Ludger stellt Fragen übers Schlafen. Ich würde ja gerne antworten, aber ich fühle mich plötzlich so müde…
Jürgen Albertsen
Monat: August 2007
Ankündigung: Lesung bei “Westend ist Kiez”
Diesmal vergeht kein volles Jahr zwischen zwei Lesungen mit mir, sondern nur ein halbes.
Ich lese im Rahmen der Reihe “Westend ist Kiez”, und zwar:
Am Samstag, 1.9.2007, 20:00 Uhr
im Stragula, Bergmannstraße 66, München
Eintritt: 4€.
Nähere Informationen finden sich hier: http://www.westendistkiez.de/
Anobella ist schuld, dass ich heute müde bin
In einer Mail fragte sie: “Hast du bei Agatha Christie mitgemacht?”
Wie?
Sie sprach von dem Agatha-Christie-Krimpreis, ausgelobt von dem Fischer-Verlag, der Zeitschrift Freundin und dem Krimifestival München. Zu gewinnen: Unter anderem eine Reise nach Istanbul, aber vor allem einen Platz in der Anthologie vom Fischer-Verlag. Wie Anobella sagte: “Allein dafür lohnt es sich.”
Aber wieso hatte ich davon nichts mitbekommen? Nun, während ich meinen Zeh in das Haifischbecken hielt, blieb keine Zeit zum Bloglesen oder sich mit Literaturpreisen zu beschäftigen. Außerdem erwähnte ich ja schon, dass die meisten Preise so obskure Themenvorgaben haben, dass ich mit ihnen nichts anfangen kann.
Diesmal ist es anders. Ein Kurzkrimi, maximal zehn Seiten, Thema: Im Kreise der Familie. Dazu fällt einem immer etwas ein. Das Problem: Einsendeschluss ist 23.8.
Ich überlegte gesten hin und her. Noch schnell etwas schreiben oder mich damit abfinden, dass ich es verpasst hatte? Nein, das nicht. Mir blieb ja noch eine ganze Nacht. Sobald ich nach Hause kam, setzte ich mich hin und fing an. Es ging wie im Rausch. Zigeuner, Drogen, ein Bruderkampf, eine Verfolgungsjagd. Titel: Bar el Mirador. Ich schrieb und schrieb, und um ein Uhr morgens war ich fertig. Ich hatte: 11 Seiten! Eine zuviel, aber egal. Kürzen gehört zum Handwerk.
Heute morgen habe ich dann noch schnell das Anschreiben fertig gemacht und die Geschichte zur Post gebracht. Jetzt werfe ich besser keinen Blick mehr in den Text, denn ich bin sicher, ich würde nur noch Fehler finden.
Ich bin müde, aber zufrieden. Ich habe mein Bestes gegeben und kann jetzt nur noch warten.
Traum
Ich bin auf Klassenfahrt in Rom (obwohl ich kein Deut jünger bin als in Wirklichkeit). Natürlich sind wir betrunken. In irgendeinem Einkaufszentrum zerdeppere ich eine Scheibe. Plötzlich taucht der Lehrer auf (der verdächtig aussieht wie mein Chef) und stürmt auf mich zu. Ich renne weg. Alarm schrillt, alle Türen schließen sich automatisch. Ich haste durch die Flure und Treppenhäuser und finde schließlich doch noch einen offenen Nebenausgang, durch den ich entschlüpfe.
Jetzt bin ich in einem Hotel, stehe mitten auf dem Flur, links und rechts gehen die Zimmer ab. Ich stürme durch einen Notausgang, befinde mich dann in einer dieser neuen 50-Cent-Raststättentoiletten. Ganz hinten ist wieder ein Notausgang, ich gehe durch, wieder stehe ich in einer Toilette, diesmal aber eine, die mit Plüsch ausgekleidet ist und feinste Antik-Porzellanschüsseln als Waschbecken hat. Hinter ein paar Topfpflanzen: Noch ein Notausgang. Auf der anderen Seite dann ein Speisesahl mit lauter Senioren. Sie steigen in einen Bus ein, der draußen wartet, ich mit.
Keine Ahnung, ob das wirklich Rom ist, durch das wir fahren (ich war noch nie dort). Ein paar alte Säulen stehen herum, ansonsten könnte das überall sein. Schließlich fahren wir (mit dem Bus!) in ein Geschäft, das aussieht wie Habitat in Barcelona. Wir steigen aus. Die Alten schwärmen zur Souvenirjagd aus. Inzwischen habe die einzige junge Frau in dem Bus kennengelernt, der ich mein Vergehen beichte (Welches eigentlich? Die zerdepperte Scheibe?). Sie sagt (und ihre Stimme müsste eigentlich mit Geigen unterlegt sein): “Du musst dich stellen. Du musst zu deinen Taten stehen!” Wir küssen uns (mit noch mehr Geigen?), und ich gehe davon.
Ich überlege, zur Polizei zu gehen. Es scheint mir alles so einfach jetzt, ich frage mich: Warum bist du weggeleaufen? Aber ich gehe nicht zur Polizei, sondern in mein Hotel. Ich setze mich auf den Boden und schreibe eine E-Mail auf Papier (fragt nicht), in der ich alles gestehe.
Dann wache ich auf.
Wenn die süßeste Katze, die der Requisiteur eines Fernsehkrimis auftreiben kann, aussieht wie eine große Ratte, sollte man eigentlich vorgewarnt sein.
The Proposition
Nick Cave lebt ja in einem Kosmos irgendwo zwischen altem Blues, Punk und dem Alten Testament. Während seine Songs immer nur einen kleinen Blick auf diesen Kosmos freigeben, breitet er diesen in dem Film The Proposition episch vor uns aus: Das lebensfeindliche australische Outback Ende des 19. Jahrhunderts, das britische Empire gegen die Ureinwohner und oft genug gegen sich selbst. Gewalt, Rassismus, Verrohung. Ein Mann, der sich zwischen zweien seiner Brüder entscheiden muss. Ein Sergeant der Royal Police, der seiner Frau vorzugaukeln versucht, mit genug Anstrengung könne man das Land schon zivilisieren. Doch er kämpft nicht nur gegen rebellische Aboriginees, sondern auch gegen Outlaws und die Würdenträger der Stadt. Jeder gegen jeden also, und irgendwie hat jeder Recht und Unrecht zugleich, sehnt sich jeder nach etwas Schönheit und kann sie doch nicht finden. Ein Western, in dem jeder hart, aber niemand cool und schon gar nicht edel ist.
Cave hat nicht nur die Filmmusik geschrieben, sondern auch das Drehbuch. Wie er es geschafft hat, zwischen all seinen Projekten, ein so großartiges Skript hinzulegen, ist mir rätselhaft. Andere brauchen für so etwas Jahre. Während er für seine Songs seine Geschichten bisweilen auf die stärksten Motive reduzieren muss, hat er hier Zeit für Nuancen — trotz der Härte und trotz der Brutalität. Die Gewalt beschränkt sich nicht nur aufs Blut, sondern geht tiefer. Das macht den Film so beängstigend — und auch so gut. Er erzählt so von Mechanismen, die immer dann einsetzen, wenn die äußere Struktur zusammenbricht. Wie bei Lord of the Flies oder dem Film City of God. Kein Film also für alle, die an den Fortschritt der Menschheit glauben.
Telenovelas — ein Handwerk
Telenovelas mögen vielleicht keine abgründigen Blicke in die Seele der Menschen werfen, viel Arbeit erfordern sie dennoch. Torsten Dewi erzählt auf seinem Blog die Geschichte der Entstehung von Lotta in Love, ProSiebens Versuch, auf der Welle des Erfolges von Verliebt in Berlin mitzuschwimmen. Da lernt man, warum die Protagonistin kein Kind haben darf (dann wäre sie nicht jungfräulich genug, außerdem ist es zu kompliziert, mit Kindern zu drehen), warum Lasagne teurer ist als Pizza (erstere muss man warm halten und braucht deshalb einen Ofen, letztere nicht) und warum man im Sommer Nachtszenen nur drinnen drehen kann (draußen ist es schlicht abends zu lange hell). Das alles ist natürlich mehr Handwerk als Inspiration, aber gerade über das Handwerk kann man nie genug lernen. Selbst wenn man mit Telenovelas nichts anfangen kann.
(Tipp von Anke)
Über die Wahrheit
Die Wahrheit ist ja diejenige, auf die sich die meisten einigen können. An der eigenen kann man dann schon gerne einmal zweifeln, wenn man in der Minderheit ist. Da ist die Versuchung leicht, es sich einfach zu machen. Mit Sprüchen wie “Später kannst du ja immer noch…” und “Willst du das ewig so machen” im Rücken lässt es sich vortrefflich in die falsche Richtung marschieren, wenn man nicht aufpasst. Aber zum Glück kämpft sich die eigene Wahrheit dann wieder empor, ist eigentlich nie richtig weggewesen und dieselbe wie schon seit zwanzig Jahren. Hätte man sich ja denken können.