Teil 1 → hier.
Kaum mokiere ich mich darüber, dass ich keine guten Bücher mehr finde, lese ich zwei Meisterwerke hintereinander.
Cormac McCarthy: No Country for Old Men
Ich bin da ja etwas zwanghaft. Wenn ich von einem Film die Romanvorlage lesen will, dann mag ich den Film nicht vorher sehen. Diesmal hatte ich aber Angst, dass der Film aus den Kinos verschwand, bevor ich den Roman durch hatte, also ließ ich das Buch auf dem Nachttisch liegen und ging ins Kino.
Die Coen-Brüder machen dann auch einen guten Job, eng an der Vorlage, aber leider auch immer wieder leicht ins Klamaukhafte abrutschend, nämlich dann, wenn zwischen den Figuren einer dieser typischen Südstaatendialoge entspinnt. McCarthy hat ein großartiges Ohr für die Ausdrucksweise der sogenannten kleinen Leute, doch während man bei McCarthy die tiefe Symapthie für diese kleinen Leute spürt, geben die Coen-Brüder sie mehr als einmal der Lächerlichkeit preis.
Aber wieso eigentlich vergleichen? Das Buch ist ein ganz großer Wurf, noch besser also der Pulitzer-Preis-Gewinner The Road. McCarthys Prosa strahlt gleichzeitig Wärme und Kälte aus. Wärme, weil sie uns mitnimmt in die Seele der Leute, die sich dem harten Leben an der Grenze zwischen Mexiko und der USA stellen müssen, und Kälte, weil sie uns klarmacht, warum genau diese Leute niemals werden überleben können.
Clemens Meyer: Als wir träumten
Den Autoren dieses Buches sah man auf der Leipziger Buchmesse an jeder Ecke. Natürlich, hatte er ja auch den Messepreis gewohnnen, und Leipziger ist er obendrein.
Er hat ein Kunsttüsck fertig gebracht, dass nur wenige zustande bringen, und Deutsche normalerweise schon gar nicht: einen sentimentalen Roman, der nicht in Kitsch abdriftet. Er erzäht über eine Handvoll Heranwachsender vor und nach der Wende in Leipzig. Eigentlich ist es auch nicht unbedingt ein Roman, sondern eine Sammlung von Episoden, die in nicht-chronologischer Reihenfolge erzählt werden. Trotzdem fügen sie sich zu einem so stimmigen Gesamtbild zusammen, dass einen das Herz für die Figuren aufgeht und man sie am Ende gar nicht mehr missen möchte.
Ian Rankin: Exit Music
Rankin habe ich an dieser Stelle ja schon rauf und runtergelobt, aber man kann ihn ja gar nicht genug anpreisen. Fast jedes Jahr hat er uns mit einem neuen Roman über John Rebus verorgt, einem melancholischen, trunksüchtigen Inspektor in Edinburgh. Aber anders als die melancholischen, trunksüchtigen Kommissare diverser schwedischer Autoren nervt uns Rebus nicht mit Wehleidigkeit, sondern nimmt sein kaputtes Dasein immer mit einer Prise schottischen Humors.
Jetzt, nach zwanzig Jahren und fast ebensoviele Romanen mit Rebus, ist Schluss. Exit Music ist Rebus’ letzter Fall. Das ist natürlich traurig, denn eine solche Figur gibt es kein zweites Mal. Andererseits tut es Rankin vielleicht auch mal gut, sich auf etwas Neues zu stürzen. Denn auch wenn Exit Music ziemlich gelungen ist, merkt man dem Buch ein bisschen die Routine an. Rankin hat sich nicht zu einem ähnlichen Bombast hinreißen lassen wie bei dem eher schwachen Vorgänger The Naming of the Dead, aber angesichts der Tatsache, dass Rebus in diesem Buch in Rente geht und damit den Mittelpunkt und einzigen Sinn in seinem Leben verliert, hätte man sich doch ein bisschen mehr Tiefe gewünscht.
Nichtsdestotrotz ein tolles Buch, das soviel Anderes aus diesem Genre auf Distanz hält.
Rolo Diez: Hurensöhne
Eine böse Satire auf Korruption und Machismo in Mexiko. Aber leider auch nicht viel mehr. Bei mir ist nicht viel hängen geblieben, auch wenn das Buch nicht wirklich schlecht ist. Wahrscheinlich muss man Mexiko besser kennen, aber das fast völlige Fehlen eines Falles als roter Faden ist mir persönlich nicht genug, um noch ein Buch von Diez zu lesen.
Michael Cunningham: Flesh and Blood
Zusammen mit A Home at the End of the World eines der früheren Werke von Cunningham, die noch nicht so sehr auf literarische Vorgaben fußen, wie z.B. das großartige The Hours. Cunningham beschreibt die Geschichte einer Familie, gegründet von zwei Amerika-Einwandern (einem Griechen und einer Italienerin), die so gefangen sind in dem Zwang, den amerikanischen Traum zu leben, dass sie sich selbst, den Ehepartner und auch die Kinder hintenanstellen. Wir verfolgen den Weg der Eltern, der Kinder und zum Teil auch der Enkelkinder. Jeder von ihnen versucht, einen Platz im Leben und vor allem ein kleines bisschen Glück zu finden. Das alles ist zwar angereichert mit ein paar größere Dramen, als sie in einem normalen Leben vorkommen mögen, aber letztlich geht es um die Gefühlswelt innerhalb einer Familie, um die Reibungen, die große Liebe und der große Hass, den es nur zwischen nahen Verwandten geben kann. Ein tolles, bewegendes Buch.
Leonardo Padura: Labyrinth der Masken
Aus irgendeinem Grunde wird Genreliteratur ja immer an ihren schlechten Beispielen gemessen. Ich will hier gar nicht anfangen zu fragen, was “literarische Krimis” sind, dafür sind andere zuständig. Aber eigentlich ist es klar, warum Bücher wie diese nie genug Leser finden werden: zu viele Anspielung, zu wenig Action, zuviel Innerliches.
Wie viele andere “bessere” Krimi-Autoren auch, benutzt Padura den Krimi als Vehikel, um bestimmte Randthemen der Gesellschaft zu beleuchten, in diesem Falle die Kubas. Aber anders als manch anderer der “Literischer-Krimi”-Fraktion tut er das mit einem tiefen Respekt gegenüber dem Genre. Der Fall ist eben nicht nur Nebensache, auch wenn die Auflösung keinen Knalleffekt bringt.
Der Roman schwirrt nur so von literarischen Anspielungen und wechselt zwischen poetischem Stream-of-Concioness und direkten, bisweilen vulgären Dialogen. Ich will hier gar nicht großartig auf die Handlung eingehen, denn alles, was ich hier sage, trifft auch auf die anderen drei Bücher des “Havanna-Quartets” zu. Unbedingte Empfehlung!