Die SZ singt ein Loblied auf die Bahn und spricht mir aus der Seele:
Auto? Vergiss es. Selbst wenn du glatt durchkommst von Bayern bis ans Meer, selbst wenn du es tatsächlich pünktlich bis zum Termin schaffst, du wärst dann nicht mehr interviewfähig. Flugzeug? Mit der S-Bahn zum Münchner Flughafen, von dort zum Flughafen Hamburg, von dort in die Innenstadt zum Bahnhof, dann in den Zug nach Bremerhaven, ein dauerndes Gewechsle, und wenn das Flugzeug Verspätung hat, bis du umsonst gereist.
Und später:
Wer viel fliegt, weiß, wie es in vergleichbaren Situationen im Flugzeug zugeht. Da meldet sich irgendwann die tiefe Stimme des Kapitäns, die etwas murmelt von Gepäckstücken, die noch zu verladen seien oder von Passagieren, auf die man noch warten müsse, vielleicht kommt die Mitteilung entschuldigend daher, vielleicht auch nicht, auf jeden Fall: Bleiben Sie angeschnallt sitzen und lassen Sie Ihre Mobiltelefone ausgeschaltet.
Ja, ich hasse es zu fliegen. Nicht weil ich Flugangst hätte, im Gegenteil. Im Auto habe mehr Angst, vor allem auf deutschen Autobahnen. Und sieht man sich die Statistiken an, wohl mit Recht.
Fliegen ist Gängelei. Das fängt schon damit an, dass man irgendwie zum Flughafen kommen muss. Je moderner der Flughafen ist, desto weiter liegt er außerhalb der Stadt. München ist da das beste Beispiel. Wenn man es in einer halben Stunden dorthin schafft, hat man entweder Glück gehabt oder jemanden gefunden, der einen mit dem Auto hinfährt. Und ist man erst einmal da, ist Warten angesagt. Vor dem Check-In. Vor der Security (und das auch schon vor der Flüssigkeitssprengstoffhysterie). Am Gate, und dort meistens länger als gedacht, denn:
Fliegen ist der Inbegriff der Unpünktlichkeit. Wie? Sagt man das nicht über die Bahn? Ja, aber zu Unrecht. Ich bin oft geflogen, eine zeitlang mindestens zweimal die Woche, und ich wage zu sagen: Mehr als ein Drittel aller Flüge hat mehr als zwanzig Minuten Verspätung. Und davon wiederum die Hälfte mehr als eine halbe. Schon beim Abflug, wohlgemerkt. Dass wir bei meinem letzten Urlaub sechs Stunden später als geplant abgeflogen sind, man uns davor noch mit einem stinkenden Bus quer über die Insel zum Südflughafen karrte und nur mit einem Pauschaltouristenbuffet in einer Bettenburg abspeiste, hat mich schon gar nicht mehr überrascht.
Warum trotzdem die meisten auf die Bahn eindreschen, liegt an dreierlei:
- Keine Fluggesellschaft hat ein derartiges Monopol wie die Bahn. Fehler macht man an einer Firma fest, nicht am System. Wenn Iberia dauernd zu spät abfliegt, wechselt man eben zur Lufthansa, so wie man ja auch nicht mehr zum Thailänder um die Ecke geht, wenn man sich dort einmal Salmonellen eingefangen hat.
- Fliegen ist mondän. Trotz Billigairlines mit ihren Media-Markt-Charme glauben viele immer noch, die Warterei am Gepäckband sei ein Ausdruck von Weltläufigkeit. (Das sagt im übrigen auch einiges über die Wirtschaftselite aus: Obwohl Flugpendler es besser wissen müssen, finden einige es von ihnen immer noch großartig, sich Tag für Tag beim Reisen erniedrigen zu lassen.)
- Für Auslangsreisen gibt es kaum eine Alternative, denn — das muss ich zugeben — so richtig gut funktioniert die Bahn dann doch nur im Inland. Obwohl Barcelona von München genauso weit entfernt ist wie Husum, würden wir nicht auf die Idee kommen, dorthin mit dem Zug zu fahren.
Punkt drei zeigt andererseits noch ein weiteres Problem: Fliegen verbindet nur Metropolen. Von München nach Hamburg brauche ich Tür-zu-Tür mindestens drei Stunden. Wenn es keine Verspätung gibt, heißt das. Mit dem Zug brauche ich sechs Stunden. Fast immer ohne Verspätungen übrigens. Will ich aber weiter nach Husum, kann ich das Fliegen vergessen. Der Hamburger Flughafen hat eine katastrophale Anbindung an den öffentlichen Nachverkehr. Entweder muss ich eine halbe Stunde oder mehr in Kauf nehmen, um nach Altona zu kommen, oder teures Geld für ein Taxi bezahlen. Mit dem Zug steige ich bequem am Dammtor um. Und selbst wenn ich Hamburg bleiben will, lande ich immer direkt in der Innenstadt. Denn Bahhöfe liegen nunmal nicht in einer Brache vor der Stadt, sondern im Zentrum.
So könnte ich endlos weitermachen: Davon erzählen, wie es ist, sich mit 1,93m Körpergröße in Flugzeugsitze zu zwängen. Wie die Luft in den Boeings und Airbussen dieser Welt stinkt. Wie ich im Flugzeuggang nicht einfach herumlaufen kann, weil ständig ein Getränkewagen im Weg steht.
Aber ich könnte es auch kurz machen und sagen: Ich fahre sogar lieber Auto als dass ich fliege.
Und das will einiges heißen.
Kommentare 5
Der große Nachteil der Bahn heißt Mehdorn. Die Bahn ist zu teuer. Ich bezahle heute das Doppelte als vor drei Jahren. Die “günstigen” Sonderangebote sind leider immer alle schon weg.
18 Dez 2006 um 18:28 ¶Ja, sie erhöhen dauernd ihre Preise, das stimmt. Aber Strom, Benzin etc. wird auch immer teurer. Sicher, muss man der Bahn noch einen Wasserkopf mitfinanzieren, und der heißt nicht nur Mehdorn.
18 Dez 2006 um 18:33 ¶Alles schön und gut. Aber so gut ist die Bahn auch nicht immer. Gerade im Nahverkehr hat sie eklatante Mängel: Wenn man mal versucht, zu Weihnachten von Villingen-Schwenningen nach Nordmoslesfehn zu kommen, braucht man mit dem Auto fünf Stunden, mit der Bahn, geschätzte zwanzig. Oder von Rastatt nach Baden-Baden ins Theater an einem normalen Abend? Mit dem Auto dreiviertel Stunde. Mit der Bahn drei Stunden: Der Bahnhof liegt außerhalb der Stadt.
Denn die Bahn ist fast nur in der Verbindung von Metropolen gut. Von einem Kaff zum nächsten kommt man manchmal überhaupt nicht.
19 Dez 2006 um 10:48 ¶Es kommt darauf an, Georg. Du hast Recht, es gibt Strecken, die sind, vorsichtig ausgedrückt, unterversorgt. Aber es gibt auch Positivbeispiele, aber zugegeben nur dort, wo die Bahn ihre Nebenstrecken verkauft hat. Die Bayerische Oberlandbahn fällt mir ein oder auch die Nord-Ostsee-Bahn. Und was ist mit dem Allgäuexpress?
Und die Bahn verbindet nicht nur die großen Metropolen, sondern auch kleinere Städte. Husum, Kiel, Flensburg, alle mit dem Flieger nicht zu erreichen.
19 Dez 2006 um 11:51 ¶Wasserkopf: Ach ja, ich hatte Wiesheu vergessen.
Unter der Woche sind die Hamburg-München ICEs nur zu einem Drittel besetzt, höchstens. Meine jungen Freunde fahren alle per Mitfahrgelegenheit ins Allgäu, keiner kann das bezahlen, 111 Euro nur für die Hinfahrt.
19 Dez 2006 um 20:07 ¶Neuer Kommentar