Bar El Mirador

(Diese Geschichte habe ich mal innerhalb einer Nacht für einen Wettbewerb geschrieben. Gewonnen hat sie nicht — vielleicht ist eine Nacht dann doch nicht genug. Egal, es hat Spaß gemacht, sie zu schreiben, und vielleicht macht es dem einen oder anderen ja auch Spaß, sie zu lesen.)

Jordi ließ sein Auto zurück, er musste es riskieren. Wenn er Glück hatte, war sein Peugeot sogar den Gitanos zu schäbig.

Er betrat das Haus. Es war erstaunlich ruhig. Um diese Tageszeit waren sie alle schon unterwegs: Am Strand, in den Cafés, auf den Ramblas.

Jordi arbeitete sich von unten nach oben. Kaum eine Wohnung hatte noch Türen, fast überall konnte man direkt hindurchsehen, auf der Ostseite sogar bis zum Meer, das hinter den Fenstern blitzte. Jordi ging einfach in Räume hinein und suchte. Manchmal lag jemand auf den Matratzen oder saß in einem verschlissenen Sessel. Er fragte nach Xavi, aber man zuckte nur mit den Schultern. Ein Wunder, dass ihn überhaupt jemand den Tipp mit diesem Haus gegeben hatte.

Natürlich konnte Xavi schon unterwegs sein. Sich irgendwo am Strand von einer Engländerin oder Deutschen einen Drink ausgeben lassen. Aber eigentlich war es dazu noch zu früh.

Schließlich fand er Xavi ganz oben, in einem Liegestuhl im Schatten auf einem der wenigen Balkone ohne Wäsche.

Man sah Xavi die Kopfschmerzen an. Er wirkte wenig überrascht. “Mein lieber, guter Jordi…”, sagte er. Er trug nur eine Badehose und ließ sehen, was ihn so unwiderstehlich machte. Noch war er jung genug, dass die Nächte keine Spuren hinterließen. “Du hast mich gefunden…”

Jordi blickte von Balkon hinunter auf die Lagerhallen zwischen dem Haus und dem Meer. Er wandte sich Xavi zu und lehnte sich gegen die Brüstung.

“Schickt Mama dich?” fragte Xavi ironisch.

“Die weiß besser nicht, dass du hier wohnst”, antwortete Jordi.

“Wünscht sie mir andere Freunde?”

“Sie wünscht sich dasselbe wie immer schon.”

Xavi erhob sich. Er war nicht nur schlanker als Jordi, sondern auch größer. Er baute sich auf, als wollte er den Altersunterschied wett machen. “Willst du mich zurück?” sagte Xavi. “Langweilen sich die Damen ohne mich?”

“Xavi…” Jordi wusste, was in Xavi vorging. Es war immer das Gleiche, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte. Und am Ende konnte man ihn nicht stoppen.

“Fragen sie nach mir? Sind ihnen die Kubaner zu schleimig? Die Mexikaner zu klein? Die…”

Jordi unterbrach ihn: “Bernardo schickt mich.”

Xavi blinzelte. Er wich zurück, als wäre es Jordi, vor dem er Angst haben müsste.

Jordi trat auf Xavi zu. Er streckte die Hand nach dessen Schulter aus, aber ließ sie wieder sinken. “Du hättest auf mich hören müssen”, sagte Jordi.

Xavis erster Schreck wich dem Trotz: “Bernardo hat doch die ganzen Leute angelockt. Die Kubaner vor allem. Denkst du, sie wären gekommen, wenn es nichts gegeben hätte? Touristinnen reichen eben nicht.”

“Jetzt kommen sie erst recht nicht. Jetzt haben sie Angst.”

Xavi schnaufte verächtlich. Er bückte sich und hob ein T-Shirt vom Boden auf. Er schlüpfte hinein.

Jordi fragte: “Was hast du Bernardo weggenommen?”

Xavi zog jetzt auch seine Jeans an. Er sagte: “Ich habe bezahlt.”

Jordi sah auf die Uhr: Noch drei Stunden. “Hast du das Zeug noch?” fragte er.

Xavi tat so, als interessiere er sich für die Segelboote am Horizont. “Das meiste…”, sagte er, drehte sich um und ging in die Wohnung hinein.

Jordi versuchte, ruhig zu bleiben. Letztlich kam es alles nur auf das Timing an.

Er folgte Xavi ins Innere. Xavi ging in einem Raum, der sich kaum von den anderen unterschied. Zwei Matratzen auf dem Boden, ein kleiner Schrank in der Ecke und wo der Heizkörper gewesen sein musste nur noch ein Loch. Jordi suchte nach Spuren einer Frau, doch eigentlich war das unwahrscheinlich. Xavi würde seine Touristinnen kaum hierher bringen.

Xavi zog sich ein Paar Sneaker an und sagte: “Gehen wir.”

“Und das Zeug?”

“Ist versteckt.”

Xavi hatte schon oft gelogen, aber Jordi noch nie verraten. Es war etwas anderes, Geld aus der Kasse zu nehmen, als zu riskieren, dass Bernardos Männer die Bar niederbrannten.

Sie verließen die Wohnung. Die Aufzüge waren längst demontiert und verkauft, also nahmen sie die Treppe. Draußen stand immer noch unberührt Jordis Peugeot.

“Ich fahre”, sagte Xavi.

Jordi wollte protestieren, aber er war so froh, erreicht zu haben, was er wollte, dass er Xavi den Schlüssel zuwarf.

Sie fuhren los. Für ein paar Minuten, lehnte sich Jordi erleichtert in den Sitz, doch dann merkte er etwas. Sie hatten Sant Roc verlassen, aber nicht in Richtung Norden. “Wohin fährst du?”

“Nach Gràcia.”

“Warum?”

“Wir brauchen doch das Zeug.”

***

In Gràcia saßen die jungen Leute schon auf den Brunnen und Stufen an den Plätzen. Latino-Kinder liefen zwischen ihnen umher und verkauften Bierdosen, von denen das Kondenswasser perlte.

Jordi kannte sich nicht gut aus hier, darum war er froh, dass Xavi fuhr. Sie parkten und stiegen aus. Sie standen vor einer Geragenausfahrt, aber Jordi sagte nichts. Es würde und durfte nicht lange dauern.

Xavi telefonierte. Als er auflegte, sagte er: “Er kommt gleich.”

Sie warteten. Xavi hielt einen der Latino-Kinder an und kaufte ihm zwei Bier ab. Er bot Jordi eines an, doch der schüttelte den Kopf.

“Was hast du?” fragte Xavi. “Bernardo kann warten. Der wird sich schon mit Silvia vergnügen. Oder ist sie nicht mehr da?”

Jordi antwortete nicht. Xavi riss die erste Dose auf und trank sie fast in einem Zug leer.

Nach zehn Minuten näherte sich ein Mann. Er war weder Spanier noch Latino, das sah man sofort. Er war über einsachtzig groß, muskulös und hatte sein rotes Gesicht und seinen Kopf glatt rasiert. Als der Mann anfing zu sprechen, wusste Jordi sofort: Ein Deutscher.

“Was soll das?” fragte der Mann. “Wir sind doch erst morgen verabredet.”

Xavi grinste und reichte dem Mann die zweite Dose Bier. “Das ist Klaus”, sagte er und stolperte dabei über die Buchstaben K und L.

Jordi nickte Klaus nur kurz zu und versuchte, nicht schon wieder auf die Uhr zu sehen. Klaus riss die Dose auf und stürzte das Bier genauso schnell herunter wie Xavi.

Sie gingen in eines der Häuser. Eigentlich unterschied es sich nicht wesentlich von denen in Sant Roc, obwohl es sicherlich fast hundert Jahre älter war. Hier gab es auch keine Heizung und keinen Aufzug, und die Stromleitungen verteilten sich außen über die ganze Fassade.

Immerhin gab es in Klaus’ Wohnung ein paar Möbel. Er schien sie sich mit anderen Leuten zu teilen. Von irgendwoher drang Fernsehlärm. Klaus ließ sie in seinem Flur warten. Er ging in sein Zimmer und kehrte mit einem Koffer zurück.

“Ich war vorsichtig”, sagte Klaus. “Ich mache lieber langsam. Viel verkauft habe ich noch nicht.”

“Das ist gut”, sagte Xavi und sah Jordi an. “Oder?”

Der antwortete nicht.

Klaus sah zwischen ihnen hin und her. “Was ist los?”

Xavi nahm ihn den Koffer ab, ohne hineinzusehen. Er sagte: “Jordi will mich retten.” Er nickte Klaus zu. “Gehen wir.”

Jordi stellte sich ihm in den Weg. “Er kommt mit?”

“Klaus spricht doch Bernardos Sprache”, antwortete Xavi und sah zu Klaus hin.

“Bernardo?” fragte Klaus.

“Bernhard”, antwortete Xavi und machte eine konzentrierte Pause auf dem H.

Klaus’ Gesichtsausdruck blieb fragend.

“Gehen wir”, sagte Xavi.

***

Wieder fuhr Xavi. Sie verließen Barcelona, vorbei an Sant Adrià und den hohlen Häuser von Sant Roc. Auf der Autobahn sahen sie links die Sonne untergingen, und als sie die Abfahrt nahmen, war es schon dunkel.

Jordi hatte sich auf die Rückbank gesetzt, um ungestört seine Uhr im Blick behalten zu können. Keiner von ihnen redete. Klaus hatte die Arme vor die Brust verschränkt, den Koffer vor seinen Füßen, und schwieg.

Die Kurven an der Küste nahm Xavi wie immer zu schnell, heute vielleicht noch schneller. Vielleicht war es Nervosität, vielleicht Wut.

Jordi wollte nur noch, dass alles vorbei war.

***

Silvia hatte alles im Griff, natürlich. Der DJ kam aus Australien, aber das war egal. Den Kubanern gefiel es, und wenn es ihnen gefiel, dann tanzten sie mit den Touristinnen, und wenn die Touristinnen tanzten, tranken sie und ließen sich von ihrem eigenen Geld Getränke spendieren, noch dazu, wenn sie unter freiem Himmel die Sterne sahen und eine Brise spürten.

Doch wenn die Touristinnen Angst hatten, war es egal, wie schön die Kubaner tanzten. Wenn die Touristinnen Angst hatten, kamen sie nicht, und Angst durfte nicht mehr sein, dafür wollte Jordi jetzt sorgen. Er musste nur noch Xavi einweihen — so spät wie möglich. Es durfte kein Zurück mehr geben.

Bernardo war schon da. Er saß an der Bar und lächelte Silvia an, die nichts wusste. Er trank Gin Tonic und schien bester Laune.

“Pünktlich”, sagte er. “So mag ich es.” Er zwinkerte, als hätte er es ironisch gemeint, doch Jordi bezweifelte es.

“Wir haben es”, sagte Jordi und zeigte auf den Koffer, den Klaus immer noch in der Hand hielt.

Klaus sah zu Xavi, als erwartete er einen Befehl.

“Gehen wir zur Terrasse”, sagte Xavi.

Jordi sah sich um und zur Uhr. Es gab keinen genauen Plan, von dem er wusste, er hatte keine weiteren Anweisungen. Xavi hatte natürlich Recht: Auf der Terrasse waren sie ungestört. Wie sollte Jordi widersprechen?

Die Terrasse lag auf einem kleinen Felsvorsprung und war der eigentliche Grund für den Namen “El Mirador”. Doch jetzt konnte man nichts sehen, nur die Wellen unten gegen die Steilküste branden hören, so laut sogar, dass sie manchmal die Musik übertönten. Hinter der hüfthohen Brüstung gab es nur Dunkelheit und Tiefe.

Die Terrasse war leer. Er war noch zu früh, die Touristinnen noch zu nüchtern, und die Kubaner wollten noch tanzen und noch nicht küssen.

Bei einem der Tische blieb Bernardo stehen. Er lächelte jetzt nicht mehr, sondern hatte den Gesichtsausdruck eines Beamten, der Feierabend machen will.

Er sagte nur: “Den Koffer, bitte.”

Xavi nahm Klaus den Koffer ab. Er lächelte und legte den Koffer auf den Tisch.

Jetzt war der Augenblick gekommen. Jordi trat zu Xavi, wollte ihm alles erklären — schnell, in ein, zwei Sätzen. Es war egal, ob Bernardo es hörte, für ihn war es sowieso zu spät.

Doch Xavi holte eine Pistole aus dem Koffer und richtete sie auf Bernardo.

In Jordi explodierte Panik.

Xavi mochte Drogen verkaufen, Touristinnen beklauen und vielleicht sich manchmal prügeln, wenn er betrunken war. Aber dies?

Was bezweckte er? Bernardo nur zu drohen wäre nicht genug. Womit auch? Mit den Gitanos? Bernardo würde wiederkommen und sich nicht damit begnügen, nur die Bar niederzubrennen.

Also Bernardo erschießen? Doch hier? Unmöglich. Wenn nicht Silvia, dann würde sofort einer der Touristinnen die Polizei rufen.

Und wie sollte Jordi jetzt noch an Xavi herankommen? Er wäre sofort sein Feind.

Bernardo war weniger beeindruckt. Er reagierte so wie Xavi heute nachmittag auf dem Balkon in Sant Roc: Mehr erstaunt als erschrocken, wenn nicht sogar genervt. “Xavi…”, sagte er.

“Ich habe dafür gezahlt”, sagte Xavi.

“Aber dein Versprechen nicht eingehalten.”

Xavi sagte zu Klaus: “Pack ihn.”

In diesem Moment gingen die Lichter an.

Jordi betete, dass Xavi begriff. Er sagte: “Xavi… ruhig, das ist geplant.” Doch Xavi hörte nicht zu, sah nur wie die Touristinnen und Kubaner kreischend auseinanderstoben.

Sie machten Platz: Den Mossos d’Esquadra.

Die stürmten auf die Terrasse zu. Acht Beamte in Uniform, dahinter zwei in Zivil. Die Kubaner versuchten, sich und ihren illegalen Aufenthaltsstatus durch einen Sprung in die Büsche in Sicherheit zu bringen, die Touristinnen rannten kreischend in Richtung Parkplatz.

Und auch Xavi rannte los. Im Gegensatz zu Bernardo und Klaus kannte er sich hier aus.

Jordi rief ihm hinterher: “Xavi…!” Doch was konnte er jetzt noch erklären?

Hinter dem Haus, in dem sich das Lager und Jordis Wohnung befand, gab es einen Trampelpfad. Xavi schleuderte den Mossos einen Tisch entgegen und schaffte es, diesen Pfad zu erreichen, bevor sie ihn fassten.

Jordi hoffte, dass die Mossos einmal den Witzen über sie keine Ehre machten und jemand daran gedacht hatte, diesen Trampelpfad zu bewachen. Er sah, wie Xavi im Dunkel verschwand, und versuchte, bei allem Gekreische zu hören, ob jemand Xavi aufhielt.

Zwei der Mossos stießen den Tisch, der ihnen im weg lag, zur Seite und stürmten Xavi hinterher. Die restlichen griffen sich Bernardo und Klaus.

Einer der Beamten in Zivil, ein Kommissar, fragte keuchend: “Warum rennt er weg?”

Jetzt hörten sie lautes Motorengeräusch und eine Sirene. Xavi musste es bis zu dem Peugeot geschafft haben. Reifen quietschten, das Motorengeräusch entfernte sich. Die Sirene auch.

“Haben sie ihm nicht…?” fragte der Kommissar.

Die uniformierten Mossos legten Bernardo und Klaus Handschellen an. Bernardo sah aus, als wüsste er, was auf ihm zukam, in Klaus schien die Loyalität zu Xavi zu bröckeln.

“Jordi!”

Das war Silvia. Sie kam auf Jordi zugeeilt, in ihrer Hand das schnurlose Telefon.

Klaus und Bernardo wurden abgeführt. Zwei uniformierte Mossos zerrten sie in Richtung Parkplatz, Bernardo ohne Widerstand, Klaus mit stolpernden Schritten.

Jordi nahm das Telefon.

“Jordi…?” Seine Mutter.

Das Motorengeräusch und die Sirene wurden wieder lauter. Jordi wusste, was das bedeutete. Er ging zum Rand der Terrasse. Dort, ein Stück weiter in Richtung Süden, an der Steilküste, tauchten jetzt Scheinwerfer auf. Und direkt dahinter blinkendes Blaulicht.

“Ist Xavi in Ordnung?” fragte seine Mutter, und sogar in diesem Moment ärgerte sich Jordi, dass sie nicht nach ihn fragte.

Im Mondschein konnte man jetzt auch die Schatten der Autos ausmachen. Das mit dem Blaulicht verlor an Boden.

“Was sagt die Polizei?” fragte Jordis Mutter. “Was wird er…?”

Die Scheinwerfer des vorderen Autos fingen plötzlich an zu schlingern, der Schatten verschwamm, das Blaulicht holte auf.

Jordis Mutter sagte: “Ich weiß, was du gesagt hast, aber wenn er doch ins Gefängnis…”

Es krachte. Bis hierhin hörte man Glas splittern. Es schien, als ob nur noch ein Scheinwerfer leuchtete. Das Licht überschlug sich, tauchte in die Tiefe. Wieder ein Krachen, lauter, ein Knirschen, und auch das letzte Licht erlosch.

Jetzt hörte man nur noch die Sirenen und sah nur noch das Blaulicht und die Scheinwerfer des Polizeiwagens.

Der Kommissar hatte aufgehört zu keuchen und hielt die Luft an.

Jordis Mutter, am Telefon, fragte, jetzt viel leiser: “Jordi…?”

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