Die Sache mit der Polizei

Was mich bislang davon abhielt, einen Krimi zu schreiben, war die Sache mit der Polizei. Denn die gehört ja irgendwie dazu zum Krimi. Denkt man.

Gut, es gibt Ausnahmen. Je nachdem, wohin man die Handlung verlagert, können auch andere ermitteln. In L.A. ein Privatdetektiv und im Hunsrück eine strickende Lokalreadakteurin. Aber bleibt man in Deutschland, in einer Großstadt, im Hier und Jetzt sozusagen, wird’s eng. Man könnte sich auf den Täter konzentrierten. Oder auf das Opfer. Aber will man eine Figur haben, die ohne Wenn und Aber überall rumschnüffeln kann, so bleibt nur: Die Polizei.

Was mich interessiert, ist die Niedertracht und woher sie kommt. Aber kann das eine Polizei interessieren? Doch nur bis zu einem gewissen Punkt, und das mit Recht. Warum sollten sie ihren Job anders machen als wir unseren? Wir gehen jeden Tag acht, neun, zehn Stunden ins Büro, und wenn wir Glück haben, macht es uns sogar Spaß, aber tun wir es mit Leidenschaft? Wohl eher selten.

Doch genau davon wimmelt es in den meisten Krimis. Von Polizisten aus Leidenschaft. Die meisten sind deshalb Einzelkämpfer, denn Moral macht einsam. Einige davon werden weinerlich (Kurt Wallander), andere zerreißen sich für uns auf wunderbare Weise selbst (John Rebus), aber sie sind aus dem Inneren getrieben. Selbst wenn sie trinken, schlagen und auch mal mit den Gangstern paktieren, sind sie edel.

“Unsinn!” höre ich jemanden rufen. Es ist ein Noir-Leser. Er wedelt mit ein paar Romanen. Korrupte Bullen, wohin man schaut. Gut, das ist schon einmal ein Ansatz, aber irgendwie liegt mir das nicht. Sicher, auch hierzulande fließt Schmiergeld. Aber das Bild vom etwas biederen Beamten will mir einfach nicht aus dem Kopf.

Was wäre mit einem Kommissar, dem alles gleichgültig ist? Er kann nicht die einzige Hauptfigur sein, ihm gegenüber steht der Verdächtigte. Aber wir begleiten ihn, wie er Zeugen vernimmt und dabei an seine Rente denkt. Ob das trägt, weiß ich nicht. Vielleicht steht ihm zur Seite doch noch einer der Edlen, der aber unweigerlich scheitern muss.

So wie auch Astrid Paprottas Ina Henkel. Denn sie ist nämlich Schuld, dass mir klar geworden ist, dass es auch anders geht. Ina Henkel geht durch den Polizistenalltag eher achselzuckend als mit Verve. Nachzulesen übrigens auch in einem Krimiporträt von Dieter Paul Rudolph, das dann demnächst auch ganz ehrlich erscheint.

Die Polizei wird bei mir nur die Hälfte des Raumes einnehmen, aber den ohne Edelmut. Ich hoffe, es klappt.

Kommentare 14

  1. kaltmamsell :

    Minette Walters kommt auch meist ohne Polizei aus.
    (Ein Bürokraten-Polizist würde mir auch gefallen. Der lieber Vorschriften einhält als Leidenschaften hat. Weil eh schon 17 Uhr ist und er jetzt Feierabend macht.)

    18 Dez 2006 um 23:17
  2. albertsen :

    Minette Walters? Kenne ich gar nicht. Gleich mal nachschauen.

    Um 17 Uhr Feierabend zu machen, ist ein gutes Stichwort. Gerade eine entsprechende Szene geschrieben. Kannst du hellsehen?

    19 Dez 2006 um 10:00
  3. Georg :

    Finde ich auch gut. Wobei ich es mir wirklich schwierig vorstelle, einen “Helden” so unheldisch zu beschreiben. Viel einfacher ist es ja, ihn als großen einsamen Wolf, als irgendwie Herausragenden darzustellen. So wie es auch wahnsinnig schwierig ist, Langeweile zu beschreiben, ohne dass es langweilig wir, einen uninteressanten Menschen, dass es nicht uninteressant wird. Gibt es denn Interessantes an deinem Helden?

    Mir fällt immer A.L. Kennedy ein. Die kann seltsame Zustände beschreiben, dass es einen völlig aus der Lesekurve haut. Ihr letzter Roman, “Paradies”, ist auch in dieser Hinsicht grandios.

    19 Dez 2006 um 10:38
  4. Helga :

    Minette Walters ist auch von mir eine große Leseempfehlung!

    19 Dez 2006 um 11:37
  5. albertsen :

    Ja, Georg, du hast Recht, nur Pflichterfüllung wäre langweilig, und diese Langeweile interessant darzustellen, dazu reicht mein Talent sicher nicht. Vielleicht wird sich der Pflichterfüller im Laufe des Buches ändern, vielleicht kommt der Konflikt auch daher, dass er sich an seinen edlen Kollegen reibt. Und außerdem nimmt der Pflichterfüller nur Hälfte der Geschichte ein, die andere Hälfte ist der Verdächtigte.

    Liebe Kaltmamsell, liebe Helga: Welches Walters-Buch ist denn als Einstieg empfehlenswert?

    19 Dez 2006 um 11:45
  6. kaltmamsell :

    Ich empfehle von Walters zum Einstieg The Shape of Snakes / Schlagenlinien.
    Ihr bislang bestes ist meiner Meinung nach Acid Row / Der Nachbar.

    19 Dez 2006 um 12:04
  7. bernd :

    Wer des Englischens mächtig ist, dem kann Eleanor Taylor Bland empfohlen werden. Die bringt das Kunststück fertig spannende Romane zu schreiben, als soziales Gewissen des amerikanischen Krimis gelten zu können und die Polizeiarbeit aufreizend unprätentiös darzustellen.

    Natürlich wenn´s hoch hergeht, arbeitet die Heldin länger. Aber eigentlich wäre sie lieber bei der Familie … und dann diese Samstage im Büro, nicht passiert und der “Bürokram” ist zu bearbeiten.

    19 Dez 2006 um 12:08
  8. albertsen :

    Englisch wäre jetzt kein Problem. Danke für die Tipps. Wann soll ich all das nur lesen?

    19 Dez 2006 um 12:38
  9. anobella :

    ich meine, es könnte funktionieren. mein kommissar hasst erreichbarkeit, was in seinem job grotesk ist. die wut über seinen übergriffigen chef (der keine wahl hat) ist sein wesentlicher antriebsmotor, den täter zu jagen - damit wieder ruhe in der leitung herrscht.

    20 Dez 2006 um 09:12
  10. Helga :

    Walters: Oder auch die Bildhauerin oder das Echo. Die beiden sind etwas älter schon. In ihren ersten Büchern hat sie sich mehr auf die Charaktere der Personen interessiert, während sie in den neueren gesellschaftspolitischer wird.

    20 Dez 2006 um 11:57
  11. ap :

    Ohne Wenn und Aber schnüffeln: Das ist das genau das Problem. Manches kann nicht erzählt werden - oder wird total unglaubwürdig - wenn es nicht, sagen wir mal: korrekt ermittelt wird. Ich überlege mir seit … ach, ich weiß nicht, wie lange, es bullenlos zu machen, und das wird auch kommen, aber manchmal steht da zu viel im Weg.
    Ohne Edelmut - genau! Alles andere ist Lüge.

    21 Dez 2006 um 17:34
  12. albertsen :

    Und dann ist ja noch eine Frage der Motivation. Gut, wenn ein Verdächtigter sich reinwaschen will, macht er sich eben auf die Suche nach dem wahren Täter. Aber er kommt eben auch nicht überall hin, und nicht jeder wird ihm Rede und Antwort stehen.

    21 Dez 2006 um 19:15
  13. l9 :

    Gibt viele sehr gute Kriminalromane mit entsprechenden Polizisten. Ian Rankin (Rebus) - Qiu Xiaolong (Chen) - Fred Vargas (Adamsberg). Und dann passiert dir was. Er handelt mit Horrorfilmen und veranstaltet ein Festival (Weekend of Fear). Und das interessiert die Rebusse und Adamsberge und eines Tages durchsuchen sie deine Wohnung und verhören dich und irgendwie könnten auch Drogen im Spiel sein und das ist garnicht romantisch und die Beamten sind auch nicht sehr philosophisch. Eher profan. Teilweise Brutal, unangenehm. Auch wenn nichts war, glücklicherweise, weil da auch nichts ist, kannst du dann wochenlang keine Krimis mehr lesen und auch der Tatort im Fernsehen erzeugt negative Gefühle - keine Distanz. Das ist dann so wie damals, als der P. gestorben ist, das erste Mal im Leben die große Trauer - du verstehst garnicht, wieso man übers Sterben Scherze machen kann.

    Das gibt sich aber wieder.

    Insofern: ich les jetzt wieder Krimis und lach auch wieder über Todesscherze.
    Nichtsdestotrotz - an die Nase fassen (ich) - wieso müssen es so oft die Kriminalgeschichten sein, die mich so interessieren? Herausgefunden: für mich sind Kriminalromane manchmal ein Ersatz für Reiseführer mit großem Bezug zur Bevölkerung.
    Ian Rankin (Edinburgh) - Qiu Xiaolong (Shanghai) - Fred Vargas (Paris).

    Noch ein kleines PS gegen den Edelmut - Patricia Highsmith - Tom Ripley (immer wieder und nach wie vor).

    26 Dez 2006 um 19:15
  14. albertsen :

    Ja, Rankin ist ganz groß, aber auch Rebus ist ein getriebener, der sich zwar im Polizeicorps nicht integrieren kann, aber dennoch den Fällen auf den Grund gehen will. Der Gedanke an die Polizei ruft bei mir gemischte Gefühle hervor, und die decken sich mit deinen Erfahrungen. Allerdings kenne ich auch die andere Seite, durch angeheiratete Polizisten in unserer Familie, und daher weiß ich, dass sie letztlich auch nur versuchen, ihren Job zu machen, genauso unphilosophisch, genauso genervt sind wie unsereiner, der auch vielleicht nicht immer so sensibel mit seinen Kollegen und Kunden umspringt (aber natürlich viel weniger Gewalt einstecken muss und viel weniger Gewalt austeilen darf).

    26 Dez 2006 um 22:36

Neuer Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird niemals veröffentlich oder weitergegeben.
* = benötigtes Feld