Monat: Januar 2007

Drei schreiende Schwestern

Alles ist beige und weiß: Das Bühnenbild, die Kostüme, das Licht. Von Anfang an kann ich die Drei Schwestern nicht voneinander unterscheiden.

Wir sehen Tschechow in den Münchner Kammerspielen. Wir haben die letzten Plätze ergattert, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Stuhl ist unbequem und die rechte Ecke der Bühne nicht zu sehen.

Manchmal setzen die Schauspieler Masken auf. Oder sie singen Beatles. Oder sie schreien. Oder sie wälzen sich auf dem Boden herum. Oder alles gleichzeitig.

Ich lasse meinen Blick durch den Zuschauerraum wandern. Es ist ein schönes Theater. Dezenter Jugendstil, kein Pomp. Wir langweilen uns zu Tode, aber nach der Pause gehen wir trotzdem wieder rein. Vielleicht wird es besser. Der Platz vor uns bleibt leer. Es wird nicht besser.

“Du bist also bodenständig”, hat mal jemand zu mir gesagt und es nicht als Kompliment gemeint. Ich glaube, er hatte recht.

Wettbewerbspremiere

Der rührige Uschtrin-Verlag hat sie alle. Ausschreibungen, Stipendien, Preise. Nur fällt mir leider meistens nichts zum Thema ein (”Macht Kultur gut?”, “Intrawelt”, “3. Wahl”) oder ich habe wenig Lust, für dreihundert Euro im Monat Stadtschreiber in der Holsteinischen Schweiz zu werden. Manche Ausschreiben verlangen außerdem ein Startgeld, wieder andere wollen nur Lyrik.

Die wenigen, die übrig bleiben, setzen voraus, dass man etwas veröffentlicht hat. Aber dieses Hindernis hat sich jetzt ja Gott sei Dank erledigt, und somit nehme ich — Tusch! — an meinen ersten Literaturwettbewerb teil (sieht man mal von “Wi leesen för op Platt” in der Grundschule ab). Der MDR sucht die beste Kurzgeschichte, die sich in weniger als 15 Minuten vorlesen lässt. Heute ging mein Beitrag raus. Drückt mir die Daumen.

Zu dick liegt im Auge des Betrachters

Im Hinternet gab es unlängst eine Diskussion über zu dicke Bücher — Krimis im Besonderen. Aber was ist zu dick? Ein Konsens scheint schnell gefunden: “Alles, was nicht zu Geschichte beiträgt, ist überflüssig.” Gut, das sagt ja schon jeder Ratgeber fürs kreative Schreiben, aber was genau trägt zur Geschichte bei?

Diese Frage bringt mich zu Stephen King. Als Jugendlicher war ich einer seiner großen Fans. Ich finde immer noch, dass er ein großer Erzähler ist, unterschätzt zudem, aber ich habe irgendwann aufgehört seine Bücher zu lesen. Warum? Nun, damals hatte ich das Gefühl, dass King sich wiederholte, sicher zu Recht, denn so talentiert kann kein Autor sein, dass ihm jedes Jahr Stoff für einen 500-Seiten-Schinken einfällt.

Vor Kurzem dann habe ich ein Buch von ihm wiedergelesen: Es. Als ich vor fast zwanzig Jahren las, lag ich ganze Nächte wach und konnte es nicht aus der Hand legen. Es hat über 1000 Seiten, doch wünschte ich, es hätte noch mindestens 1000 mehr. Jede Zeile, jede Wendung, jedes Detail erschien mir Teil eines faszinierenden Kosmos’ und nicht wegzudenken.

Anders heute. Diesmal ertappe ich mich dabei, manche Passagen querzulesen. Insbesondere die blutigen. Dabei habe ich King früher immer verteidigt, gemeint, die Gewalt gehöre dazu. Aber eben diese Gewalt finde ich jetzt — überflüssig.

Wieso der Sinneswandel?

Ich denke, als Jugendlicher gefiel es mir, wie das Monster in dieser spießigen Provinzstadt wütete, durch seine Morde die Alltäglichkeit zerriss. Aber heute hätte mich mehr interessiert, was die Angst mit den Figuren macht, was die Figuren zusammenhält oder auseinanderbringt. Die Gewaltexzesse kommen mir vor wie Explosionen in einem mittelmäßigen Actionfilm: Effektreich, aber letztendlich ohne Belang.

So ist also aus einem Buch, das mir nicht lang genug sein konnte, ein Buch geworden, das zu dick ist. Eine beruhigende Erkenntnis irgendwie: Denn anders als, sagen wir, im Geschäftsleben, kann man in der Literatur nicht anhand von harten Fakten beweisen, was überflüssig ist. Es ist ein bisschen wie mit den Menschen: Ob jemand zu dick ist, liegt im Auge des Betrachters.

Heulen und Klappern

Stürme werden nicht dadurch stärker oder bedrohlicher als früher, nur weil man jetzt überall Deutschlandkarten in Rot sieht. “Bitte halten Sie sich von Gebäuden und Bäumen fern.” Lieber Mann vom Wetterdienst, wo lebst du denn?

Sag es mit den Worten von Frau Paprotta

Aber dann:

Erst dieses Herumtasten. Probieren, fluchen, es mies finden. Es verwerfen, dann aber denken, nö, jetzt habe ich das und wir verschwenden nix - von Grund auf ist man ja faul. [...] Irgendwann ist die Figur so, wie man sich das einmal vorgestellt hat. Nicht, weil sie beschrieben ist, sondern weil sie jetzt spricht, auch wenn sie nichts sagt.
Hab ich dich endlich. Du Biest.

Oh ja, ich kann das gerade jetzt so gut verstehen. Warum tut jemand, was er tut? Im Roman genauso wichtig wie in Echt.

Zwei Bücher, in denen ich fast…

mindestenshaltbar.jpgWenn ich im Urlaub bin, lese ich keine E-Mails. Ich meide Internetcafés, und wenn ich etwas von meinen Reisen erzählen will, kann ich eine Postkarte schreiben. Oder damit warten, bis ich zurück bin.

Doch letztes Jahr habe ich dadurch etwas verpasst.

Als mein Buch herauskam, gab es Schwierigkeiten mit der Bestellfaxnummer. Und mein Blog wurde von Spam überrannt. Nicht dass beides etwas miteinander zu tun hatte, aber ich hätte davon rechtzeitig etwas mitbekommen können. Hätte ich in Barcelona nur meine E-Mail gelesen.

Und noch etwas ging mir durch die Lappen. Eine Anfrage harrte in meiner Inbox. Ob ich etwas dagegen habe, wenn mein Text im Mindestenshaltbar-Buch erscheine. Ich hatte nicht, aber als ich endlich antwortete, war es schon zu spät. Das Layout stand.

Es ist natürlich trotzdem ein schönes Buch geworden. Mit tollen Texten, von denen ich viele noch gar nicht kenne, weil ich manchmal doch altmodisch bin und Längeres lieber auf dem Sofa als am Bildschim lese. Und genau das kann ich jetzt.

Ein anderes Buch, in dem ich fast vertreten gewesen wäre, ist die Anthologie Armut. Sie erscheint im Wittaverlag, die sich auch meines 12-Enders erbarmt haben. Hier allerdings zieht die Ausrede der verpassten E-Mail nicht. Ich hatte schlicht nicht rechtzeitig genug einen passenden Text fertig.

Ich verkaufe mehr Bücher als George Orwell

Die ersten Verkaufszahlen: Neun Bücher über Amazon im letzten Quartal 2006. Das klingt nicht viel, aber wenn man bedenkt, dass der Diogenes-Verlag von George Orwells Im Inneren des Wals innerhalb eines Jahres nur acht Exemplare verkauft hat, ist das schon gar nicht mal schlecht.

Dabei macht der Amazon-Verkaufsrang süchtig. Platz 8.198? Von wieviel zigtausend im Katalog? Wahnsinn. Ein paar Wochen später dann Platz 99.213. Naja, immer noch besser als George Orwell. Noch ein paar Wochen später Platz 403.121. Ach komm, ist doch nur Internetz…

Dabei soll das ja angeblich so einfach sein. Amazon als El Dorado für Nischenprodukte. Drei positive Rezensionen steigern die Verkäufe um das 57-fache. Soll ich etwa mein eigenes Buch…? Unter einem Pseodonym, vielleicht als g.orwell? Oder Freunde moralisch erpressen: “Du sag mal, du hast doch einen Amazon-Account, könntest du nicht…?”

Vielleicht lieber an die Leser appellieren: Hey du, vor dem Bildschirm, du hast mein Buch gelesen und fandst es gut? Dann klick dich durch zu meinem Buch auf Amazon, wähle fünf Sterne aus und hau in die Tasten.

Naja, man will ja nicht unverschämt sein. Nächste Woche ist das Buch bestimmt schon wieder auf Platz 311.112.