Drehbuchschreiber, Regisseure, Produzenten wenden sich von Hollywood ab, weil sie sich durch die Blockbuster-Maschine eingeengt fühlen. Und wohin gehen sie? Ausgerechnet zum Fernsehen. Denn es gibt nämlich Abo-Sender wie HBO, die das Geld ihrer Zuschauer nicht nur dafür benutzen, sündhaft teure Sportrechte zu kaufen, sondern auch exzellente Serien zu produzieren. Ein paar von ihnen sind auch nach Deutschland geschwappt. Sex and the City zum Beispiel oder The Sopranos.
The Wire hingegen wird hierzulande wohl niemals laufen. Schon in Amerika ist die Serie nicht besonders erfolgreich bei den Zuschauern. Zu komplex die Handlung, die sich in jeder Staffel über ein gutes Dutzend Episoden à eine Stunde entwickelt, zu oft benutzen die Charaktere das Universalwort “Fuck” und sprechen sowieso wahlweise in einem Gangster- oder einem Bullen-Slang.
Warum hat HBO dann vier Staffeln produziert und plant noch eine fünfte? Weil sie eben nicht von Werbeeinnahmen abhängig sind und wohl so etwas wie eine Mischkalkulation machen. Das Geld von Leuten, die wegen der Sex and the City ein Abo abgeschlossen haben, fließt eben auch in weniger erfolgreiche Serien wie The Wire.
Worum geht bei The Wire? Um etwas, das einer der Charaktere sarkastisch “The modern urban crime environment” nennt. Auf der einen Seite stehen Gangs, die die Viertel der Stadt kontrollieren und dort Drogen veraufen, sogar noch aus dem Gefängnis heraus ihre Truppen steuern, sich gegenseitig bekriegen, aber auch immer wieder an ihrem Tun zweifeln und sich nicht immer zwischen dem Geschäft und Freunden bzw. Familien entscheiden können. Auf der andere Seite steht die Polizei mit Typen, denen es einen Kick verschafft, wenn sie den Gangstern immer um einen Schritt voraus sind oder die Karriere machen wollen und auch vor Korruption nicht zurückschrecken; die bei der Polizei sind, weil sie einfach nur einen sicheren Job wollten oder manchmal auch, weil sie an die Gerechtigkeit glauben.
Es wäre fast zu banal zu sagen, dass jeder Charakter gute und schlechte Seiten hat, vielmehr ist es so, dass man sogar bei den fast ausschließlich Bösen immer nachvollziehen kann, warum sie tun, was sie tun. Sei es, weil sie den Druck der Gruppe nicht stand halten, sei es, weil sie auch endlich einmal beweisen wollen, dass sie ein Ding durchziehen können, oder sei es, weil sie von klein an nur das eine kennen: The Game, das Spiel um Drogen, Macht und Gewalt.
Dann das Drehbuch. So brillante Dialoge hört man selten, weder im Kino noch im Fernsehen. Jede Szene ist wie eine winzige Geschichte in sich und treibt diese ganz subtile Spannung dieser Serie nach oben. Cliffhanger hat sie nicht nötig, alles ergibt sich wie von selbst.
Dabei hat The Wire es sich zum Anspruch gemacht, möglichst realisitisch zu sein. Ob sie es schaffen, kann man als Mittelklasse-Westeuropäer schwer beurteilen, aber vieles deutet darauf hin. Die Ausstattung zum Beispiel. Die Polizeibüros sehen genauso öde und abgenutzt aus, wie man sich Behörden nunmal so vorstellt, die Dealer am unteren Ende der Hackordnung schlafen auf Matratzen in heruntergekommenen Sozialbauten, sowohl Gangster als auch Polizisten lassen sich in schmierigen Bars an einem klebrigen Thresen volllaufen. Kein Vergleich mit der MTV-Welt von CSI.
A propos CSI: Im Gegensatz zu dort sind viele der Polizisten bei The Wire fett, schlecht angezogen und haben den käsigen Teint aller Büroarbeiter. Die Haut der Hafenarbeiter ist mit schlampigen Tätowierungen überzogen, und die Gangster tragen ihre Hosen bis zu den Knien heruntergezogen.
Fast überflüssig zu sagen, dass das Ende jeder Staffel ebenso ambivalent ist wie die Motivation jedes einzelnen Charakters. Irgendwie hat jeder immer gleichzeitg gewonnen und verloren, wobei es natürlich immer die keinen sind, die am meisten zu leiden haben — auf beiden Seiten.
Eine Warnung noch: Die Serie macht süchtig. Da sie in Deutschland nicht läuft und wohl auch zu Tode synchronisiert würde, muss man sie sich auf DVD ansehen. Und ist es leicht, nach dem Ende jeder Folge zu sagen: “Noch eine” und “Noch eine” und “Noch eine”. Aber warum eigentlich nicht?
Kommentare 7
albertsen, hörmal, dabei muss man sich kon-zen-trieren! CSI kann man wunderbar nebenbei laufen lassen und man weiß immer, wer die guten und wer die bösen sind. so musst du das auch mal sehen.
06 Jan 2008 um 23:03 ¶Konzentrieren muss man sich auch auf den Slang der Schwarzen. Da muss ich die englischen Untertitel mitlaufen lassen.
07 Jan 2008 um 08:57 ¶HBO, “The Wire”, BAV (black american vernacular) ?
Gehe ich recht in der Annahme, dass da ein gewisser Pelecanos (auch ?) als Autor und Produzent auftaucht ?
07 Jan 2008 um 16:22 ¶Stimmt. Laut Wikipedia war er als Co-Autor tätig. Was du alles weißt!
07 Jan 2008 um 17:37 ¶Ich konnte mir bisher unter Pelecanos Fernsehtätigkeit nie etwas konkretes vorstellen. Mit diesem Beitrag hast erfolgreich eine Lücke geschlossen.
07 Jan 2008 um 19:25 ¶untertitel hab ich bei den meisten amerikanischen filmen an. seit method acting wird ja eh nur noch genuschelt.
08 Jan 2008 um 12:53 ¶Ich kann auch Simons Bücher “Homicide: Life on th Streets” und “The Corner” empfehlen. Die Fernsehserie zu letzterem, 6 Folgen von HBO, ist dagegen wirklich nur dem zu empfehlen, der bspw. Wenn der Wind weht oder The Day After gerne als Unterhaltung konsumiert, so trostlos ist die. The Wire ist im Vergleich zu The Corner ungefähr so fröhlich wie CSI im Vergleich zu The Wire. Wobei The Wire grade richtig liegt, weil es letztlich ein unheimlich positives Menschenbild vermittelt.
23 Jan 2008 um 06:45 ¶Neuer Kommentar