Monat: September 2008

Mad Men

Mad Men LogoMatthew Weiner hat als Drehbuchschreiber bei den Sopranos mitgearbeitet. Als die Serie ausgelaufen war, hat er ein altes Skript aus seiner Schublade rausgekramt und es HBO angeboten. Doch die lehnten ab. Da ging er dann zu AMC, und die freuen sich jetzt: Denn anscheinend wird Mad Men nicht nur mit Preisen überhäuft, sondern ist noch dazu beliebt beim Publikum (was ja nicht immer eingehergeht).

Mad Men spielt Anfang der Sechziger in New York. Wir folgen dem Treiben in einer Werbeangentur auf der Madison Avenue. Für die Männer ist die Welt noch in Ordnung. Die Sekretärinnen sind dekorative Mäuschen, deren Vorstellung von Karriere sich darin beschränkt, mit einem möglichst hohen Tier aus der Firma eine Affäre anzufangen. Die Frauen dieser Männer sitzen dann brav in den Vorstädten und versorgen die Kinder. Dass die Männer nicht nur länger im Büro bleiben, sondern nach der Arbeit gerne auch ausgiebig Bars besuchen, haben die Ehefrauen hinzunehmen. Und wenn sie etwas von den Affären ahnen, so schweigen sie. Zumindest jetzt noch.

Hauptfigur der Serie ist Don Draper, Art Director von Sterling Cooper. Einerseits ist er der typische Vertreter der Alpha-Männchen von damals. Erfolgreich, mächtig, aber nicht ruchlos. Obwohl auch er seine Affären hat, behandelt er die Frauen nicht wie Fleisch, ist immer Gentleman. Andererseits aber zeigt sich in ihm nicht nur die Verlogenheit der Zeit damals, sondern auch die Risse, die die heile Welt allmählich bekommt. Seiner Frau ist es nicht mehr genug, sich den ganzen Tag nur um die Kinder zu kümmern und abends mit dem Essen auf ihn zu warten. Seine Geliebte in der Stadt ist in der Künstlerszene zu Hause, in der wir schon Ansätze der späteren Protestbewegung erkennen, und vielleicht ist sie ihm deshalb nicht ganz so ergeben, wie Draper es gerne hätte.

Was Draper aber am meisten zerreißt, ist sein Geheimnis. Er ist nicht der, der er vorgibt zu sein, er trug früher einen anderen Namen, und irgend etwas hat es mit dem Krieg zu tun. Draper hat panische Angst, dass dieses Geheimnis gelüftet werden könnte, dabei wäre das vielleicht gar nicht so schlimm, wäre all das gar nicht so wichtig. Und so zeigt uns seine Angst, wie sehr er in den Vorstellungen von Mannesstärke gefangen ist, die die damalige Zeit noch so prägten. Alles muss perfekt sein, es darf keine Schwäche geben und niemals gegeben haben.

Und dann ist da noch das Rauchen. Jeder tut es, die Männer die Frauen, und sie tun es immer und überall. In den Bars natürlich, im Büro, direkt nach dem Aufwachen, noch im Bett liegend, im Wohnzimmer sowieso, auch in unmittelbarer Nähe von Säuglingen. Aber auch hier zeigen sich die ersten Brüche. Zum ersten Mal werden Stimmen laut, die andeuten, dass das Rauchen Krebs erregen könnte. Noch werden diese Stimmen ignoriert, aber eie gewisse Unbehaglichkeit macht sich breit. Ist endloser Genuss etwa nicht reuelos? Insofern ist das Rauchen auch ein Symbol für die Umwälzungen, die da auf die wohlgebettete oberere Mittelschicht zukommt.

Diese Serie macht eigentlich alles richtig: Vielschichtige, glaubhafte Charaktere, großartige Dialoge, logische Wendungen, die nicht mit dem Huch-Effekt daherkommen, sondern sich langsam abzeigen und dann unausweichlich sind. Auch die Produktion ist vom feinsten. Es ist zu lesen, dass jede Folge mehrere Millionen Dollar kostet. Weiner hat sich von der Bildersprache Hitchcocks inspirieren lassen, und so sehen wir die Leute in dieser fast schon unterhühlt anmutenden Atomosphäre agieren und ihre schmutzigen Geschäfte tätigen.

Es ist also eine gute Nachricht, dass diese Serie gut ankommt. So wird es hoffentlich noch mehr als nur diese erste Staffel geben. Und vielleicht kommt sie sogar nach Deutschland — wenn sicher auch wieder nur im Nachtprogramm von VOX oder so.

Wenn Frank-Walter Steinmeier noch mehr zugenommen hat und sich einen Schnauzer hat wachsen lassen, dann hat er sein Wochenende am Achensee verbracht.

Kopfschmerzen

Es ist eine Party mit Saft und ohne Alkohol und mit Couscous, mit Vorspeisenplatten und sowieso ohne Fleisch, Milch und Eier. Ein paar Leute sind schon gegangen, andere sind rüber zum Haxnbauer. Der Geschäftsführer verspricht uns: Später kommt noch was.

Ich habe Kopfschmerzen. Ein Bier würde helfen, aber es gibt keins.

Die Reden fangen an. Hier drinnen ist es so heiß und so feucht vom Gewitter und vom Schweiß. Ich muss kurz an die frische Luft. Die Fenster stehen auf, auch hier draußen kann ich die Rede hören. “Thanks to everyone who has contributed”, heißt es, ich ich habe einen nutzlosen Gedanken: Betont man “contributed” nicht auf der zweiten Silbe?

Ein paar Touristen kommen aus dem Haxnbauer und stellen sich neben mich. Von hier draußen durch das Fenster habe ich jetzt eine viel bessere Sicht auf den Redner als drinnen. Einer der Touristen sagt: “Das ist aber kein Bairisch, oder?” Alle lachen.

Meine Kopfschmerzen werden nicht besser, ich gehe wieder rein. Eine halbe Stunde später sind die Reden vorbei, und alles strömt in den Club ein Stockwerk höher. Es gibt Bier und Wodka, eine Discokugel und eine DJane. Für ein paar Stunden habe ich keine Kopfschmerzen mehr. Bis zum nächsten Morgen.

Red Road

Regie und Drehbuch: Andrea Arnold. Jahr: 2006.

Filmplakat Jackie (Kate Dickie) ist Mitte dreißig, alleinstehend, wohnt in Glasgow und arbeitet in einem Kontrollzentrum für Überwachungskameras. Ihr ist die Gegend um die Red Road zugeteilt, ein Viertel mit Sozialbauten, die so hoch in den Himmel aufragen, dass sie einmal sogar die höchsten Europas waren. Ihre Aufgabe: Das Treiben in den Straßen beobachten und die Polizei vor Ort informieren, wann immer sie etwas Verdächtiges sieht.

Aber natürlich beobachtet sie nicht nur potentielle Verbrecher, sondern auch ganz normale Menschen. Da ist der Mann, der sich liebevoll um seinen schon viel zu alten Hund kümmert, oder die fröhliche dicke Putzfrau, die offensichtlich in ihren Chef verliebt ist. Und dann ist da noch ein Mann (Tony Curran), den Jackie zu kennen scheint. Zuerst verfolgt sie ihn mit ihren Kameras, dann sogar in persona auf der Straße. Immer weiter steigt sie in sein Leben an und scheint ihm zu verfallen.

Erst nach und nach erfahen wir, was es mit dem Mann auf sich hat und dass Jacke ihre Einsamkeit nicht selbst gewählt hat. In dem Maße, in dem Jackie sich hinter ihren Kameras hervorwagt, wird sie gleichzeitig verwundbarer, stärker — und menschlicher.

Red Road basiert auf Ideen, die von Lars von Trier mit entwickelt worden sind, aber er verzichtet auf allzu hysterische psychologische Ausbrüche. Statt dessen beobachtet er die Charaktere ähnlich distanziert wie Jackie die Leute auf der Straße und kommt ihnen erst mit der Zeit näher. Der Film ist ruhig und deshalb um so intensiver. Auch vermeidet es Andrea Arnold, das Überwachungskamerasystem mit erhobenen Zeigefinger anzuklagen. Für Jackie ist es ein ganz normaler Job, der sie zufällig auf die Spur dieses Mannes bringt, aber sonst macht sie sich keine weiteren Gedanken darüber. Und auch wenn sie einfachen Passanten hinterherspioniert, tut sie das eigentlich aus einer Schwäche, aus ihrer Einsamkeit heraus und nicht aus einem Gefühl von Macht.

Red Road ist ein exzellenter Film, der sowohl als Thriller als auch als Familiendrama funktioniert. Und doch ist er nicht so düster, wie es erst den Anschein hat, kommt mit einer Prise untergründigem Humor daher und einer gehörigen Portion Humanismus.

Nur ein Tipp noch: Wer ihn sich im englischen Original anschaut, sollte vielleicht die Untertitel mitlaufen lassen, denn der schottische Akzent ist für ungeübte Ohren wirklich eine harte Nuss.