Die Zeit berichtet über Parallelgesellschaften am Starnbeger See. Und Frau Klugscheißer über die Elite, die nach dem Kacken gelobt werden möchte.
Das erinnert mich an einen Limousinenservice.
Es war zu der Zeit, als ich das Fliegen hassen lernte, aber es auch angenehmes gab. Den Chauffeur nämlich. Er fuhr uns Montag morgens um sechs zum Flughafen und holte uns dort donnerstags um acht Uhr abends wieder ab. Mit einem Mercedes S-Klasse. In schwarz. Mit getönten Scheiben. Denn das war billiger, als jedes Mal ein Taxi zu nehmen. Sagten unsere Chefs.
Der Chauffeur war klein, ein wenig rundlich und trug immer einen perfekten schwarzen Schnurrbart und einen perfekten schwarzen Anzug. Er war ein Ausbund der Dienstfertigkeit. Er nahm mir den Koffer ab, kaum dass ich aus der Tür trat, und wenn ich einmal allein mit ihm fuhr, spürte er sofort, ob er lieber die Klappe halten sollte (montags) oder ein bisschen Konversation machen konnte (donnerstags). Dabei erzählte er mir auch, was ich jetzt wieder in der Zeit lesen konnte: Am Starnberger See leben die meisten Millionäre. Er sagte dies mit einem Ton, den ich nicht ganz deuten konnte. Einerseits hatte er einen Sinn fürs Protzige, schwärmte auf der Autobahn jedem Mercedes oder BMW hinterher, der größer oder neuer war als sein eigener. Andererseits musste auch ihm klar sein, dass er diese Reichen niemals fahren würde. Denn diese hatten entweder ihren eigenen Chauffeur oder nahmen sich dann doch schnell ein Taxi. 200 Euro, eh egal.
Dem Chauffeur gehörte die Limousinenfirma. Er hatte Angestellte, aber uns fuhr er immer persönlich. Warum weiß ich nicht. Denn unsere Firma war klein und nicht sonderlich reich und wollte sich ja eigentlich nur das Taxigeld sparen.
Ich hörte irgendwann auf, mit ihm mitzufahren, denn ich musste nicht mehr fliegen. Ich hatte ein Projekt in München, Gott sei Dank. Aber der Chauffeur kutschierte die anderen immer noch persönlich zum Flughafen. Montags hin, donnerstags zurück.
Bis zu einem Tag.
Wir hatten einen Lehrling. Da unsere Firma aber klein war und wir immer beim Kunden arbeiten, hätte der Lehrling allein in unserem Münchner Büro herum sitzen müssen. Dass man dabei nicht allzu viel lernt, wurde dann auch unseren Chefs irgendwann klar. Also dealten sie irgend etwas mit dem Kunden, und so konnte auch unser Lehrling mitfliegen. Und von dem Chauffeur gefahren werden.
Konversation mit dem Lehrling war kein Problem. Er liebte es zu reden. Also saß er immer vorne, vor allem montags. Auch an jenem Tag, da der Chauffeur zum letzten Mal persönlich fuhr. Worüber sie genau sprachen, weiß ich nicht. Ich war ja nicht mehr dabei. Aber irgend etwas muss den Lehrling dazu gebracht haben zu sagen: “Ja, die Eva Braun, die hat den Adolf beim Ficken immer vollgekackt.”
Als man es mir erzählte, stellte ich mir ihn vor, den Chauffeur. Sein dienstbeflissenes Gesicht entgleisen. Keine Höflichkeit findend, die er darauf antworten konnte. Wahrscheinlich zutiefst beschämt von der Johlerei, die der Lehrling bei den Chefs auf der Rückbank auslöste. Der Chauffeur, der so gerne die Millionäre vom Starnberger See gefahren hätte.
Von diesem Tag an schickte er immer einen Angestellten.