Kategorie: Bücher

Andere brauchen auch keine Polizei

Opernball von Josef Haslinger

Eine Neonazigruppe verübt einen Giftfgasanschlag auf den Wiener Opernball. Ein Fernsehreporter sitzt im Ü-Wagen und muss mit ansehen, wie drinnen sein Sohn verreckt. Er macht sich auf den Weg und sucht Spuren.

Ein Plot, der furchtbar schiefgehen könnte. Aber Haslinger zeichnet keine Helden. Das Buch spuckt Zynismus nach allen Seiten, nicht nur durch die Attentäter, sondern auch durch den Fernsehreporter, für den früher nichts anderes zählte als Bilder.

Haslinger lässt Protagonisten im O-Ton zu Wort kommen. Den Fernsehreporter als Erzähler und die anderen, die ihm aufs Band sprechen: Einen der Attentäter, einen Schutzpolizisten und einen der Opfer. Das ist so unmittelbar wie entlarvend. Wir ertappen uns dabei, allen irgendwie Recht zu geben und merken erst zum Schluss, wie scheinheilig wir doch auch selber sind.

Die im Dunklen sieht man doch von Barbara Vine

Barbara Vine ist Ruth Rendell, aber es ist klar, warum sie für einige ihrer Bücher ein Pseudonym wählt. Hier geht es nicht um Ermittlungen, egal ob durch die Polizei oder sonstwem. Hier müssen wir uns selbst einen Reim machen.

Vor Jahrzehnten, in den 50ern, hat Vera Hillyard ihre Schwester Eden umgebracht. So kurz nach dem Krieg war England ganz anders als heute, und hinter die Gründe zu kommen, die damals jemanden bewegen konnten, einen Mord zu begehen, ist spannender als in anderen Büchern die Suche nach dem Mörder. Vine deutet an, lässt Dinge unausgesprochen, aber wir haben nie das Gefühl, in die Irre geführt zu werden. Denn die Sprache spiegelt den Geist der Zeiten: Damals sprach man gewisse Dinge nicht aus, und selbst heute wirkt dieser Schweigebann. Doch zusammen mit der Erzählerin, der Nichte Veras, sind wir Stück für Stück dabei, diesen Bann zu brechen.

Gunnar Staalesen: Die Schrift an der Wand

War ja klar, dass sie im Klappentext Marlowe erwähnen. Aber eigentlich geht das schon in Ordnung, denn Marlowe entspricht seinem eigenen Klischee letztlich auch nicht.

Bergen ist nicht Los Angeles, und das weiß Staalesen genau. Und so ist alles eine Nummer kleiner, aber nicht weniger dramatisch. Es geht um ein verschwundenes Mädchen aus ganz normalen Hause (das heißt: Ehe der Eltern zerrüttet, die Teenagerin von Mutter und Vater entfremdet). Der Privatdetektiv Varg Veum soll sie suchen, doch jäh endet sein Auftrag: Das Mädchen wird gefunden. Tot. Trotzdem ermittelt Veum weiter. Warum, weiß man nicht genau, vielleicht weil er früher Sozialarbeiter war und sich für solche Schicksale immer noch verantwortlich fühlt, jedenfalls bohrt er so lange im Kleinkriminellenmileu herum, bis er auf Hinweise trifft: Prositution, Drogensucht und ein toter Richter in Damenunterwäsche.

Staalesens größte Stärke sind die Dialoge, selbst da, wo sie dann tatsächlich ins Marlowehafte kippen. Von mir aus könnte er ganz auf die wenigen Actionszenen verzichten, aber die gehören wohl dazu. Nötig hat er sie nicht, denn er kann etwas, was nicht immer selbstverständlich ist: Eine gute Geschichte direkt von A nach B erzählen, ohne sich in Nebensächlichkeiten oder gar Moral zu verheddern, aber auch ohne oberflächlich oder gar unlogisch zu werden. Man könnte sagen, dieses Buch sei solide, aber eigentlich ist es mehr als das. Es ist sehr, sehr gut.

Jean-Patrick Manchette: Nada

Ich habe ja eine Schwäche für Revolutionsgeschichten (egal ob Orwells Homage to Catalonia oder Petzolds Innere Sicherheit). Vielleicht wegen der Verschwörungsromantik, vielleicht weil ich ja auch ein bisschen hoffe, dass man die Welt mit einem Mal verändern könnte.

Doch da ist dieses Buch eigentlich genau das Falsche.

Es handelt zwar von einer Terroristentruppe — namens Nada —, die sich Anarchisten nennen und den Botschafter Amerikas in Paris entführen wollen, aber es geht nur einem, höchstens zwei von ihnen um die Politik, und noch dazu steigt der theoretische Kopf vorher aus. Dem Rest geht es ums — na klar: Lösegeld. Bei der Entführung sterben ein paar Flics, was niemanden recht kümmert, am allerwenigsten der Polizei. Die hätte sowieso eine Hetzjagd veranstaltet. Und der Kommissar nimmt den Fall zum willkommenen Anlass, mal richtig auf den Putz und den Anarchos in die Fresse zu hauen.

So ist das Buch: Schnell, brutal, zynisch. Und sehr, sehr gut.

Andrea Maria Schenkel: Tannöd

Im Zweifelsfall ist die Niedertracht auf dem Land größer als in der Stadt, in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts allemal. Dieses Buch lässt die Niederträchtigen selbst zu Wort kommen, und sie reden über einen Mord an einer ganzen Familie.

Mehr möchte ich darüber gar nicht sagen — eine ausführliche Rezensionen gibt es von dpr. Nur eines: Es ist absolut lesenswert.

Bernhard Horwatitsch: Anleitungen zum Scheitern

Ich gebe zu, ich bin befangen. Bernhard habe ich in einer Münchner Autorengruppe kennengelernt und über ihn den Kontakt zu den Herausgebern der Klivuskante und letztlich zum Wittaverlag hergestellt, der nicht nur dieses Buch, sondern bald auch einen Erzählband von mir herausbringt. Aber ich meine es ehrlich, wenn ich sage, dass mir Bernhards Geschichten immer sehr gefallen haben. Ich glaube, seine Figuren würden sich mit meinen gut verstehen (und vermutlich das eine oder andere Bier trinken gehen), kämpfen doch auch sie meist außerhalb des Gesellschaftsradars um ihr Überleben. Allerdings sind Bernhards Geschichten mit einer noch größeren Portion Ironie durchsetzt und — ich hoffe, Bernhard verzeiht mir — literarischer. Vom Scheitern handeln sie jedenfalls tatsächlich alle, sei es, dass sich jemand versucht, mit einer Überdosis Augustiner Hell umzubringen, der von Kafka bekannte Ex-Affe seinen letzten Bericht an die Akademie liefert oder ein Unglücklicher in einer feministischen Fickverschwörung wähnt.

Wer jetzt das Buch kaufen will, kann das im übrigen nicht nur im Buchhandel, bei Amazon, Buch.de usw., sondern auch direkt beim Autoren. Es lohnt sich auf jeden Fall.

Norbert Horst: Todesmuster

Das mit der Stimme eines Autoren ist so eine Sache, insbesondere wenn man ihn in einer Lesung gehört hat. Horsts Stil kommt dem gesprochenen Wort so nahe, dass man seinen Tonfall die ganze Zeit im Ohr hat, wie man liest. Das hat sicher auch damit zu tun, das Horst etwas besitzt, das für einen Autoren, zumal einem Krimiautoren selbstverständlich sein sollte: Exzellente Beobachtungsgabe. Er ist selbst Kommissar und versteht es ganz verzüglich, die Umgangssprache zwischen den Beamten, das Büroklima und das deutsche Berichtsdeutsch wiederzugeben.

Der Fall: In einer stillgelegten Mine werden Blutspuren gefunden, die erst niemand so recht ernst nimmt, bis sich herausstellt, dass sie von einem Menschen stammen. Es folgt die typische Fleißarbeit der Polizei, die ein Autor mit weniger Talent sicher nicht so spannend geschildert hätte. Nur an einer Stelle tappt Hort in ein Dilemma: An der lakonischem Hauptfigur, dem Kommissar Kirchenberg, prallen zuviele Konflikte ab, als dass sie dem Buch zusätzliche Würze geben könnten. So ist dann der Roman an manchen stellen dann doch zu real geraten: So wenig die ganz großen Emotionen in der Wirklichkeit vorkommen, so wenig gibt es sie auch hier.

David Peace: 1974

Das Hinternet und das Krimiblog sind schuld. Kaum treibt man sich mal auf Spezialseiten rum, schon greift man auch zu Spezialbüchern, die der gewöhnliche Krimileser wohl kaum kennt. Aber woran liegt das? Nun, an diesem Buch gibt es nichts Schönes. Nicht dass es nicht gut wäre, ganz im Gegenteil, aber auf knapp 300 Seiten erzählt uns Peace von Korruption, Gewalt, Niedertracht und benutzt jede Menge Schimpfwörter. Helden gibt es keine, nur Schurken. Selbst mit verhandlungssicherem Englisch wird das Buch kompliziert, denn auch wenn Peace sein Stakkatto nicht ganz so reduziert wie Ellroy, stößt man schon mal an seine Grenzen. Dafür hat man jede Menge F*ck und Sh*it, vielleicht ein bisschen zuviel. Und das Ende hätte ich mir persönlich etwas weniger alles erschlagend gewünscht, aber man kann ja nicht alles haben.

J.D. Salinger: The Catcher in the Rye

Um Enttäuschungen vorzubeugen, wollte ich ja immer mal wieder hinreichend altes Buch einschieben, das man heute immer noch kennt und das fast alle gut finden. Einen Klassiker eben. Das ist manchmal nach hinten losgegangen, aber diesmal nicht. Salinger hat nach diesem Buch kaum noch etwas herausgebracht, etwas annähernd so Erfolgreiches schon gar nicht. Heute lebt er zurückgezogen, hat seit 1961 nichts mehr veröffentlicht, seit 1974 kein Interview mehr gegeben und musste sich sogar gefallen lassen, dass seine Tochter eine Biografie über ihn schrieb.

Aber was soll jemand machen, der ein perfektes Buch hinlegt, und das auch noch gleich zu Anfang der Karriere? Wenn er alles gesagt hat, was er sagten wollte? Wenn alles, was er von da an schreibt, nur noch Nachahmung seiner selbst wäre? Er hört auf. Geld genug hat er ja. Immerhin sei es “High School”-Literatur, wie man mir sagte — das heißt Heerscharen von Teenies müssen das Buch kaufen. Das ist durchaus nicht abwertend, sondern beneidenswert, auch wenn die Teenies das vielleicht nicht so sehen. Ich hätte jedenfalls lieber Salinger gelesen als Günter Grass.

Dashiell Hammett: Der Malteser Falke

Was für ein blödes Buch. Anobella hat ja schon an mehreren Stellen geschrieben, was daran auszusetzen ist: Beschreibungsprosa wie im LK Deutsch. Dialoge, die noch nicht einmal in einer Plastikwelt passend sind. Und Frauenverachtung galore. Na gut, letzteres ist nicht ganz richtig. Eigentlich verachtet der Roman sein gesamtes Personal, einschließlich des unsäglich arroganten und emotionslosen Sam Spade. Und es ist keine gesunde zynische Verachtung, wie man sie ja als denkender Mensch gerne einmal der Welt als solcher entgegenbringt, sondern eine Verachtung aus Ignoranz heraus. Ich habe das Gefühl, Hammet waren seine Figuren egal. Und das ist ja wohl so ziemlich das schlimmste, was man über einen Autoren sagen kann.

Ach, und von der Story wollen wir gar nicht erst anfangen. 100 Seiten sind genug.

(Ist schon wieder nichts geworden mit dem Lob.)

Joseph Conrad: Herz der Finsternis

Kann man einen Roman schreiben, der gleichzeitig rassistisch ist und die Koloniepraxis Europas kritisiert? Joseph Conrad konnte es. Sein Afrika ist nicht romantisch, sondern bedrohlich und fremd. Fast alle Schwarzen sind Wilde, und alle Weißen sind korrupt. Die Schwarzen sind nah am Lebensurpsrung dran, so wie es auch Tiere sind, während die Weißen in ihrer Zivilisation verlernt haben, die Wahrheit der Natur zu sehen. Und überschreitet einer von ihnen die Grenze — in diesem Falle ein Karrierist namens Kuntz — so muss er zurückgeholt und vor sich selber gerettet werden.

Auf diese Weise balanciert Conrad auf einem ganz schmalen Grad. Er lässt keinen Zweifel daran bestehen, dass die schwarze und die weiße Welt nicht zusammenfinden kann, aber andererseits ist für ihn die weiße Welt verderbt, während die schwarze noch derart primitiv ist, dass sie noch gar keine Vorstellungen über Moral hat entwickeln können. Was besser ist, lässt er offen. Im Zweifelsfall weder das eine noch das andere.

Haruki Murakami: Kafka am Strand

Naokos Lächeln und Nach dem Beben fand ich wunderbar, aber Kafka am Strand hat mich enttäuscht. Dabei fängt es wirklich gut an. Es erzählt parallel die Geschichte von Kafka, einem Ausreißer, der in einer Privatbibliothek unterkommt, und Nakata, der dazu getrieben wird, einen Katzenfänger zu ermorden und dann in dieselbe Richtung flüchtet wie Kafka.

Die phantastischen Elemente, die sich am Anfang noch in Grenzen halten und in die Geschichte einfügen (Nakata kann mit Katzen sprechen, Kafka begegnet nachts dem Geist der Bibliotheksbesitzerin, die aber eigentlich noch lebt), nehmen irgendwann überhand und werden zum Selbstzweck. Nicht nur dadurch schwindet die Glaubwürdigkeit, sondern auch weil man Kafka, immerhin einem 15-jähriger Jungen, seine hochphilosophischen Betrachtungen nicht mehr abnimmt, und Nakata so übertrieben liebenswürdig-beschränkt ist, dass man ihn manchmal schütteln möchte.

Ein Freund von mir hat gesagt, dass erfolgreiche Autoren oft in die Ausschweifungsfalle tappen, weil das Lektorat sich nicht mehr traut, sie in die Schranken zu weisen. Das ist hier vielleicht geschehen, denn von den 600 Seiten hätte man sicher ein Drittel weglassen können und dann vielleicht eine schöne und nachvollziehbare Geschichte erzählt.

Henning Mankell: Mittsommermord

Übertrieben gesagt: Durch Henning Mankell bin ich zum Krimi zurückgekommen. Jahrelang habe ich kaum Krimis gelesen, und dann hat mich der Hype weichgekocht. Mörder ohne Gesicht hat mich wirklich begeistert, aber diese Begeisterung nahm dann mit jedem weiteren Buch ab. Mankells Wallander-Krimis wurden immer sensationeller, und mehr als einmal musste sich der Kleinstadtkommissar mit Weltverschwörungen auseinandersetzen. Ich meine, Fiktion hin oder her, aber Ystad ist noch kleiner als meine Geburtsstadt Husum, und der Gedanke, dass ausgerechnet dort ein Umsturz geplant wird, ist absurd. Der Gipfel ist der Roman Die Brandmauer, der mir nicht nur gezeigt hat, wie schlampig Mankell recherchiert, sondern auch, dass er sich endgültig von jeder Subtilität verabschiedet hat: Seine Gesellschaftskritik prügelt er mit dem Vorschlaghammer in den Leser, bis es auch der letzte kapiert hat.

Mittsommermord kommt vor Die Brandmauer. Immerhin geht es hier nicht um eine Weltverschwörung, sondern nur um einen “normalen” Serienkiller. Ich habe an dieser Stelle ja schon mehrfach meine Meinung zu dieser Spezies Bösewicht kundgetan, darum nur soviel: Wenn schon einen Massenmörder, dann mit vernünftiger Motivation für seinen Morddurst. Und eigentlich wäre es auch spannender, wenn man nicht ständig erführe, was denn der Killer als nächstes plant, sondern alles nur aus der Sicht er Ermittelnden erlebte.

Ingesamt wirkt der Roman ziemlich hingeschludert. Abgsehen davon dass Wallanders Ausbrüche reichlich unmotiviert erscheinen und er dadurch nicht gerade die Sympathie des Lesers gewinnt, sind auch alle anderen Figuren einigermaßen flach, insbesondere — und das ist besonders fatal — die des Killers selbst. Außerdem gibt es immer wieder Floskeln à la “In welcher Welt leben wir, die so etwas zulässt?” und “Früher wusste ich, warum ich Polizist geworden bin, heute nicht mehr.”

Doch trotz aller Unzulänglichkeiten muss man eines anerkennen: Der Roman entfaltet einen Sog. Der Polizeiberichtstil mit seinen ständigen Datums- und Zeitangaben ist eigentlich nicht dazu angetan, und auch wenn man eigentlich längst weiß, worauf alles hinausläuft, bleibt es spannend. Das Buch wird sicher keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, aber auf seltsame Weise lässt es einen über viele der Ungereimtheiten hinwegsehen und beschert dann doch eine recht unterhaltsame Lektüre.

Arnaldur Indridason: Nordermoor

Herr Indridason, hören Sie mal zu. Plot ist nicht alles. Auch nicht für einen skandinavischen Krimiautoren. Auch nicht wenn man Preise gewinnt. Ein Roman braucht noch nachvollziehbare Charaktere, einen Kommissar, den man von Rest des Handlungspersonals unterscheiden kann, und vor allem einen Schreibstil, der diese Bezeichnung verdient. Weil wir des Isländischen nicht mächtig sind, wissen es natürlich nicht sicher, aber es kann unmöglich nur an der Übersetzung liegen, dass die Personen ständig “vom Donner gerührt sind”, “die Hand vor Augen nicht sehen” oder “bis auf die Knochen nass werden”. Und noch was: Dauerregen allein macht noch keine Atmosphäre.