Monat: Juni 2008

Das Jahr 2008 in Büchern, Teil 2

Teil 1 → hier.

Kaum mokiere ich mich darüber, dass ich keine guten Bücher mehr finde, lese ich zwei Meisterwerke hintereinander.

Cormac McCarthy: No Country for Old Men

Ich bin da ja etwas zwanghaft. Wenn ich von einem Film die Romanvorlage lesen will, dann mag ich den Film nicht vorher sehen. Diesmal hatte ich aber Angst, dass der Film aus den Kinos verschwand, bevor ich den Roman durch hatte, also ließ ich das Buch auf dem Nachttisch liegen und ging ins Kino.

Die Coen-Brüder machen dann auch einen guten Job, eng an der Vorlage, aber leider auch immer wieder leicht ins Klamaukhafte abrutschend, nämlich dann, wenn zwischen den Figuren einer dieser typischen Südstaatendialoge entspinnt. McCarthy hat ein großartiges Ohr für die Ausdrucksweise der sogenannten kleinen Leute, doch während man bei McCarthy die tiefe Symapthie für diese kleinen Leute spürt, geben die Coen-Brüder sie mehr als einmal der Lächerlichkeit preis.

Aber wieso eigentlich vergleichen? Das Buch ist ein ganz großer Wurf, noch besser also der Pulitzer-Preis-Gewinner The Road. McCarthys Prosa strahlt gleichzeitig Wärme und Kälte aus. Wärme, weil sie uns mitnimmt in die Seele der Leute, die sich dem harten Leben an der Grenze zwischen Mexiko und der USA stellen müssen, und Kälte, weil sie uns klarmacht, warum genau diese Leute niemals werden überleben können.

Clemens Meyer: Als wir träumten

Den Autoren dieses Buches sah man auf der Leipziger Buchmesse an jeder Ecke. Natürlich, hatte er ja auch den Messepreis gewohnnen, und Leipziger ist er obendrein.

Er hat ein Kunsttüsck fertig gebracht, dass nur wenige zustande bringen, und Deutsche normalerweise schon gar nicht: einen sentimentalen Roman, der nicht in Kitsch abdriftet. Er erzäht über eine Handvoll Heranwachsender vor und nach der Wende in Leipzig. Eigentlich ist es auch nicht unbedingt ein Roman, sondern eine Sammlung von Episoden, die in nicht-chronologischer Reihenfolge erzählt werden. Trotzdem fügen sie sich zu einem so stimmigen Gesamtbild zusammen, dass einen das Herz für die Figuren aufgeht und man sie am Ende gar nicht mehr missen möchte.

Ian Rankin: Exit Music

Rankin habe ich an dieser Stelle ja schon rauf und runtergelobt, aber man kann ihn ja gar nicht genug anpreisen. Fast jedes Jahr hat er uns mit einem neuen Roman über John Rebus verorgt, einem melancholischen, trunksüchtigen Inspektor in Edinburgh. Aber anders als die melancholischen, trunksüchtigen Kommissare diverser schwedischer Autoren nervt uns Rebus nicht mit Wehleidigkeit, sondern nimmt sein kaputtes Dasein immer mit einer Prise schottischen Humors.

Jetzt, nach zwanzig Jahren und fast ebensoviele Romanen mit Rebus, ist Schluss. Exit Music ist Rebus’ letzter Fall. Das ist natürlich traurig, denn eine solche Figur gibt es kein zweites Mal. Andererseits tut es Rankin vielleicht auch mal gut, sich auf etwas Neues zu stürzen. Denn auch wenn Exit Music ziemlich gelungen ist, merkt man dem Buch ein bisschen die Routine an. Rankin hat sich nicht zu einem ähnlichen Bombast hinreißen lassen wie bei dem eher schwachen Vorgänger The Naming of the Dead, aber angesichts der Tatsache, dass Rebus in diesem Buch in Rente geht und damit den Mittelpunkt und einzigen Sinn in seinem Leben verliert, hätte man sich doch ein bisschen mehr Tiefe gewünscht.

Nichtsdestotrotz ein tolles Buch, das soviel Anderes aus diesem Genre auf Distanz hält.

Rolo Diez: Hurensöhne

Eine böse Satire auf Korruption und Machismo in Mexiko. Aber leider auch nicht viel mehr. Bei mir ist nicht viel hängen geblieben, auch wenn das Buch nicht wirklich schlecht ist. Wahrscheinlich muss man Mexiko besser kennen, aber das fast völlige Fehlen eines Falles als roter Faden ist mir persönlich nicht genug, um noch ein Buch von Diez zu lesen.

Michael Cunningham: Flesh and Blood

Zusammen mit A Home at the End of the World eines der früheren Werke von Cunningham, die noch nicht so sehr auf literarische Vorgaben fußen, wie z.B. das großartige The Hours. Cunningham beschreibt die Geschichte einer Familie, gegründet von zwei Amerika-Einwandern (einem Griechen und einer Italienerin), die so gefangen sind in dem Zwang, den amerikanischen Traum zu leben, dass sie sich selbst, den Ehepartner und auch die Kinder hintenanstellen. Wir verfolgen den Weg der Eltern, der Kinder und zum Teil auch der Enkelkinder. Jeder von ihnen versucht, einen Platz im Leben und vor allem ein kleines bisschen Glück zu finden. Das alles ist zwar angereichert mit ein paar größere Dramen, als sie in einem normalen Leben vorkommen mögen, aber letztlich geht es um die Gefühlswelt innerhalb einer Familie, um die Reibungen, die große Liebe und der große Hass, den es nur zwischen nahen Verwandten geben kann. Ein tolles, bewegendes Buch.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Aus irgendeinem Grunde wird Genreliteratur ja immer an ihren schlechten Beispielen gemessen. Ich will hier gar nicht anfangen zu fragen, was “literarische Krimis” sind, dafür sind andere zuständig. Aber eigentlich ist es klar, warum Bücher wie diese nie genug Leser finden werden: zu viele Anspielung, zu wenig Action, zuviel Innerliches.

Wie viele andere “bessere” Krimi-Autoren auch, benutzt Padura den Krimi als Vehikel, um bestimmte Randthemen der Gesellschaft zu beleuchten, in diesem Falle die Kubas. Aber anders als manch anderer der “Literischer-Krimi”-Fraktion tut er das mit einem tiefen Respekt gegenüber dem Genre. Der Fall ist eben nicht nur Nebensache, auch wenn die Auflösung keinen Knalleffekt bringt.

Der Roman schwirrt nur so von literarischen Anspielungen und wechselt zwischen poetischem Stream-of-Concioness und direkten, bisweilen vulgären Dialogen. Ich will hier gar nicht großartig auf die Handlung eingehen, denn alles, was ich hier sage, trifft auch auf die anderen drei Bücher des “Havanna-Quartets” zu. Unbedingte Empfehlung!

Hell’s Bells

An mir soll’s nicht liegen: Kaufen Sie! Kaufen Sie! Eine formidable Krimi-Anthologie mit spannenden Geschichten (von Christiane Geldmacher z.B.), lustigen Theaterstücken (von Henrike Heiland) und Schulaufsätzen (Autor habe ich vergessen). Wenn man nicht im Sommer Krimis liest, wann dann? (Ach ja, und eine Geschichte von mir ist auch noch dabei.)

Ein Faden, sanft, verloren

Leopoldstraße, ca. 23.15 Uhr

(Achtung Georg, du musst jetzt ganz tapfer sein.)

Eine Viertelstunde brauchen wir von der Franz-Josef- zur Hohenzollernstraße. Mit knapp 37 könnte ich von gut einem Drittel der Feierenden der Vater sein. Bei den Mädchen habe ich das Gefühl, dass es ihnen egal ist, ob sie gerade Mark Medlock zujubeln oder Schweinsteiger. Feiern zu feiern, wie sie gerade fallen, ist eines der Privilegien der Jugend. Die Zeit der Bedenken kommt schon noch früh genug.

Für ein paar Minuten habe ich dann doch Angst, dass mir jemand um den Arm fällt und Schwarz-Rot-Gold auf die Wange schmiert. Aber dann wird der Pulk schon lichter, und wir biegen ab. Qualitätsbewusst kaufen wir uns noch ein hausgemachtes Eis und gehen dann nach Hause. Das Feiern überlassen wir den Jüngeren.

Gegen Migräne

Ich kann auch anders

Krach! Katharsis!

Achtung, Georg: Undeutlicher Gesang. Und Fippy kennt die sowieso, stimmt’s?

Schlachtgesänge, Teil II

Nun würde ich selbst nicht gerade die Deutschland-Fahne schwenkend durch die Straße zeiehen (die ist ja auch so unfassbar hässlich), aber wenn feiernde Leute das tun, sehe ich nicht gleich das Vierte Reich dräuen.

Trotzdem habe ich mich sehr amüsiert, als ich hörte, dass die Jungs und Mädchen von der Roten Flora während der WM 2006 Boxen aufs Dach gestellt haben und das Sommermärchen auf den Straßen mit diesem Lied beschallten:

Soll keiner sagen, die Linke Szene wäre auf ihre Weise nicht wertekonservativ.

Schlachtgesänge, Teil I

Anscheinend hat es in Brügge angefangen. Aber wie? Irgendein Musik-Nerd, der gleichzeitg auch Fußball-Fan war, grölte irgendwann den Bass-Riff, die anderen stimmten ein, und heutzutage ist es als Melodie ebenso beliebt wie I Will Survive oder Yellow Submarine.

Aber dass das Lied jetzt sogar in Original beim Aufmarsch der EM-Mannschaften gespielt wird, hätten sich die White Stripes wohl auch nicht träumen lassen. Wahrscheinlich hören viele Zuschauer den Riff zum ersten Mal aus erster Hand. Ist von Jack White gespielt ja auch immer noch am besten:

Fahrradweisheiten für München

Jamie “JWZ” Zawinski (einer der Entwickler des allerersten Internet-Browsers übrigens) präsentiert uns in seinem Blog: the collected jwz bicycle wisdom. Als jemand, der fast überall mit dem Fahrrad hinfährt, habe ich mich großartig amüsiert.

Natürlich beziehen sich seine Weisheiten auf San Francisco. In München sieht die Sache dann doch ein bisschen anders aus.

“City bikes” and “road bikes” are designed for some Jetsons-slick hypothetical future city that I’ve never seen.

München ist so eine Stadt aus der Zukunft (hach, wie das die “Tradition und Moderne”-Fraktion freuen wird). Im Gegenteil: Mit Mountain-Bikes durch die Stadt zu fahren ist höchst albern, es sei denn man steht darauf, in gekrümmerte Haltung auf dem Sattel zu sitzen und völlig verdreckt am Ziel anzukommen. (Schon gemerkt? Es regnet ziemlich oft, selbst im weiß-blauen Bayern.) Ich weiß wovon ich rede. Mein Fahrrad hat keine Schutzbleche, und ich hasse mich jeden Tag dafür.

Man kann also getrost ein City-Bike kaufen, Rennrad lieber nicht, aber auch ein Trekking-Fahrrad geht. Mountain-Bikes sind für Berge, verdammt, und selbst da nerven sie.

Your bike will be stolen, so don’t get too attached to it.

Das sind die Vorteile des bayerischen Polizeistaats: München ist extrem sicher. Okay, ich würde mein Fahrrad jetzt auch nicht nächtelang an der Münchner Freiheit stehen lassen, aber im allgemeinen kann man davon ausgehen, dass das Fahrrad noch da ist, wenn man zurückkommt. Nur das Hinterrad haben sie mir mal geklaut, aber mit einem Schnellspanner lädt man die Diebe auch geradezu ein.

Safety: I follow the Zodiac approach: always assume the cars can see you perfectly, and are trying to kill you

Kein schlechter Ansatz. Ich habe mal eine Sendung über einen Trambahnfahrer gesehen, der sagte: “Man muss für alle anderen Verkehrsteilnehmer mitdenken.” Dasselbe gilt für den Fahrradfahrer. Denn merke: Du bist verwundbarer als die Leute in Z3s und Mercedes M-Klasse.

Aber anscheinend hat in Deutschland die Verkehrserziehung gefruchtet. Oder die Autofahrer wissen, dass sie meistens mit dran sind, wenn sie einen Fahradfahrer umnieten, selbst, wenn sie keine Schuld haben. Und so sind die Autofahrer meistens erstaunlich rücksichtsvoll. Viel schlimmer allerdings sind die Fußgänger. Wozu nach links und rechts schauen, wenn man die Straße überquert, man hört doch, was kommt. Nun, einen Porsche Boxter hört man ganz prima, aber nicht mich, wenn ich gerade an der Parklücke vorbeifahre, aus der du gesprungen kommst.

Schlimm ist auch die Zeit von ca. Mai - September. Dann sind nämlich plötzlich gefühlte zehn Mal soviele Fahrradfahrer unterwegs. Und die Schönwetterfahrer sind nicht nur langsam (das wäre ja noch okay, man kann ja überholen), sie sind noch viel unberrechenbarer als Autofahrer und Fußgänger zusammen. Außerdem verstopfen sie die ohnehin knappen Fahradständer.

A propos: Seid nicht so blöd wie ich und kauft euch ein Fahrrad ohne Ständer. Man muss in München Fahrräder nicht unbedingt irgendwo anketten, man kann sie auch einfach nur auf den Ständer stellen und das Rückrad an den Rahmen anschließen.

Zu guter Letzt noch:

The City is only 7 miles across. Nothing is as far away as you think it is.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Auch wenn München größer ist — zumindest innerhalb des Mittleren Rings braucht man nichts Anderes als ein Fahrrad.

Audi, oh Audi

Schröderblaulicht

Stapelaudi

Kyrillische Wochen bei juergenalbertsen.de.

Beim Orthopäden

Orthopäde: Sie sind Informatiker?
Albertsen: Richtig.
O: Da sitzen sie ja den ganzen Tag am Bildschim.
A (ahnt, was kommt): Das schon, aber…
O: Und sie schielen!
A (verwirrt): Das stimmt, aber was…?
O: Dann sitzen sie also am Schreibtisch und schauen auf den Bildschirm.
A: Schon…
O: Und zwar schief!
A: Wieso schief?
O: Na, sie müssen doch ihr Schielen ausgleichen.
A: Aber ich kann trotzdem prima sehen. War grad erst beim Augenarzt.
O (nicht zuhörend): Und wenn sie so schief vorm Bildschirm sitzen, den Kopf gedreht, dann belastet das — die Wirbelsäule! (Springt auf) (Rennt zu einem Plastiksekelett) (Zeigt auf die Augen, dann auf den Hals, dann auf die Wirbelsäule) (Triumphierend:) Sehen Sie?
A: Schon.
O: Dann zeigen Sie mal her, ihren Rücken.
A: Wieso Rücken?
O: Haben Sie keine Rückenschmerzen?
A: Nein.
O (leicht verärgert): Wieso sind Sie dann hier?
A (krempelt das Hosenbein auf): Prellung am Knie.

Snide, sneer, scowl. Verwechsel ich ständig.

Suchmeldung

Ich vermisse meine Sonnenbrille. Sie ist von Esprit, hat zwei Gläser (beide dunkel), zwei Ohrenbügel und hört auf den Namen “Sonnenbrille”. Sie ist sehr zutraulich und setzt sich gerne auf Nasen. Bitte bringt sie mir zurück.