das für einen Autoren, zumal einem Krimiautoren selbstverständlich sein sollte: Exzellente Beobachtungsgabe. Er ist selbst Kommissar und versteht es ganz verzüglich, die Umgangssprache zwischen den Beamten, das Büroklima und das deutsche Berichtsdeutsch wiederzugeben.
Der Fall: In einer stillgelegten Mine werden Blutspuren gefunden, die erst niemand so recht ernst nimmt, bis sich herausstellt, dass sie von einem Menschen stammen. Es folgt die typische Fleißarbeit der Polizei, die ein Autor mit weniger Talent sicher nicht so spannend geschildert hätte. Nur an einer Stelle tappt Hort in ein Dilemma: An der lakonischem Hauptfigur, dem Kommissar Kirchenberg, prallen zuviele Konflikte ab, als dass sie dem Buch zusätzliche Würze geben könnten. So ist dann der Roman an manchen stellen dann doch zu real geraten: So wenig die ganz großen Emotionen in der Wirklichkeit vorkommen, so wenig gibt es sie auch hier.
David Peace: 1974
Das Hinternet und das Krimiblog sind schuld. Kaum treibt man sich mal auf Spezialseiten rum, schon greift man auch zu Spezialbüchern, die der gewöhnliche Krimileser wohl kaum kennt. Aber woran liegt das? Nun, an diesem Buch gibt es nichts Schönes. Nicht dass es nicht gut wäre, ganz im Gegenteil, aber auf knapp 300 Seiten erzählt uns Peace von Korruption, Gewalt, Niedertracht und benutzt jede Menge Schimpfwörter. Helden gibt es keine, nur Schurken. Selbst mit verhandlungssicherem Englisch wird das Buch kompliziert, denn auch wenn Peace sein Stakkatto nicht ganz so reduziert wie Ellroy, stößt man schon mal an seine Grenzen. Dafür hat man jede Menge F*ck und Sh*it, vielleicht ein bisschen zuviel. Und das Ende hätte ich mir persönlich etwas weniger alles erschlagend gewünscht, aber man kann ja nicht alles haben.
J.D. Salinger: The Catcher in the Rye
Um Enttäuschungen vorzubeugen, wollte ich ja immer mal wieder hinreichend altes Buch einschieben, das man heute immer noch kennt und das fast alle gut finden. Einen Klassiker eben. Das ist manchmal nach hinten losgegangen, aber diesmal nicht. Salinger hat nach diesem Buch kaum noch etwas herausgebracht, etwas annähernd so Erfolgreiches schon gar nicht. Heute lebt er zurückgezogen, hat seit 1961 nichts mehr veröffentlicht, seit 1974 kein Interview mehr gegeben und musste sich sogar gefallen lassen, dass seine Tochter eine Biografie über ihn schrieb.
Aber was soll jemand machen, der ein perfektes Buch hinlegt, und das auch noch gleich zu Anfang der Karriere? Wenn er alles gesagt hat, was er sagten wollte? Wenn alles, was er von da an schreibt, nur noch Nachahmung seiner selbst wäre? Er hört auf. Geld genug hat er ja. Immerhin sei es “High School”-Literatur, wie man mir sagte — das heißt Heerscharen von Teenies müssen das Buch kaufen. Das ist durchaus nicht abwertend, sondern beneidenswert, auch wenn die Teenies das vielleicht nicht so sehen. Ich hätte jedenfalls lieber Salinger gelesen als Günter Grass.
Dashiell Hammett: Der Malteser Falke
Was für ein blödes Buch. Anobella hat ja schon an mehreren Stellen geschrieben, was daran auszusetzen ist: Beschreibungsprosa wie im LK Deutsch. Dialoge, die noch nicht einmal in einer Plastikwelt passend sind. Und Frauenverachtung galore. Na gut, letzteres ist nicht ganz richtig. Eigentlich verachtet der Roman sein gesamtes Personal, einschließlich des unsäglich arroganten und emotionslosen Sam Spade. Und es ist keine gesunde zynische Verachtung, wie man sie ja als denkender Mensch gerne einmal der Welt als solcher entgegenbringt, sondern eine Verachtung aus Ignoranz heraus. Ich habe das Gefühl, Hammet waren seine Figuren egal. Und das ist ja wohl so ziemlich das schlimmste, was man über einen Autoren sagen kann.
Ach, und von der Story wollen wir gar nicht erst anfangen. 100 Seiten sind genug.
(Ist schon wieder nichts geworden mit dem Lob.)