Kategorie: Bücher

Mal wieder ein paar Bücher…

John Irving: The Hotel New Hampshire

Eines dieser Bücher, bei denen man traurig ist, wenn es vorbei ist. Irving packt soviele Einfälle in ein einzige Kapitel wie andere nicht in ganze Bücher. Dieser Roman ist so voller skurriler Charaktere, seltsamer Wendungen, Humor, Wärme und Tragik, dass man sich noch lange daran erinnert. Nur das Ende hätte vielleicht ein bisschen weniger sentimental sein können…

Bram Stoker: Dracula

Davon kann natürlich nur jeder Schriftsteller träumen: Mit einem einzigen Buch ein ganzes Genre definieren. Man denkt zwar, man kennt die Geschichte, aber beim Lesen merkt man doch, dass man zu sehr von den schlechten Nachahmern versaut ist. Der Roman bleibt spannend, auch wenn er aus heutiger Sicht dann doch ein bisschen arg dick aufträgt. Aber so war das eben damals unter Königin Viktoria.

Leonardo Padura: Adiós Hemingway

Nach dem Havanna-Quartett wollte Padura ja eigentlich den Charakter des Teniente Conde beerdigen. Aber für diese Geschichte hat er ihn dann doch nochmal reaktiviert. Es geht um eine Leiche, die auf Hemingways früherem Anwesen (jetzt Museum) gefunden wurde. Diese Leiche ist vierzig Jahre alt, und bei der Polizei interessiert sich niemand so richtig dafür, also muss Conde ran, der ja eigentlich jetzt Schriftsteller und kein Polizist mehr ist.

Für mich ist dieses Buch das beste aus Paduras Conde-Serie. Es scheint, als täte es Padura gut, aus dem Korsett eines Romanzyklus auszubrechen. Und so setzt er seinem ohnehin genialem Quartett etwas noch Besseres hinterher.

Bret Easton Ellis: Less Than Zero

Ich mag Ellis ja sehr, und dieses Buch habe ich zum ersten Mal gelesen, als es damals rauskam. Das Grauen von American Psycho deutet sich schon an, aber der Schrecken ist hier subtiler. Dass man sich 200 Seiten lang von der Gleichgültigkeit und dem Nichts fesseln lassen kann, zeigt wie gut Ellis schon damals war (gerade mal Anfang zwanzig!). Für mich ist es immer noch sein bestes Buch, denn er verzichtet bis kurz vor Schluss ganz auf Schockeffekte und einen dann nur umso heftiger zu treffen.

James M. Cain: The Postman Always Rings Twice

(dt. Wenn der Postmann zweimal klingelt)

Buchumschlag

Ich will nicht einordnen. Nicht in das Umfeld und in die Epoche schon gar nicht. The Maltese Falcon fand ich unglaublich blöd, andere von Hammet waren auch nicht besser. Da nützt es mir dann wenig, wenn diese Bücher eine ganze Gattung definiert haben, wenn ich heute nur noch über sie lachen kann.

The Postman hätte auch so ein Kandidat sein können. Damals verursachte es Riesenwirbel: Zuviel Sex, zuviel Gewalt. Aus heutiger Sicht ist der Apspekt natürlich harmlos. Jeder Tatort zeigt da schon mehr.

Aber vielleicht ist das besser so. So können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren.

Die Story: Die USA in den Dreißigern. Frank Chamber ist ein Vagabund, ein Kleinkrimineller, der einen Job in einem Diner in Kalifornien annimmt. Der gehört Nick, einem griechischen Einwanderer. Frank fühlt sich sofort zu Cora, Nicks Frau, hingezogen, und es dauert nicht lange, da hecken die beiden einen Plan aus: Nick beiseite schaffen, den Diner zu verkaufen und sich mit dem Geld ein schönes Leben zu machen.

Aber so einfach ist das alles natürlich nicht. Die Polizei ist da das geringste Problem. Vielmehr ist die Beziehung zwischen Frank ein ständiges Ringen zwischen Liebe, Sex, Gewalt, Alkohol und Misstrauen. Auf dem ersten Blick erscheint es typisch hard-boiled, wie Cora Frank verfällt, aber dann merken wir, dass auch er nicht von ihr loskommt, dass er von ihr abhängig ist, und das nicht nur wegen des Geldes. Wir beobachten ein Pendel der Macht: Mal schwingt es in Franks Richtung, mal in Coras, aber selten bleibt es in der Mitte stehen.

Es ist ein unglaublich gradliniges Buch. Gute 100 Seiten, Ich-Erzähler, nichts, was nicht unmittelbar zur Geschichte gehört. Und die Dialoge: Knochentrocken, realistisch, brillant. Zu Recht ein Klassiker. Und noch dazu einer, der moderner wirkt als so vieles, was heutzutage auf den Markt kommt.

Cormac McCarthy: The Crossing

BuchumschlagDies ist der zweite Teil der Border-Trilogie. Im Prinzip gilt dasselbe, was ich über den ersten Teil (All the Pretty Horses) gesagt habe. Und doch hat mich dieses Buch nicht ganz so mitgerissen, nicht ganz so berührt wie Pretty Horses.

Es liegt wahrscheinlich daran, dass es einerseits zu ähnlich ist, aber dann auch wieder zu anders. Ähnlich dieshalb, weil es wieder um einen Jungen geht (diesmal heißt er Billy), der von zu Hause abhaut. Er will einen Wolf, den er eigentlich hätte jagen sollen, über die Grenze in dessen Heimat, den mexikanischen Bergen zu bringen. Und wieder ist dieser Junge ein Romantiker, ein Abenteurer, der aber auch feststellen muss, dass die Welt vielleicht oft abenteuerlich ist, aber beileibe nicht immer romantisch.

Doch wo Pretty Horses sehr zwingend war, einen mitgerissen hat, fängt dieses Buch an zu schlingern. Es hat natürlich auch mit Billy zu tun, der manchmal selbst nicht weiß, was eigentlich sei Ziel ist. Und so braucht es immer wieder Menschen, die ihm mit ihren Geschichten auf den richtigen Weg zurückführen. Und es sind dann diese Geschichten, die ein wenig ermüden, denn sie kommen allzu oft als Gleichnisse her, und ich muss ehrlich sein: Da schalte ich ab.

So hat man manchmal das Gefühl, das McCarthy mit diesem Buch ein wenig zu viel Botschaft reinpacken wollte und seine Lakonie und seine Strenge zu kurz kommen ließ. Es ist natürlich trotzdem noch ein gutes Buch, und ich bin gespannt auf den dritten Teil, in dem die beiden Hauptcharaktere der ersten beiden Bücher aufeinander treffen. Immerhin sind sie doch verschiedenen genug, dass es da viel Reibung geben kann.

Arnaldur Indriðason: Todeshauch

Todeshauch: BuchumschlagGehört Island zu Skandinavien oder nicht? Je nach Sichtweise und Kontext kann man unterschiedlicher Meinung sein, aber will man in Deutschland Krimis aus Island verkaufen, so ist die Antwort eindeutig ja. Und Indriðasons Kommissar Erlendur Sveinsson erfüllt auch die Standardanforderungen an einen skandinavischen Kommissar, wie man ihn hierzulande gerne sieht: Einsam, melancholisch, mit seiner Familie überworfen. Leider bleibt er trotz all dieser Bürden erstaunlich blass, wenn auch nicht ganz so blass wie seine Kollegen, die man gerne einmal miteinander verwechseln kann, so schwach sind sie charakterisiert.

Die Handlung: Reykjavík breitet sich immer mehr ins Umland aus, und in einem der vielen Neubaugebiete wird ein Skelett gefunden. Es ist alt, sechzig, siebzig Jahre, und so beginnt eine Spurensuche in eine Zeit, als Island noch zu Dänemark gehörte, das wiederum aber von Deutschen besetzt war, so dass die Briten bzw. Amerikaner ihrerseits Island besetzen, um die strategisch wichtig gelegene Insel nicht den Feinden zu überlassen. In Rückblenden erfahren wir dann die Geschichte einer Familie jener Zeit, die unter dem herrischen Terror des Vaters zu leiden hat. Und anders als in der Gegenwartshandlung bekommt hier der Roman ein bisschen Tiefe und vor allem nachvollziebare Charaktere. Zwar schrammt die Darstellung der väterlichen Gewalt manchmal arg haarscharf am Klischee vorbei, aber sie ist zumindest sehr eindringlich und führt uns vor Augen, dass auch in den heutigen Musterländern der freien Gesellschaft einmal ein tief einzementiertes Rollenverständnis geherrscht hat.

So hätte es eigentlich der Ermittlung der Polizei gar nicht gebraucht. Sie dient eigentlich nur dazu, den Erzählstrang aus der Vergangenheit ab und so spannungswirksam zu unterbrechen. Außerdem krankt das Buch wie auch schon Nordermoor an einer schlampigen Sprache und hastigen Perspektivwechseln. Und von dem deutschen Titel will ich gar nicht erst anfangen. Aber angesichts der Tatsache, dass dieses Buch besser ist als sein Vorgänger, besteht ja noch Luft nach oben.

Richard Price: Lush Life

Richard Price: Lush LifeEric Cash ist Mitte dreißig, lebt an der Lower East Side von New York und arbeitet als Manager in einem Restaurant. Aber natürlich will er Künstler sein, wie so viele in dem Viertel. Eines Tages geht er mit seinem über zehn Jahre jüngeren Kollegen Ike und dessen Kumpel auf Sauftour. Sie werden überfallen. Während Eric bereitwillig sein Geld weggibt, makiert Ike den starken Mann — und wird erschossen. Aber von wem? Von dem Gangster… oder doch von Eric? Wurden sie überhaupt überfallen oder behauptet Eric das nur? Immerhin kann der Dritte im Bunde keine vernünftige Aussage machen, so besoffen wie er war.

Wir Leser wissen eigentlich relativ schnell, wer es war. Und so beobachten wir, wie die Polizei erst der falschen Spur folgt und wie sie sich zwischen den verschiedenen Gruppen des Viertels bewegen muss: Den Hipstern, den Neureichen, den Alteingesessenen, den Chinesen, den Schwarzen und Latinos in den Sozialbauten. Die Lower East Side befindet sich mitten im Umbruch. Früher Heimat der sozial Schwachen, der Einwanderer, sind jetzt die Künstler da, angelockt von billigem Wohnraum. Doch wie immer frisst die Revolution ihre Kinder. Die coolen Läden, die Bars, die Atomosphäre der Bohème lockt jetzt die Reichen an. Und die treiben die Mieten derart in die Höhe, dass die Künstler, die das Viertel erst cool gemacht haben, es sich nicht mehr leisten können, dort zu wohnen. Von den Alten und Armen ganz zu schweigen.

So ist Price’ Roman natürlich eine Art Sittengemälde, a great american novel. Aber Gott sei Dank macht Price keine große Show draus, sondern erzählt lakonisch und bisweilen sarkastisch seine Geschichte. Er ist immer dann am besten, wenn er den Leuten aufs Maul schaut: Seine Dialoge gehören zu den besten, die man im Moment lesen kann. Nicht umsonst hat er auch an The Wire mitgearbeitet.

Fazit: Ein sehr gutes Buch. Manchmal, nur manchmal will es ein bisschen zuviel und quetscht Price ein bisschen immer noch ein bisschen mehr rein, will alle Facetten der Lower East Side beleuchten. Das Buch wird ja schon heute als Klassiker gefeiert, und an der einen oder anderen Stelle hat man den Eindruck, dass Price genau darauf abgezielt hat.

Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Das Buch ist wirklich exzellent und voller so unglaublich lebendiger Charaktere, dass sie einem auch nach der Lektüre noch tagelang begleiten. Wollen wir nur hoffen, dass das Ganze auch in der deutschen Übersetzung rüberkommt (Erscheinungstermin: 2009).

Jason Starr: Top Job

Bill Moss arbeitet als Telefonverkäufer in New York. Natürlich ödet ihn der Job an, natürlich will er eigentlich was ganz Anderes machen. Aber irgendwo muss das Geld ja herkommen, und außerdem ist er grad zu träge, um sich um einen neuen Job zu kümmern. Doch dann wird er plötzlich befördert, sehr zum Leidwesens seines Abteilungsleiter. Bill muss sich also gegen seinen Konkurrenten wehren, und tut dies mit allen Mitteln. Irgendwann hat er sich so in seine eigene Lügenwelt verheddert, dass er nur noch mit Gewalt da raus kommt.

Top Job ist ein böser Kommentar auf die Arbeitswelt heutzutage. Jeder, der mal in einem entwürdigenden Job unter dämlichen Chefs gearbeitet hat (und wer hat das nicht?), wird sich wiederfinden. Als Thriller funktioniert das Buch aber leider nicht immer, denn irgendwie ahnt man schon von Anfang an, wohin die Reise geht. Wer aber auf absolute Hochspannung verzichten kann und sich mit schwärzester Satire begnügt, ist hier gut aufgehoben.

John Burdett: Bangkok Haunts

Es ist ja immer so eine Sache mit den Romanen, die an “exotischen” Schauplätzen spielen. Meistens klingen sie wie ein Reiseführer. Aber Burdett hat da einen ganz einfachen Trick. Er lässt seine Hauptfigur, den Polizisten Sonchai Jitpleecheep, direkt zu uns sprechen, zu uns Westlern nämlich, den Farrang. Es ist also, als würden wir mit ihm in einer Kneipe sitzen und er erklärt uns: “Sieh her, so ist das bei uns in Thailand.” Und weil Sonchai nur halb Thai ist (seine Mutter ist eine Thai, eine Ex-Prostituierte, und sein Vater einer ihrer Freier, ein Amerikaner) versteht er natürlich auch uns ein bisschen.

Das funktioniert über weite Strecken, wenn es auch in den vorherigen Teilen — Bangkok 8 und Bangkok Tattoo — besser funktioniert hat. Denn in diesem Buch reitet Burdett manchmal zu sehr auf den Unterschieden herum, ergreift zu stark Partei: Hier die zwar armen, aber erleuchteten Thai, dort die reichen, aber entfremdeten Westler.

Doch das ist eigentlich auch fast schon der einzige Kritikpunkt. Burdett schafft es wieder einmal, ein tolles Szenario aufzubauen, eine spannende Geschichte mit schillernden Charakteren, in die Sonchai und damit auch wir mitten rein geworfen werden. Es geht um ein Snuff-Video, das Sonchai anonym zugeschickt bekommt und in dem eine Frau brutal umgebracht wird, die ihm sehr nahe stand. Die Spur führt ihm in die Bagkoker Geschäfts- und Unterwelt und sogar bis nach Kambodscha.

Die anderen beiden Bücher der Serie mögen vielleicht besser sein, aber auch dieses: Durchaus gelungen.

Ron Leshem: Wenn es ein Paradies gibt

Nachdem wir Deutschen erst einmal Europa in Schutt und Asche gelegt haben, haben wir ja auch festgestellt, dass der Krieg es irgendwie nicht sein kann. Und weil wir alles immer ganz richtig machen, sitzen wir jetzt auf dem hohen Ross und mokieren uns über alle, die zu den Waffen greifen.

Klingt ja auch einfach: Wer tötet, kann nicht recht haben, und wer damit anfängt, hat Schuld. Aber was ist z.B. mit Israel? Das Land ist ja quasi umzingelt von Feinden. Soll es deren Angriffe mit Lichterketten und Sitzblockaden begegnen? Oder haben die Israelis gar selbst Schuld, weil sie die Araber vertrieben hatben? Oder haben sie nicht doch ein Anrecht auf das Land, weil sie es ganz ursprünglich mal bewohnt haben?

Schwierig zu beantworten, wenn überhaupt. Fakt ist jedenfalls, dass Isreal in einer verdammt aussichtslosen Situation ist, seit seiner Gründung von über sechzig Jahren eigentlich im permanenten Kriegszustand ohne wirkliche Aussicht auf Frieden.

Und von dieser Situation handelt der Roman. Genauer: Er geht um die Festung Beaufort im Süden des Libanon. Dort waren die Isralis Anfang der Achtziger einmarschiert und hielten fast zwanzig Jahre lang einen Schutzstreifen besetzt, um den Norden Isreals vor Rektenangriffen zu schützen. Einer der stragegisch wichtigsten Punkte ist eben diese Festung Beaufort, die auf eine jahrhundertealte Geschichte zurückblicken kann. Anfang der Achtziger war ganz Isreal voll auf Seiten der Besatzungssoldaten, aber Ende der Neunziger schwenkte die Stimmung: Man begann zu erkennen, dass all das keinen Sinn hatte. Immer noch kamen Soldaten um, und die Hisbollah schien stärker denn je.

Das Buch erzählt die Geschichte einer Soldateneinheit aus Sicht eines Offiziers. Die Soldaten wissen bereits, dass die Festung, dass der Ganze Sicherheitsstreifen aufgegeben werden soll, und müssen trotzdem ausharren. Jeder Tote ist eigentlich noch sinnloser als sowieso schon.

Leshem führt uns ganz tief in die Innenwelt der Soldaten. Der Erzähler steht voll und ganz hinter den Zielen Israels, ist vom tiefen Hass auf die Hisbollah erfüllt. Das ändert sich auch bis zum Schluss nicht, aber je mehr Kameraden sterben müssen, je abhängiger sie von den Winkelzügen der Politker sind, desto mehr beginnt in ihm die Erkenntnis zu reifen: Dieser Kampf ist aussichtslos.

Es ist ein sehr gutes, sehr bewegendes Buch. Gerade weil es überhaupt keine Distanz zu den Figuren hält, kann es tief berühren. Es zeigt, wie es ist, in einem Land zu leben, das sich permanent im Berdrohungszustand befindet, und wie es die Menschen zerreißt.

Jakob Arjouni: Kismet

Dies ist das neueste und voerst letzte Buch um den türkischstämmigen Privatdetektiv Kayankaya. Hier muss er sich — zuerst aus Freundschaft, dann aus Schuld — mit Schutzgelderpressern und Schleusern herumschlagen. Das ganze spielt im Frankfurter Bahnhofsviertel, und diese Halbwelt ist von Arjouni mit soviel Gespür und Liebe für das Klientel dort erzählt, dass es eine Freude ist, das zu lesen. Wenn auch leichter, so erinnert das Ganz an Jörg Fauser, denn auch der ließ sich von seinen großen amerikanischen Vorbildern (Chandler et. al) dazu inspirieren, die bundesdeutsche Gewöhnlichkeit unter die Lupe zu nehmen. Und so lernen wie nicht nur fiese Gangster kennen, sondern auch die hessische Eingstirnigkeit, gleichförmige Einkaufszonen und jede Menge Leute, die, egal ob aus Brasilien oder Offenbach, versuchen, irgendwie zu überleben. Thrillermäßig kommt vielleicht nicht die maximale Spannung auf, aber man fiebert mit den Charakteren und fühlt sich nach der Lektüre prächtig unterhalten.

Doris Gercke: Weinschröter du musst hängen

Der erste Roman um die Kommissarin Bella Block. Sie wird in ein Dorf geschickt, in dem sich kurz hintereinander zwei Leute umgebracht hat. Sie hält den Auftrag für Quatsch, geht aber trotzdem, weil sie in dem Dorf sowieso ihr Wochenendhaus hat und anfangs meint, sich dort erholen zu können statt sich um den Fall zu kümmern. Aber natürlich kommt es anders…

Was schön ist: Viel ermittelt wird nicht in dem Buch. Wir erfahren das meiste aus der Sicht der Mörderin, nur ihre Identität ist uns bis zum Schluss nicht klar (wenn auch keine wirkliche Überraschung). Das Buch ist kurz und knackig (kaum 100 Seiten), die Figuren sehr gut gezeichnet, wenn auch manchmal ein wenig arg nach dem Schema “Wir im Dorf sind uns selbst genug”, und Block lässt sich mehr von Wodka-O-Saft und Intuition leiten als von Schema-F der Ermittlungen.

Ich muss jetzt nicht unbedingt noch ein Buch aus der Serie lesen, aber der Ton hebt sich angenehm ab von Rest der Krimiwelt.

Cormac McCarthy: All the Pretty Horses

Mit diesem Buch ist McCarthy endgültig zu einem meiner Lieblingsautoren geworden. Es gehört zusammen mit The Crossing und Cities of the Plains zur Border Trilogy, die vom Leben an der Grenze zwischen den USA und Mexiko erzählt. Wenn einem das jetzt an No Country for Old Men erinntert, so ist das kein Wunder, denn in Stimmung und Thema ist die Trilogie sicher ein Vorläufer von No Country.

Pretty Horses spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Texas und handelt von einem sechzehnjähigen Jungen, der nach Mexiko ausreißt, um dort als Cowboy zu arbeiten. Man merkt McCarthy die Liebe zu dem Land an, doch auch wenn eine gewisse Romantik immer mitschwingt, wird das Buch niemals sentimental. Dafür ist McCarthys Erzählstil einfach zu trocken und zu realistisch. Allein schon, dass er zeilenlange Dialoge ausschließlich auf Spanisch schreibt, weil die einfachen Arbeiter in Mexiko nunmal kein Englisch können, zeigt dass er keine Kompromisse macht. (Aber keine Angst, auch ohne Spanischkenntnisse kann man ganz hervorragend folgen.) Dabei geht es bei aller Lakonie um die Sehnsucht nach Abenteuer und Heimat gleichermaßen. Und natürlich um Freundschaft und Liebe.

Ich habe auch die beiden anderen Bände dieser Trilogie hier liegen und freue mich schon sehr darauf.

Das Jahr 2008 in Büchern, Teil 2

Teil 1 → hier.

Kaum mokiere ich mich darüber, dass ich keine guten Bücher mehr finde, lese ich zwei Meisterwerke hintereinander.

Cormac McCarthy: No Country for Old Men

Ich bin da ja etwas zwanghaft. Wenn ich von einem Film die Romanvorlage lesen will, dann mag ich den Film nicht vorher sehen. Diesmal hatte ich aber Angst, dass der Film aus den Kinos verschwand, bevor ich den Roman durch hatte, also ließ ich das Buch auf dem Nachttisch liegen und ging ins Kino.

Die Coen-Brüder machen dann auch einen guten Job, eng an der Vorlage, aber leider auch immer wieder leicht ins Klamaukhafte abrutschend, nämlich dann, wenn zwischen den Figuren einer dieser typischen Südstaatendialoge entspinnt. McCarthy hat ein großartiges Ohr für die Ausdrucksweise der sogenannten kleinen Leute, doch während man bei McCarthy die tiefe Symapthie für diese kleinen Leute spürt, geben die Coen-Brüder sie mehr als einmal der Lächerlichkeit preis.

Aber wieso eigentlich vergleichen? Das Buch ist ein ganz großer Wurf, noch besser also der Pulitzer-Preis-Gewinner The Road. McCarthys Prosa strahlt gleichzeitig Wärme und Kälte aus. Wärme, weil sie uns mitnimmt in die Seele der Leute, die sich dem harten Leben an der Grenze zwischen Mexiko und der USA stellen müssen, und Kälte, weil sie uns klarmacht, warum genau diese Leute niemals werden überleben können.

Clemens Meyer: Als wir träumten

Den Autoren dieses Buches sah man auf der Leipziger Buchmesse an jeder Ecke. Natürlich, hatte er ja auch den Messepreis gewohnnen, und Leipziger ist er obendrein.

Er hat ein Kunsttüsck fertig gebracht, dass nur wenige zustande bringen, und Deutsche normalerweise schon gar nicht: einen sentimentalen Roman, der nicht in Kitsch abdriftet. Er erzäht über eine Handvoll Heranwachsender vor und nach der Wende in Leipzig. Eigentlich ist es auch nicht unbedingt ein Roman, sondern eine Sammlung von Episoden, die in nicht-chronologischer Reihenfolge erzählt werden. Trotzdem fügen sie sich zu einem so stimmigen Gesamtbild zusammen, dass einen das Herz für die Figuren aufgeht und man sie am Ende gar nicht mehr missen möchte.

Ian Rankin: Exit Music

Rankin habe ich an dieser Stelle ja schon rauf und runtergelobt, aber man kann ihn ja gar nicht genug anpreisen. Fast jedes Jahr hat er uns mit einem neuen Roman über John Rebus verorgt, einem melancholischen, trunksüchtigen Inspektor in Edinburgh. Aber anders als die melancholischen, trunksüchtigen Kommissare diverser schwedischer Autoren nervt uns Rebus nicht mit Wehleidigkeit, sondern nimmt sein kaputtes Dasein immer mit einer Prise schottischen Humors.

Jetzt, nach zwanzig Jahren und fast ebensoviele Romanen mit Rebus, ist Schluss. Exit Music ist Rebus’ letzter Fall. Das ist natürlich traurig, denn eine solche Figur gibt es kein zweites Mal. Andererseits tut es Rankin vielleicht auch mal gut, sich auf etwas Neues zu stürzen. Denn auch wenn Exit Music ziemlich gelungen ist, merkt man dem Buch ein bisschen die Routine an. Rankin hat sich nicht zu einem ähnlichen Bombast hinreißen lassen wie bei dem eher schwachen Vorgänger The Naming of the Dead, aber angesichts der Tatsache, dass Rebus in diesem Buch in Rente geht und damit den Mittelpunkt und einzigen Sinn in seinem Leben verliert, hätte man sich doch ein bisschen mehr Tiefe gewünscht.

Nichtsdestotrotz ein tolles Buch, das soviel Anderes aus diesem Genre auf Distanz hält.

Rolo Diez: Hurensöhne

Eine böse Satire auf Korruption und Machismo in Mexiko. Aber leider auch nicht viel mehr. Bei mir ist nicht viel hängen geblieben, auch wenn das Buch nicht wirklich schlecht ist. Wahrscheinlich muss man Mexiko besser kennen, aber das fast völlige Fehlen eines Falles als roter Faden ist mir persönlich nicht genug, um noch ein Buch von Diez zu lesen.

Michael Cunningham: Flesh and Blood

Zusammen mit A Home at the End of the World eines der früheren Werke von Cunningham, die noch nicht so sehr auf literarische Vorgaben fußen, wie z.B. das großartige The Hours. Cunningham beschreibt die Geschichte einer Familie, gegründet von zwei Amerika-Einwandern (einem Griechen und einer Italienerin), die so gefangen sind in dem Zwang, den amerikanischen Traum zu leben, dass sie sich selbst, den Ehepartner und auch die Kinder hintenanstellen. Wir verfolgen den Weg der Eltern, der Kinder und zum Teil auch der Enkelkinder. Jeder von ihnen versucht, einen Platz im Leben und vor allem ein kleines bisschen Glück zu finden. Das alles ist zwar angereichert mit ein paar größere Dramen, als sie in einem normalen Leben vorkommen mögen, aber letztlich geht es um die Gefühlswelt innerhalb einer Familie, um die Reibungen, die große Liebe und der große Hass, den es nur zwischen nahen Verwandten geben kann. Ein tolles, bewegendes Buch.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Aus irgendeinem Grunde wird Genreliteratur ja immer an ihren schlechten Beispielen gemessen. Ich will hier gar nicht anfangen zu fragen, was “literarische Krimis” sind, dafür sind andere zuständig. Aber eigentlich ist es klar, warum Bücher wie diese nie genug Leser finden werden: zu viele Anspielung, zu wenig Action, zuviel Innerliches.

Wie viele andere “bessere” Krimi-Autoren auch, benutzt Padura den Krimi als Vehikel, um bestimmte Randthemen der Gesellschaft zu beleuchten, in diesem Falle die Kubas. Aber anders als manch anderer der “Literischer-Krimi”-Fraktion tut er das mit einem tiefen Respekt gegenüber dem Genre. Der Fall ist eben nicht nur Nebensache, auch wenn die Auflösung keinen Knalleffekt bringt.

Der Roman schwirrt nur so von literarischen Anspielungen und wechselt zwischen poetischem Stream-of-Concioness und direkten, bisweilen vulgären Dialogen. Ich will hier gar nicht großartig auf die Handlung eingehen, denn alles, was ich hier sage, trifft auch auf die anderen drei Bücher des “Havanna-Quartets” zu. Unbedingte Empfehlung!

Das Jahr 2008 in Büchern, Teil 1

Ich kaufe dauernd Bücher. Und bei Amazon zu surfen, ist natürlich ganz perfide, weil man da einfach nur klicken muss, und schon schicken sie es einem zu.

Die Bücher auch lesen? Das ist schon schwieriger. Denn erstmal muss ich mich gerade durch Formulare mit so schönen Namen wie “Bewilligungsbogen TM3″ kämpfen, und dann habe ich in letzter Zeit das Gefühl, dass die richtig guten Bücher immer seltener werden.

Also habe ich gedacht, warum nicht mal methodisch rangehen und notieren, was man so liest. Hier die (magere) Ausbeute für die ersten Monate des Jahres 2008.

Jean-Christophe Grangé: Die purpurnen Flüsse

Fängt gut und hektisch an, geht auch gut und hektisch weiter, aber ist zum Schluss nur noch hektisch und an den Haaren herbeigezogen. Eines dieser Bücher, bei denen man das Gefühl hat, der Autor hatte zu Anfang ein paar prima Bilder im Kopf und dann nicht mehr die Kurve gekriegt.

Mercè Rodoreda: Der zerbrochene Spiegel

Nicht so gut wie Auf der Plaça del Diamant, aber dennoch ein sehr schönes, stimmiges Buch über die Geschichte einer Familie in Barcelona vom Ende des 19. Jahrhundert bis in die Franco-Zeit. Gefällt einem sicher noch besser, wenn man Familienromanfan ist.

Ruth Rendell: End in Tears

Erstes Kapitel gut, danach geht’s abwärts. Siehe hier.

Jean-Patrick Manchette: Wesküstenblues

Großartig. Schnell, virbierend, zynisch, moralfrei. So muss ein Thriller sein. Kein psychologischer Schnickschnack, Gesellschaftskritik ohne Wehleidigkeit, jede Menge Sex und Leichen, und weit und breit kein guter Held in Sicht, sondern nur pure Niedertracht.

Marcus Sakey: The Blade Itself

Das nennt man dann wohl gut durchkomponiert. Eine gute Idee wird zu Tode konstruiert, die Personen sind zu schablonenhaft, man hört ständig die Karteikarten rascheln, auf denen der Autor sich den Plot notiert hat.

Jesus Moncada: Die versinkende Stadt

Habe ich nach einem Drittel abgebrochen. Erzählt von einer Stadt, die einem Stausee weichen muss. Vielleicht muss man zu diesem Buch einfach nur mehr Ruhe haben, denn es erzählt eigentlich tolle Geschichten, aber leider so mäandernd, so in der Zeit umherspringend, dass ich schlicht nicht mehr folgen konnte.

P.D. James: Children of Men

Nach exakt zwei Seiten abgebrochen. Was für ein Gelaber. Diese großartige Grundidee völlig zu Tode gequatscht, und das schon, bevor das erste Kapitel zu Ende ist. Statt dessen habe ich den Film gesehen — eines der seltenen Fälle, in denen der Film um Längen besser ist als das Buch. Wahrscheinlich, weil er nur ein paar Motive genommen hat und das Buch ansonsten ignoriert. Nie wieder P.D. James.

John Fante: Ask the Dust

Ich habe mir das Buch wegen Bandini des Bloggers gekauft. Als ich ihm das schrieb, antwortete er mir: “Ach, geh mir weg mit diesem pubertierenden Scheiß.” Wie Recht er hatte. Das Buch mag vielleicht aufregend gewesen sein, als es Ende der 1930er erschien, aber ich fand es genauso ärgerlich wie Keruacs On the Road. Ich habe einfach keine Lust mehr, über die Selbstfindingstrips Heranwachsender zu lesen. Dann lieber doch die Ergüsse altersgeiler Männer wie Bukowski.

Jean-Patrick Manchette: Die Affäre N’Gustro

Nicht ganz so stringent wie Westküstenblues und vielleicht ein bisschen zu politisch. Ansonsten wieder im besten Sinne ein typischer Manchette.

Ruth Rendell

Nachdem ich von Barbara Vine’s A Dark-Adapted Eye und The House of Stairs so begeistert war, habe ich jetzt auch eines ihrer Bücher unter ihrem richtigen Namen Ruth Rendell gelesen, nämlich End of Tears. Vielleicht mag es ja daran liegen, dass mich der klassische Polizeiermittler-Krimi mittlerweile ein bisschen anödet (zuviel Noir gelesen, wie’s scheint) oder dass Frau Rendell mit den Jahren schlechter wird, aber auch wenn ich mich tapfer durch das Buch hindurchgekämpft habe, hat es mich doch über weite Strecken gelangweilt. Die Charaktere sind zwar alle sehr liebevoll gezeichnet, aber die Handlung ist doch arg konstruiert, und den endlosen Monolog des Inspectors, der uns noch einmal alles erklärt wie weiland Hercule Poirot hätte nun wirklich nicht sein müssen. Ich bleibe bei denen frühen Vine-Büchern.

Mercè Rodoreda: Auf der Plaça del Diamant

placadeldiamt.jpgGestern ging die Buchmesse zu Ende, mit Katalonien als Gastland, und in diesem Zusammenhang will ich noch einen Buchtipp loswerden.

Auf der Plaça del Diamant von Mercè Rodoreda ist ein moderner Klassiker der katalanischen Literatur und dieses Jahr — wahrscheinlich auch wegen der Buchmesse — auf Deutsch neu aufgelegt. 1962 erschienen, als die Autorin noch im Schweizer Exil lebte, erzählt es die Geschichte von Colometa (dt. Täubchen), einer jungen Frau im Barcelona der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Sie ist ein ganz normales Mädchen für die damalige Zeit, gefangen in einem Weltbild, das für sie die Rolle der Ehefrau und Mutter vorsieht. Sie ist verlobt mit einem sympathischen und soliden jungen Mann, aber bei einem Tanz lernt sie Quimet kennen. Der ist mehr ein Hans-Guck-in-die-Luft und schafft es, sie rumzukriegen, in dem er einfach verfügt: “Du heiratest mich.” Dass er nicht der beste Ehemann ist, sehen wir gleich, als er sich vor der Renovierung der gemeinsamen Wohnung drückt und später einen ganzen Schwarm von Tauben mit ins Haus holt. Als dann der Bürgerkrieg ausbricht, lässt er Colometa mit den Tauben und den Kindern allein und schließt sich den republikanischen Milizen an.

Ein deutscher Autor aus derselben Generation wie Rodoreda hätte aus diesem Stoff wahrscheinlich ein komplexes, moralinsaures Gebilde gemacht. Doch die Geschichte ist so herrlich lakonisch und anrührend erzählt, dass sie weder verkopft noch kitschig daherkommt. Ganz nebenbei zeigt sie uns, wie jemand, der sich weder für Politik interessiert noch sonst irgend etwas Besonderes vom Leben will, Opfer eines Krieges wird, sich für alle aufreibt, ohne an sich selbst zu denken, bis es ihr irgendwann zuviel wird.

Dass das Buch kein Klassiker der Weltliteratur, ja, noch nicht einmal der spanischen ist, liegt natürlich daran, dass Rodoreda auf katalanisch geschrieben hat. Aber vielleicht hat die Buchmesse ja die Leser auf Autoren wie sie aufmerksam gemacht. Verdient hätte sie es, auch wenn sie nichts mehr davon hat.