Das Haus in den Wolken

Eine Erzählung

Die Wolken waren wiedergekommen, zum Glück. Gestern hatte es schlecht ausgesehen, der Blick frei hinunter zum Hafen und hinauf zum Gipfel. Doch jetzt im Wolkennebel hörte man lange, bevor man etwas sah: Autos vor allem, im zweitem Gang, die sich die Steigung hinauf quälten oder, auf dem Weg nach unten, Angst hatten, in Adrians Haus zu krachen.

Aber es war auch Annas Haus.

Sie saß ihm gegenüber am Küchentisch und hatte den Vertrag zwischen sie gelegt, Blatt neben Blatt. Adrians Blick fiel immer wieder über den Rand seiner Tasse auf die nüchternen Zeilen und auf die drei Linien am Ende der letzten Seite. Auf der linken Linie hatte Anna ihre geschwungene Unterschrift gesetzt. Die anderen beiden Linien waren frei.

Adrian hatte nicht vor, hier zu sein, wenn es soweit war. Er hatte vor, es noch einmal zu versuchen.

Er nahm sie noch ein paar Kekse aus den Dose und stand auf. Annas Blick wich nicht von ihrer Unterschrift. Adrian wollte sich hinabbeugen, um sie zu küssen, aber strich ihr dann nur über das Haar.


***

Draußen versicherte sich Adrian noch einmal des Wolkennebels. Nein, man konnte sein Ziel, den Hafen unten, noch nicht einmal erahnen, nur gerade einmal das nächste Haus die Straße hinunter. Und nach oben verschluckte der Nebel sogar die nächste Kurve.

Ein Auto heulte die Straße hinauf, neu und viel zu sauber: Ein Mietwagen. An Tagen wie heute waren es weniger Autos als sonst, aber nicht viel weniger. In den Reiseführern stand es, und die Touristinformation wiederholte es: Von den Gipfeln hatte man immer klare Sicht. Worauf, das verschwiegen sie.

War es der Deutsche?

Nein, das Auto fuhr vorbei.

Adrian wartete, bis der Wagen in den Nebel der nächsten Kurve eingetaucht war, dann stieg er in seinen alten und viel zu schmutzigen Panda.

Javier erwartete ihn.

***

Adrian konnte sich an Zeiten erinnern, in denen er nur mit Mühe und Not einen Parkplatz ergattert hatte. Das war Javiers Konzept gewesen: Keine Privilegien für die Ingenieure. Das galt auch für den Chef, das galt auch für Javier.

Heute fand Adrian sogar einen Platz in der ersten Reihe, direkt vor dem Büro. An dem Büro vorbei sah man auf die Docks. Nur in einem von ihnen lag ein Schiff - kein Neubau natürlich, sondern eine Reparatur, eine Autofähre, die sonst zwischen den Inseln verkehrte.

Adrian stieg aus und ging hinein.

Javier war konsequent gewesen und hatte auch seine Sekretärin abgeschafft - Pilar, Mitte fünfzig und so dick, als hätte sie sich das Gewicht angefressen, das Javier fehlte. Adrian wusste: Obwohl sie schon seit einem halben Jahr nicht mehr für Javier arbeitet, kam sie immer noch manchmal vorbei, kochte ihm Kaffee und brachte einige seiner Papiere in Ordnung. “In meinem Alter findet man keine Arbeit mehr”, hatte sie einmal zu Adrian gesagt. “Aber allein zu Hause rumsitzen kann ich nicht. Und ich weiß, dass Javier mich bezahlen würde, sobald er es könnte.”

Adrian war sich dessen fast sicher, aber nicht ganz. Denn obwohl jeder in der Firma Javier duzte, konnte niemand behaupten, sein Freund zu sein.

Adrian ging an Pilars verwaisten Schreibtisch vorbei und die Treppe hinauf zu Javiers Büro. Es war ideal für den Chef: Von dort hatte man die beste Aussicht auf die Docks.

Die Tür stand offen.

Javier hatte nicht noch weiter abgenommen, immerhin. Dafür trug er immer noch die gleichen Jeans und das das gleiche karierte Hemd wie immer. Javier saß am Schreibtisch und blickte mit derselben Miene auf die Papiere vor sich wie Anna heute morgen auf den Vertrag geblickt hatte.

Javier sah auf. “Adrian”, sagte er.

Sie schüttelten einander die Hand, und Adrian setzte sich in den Besucherstuhl. Es war das erste Mal seit seiner Entlassung.

“Ein Bier?” fragte Javier.

Adrian nickte.

Javier rollte mit seinem Stuhl zu seinem Schrank und öffnete eine Tür, die von den anderen nicht zu unterscheiden war. Hinter ihr befand sich ein Kühlschrank. Javier nahm zwei Flaschen heraus und rollte zurück.

Nach dem ersten Schluck fragte Javier: “Und heute verkauft ihr euer Haus?”

Adrian sah aus dem Fenster den Berg hinauf und in die Wolken. “Es klappt sowieso nicht.”

“Der Käufer, woher kommt er?”

“Aus Deutschland.”

“Hat er das Haus schon gesehen?”

Adrian nickte. “Aber da war beste Sicht.”

“Und?”

“Na, heute ja nicht. Das wird eine Enttäuschung. Ein Deutscher halt.”

“Und du bist nicht dabei.”

Adrian hob die Schultern.

“Wollt ihr nicht aufs Festland?” fragte Javier.

“Anna will aufs Festland.” Adrian leerte in ein paar großen Schlücken seine Flasche.

Javier fragte: “Noch eins?”

Adrian nickte.

Javier hatte schon ausgetrunken. Adrian wusste, dass Javier meist nur abends trank, aber niemals weniger als ein halbes Dutzend Quintos. Wie könnte jemand, der so gerne Bier trank, nur so dünn sein?

Mit einer neuen Flasche in der Hand sagte Javier: “Du weißt doch, wie das ist. Entweder man geht aufs Festland oder man wird Kellner.”

Javier grinste, und auch Adrian musste lachen. “Kellner…”, sagte er. “Dann schon eher Taxifahrer.”

“Schon versucht?” fragte Javier.

Adrian zuckte mit den Schultern. “Die nehmen lieber Jüngere. Ich habe sogar selbst nach einer Lizenz gefragt. Nichts zu machen. Alles voll.”

“Also doch verkaufen.”

Adrian ritzte mit seinem Daumen Löcher in das Aluminiumpapier am Flaschenhals und antwortete nicht.

Javier stand auf. Er ging zum Fenster und sah zu den Docks hinunter. “Fünf Schweißer. Zwei Elektriker. Ein Ingenieur. Mehr gibt so eine Fähre nicht her.”

Adrian hob den Blick nicht von der Flasche. “Und der Rest?”

Javier wandte sich ihm wieder zu. “Kurzarbeit. Du kennst das ja.”

Adrian trank.

“Drei Ingenieure habe ich noch insgesamt. Nächste Woche kriege ich vielleicht einen Trawler rein. Dann haben zwei von ihnen Arbeit. Ich habe Glück, wenn ich den dritten nicht auch noch entlassen muss.”

“Ich würde weniger nehmen als die anderen drei.”

“Du weißt, hier kriegt jeder gleich viel.”

Adrian hatte fast das ganze Aluminiumpapier vom Flaschenhals gekratzt. Er hielt die Flasche so fest, dass das Bier schon ganz warm geworden war.

Javier setzte sich wieder. “Adrian”, sagte er. “Vor ein paar Monaten hast du mir was anderes erzählt. Jetzt sitzt die hier und sagst mir, dass du nicht verkaufen willst.”

“Ich weiß…”

“Also. Was soll ich jetzt machen?”

“Damals klang das so gut. Zu unseren Kindern ziehen. Mein Schwiegersohn hat diese Werkstatt, da kann ich arbeiten… Und gleich um die Ecke ist diese kleine Wohnung. Anna und ich, wir waren schon da…” Adrians Stimme erstarb.

Javier lächelte verkrampft. “Also…”

“Also”, sagte auch Adrian. “Aber es ist in der Stadt.”

Javiers Lächeln verschwand wieder. “Was erwartest du von mir?”

Adrian stellte die Flasche auf den Tisch. Eine letzte warme Pfütze schwappte am Boden.

“Wenn ich jemand einstellen kann, bis du einer der ersten”, sagte Javier. “Aber um ehrlich zu sein: Im Moment denke ich auch dran. Ans Verkaufen.”

“Die Werft…”

Javier nickte. “Dieses Areal hier direkt am Meer, perfekt für Hotels und Wohnungen. Ich glaube, der Bürgermeister möchte die Werft lieber heute als morgen loswerden.”

Die beiden Männer schwiegen. Von draußen drangen Geräusche von Hämmern auf Stahl, und wenn man genau hinsah, konnte man Schweißblitze im Bauch der Fähre aufflackern sehen.

Adrian stand auf. Er sah auf die Uhr: “Jetzt müsste er wieder weg sein, der Deutsche”, sagte er.

Auch Javier erhob sich.

“Danke für das Bier”, sagte Adrian.

Javier nickte.

“Und grüss Pilar.”

Wieder nickte Javier.

Die beiden Männer schüttelten einander die Hand. Adrian ging in Richtung Ausgang, doch kurz bevor er die Treppe hinunter zum Ausgang nahm, drehte er sich noch einmal um.

Javier stand wieder am Fenster und sah auf die Fähre im Dock hinunter.

***

Der Wind war schuld.

Wenn er kam, änderte sich das Wetter. Er trieb die Wolken vor sich her, auf das Meer hinaus, und vorher zerriss er sie.

Wie jetzt. Zwischen Adrian und dem Gipfel klafften schon große Lücken. Es ging schnell. Er brauchte nur dazustehen und zu beobachten, wie der Wald, die die Straße und wie sein Haus aus dem Nebel auftauchte.

Von hier aus sah es so nah aus, doch er wusste, dass es eine halbe Stunde dauern würde, bis er sich die Straße empor geschlängelt hatte.

So lange würde die Wolken nicht mehr bleiben.

***

Auf halben Weg kam ihm ein Wagen entgegen und fuhr an ihm vorbei: Neu und sauber, ein Mietwagen. Aber ein anderer als heute morgen, ein größerer. War es der Deutsche? Doch die Sonne spiegelte sich in der Windschutzscheibe, blendete Adrians Blick.

An seinem Haus angekommen konnte Adrian unten die Werft, sogar Javiers Büro klar erkennen. Die Wolken schwebten jetzt über dem Meer und bedeckten einen Kutter mit Schatten.

Adrian ging ins Haus.

Die Küche war leer. Auf dem Tisch standen zwei Tassen, aber nicht die von heute morgen, sondern die guten, weißen. Neben den Tassen lag der Vertrag, alle Seiten jetzt sauber auf einem Stapel.

Anna war weg. Adrian brauchte sie nicht zu suchen, er spürte es sofort. Sie hatte die Tür nicht abgeschlossen, aber sie war mittlerweile vielleicht schon unten am Hafen.

Adrian beugte sich über den Tisch. Er schob die Seiten des Vertrages auseinander, bis er zur letzten kam.

An dessen Ende die Linien standen.

Auf der linken Linie sah er nach wie vor Annas Unterschrift. Und auf der rechten jetzt die des Deutschen: Klein und klar.

Die mittlere Linie war immer noch leer.

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