Monat: August 2008

Arnaldur Indriðason: Todeshauch

Todeshauch: BuchumschlagGehört Island zu Skandinavien oder nicht? Je nach Sichtweise und Kontext kann man unterschiedlicher Meinung sein, aber will man in Deutschland Krimis aus Island verkaufen, so ist die Antwort eindeutig ja. Und Indriðasons Kommissar Erlendur Sveinsson erfüllt auch die Standardanforderungen an einen skandinavischen Kommissar, wie man ihn hierzulande gerne sieht: Einsam, melancholisch, mit seiner Familie überworfen. Leider bleibt er trotz all dieser Bürden erstaunlich blass, wenn auch nicht ganz so blass wie seine Kollegen, die man gerne einmal miteinander verwechseln kann, so schwach sind sie charakterisiert.

Die Handlung: Reykjavík breitet sich immer mehr ins Umland aus, und in einem der vielen Neubaugebiete wird ein Skelett gefunden. Es ist alt, sechzig, siebzig Jahre, und so beginnt eine Spurensuche in eine Zeit, als Island noch zu Dänemark gehörte, das wiederum aber von Deutschen besetzt war, so dass die Briten bzw. Amerikaner ihrerseits Island besetzen, um die strategisch wichtig gelegene Insel nicht den Feinden zu überlassen. In Rückblenden erfahren wir dann die Geschichte einer Familie jener Zeit, die unter dem herrischen Terror des Vaters zu leiden hat. Und anders als in der Gegenwartshandlung bekommt hier der Roman ein bisschen Tiefe und vor allem nachvollziebare Charaktere. Zwar schrammt die Darstellung der väterlichen Gewalt manchmal arg haarscharf am Klischee vorbei, aber sie ist zumindest sehr eindringlich und führt uns vor Augen, dass auch in den heutigen Musterländern der freien Gesellschaft einmal ein tief einzementiertes Rollenverständnis geherrscht hat.

So hätte es eigentlich der Ermittlung der Polizei gar nicht gebraucht. Sie dient eigentlich nur dazu, den Erzählstrang aus der Vergangenheit ab und so spannungswirksam zu unterbrechen. Außerdem krankt das Buch wie auch schon Nordermoor an einer schlampigen Sprache und hastigen Perspektivwechseln. Und von dem deutschen Titel will ich gar nicht erst anfangen. Aber angesichts der Tatsache, dass dieses Buch besser ist als sein Vorgänger, besteht ja noch Luft nach oben.

Richard Price: Lush Life

Richard Price: Lush LifeEric Cash ist Mitte dreißig, lebt an der Lower East Side von New York und arbeitet als Manager in einem Restaurant. Aber natürlich will er Künstler sein, wie so viele in dem Viertel. Eines Tages geht er mit seinem über zehn Jahre jüngeren Kollegen Ike und dessen Kumpel auf Sauftour. Sie werden überfallen. Während Eric bereitwillig sein Geld weggibt, makiert Ike den starken Mann — und wird erschossen. Aber von wem? Von dem Gangster… oder doch von Eric? Wurden sie überhaupt überfallen oder behauptet Eric das nur? Immerhin kann der Dritte im Bunde keine vernünftige Aussage machen, so besoffen wie er war.

Wir Leser wissen eigentlich relativ schnell, wer es war. Und so beobachten wir, wie die Polizei erst der falschen Spur folgt und wie sie sich zwischen den verschiedenen Gruppen des Viertels bewegen muss: Den Hipstern, den Neureichen, den Alteingesessenen, den Chinesen, den Schwarzen und Latinos in den Sozialbauten. Die Lower East Side befindet sich mitten im Umbruch. Früher Heimat der sozial Schwachen, der Einwanderer, sind jetzt die Künstler da, angelockt von billigem Wohnraum. Doch wie immer frisst die Revolution ihre Kinder. Die coolen Läden, die Bars, die Atomosphäre der Bohème lockt jetzt die Reichen an. Und die treiben die Mieten derart in die Höhe, dass die Künstler, die das Viertel erst cool gemacht haben, es sich nicht mehr leisten können, dort zu wohnen. Von den Alten und Armen ganz zu schweigen.

So ist Price’ Roman natürlich eine Art Sittengemälde, a great american novel. Aber Gott sei Dank macht Price keine große Show draus, sondern erzählt lakonisch und bisweilen sarkastisch seine Geschichte. Er ist immer dann am besten, wenn er den Leuten aufs Maul schaut: Seine Dialoge gehören zu den besten, die man im Moment lesen kann. Nicht umsonst hat er auch an The Wire mitgearbeitet.

Fazit: Ein sehr gutes Buch. Manchmal, nur manchmal will es ein bisschen zuviel und quetscht Price ein bisschen immer noch ein bisschen mehr rein, will alle Facetten der Lower East Side beleuchten. Das Buch wird ja schon heute als Klassiker gefeiert, und an der einen oder anderen Stelle hat man den Eindruck, dass Price genau darauf abgezielt hat.

Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Das Buch ist wirklich exzellent und voller so unglaublich lebendiger Charaktere, dass sie einem auch nach der Lektüre noch tagelang begleiten. Wollen wir nur hoffen, dass das Ganze auch in der deutschen Übersetzung rüberkommt (Erscheinungstermin: 2009).

Jason Starr: Top Job

Bill Moss arbeitet als Telefonverkäufer in New York. Natürlich ödet ihn der Job an, natürlich will er eigentlich was ganz Anderes machen. Aber irgendwo muss das Geld ja herkommen, und außerdem ist er grad zu träge, um sich um einen neuen Job zu kümmern. Doch dann wird er plötzlich befördert, sehr zum Leidwesens seines Abteilungsleiter. Bill muss sich also gegen seinen Konkurrenten wehren, und tut dies mit allen Mitteln. Irgendwann hat er sich so in seine eigene Lügenwelt verheddert, dass er nur noch mit Gewalt da raus kommt.

Top Job ist ein böser Kommentar auf die Arbeitswelt heutzutage. Jeder, der mal in einem entwürdigenden Job unter dämlichen Chefs gearbeitet hat (und wer hat das nicht?), wird sich wiederfinden. Als Thriller funktioniert das Buch aber leider nicht immer, denn irgendwie ahnt man schon von Anfang an, wohin die Reise geht. Wer aber auf absolute Hochspannung verzichten kann und sich mit schwärzester Satire begnügt, ist hier gut aufgehoben.

John Burdett: Bangkok Haunts

Es ist ja immer so eine Sache mit den Romanen, die an “exotischen” Schauplätzen spielen. Meistens klingen sie wie ein Reiseführer. Aber Burdett hat da einen ganz einfachen Trick. Er lässt seine Hauptfigur, den Polizisten Sonchai Jitpleecheep, direkt zu uns sprechen, zu uns Westlern nämlich, den Farrang. Es ist also, als würden wir mit ihm in einer Kneipe sitzen und er erklärt uns: “Sieh her, so ist das bei uns in Thailand.” Und weil Sonchai nur halb Thai ist (seine Mutter ist eine Thai, eine Ex-Prostituierte, und sein Vater einer ihrer Freier, ein Amerikaner) versteht er natürlich auch uns ein bisschen.

Das funktioniert über weite Strecken, wenn es auch in den vorherigen Teilen — Bangkok 8 und Bangkok Tattoo — besser funktioniert hat. Denn in diesem Buch reitet Burdett manchmal zu sehr auf den Unterschieden herum, ergreift zu stark Partei: Hier die zwar armen, aber erleuchteten Thai, dort die reichen, aber entfremdeten Westler.

Doch das ist eigentlich auch fast schon der einzige Kritikpunkt. Burdett schafft es wieder einmal, ein tolles Szenario aufzubauen, eine spannende Geschichte mit schillernden Charakteren, in die Sonchai und damit auch wir mitten rein geworfen werden. Es geht um ein Snuff-Video, das Sonchai anonym zugeschickt bekommt und in dem eine Frau brutal umgebracht wird, die ihm sehr nahe stand. Die Spur führt ihm in die Bagkoker Geschäfts- und Unterwelt und sogar bis nach Kambodscha.

Die anderen beiden Bücher der Serie mögen vielleicht besser sein, aber auch dieses: Durchaus gelungen.

Ron Leshem: Wenn es ein Paradies gibt

Nachdem wir Deutschen erst einmal Europa in Schutt und Asche gelegt haben, haben wir ja auch festgestellt, dass der Krieg es irgendwie nicht sein kann. Und weil wir alles immer ganz richtig machen, sitzen wir jetzt auf dem hohen Ross und mokieren uns über alle, die zu den Waffen greifen.

Klingt ja auch einfach: Wer tötet, kann nicht recht haben, und wer damit anfängt, hat Schuld. Aber was ist z.B. mit Israel? Das Land ist ja quasi umzingelt von Feinden. Soll es deren Angriffe mit Lichterketten und Sitzblockaden begegnen? Oder haben die Israelis gar selbst Schuld, weil sie die Araber vertrieben hatben? Oder haben sie nicht doch ein Anrecht auf das Land, weil sie es ganz ursprünglich mal bewohnt haben?

Schwierig zu beantworten, wenn überhaupt. Fakt ist jedenfalls, dass Isreal in einer verdammt aussichtslosen Situation ist, seit seiner Gründung von über sechzig Jahren eigentlich im permanenten Kriegszustand ohne wirkliche Aussicht auf Frieden.

Und von dieser Situation handelt der Roman. Genauer: Er geht um die Festung Beaufort im Süden des Libanon. Dort waren die Isralis Anfang der Achtziger einmarschiert und hielten fast zwanzig Jahre lang einen Schutzstreifen besetzt, um den Norden Isreals vor Rektenangriffen zu schützen. Einer der stragegisch wichtigsten Punkte ist eben diese Festung Beaufort, die auf eine jahrhundertealte Geschichte zurückblicken kann. Anfang der Achtziger war ganz Isreal voll auf Seiten der Besatzungssoldaten, aber Ende der Neunziger schwenkte die Stimmung: Man begann zu erkennen, dass all das keinen Sinn hatte. Immer noch kamen Soldaten um, und die Hisbollah schien stärker denn je.

Das Buch erzählt die Geschichte einer Soldateneinheit aus Sicht eines Offiziers. Die Soldaten wissen bereits, dass die Festung, dass der Ganze Sicherheitsstreifen aufgegeben werden soll, und müssen trotzdem ausharren. Jeder Tote ist eigentlich noch sinnloser als sowieso schon.

Leshem führt uns ganz tief in die Innenwelt der Soldaten. Der Erzähler steht voll und ganz hinter den Zielen Israels, ist vom tiefen Hass auf die Hisbollah erfüllt. Das ändert sich auch bis zum Schluss nicht, aber je mehr Kameraden sterben müssen, je abhängiger sie von den Winkelzügen der Politker sind, desto mehr beginnt in ihm die Erkenntnis zu reifen: Dieser Kampf ist aussichtslos.

Es ist ein sehr gutes, sehr bewegendes Buch. Gerade weil es überhaupt keine Distanz zu den Figuren hält, kann es tief berühren. Es zeigt, wie es ist, in einem Land zu leben, das sich permanent im Berdrohungszustand befindet, und wie es die Menschen zerreißt.

Jakob Arjouni: Kismet

Dies ist das neueste und voerst letzte Buch um den türkischstämmigen Privatdetektiv Kayankaya. Hier muss er sich — zuerst aus Freundschaft, dann aus Schuld — mit Schutzgelderpressern und Schleusern herumschlagen. Das ganze spielt im Frankfurter Bahnhofsviertel, und diese Halbwelt ist von Arjouni mit soviel Gespür und Liebe für das Klientel dort erzählt, dass es eine Freude ist, das zu lesen. Wenn auch leichter, so erinnert das Ganz an Jörg Fauser, denn auch der ließ sich von seinen großen amerikanischen Vorbildern (Chandler et. al) dazu inspirieren, die bundesdeutsche Gewöhnlichkeit unter die Lupe zu nehmen. Und so lernen wie nicht nur fiese Gangster kennen, sondern auch die hessische Eingstirnigkeit, gleichförmige Einkaufszonen und jede Menge Leute, die, egal ob aus Brasilien oder Offenbach, versuchen, irgendwie zu überleben. Thrillermäßig kommt vielleicht nicht die maximale Spannung auf, aber man fiebert mit den Charakteren und fühlt sich nach der Lektüre prächtig unterhalten.

Doris Gercke: Weinschröter du musst hängen

Der erste Roman um die Kommissarin Bella Block. Sie wird in ein Dorf geschickt, in dem sich kurz hintereinander zwei Leute umgebracht hat. Sie hält den Auftrag für Quatsch, geht aber trotzdem, weil sie in dem Dorf sowieso ihr Wochenendhaus hat und anfangs meint, sich dort erholen zu können statt sich um den Fall zu kümmern. Aber natürlich kommt es anders…

Was schön ist: Viel ermittelt wird nicht in dem Buch. Wir erfahren das meiste aus der Sicht der Mörderin, nur ihre Identität ist uns bis zum Schluss nicht klar (wenn auch keine wirkliche Überraschung). Das Buch ist kurz und knackig (kaum 100 Seiten), die Figuren sehr gut gezeichnet, wenn auch manchmal ein wenig arg nach dem Schema “Wir im Dorf sind uns selbst genug”, und Block lässt sich mehr von Wodka-O-Saft und Intuition leiten als von Schema-F der Ermittlungen.

Ich muss jetzt nicht unbedingt noch ein Buch aus der Serie lesen, aber der Ton hebt sich angenehm ab von Rest der Krimiwelt.

Cormac McCarthy: All the Pretty Horses

Mit diesem Buch ist McCarthy endgültig zu einem meiner Lieblingsautoren geworden. Es gehört zusammen mit The Crossing und Cities of the Plains zur Border Trilogy, die vom Leben an der Grenze zwischen den USA und Mexiko erzählt. Wenn einem das jetzt an No Country for Old Men erinntert, so ist das kein Wunder, denn in Stimmung und Thema ist die Trilogie sicher ein Vorläufer von No Country.

Pretty Horses spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Texas und handelt von einem sechzehnjähigen Jungen, der nach Mexiko ausreißt, um dort als Cowboy zu arbeiten. Man merkt McCarthy die Liebe zu dem Land an, doch auch wenn eine gewisse Romantik immer mitschwingt, wird das Buch niemals sentimental. Dafür ist McCarthys Erzählstil einfach zu trocken und zu realistisch. Allein schon, dass er zeilenlange Dialoge ausschließlich auf Spanisch schreibt, weil die einfachen Arbeiter in Mexiko nunmal kein Englisch können, zeigt dass er keine Kompromisse macht. (Aber keine Angst, auch ohne Spanischkenntnisse kann man ganz hervorragend folgen.) Dabei geht es bei aller Lakonie um die Sehnsucht nach Abenteuer und Heimat gleichermaßen. Und natürlich um Freundschaft und Liebe.

Ich habe auch die beiden anderen Bände dieser Trilogie hier liegen und freue mich schon sehr darauf.

Liebes Blog,

du weißt ja, die meisten Einträge beginnen mit “Jetzt habe ich schon so lange nichts mehr geschrieben…” Aber darüber sind wir hinweg, nicht? Über sechs Jahre halte ich dir schon meine Treue, habe mal jeden Tag geschrieben, mal nur einmal im Monat, mal nur Erfundenes, mal nur Fetzen, mal nur Rezensionen. Jetzt war mal wieder längere Zeit Pause, denn ich brauchte Urlaub: Von meiner Arbeit, vom Internet, von meinem eigenen Blog, von anderen Blogs (sorry, nicht persönlich nehmen).

“Jetzt habe ich schon so lange nicht mehr geschrieben…”, fängt es meistens an und geht weiter mit: “Ich weiß grad nicht, wie es hier weitergeht.” Sogar der große DPR musste solche Phasen durchmachen, und wenn er, warum dann nicht auch nicht?

Also, worüber soll ich schreiben? Über meine Arbeit? Zu speziell, für die meistens zu langweilig. Über das Schreiben? Jetzt habe ich schon so oft etwas angefangen und verworfen, dass ich abergläubisch werde: Ich sage nichts mehr über neue Romane/Geschichten/Vorhaben, bis sie nicht fertig sind. Bleiben noch die Bücher, die ich lese, und das sind gerade viele, gerade im Urlaub.

Also wird es wohl wieder mehr Rezensionen geben, mal wieder, nachdem ich eigentlich gar keine mehr schreiben wollte. Aber ich merke, es macht mir Spaß, also warum nicht? Damit man sich dann auch besser zurechtfindet, gibt es rechts eine Übersicht der Kategorien. So kann man alles andere, was einem nicht gefällt, ausblenden. Wo lässt sich sowas schon sagen?