Kategorie: Filme

Red Road

Regie und Drehbuch: Andrea Arnold. Jahr: 2006.

Filmplakat Jackie (Kate Dickie) ist Mitte dreißig, alleinstehend, wohnt in Glasgow und arbeitet in einem Kontrollzentrum für Überwachungskameras. Ihr ist die Gegend um die Red Road zugeteilt, ein Viertel mit Sozialbauten, die so hoch in den Himmel aufragen, dass sie einmal sogar die höchsten Europas waren. Ihre Aufgabe: Das Treiben in den Straßen beobachten und die Polizei vor Ort informieren, wann immer sie etwas Verdächtiges sieht.

Aber natürlich beobachtet sie nicht nur potentielle Verbrecher, sondern auch ganz normale Menschen. Da ist der Mann, der sich liebevoll um seinen schon viel zu alten Hund kümmert, oder die fröhliche dicke Putzfrau, die offensichtlich in ihren Chef verliebt ist. Und dann ist da noch ein Mann (Tony Curran), den Jackie zu kennen scheint. Zuerst verfolgt sie ihn mit ihren Kameras, dann sogar in persona auf der Straße. Immer weiter steigt sie in sein Leben an und scheint ihm zu verfallen.

Erst nach und nach erfahen wir, was es mit dem Mann auf sich hat und dass Jacke ihre Einsamkeit nicht selbst gewählt hat. In dem Maße, in dem Jackie sich hinter ihren Kameras hervorwagt, wird sie gleichzeitig verwundbarer, stärker — und menschlicher.

Red Road basiert auf Ideen, die von Lars von Trier mit entwickelt worden sind, aber er verzichtet auf allzu hysterische psychologische Ausbrüche. Statt dessen beobachtet er die Charaktere ähnlich distanziert wie Jackie die Leute auf der Straße und kommt ihnen erst mit der Zeit näher. Der Film ist ruhig und deshalb um so intensiver. Auch vermeidet es Andrea Arnold, das Überwachungskamerasystem mit erhobenen Zeigefinger anzuklagen. Für Jackie ist es ein ganz normaler Job, der sie zufällig auf die Spur dieses Mannes bringt, aber sonst macht sie sich keine weiteren Gedanken darüber. Und auch wenn sie einfachen Passanten hinterherspioniert, tut sie das eigentlich aus einer Schwäche, aus ihrer Einsamkeit heraus und nicht aus einem Gefühl von Macht.

Red Road ist ein exzellenter Film, der sowohl als Thriller als auch als Familiendrama funktioniert. Und doch ist er nicht so düster, wie es erst den Anschein hat, kommt mit einer Prise untergründigem Humor daher und einer gehörigen Portion Humanismus.

Nur ein Tipp noch: Wer ihn sich im englischen Original anschaut, sollte vielleicht die Untertitel mitlaufen lassen, denn der schottische Akzent ist für ungeübte Ohren wirklich eine harte Nuss.

The Proposition

Nick Cave lebt ja in einem Kosmos irgendwo zwischen altem Blues, Punk und dem Alten Testament. Während seine Songs immer nur einen kleinen Blick auf diesen Kosmos freigeben, breitet er diesen in dem Film The Proposition episch vor uns aus: Das lebensfeindliche australische Outback Ende des 19. Jahrhunderts, das britische Empire gegen die Ureinwohner und oft genug gegen sich selbst. Gewalt, Rassismus, Verrohung. Ein Mann, der sich zwischen zweien seiner Brüder entscheiden muss. Ein Sergeant der Royal Police, der seiner Frau vorzugaukeln versucht, mit genug Anstrengung könne man das Land schon zivilisieren. Doch er kämpft nicht nur gegen rebellische Aboriginees, sondern auch gegen Outlaws und die Würdenträger der Stadt. Jeder gegen jeden also, und irgendwie hat jeder Recht und Unrecht zugleich, sehnt sich jeder nach etwas Schönheit und kann sie doch nicht finden. Ein Western, in dem jeder hart, aber niemand cool und schon gar nicht edel ist.

Cave hat nicht nur die Filmmusik geschrieben, sondern auch das Drehbuch. Wie er es geschafft hat, zwischen all seinen Projekten, ein so großartiges Skript hinzulegen, ist mir rätselhaft. Andere brauchen für so etwas Jahre. Während er für seine Songs seine Geschichten bisweilen auf die stärksten Motive reduzieren muss, hat er hier Zeit für Nuancen — trotz der Härte und trotz der Brutalität. Die Gewalt beschränkt sich nicht nur aufs Blut, sondern geht tiefer. Das macht den Film so beängstigend — und auch so gut. Er erzählt so von Mechanismen, die immer dann einsetzen, wenn die äußere Struktur zusammenbricht. Wie bei Lord of the Flies oder dem Film City of God. Kein Film also für alle, die an den Fortschritt der Menschheit glauben.