“Wenn man dein Blog so liest, könnte man glatt glauben, dass du ein total netter Kerl wärest.”
Jürgen Albertsen
Monat: April 2008
Hell’s Bells nochmal
Das muss ich an dieser Stelle mal loswerden:
Abgesehen davon, dass ich es ganz großartig finde, dass Christiane das Buch auf die Beine gestellt hat, fand ich auch ihre Geschichte mit am besten — einen ganz klassischen Kurzkrimi mit überraschendem Schluss. Sehr gut gefallen haben mir auch die Beiträge von Dieter Paul Rudolph und Henrike Heiland. Ersterer ist wunderbar bösartig und letzterer, obwohl natürlich nicht die Bohne ein Krimi im klassischen Sinne, sehr lustig und unterhaltsam. Die eine oder andere Länge im Mittelteil kann man da verschmerzen (hey, das hat Henrike selbst gesagt).
Bevor es hier heißt, ich fände nur die Geschichten von Leuten gut, die ich schon vorher kannte (wobei ich ja nun auch wieder nicht behaupten kann, dpr zu kennen), möchte ich noch die Beiträge zweier Michaels loben. Michael Theurillats und Michael Hüttenbegers nämlich. Beim ersteren hätte ich mir einen bisschen weniger hektischen Schluss gewünscht, bei letzterem ein bisschen mehr Tempo, aber man kann ja nicht alles haben. Noch dazu, wenn ich feststelle, dass meine Geschichte den falschen Titel trägt. Sie sollte heißen “Ein Platz bei ihr im Grab” und nicht “…am Grab”. Da habe ich wohl nicht aufgepasst. Hoffentlich habe ich mir dadurch jetzt nicht den letzten Rest meiner Karriere versaut.
Elbow: Grounds for Divorce
Solange es noch solche Musik gibt, ist noch nicht alles zu spät:
Turn me Up
Das neue Elbow-Album ist einmal wieder zum Niederknien. Und es ist absichtlich leiser. Warum?
Darum: Turn me Up!.
Sant Jordi
Barcelona ist immer voll, aber heute ist es voller. Es sind noch mehr Fußgänger als sonst unterwegs, und sie müssen sich den Platz auf den Bürgersteigen und Plätzen teilen. Überall sind Buden und und Tische und Stände mit Büchern. Sie liegen manchmal unter Planen, falls es dann doch einmal regnet, aber meistens kann man sie anfassen, drin herumblättern, und wie ich diese Stadt kenne, kommen etliche dabei weg.
Leider sind es oft nur Bestseller, Vatikan, Diabolus, diese Schiene, aber auch ein paar Antiquariate haben ihre Stände, und dann in diesen Jugendstilbauten an den Ramblas oder drinnen im Barri Gòtic, wo es enger wird, gibt es haufenweise Lesungen, Aufführungen, Diskussionen.
Heute ist Diada de Sant Jordi, die Männer kaufen eine Rose und die Frauen ein Buch, aber meistens kaufen sie alle beide ein Buch, denn es ist nicht nur ein schöner Brauch, sondern es geht natürlich auch ums Geschäft. Wer braucht schon einen Valentinstag?
(Außerdem ist heute noch Tag des Deutschen Bieres, aber das ist wohl eine andere Geschichte.)
Ferientage
50cm, das hört sich gar nicht soviel an, aber es reicht, dass das Boot die Wellen über nimmt. Wir haben nur die Genua oben, was es nicht einfacher macht. Aber ich kann es noch. Höher ran, fieren, wenden, das aber mit Hilfe. Egal, endlich wieder Wind und Weite.
Wir fahren in den Hafen rein, ein paar Mal killt das Segel, meine Schuld, bin eben doch aus der Übung, außerdem sind da die Silos. Zurück müssten wir kreuzen, aber mach das mal nur mit der Genua, also dann unter Motor, AK auf Kollund zu, jetzt wehen meine Haare in die Augen, so lang sind sie geworden.
Scheiße, Kamera vergessen.
Am nächsten Tag finde ich das Kirchenprogramm von 2006 in der Jacketttasche. So lange habe ich den Anzug nicht angehabt. In der Zwischenzeit mal fetter geworden, aber rechtzeitig genug wieder abgenommen, es ist eben immer ein Auf und Ab. Sowieso kenne ich kein einizges der Lieder, und warum nach einem Bläserchoral nicht geklatscht werden darf, kann mir auch niemand sagen.
…und auch nicht, warum Sonnenuntergänge schöner sind als -aufgänge. Weil das Ende schöner ist als der Anfang? Andererseits, ist es nicht die Nacht, die anfängt, also wo ist hier das Ende? Und vielleicht ist es wahrscheinlich wieder nur blöde Sentimentalität.
Anders als das Buch von Clemens Meyer, der sowas von hätte schiefgehen können bei dem Milieu, in dem wa spielt, aber endlich mal ein deutscher Roman, bei dem das funktioniert. Von acht Stunden Fahrt sechs Stunden lang darin gelesen. In der restlichen Zeit festgestellt, dass deutsche Zugbegleiter genauso schlecht Englisch sprechen wie spanische Piloten. Am falschen Ende globalisiert.
Schließlich dann zurück. Bier kaufen, Chips, sich auf Deadwood freuen. Regen, Müdigkeit, nichts von Wind und Weite, es ist eben immer ein Auf und Ab.
Das Jahr 2008 in Büchern, Teil 1
Ich kaufe dauernd Bücher. Und bei Amazon zu surfen, ist natürlich ganz perfide, weil man da einfach nur klicken muss, und schon schicken sie es einem zu.
Die Bücher auch lesen? Das ist schon schwieriger. Denn erstmal muss ich mich gerade durch Formulare mit so schönen Namen wie “Bewilligungsbogen TM3″ kämpfen, und dann habe ich in letzter Zeit das Gefühl, dass die richtig guten Bücher immer seltener werden.
Also habe ich gedacht, warum nicht mal methodisch rangehen und notieren, was man so liest. Hier die (magere) Ausbeute für die ersten Monate des Jahres 2008.
Jean-Christophe Grangé: Die purpurnen Flüsse
Fängt gut und hektisch an, geht auch gut und hektisch weiter, aber ist zum Schluss nur noch hektisch und an den Haaren herbeigezogen. Eines dieser Bücher, bei denen man das Gefühl hat, der Autor hatte zu Anfang ein paar prima Bilder im Kopf und dann nicht mehr die Kurve gekriegt.
Mercè Rodoreda: Der zerbrochene Spiegel
Nicht so gut wie Auf der Plaça del Diamant, aber dennoch ein sehr schönes, stimmiges Buch über die Geschichte einer Familie in Barcelona vom Ende des 19. Jahrhundert bis in die Franco-Zeit. Gefällt einem sicher noch besser, wenn man Familienromanfan ist.
Ruth Rendell: End in Tears
Erstes Kapitel gut, danach geht’s abwärts. Siehe hier.
Jean-Patrick Manchette: Wesküstenblues
Großartig. Schnell, virbierend, zynisch, moralfrei. So muss ein Thriller sein. Kein psychologischer Schnickschnack, Gesellschaftskritik ohne Wehleidigkeit, jede Menge Sex und Leichen, und weit und breit kein guter Held in Sicht, sondern nur pure Niedertracht.
Marcus Sakey: The Blade Itself
Das nennt man dann wohl gut durchkomponiert. Eine gute Idee wird zu Tode konstruiert, die Personen sind zu schablonenhaft, man hört ständig die Karteikarten rascheln, auf denen der Autor sich den Plot notiert hat.
Jesus Moncada: Die versinkende Stadt
Habe ich nach einem Drittel abgebrochen. Erzählt von einer Stadt, die einem Stausee weichen muss. Vielleicht muss man zu diesem Buch einfach nur mehr Ruhe haben, denn es erzählt eigentlich tolle Geschichten, aber leider so mäandernd, so in der Zeit umherspringend, dass ich schlicht nicht mehr folgen konnte.
P.D. James: Children of Men
Nach exakt zwei Seiten abgebrochen. Was für ein Gelaber. Diese großartige Grundidee völlig zu Tode gequatscht, und das schon, bevor das erste Kapitel zu Ende ist. Statt dessen habe ich den Film gesehen — eines der seltenen Fälle, in denen der Film um Längen besser ist als das Buch. Wahrscheinlich, weil er nur ein paar Motive genommen hat und das Buch ansonsten ignoriert. Nie wieder P.D. James.
John Fante: Ask the Dust
Ich habe mir das Buch wegen Bandini des Bloggers gekauft. Als ich ihm das schrieb, antwortete er mir: “Ach, geh mir weg mit diesem pubertierenden Scheiß.” Wie Recht er hatte. Das Buch mag vielleicht aufregend gewesen sein, als es Ende der 1930er erschien, aber ich fand es genauso ärgerlich wie Keruacs On the Road. Ich habe einfach keine Lust mehr, über die Selbstfindingstrips Heranwachsender zu lesen. Dann lieber doch die Ergüsse altersgeiler Männer wie Bukowski.
Jean-Patrick Manchette: Die Affäre N’Gustro
Nicht ganz so stringent wie Westküstenblues und vielleicht ein bisschen zu politisch. Ansonsten wieder im besten Sinne ein typischer Manchette.
Reaktionen
Nach nur zehnjähriger Bedenkzeit mache ich mich jetzt also selbständig.
Die Reaktionen bislang:
- “Glückwunsch”
- “Du bist doch schon so alt.”
- “Freut mich für dich.”
- “Ich dachte immer, du wärest eher der sicherheitsorientierte Typ.”
- “Spannend.”
- “Jetzt kannst du also prima Steuern sparen.”
- “Ah so?”
- “Hast du denn auch an deine Rente gedacht?”
- “Endlich frei, oder?”
- “Und die Akquise?”
- “Denk an die Mehrwertsteuer!”
- “Da hast du ja noch weniger Urlaub.”
- “Dann kannst du mich jetzt immer zum Essen einladen. Du kannst das ja absetzen.”
Ingsesamt also durchaus wohlwollend. Ich bin guter Dinge.
P.S.: Braucht jemand da draußen nicht einen wahnsinnig talentierten Software-Entwickler? Ich könnte Ihnen auch einen Roman schreiben, wenn Sie wollen…
Domingueros
“Landratte”. Das sagt man als Segler gerne mal zu jemanden, der sich nur mit tastenden Füßen an Bord einer Jolle traut. Der zu “Steuerbord” “rechts” sagt, zu “achtern” “hinten” und von “fieren” und “höher rangehen” schon erst Recht keine Ahnung hat.
So einen Ausdruck muss es auch geben für Leute wie uns, die sich nur eine Woche nach heftigstem Schneefall in die Berge begeben, auf eine Tour, die sie schon mindestens ein dutzend Mal gemacht haben, bevorzugt am Anfang der Saison, “weil sie doch so einfach ist.”
Einfach ist dann aber nichts mehr, wenn man schon gleich zu Anfang durch den — immerhin noch festgetretenen — Schnee stapft, weiter oben dann auf immer mehr umgestürzte Bäume trifft, über die man rüberklettern muss, wobei man sich wahlweise Schrammen von den Ästen oder nasse Füße vom tiefen Schnee auf der andere Seite des Baumes holt. Und noch viel weniger einfach wird es, wenn man dann oben auf dem Sattel angekommen ist, denkt, “endlich keine Bäume mehr!”, aber feststellt, dass keine Bäume auch bedeuten, dass hier viel mehr Schnee liegt, der Schnee somit noch tiefer wird, die Hose nass, die Schuhe sowieso schon längst noch nasser, die Spur dann sich auch irgendwann verliert, weil sich der Wanderer vor einem sicher dasselbe gedacht hat wie wir jetzt: “Bloß wieder umkehren.”
Das heißt dann aber wieder zurück über die Bäume, mehr Schrammen holen, jeden Muskel spüren, aber wenigstens können die Füße nicht noch nasser werden. Immerhin trifft man unten angekommen Leute, die noch blöder sind als man selbst und in Mokassins ohne Socken da hoch wollen. Doch will man sich und die anderen beschimpfen, fällt einem nicht der passende Ausdruck ein. Wie heißt es denn, das Bergwort für “Landratte”?