Im Hinternet gab es unlängst eine Diskussion über zu dicke Bücher — Krimis im Besonderen. Aber was ist zu dick? Ein Konsens scheint schnell gefunden: “Alles, was nicht zu Geschichte beiträgt, ist überflüssig.” Gut, das sagt ja schon jeder Ratgeber fürs kreative Schreiben, aber was genau trägt zur Geschichte bei?
Diese Frage bringt mich zu Stephen King. Als Jugendlicher war ich einer seiner großen Fans. Ich finde immer noch, dass er ein großer Erzähler ist, unterschätzt zudem, aber ich habe irgendwann aufgehört seine Bücher zu lesen. Warum? Nun, damals hatte ich das Gefühl, dass King sich wiederholte, sicher zu Recht, denn so talentiert kann kein Autor sein, dass ihm jedes Jahr Stoff für einen 500-Seiten-Schinken einfällt.
Vor Kurzem dann habe ich ein Buch von ihm wiedergelesen: Es. Als ich vor fast zwanzig Jahren las, lag ich ganze Nächte wach und konnte es nicht aus der Hand legen. Es hat über 1000 Seiten, doch wünschte ich, es hätte noch mindestens 1000 mehr. Jede Zeile, jede Wendung, jedes Detail erschien mir Teil eines faszinierenden Kosmos’ und nicht wegzudenken.
Anders heute. Diesmal ertappe ich mich dabei, manche Passagen querzulesen. Insbesondere die blutigen. Dabei habe ich King früher immer verteidigt, gemeint, die Gewalt gehöre dazu. Aber eben diese Gewalt finde ich jetzt — überflüssig.
Wieso der Sinneswandel?
Ich denke, als Jugendlicher gefiel es mir, wie das Monster in dieser spießigen Provinzstadt wütete, durch seine Morde die Alltäglichkeit zerriss. Aber heute hätte mich mehr interessiert, was die Angst mit den Figuren macht, was die Figuren zusammenhält oder auseinanderbringt. Die Gewaltexzesse kommen mir vor wie Explosionen in einem mittelmäßigen Actionfilm: Effektreich, aber letztendlich ohne Belang.
So ist also aus einem Buch, das mir nicht lang genug sein konnte, ein Buch geworden, das zu dick ist. Eine beruhigende Erkenntnis irgendwie: Denn anders als, sagen wir, im Geschäftsleben, kann man in der Literatur nicht anhand von harten Fakten beweisen, was überflüssig ist. Es ist ein bisschen wie mit den Menschen: Ob jemand zu dick ist, liegt im Auge des Betrachters.