Der Champ

Ich bin gerade süchtig nach Jörg Fauser.

Dass ich Autoren erst mit Anfang/Mitte dreißig entdecke, die man normalerweise mit zwanzig liest, ist normal, aber bei Fauser ist es irgendwie anders. Denn Fauser ist nicht spätpubertär, obwohl seine Geschichten von Drogen, Sex und billigen Hotels handeln. Fauser ist das, was eigentlich jeder Künstler sein sollte, aber kaum einer ist: unabhängig. Er hat seine Vorbilder — von Fallada bis Chandler — aber käut nicht deren Welt wieder, sondern ergründet inspiriert von ihnen seine eigene.

Zum Beispiel Rohstoff. Manche würde ihn Schlüsselroman nennen. In jedem Falle ist es die Geschichte eines Mannes, der, wie Fauser, an der Drogennadel hing und sich irgendwie aus dem Sumpf freizukämpfen versucht, um Schriftsteller zu werden. Dabei probiert er alles aus: Opium in Istanbul, eine Kommune in Berlin, Sex mit einer achtzehnjährigen Schönen in Göttingen oder eine Hausbesetzung in Frankfurt. Er arbeitet mal als Aushilfe in der Bundesbank oder am Flughafen, dann bringt er eine Zeitung heraus oder sogar ein Buch. Und immer wieder versumpft er in Arbeiter- und Rockerkneipen. Er hat nicht viel übrig für die Hippies und Revolutionäre, erkennt er sie als ebenso verlogen wie die Bürgerlichkeit, die sie zu bekämpfen vorgeben.

Die Hauptfigur in Rohstoff ist nicht immer erfolgreich bei seiner Suche, Fauser war es schon. Er hat sich einen unverstellten Blick auf die budesrepublikanische Wirklichkeit erarbeitet und konnte deshalb genauso coole Romane schreiben wie Chandler. Denn Coolness bedeutet nicht, dass man mit einer Whiskeyflasche auf dem Beifahrersitz durch Hollywood cruist, sondern dass man sich sicher in der Wirklichkeit bewegt. Und Fausers Wirklichkeit war eben Frankfurt und nicht L.A. Er hat nichts nachgeahmt, sondern seine ganze eigene, unabhängige Stimme gefunden. Wie Ulf Miehe sagte: “Fauser war der Champ.”

→ Die Fauser-Edition im Alexander-Verlag

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