“Sinnlose Gewalt”, das sagt sich so leicht daher. Isrealis gegen Palästinenser, Basken gegen Kastilier, katholische Republikaner gegen protestantische Unionisten. Wer hat wann wie und warum angefangen? Blicken die Beteiligten selbst noch durch? Meistens kann man nur Momentaufnahmen erstellen. Der Film Bloody Sunday ist so eine Momentaufnahme. Und eine schonungslose noch dazu: Von dem Massaker am Blutigen Sonntag, den 30. Januar 1972, in Derry, Nordirland. Hier klingt jeder Schuss tödlich und nicht nach einem lustigen Kampfspielzeug. Selten so erschlagen gewesen nach einem Film. Absolut sehenswert.
Jürgen Albertsen
Monat: Oktober 2006
Gerade erfahren, dass dem Buch und Film Children of Men eine Idee zugrunde liegt, die ich vor Jahren auch schon einmal hatte. Glaubt einem wieder keiner, natürlich. Noch dazu ist das Buch früher rausgekommen als ich meine Idee hatte, also wär’s eh blöd gewesen. Aus der Idee entstanden sind immerhin ein paar Kurzgeschichten, die sich zu einem Zyklus zusammenfügen sollten: Die letzte Stimme. Der Rest ist nie fertig geworden. Vielleicht krame ich die Geschichten mal hervor und veröffentliche sie hier.
Und ja, der “Senden”-Knopf im E-Mail-Programm ruft dasselbe Gefühl von Endgültigkeit hervor, als werfe man das Manuskript in den Briefkasten. Jetzt kann ich nur noch warten.
Telegramm, 23.10.2006
Das Duzen bei IKEA.
Die Unterschichtendebatte in Oberschichtenzeitungen.
Das wohlige Gefühl beim Hören von Disintregration.
Ansteigende Forstwege.
Das Pfeifen des Spannungswandlers.
Das Baby in der Mülltonne.
Sprachunterschiede, Landunterschiede, Lakritz.
Cross over: Stand up for the Champion.
Aufpumpfaulheit, jeden Morgen.
Nachschub: 10 neue Exemplare. Passen in den Briefkasten.
Meine aktuelle Aufgabe
Männchen malen.
Striche malen.
Kreise malen (na gut, es sind Ellipsen).
Punkte malen.
Mehr Striche malen.
Rechtecke malen.
Und manchmal etwas dazu schreiben.
Früher, ja, früher
Kennt jemand Stefan Waggershausen? Eine Platte von ihm stand bei meiner Schwester im Plattenregal, ich bin also unschuldig. Unfreiwillige Frühprägung sozusagen. Behalten habe ich auch nur eine Textzeile: “Früher war alles viel früher.” Fand ich damals originell, heute denke ich: Naja, stimmt schon. Denn besser waren die Zeiten ja nicht, höchstens sorgenfreier. Und warum? Weil man jung war, weil man von dem ganzen Scheiß keine Ahnung hatte. Weder von Arbeitslosigkeit, Gesundheitsreform und Fair Trade noch davon, dass auch damals schon fast jede Band ihre Musik geklaut hat. Zu diesem Gefühl will man zurück. Gibt ja schon eine Versicherung, die mit diesem Gefühl wirbt, habe nur den Namen vergessen. Hätte da übrigens noch einen Vorschlag. Statt nur die Tagesschau von vor 25 Jahren zu zeigen, könnte man das komplette Programm von ARD und ZDF wiederholen. Öffentlich-Rechtlich Vintage. Dann könnte man sich herrlich zurückversetzen. Würde aber auch merken, dass es schon damals den ganzen Scheiß gab: Afghanistan, Steuern, Hungernot in Afrika. Hilft also auch nichts. Denn eigentlich ist keine Ahnung besser als zuviel Ahnung und nicht früher besser als heute.
Rotes Curry im Karton
Wie wahrscheinlich soviele Möchtegern-Schriftsteller drücke ich mich auch seit Jahren darum herum, endlich einen Roman fertig zu kriegen. Denn da mögen die Leute von neuen Formen der Literatur, von Blogs, vom Internet reden, wie sie wollen, das Wahre, Echte für soviele Autoren (und auch Leser!) bleibt eine Geschichte von 200 Seiten aufwärts zwischen zwei Buchdeckeln.
Insofern nahm ich meine Kurzgeschichten zwar ernst, aber sah sie nur als eine Vorstufe zu etwas Größerem. Seit ein paar Jahren treibe ich mich in ein paar Literaturgruppen herum und habe ein paar Lesungen gegeben. Die Geschichten kamen dort und auf dieser Internetseite mal weniger, mal mehr an, aber immerhin so gut, dass ich den Mut hat weiterzumachen.
Dann kam für mich die Überraschung: Einer der Jungs von der Klivuskante, die schon ein paar Geschichten von mir veröffentlicht hatten, ein Herr namens Bernd Witta, fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, zwölf meiner Geschichten in seiner Reihe 12-Ender zu veröffentlichen. Ich schaute hektisch nach, ob ich überhaupt soviel in meiner Schublade hatte, dessen ich mich nicht vollkommen schämte — und sagte zu.
In der Musikbranche würde man den Wittaverlag wahrscheinlich ein Independent-Label nennen, aber wann kann mich sich schon mit dem Chef persönlich auf ein Bier treffen? So wie gestern, als Bernd einen Karton mit dabei hatte, in dem sich Bücher befanden: Meine zehn Freiexemplare von Rotes Curry.
So liegt es vor mir, mein erstes Buch, und ist so ganz anders entstanden, als ich es mir vorgestellt habe. Ich musste nicht immer wieder mein Manuskript verschicken, um dann doch nicht “ins Programm zu passen”. Und ich musste auch nicht erst meinen ersten großen Roman fertigstellen. Denn auch dieser Band mit zwölf Geschichten ist ein Buch zwischen zwei Deckeln — fühlt sich echt und wahr an.
Und es schließt etwas ab, eine Phase. Eine Phase, nach der ich mich vielleicht endlich traue, ihn anzugehen, den ersten großen Roman.
Farewell, Arab Strap
Arab Strap sind einer der Handvoll Bands, die ich, seit ich sie entdeckt habe, immer wieder hören kann, ohne ihrer satt zu werden. Vielleicht liegt das an der Reibung. Zwischen Aidan Moffat und Malcom Middleton und zwischen ihrer Musik und mir. Aidan, der Sänger, der Texter/Dichter, der Alkohol- und Frauenbesessene. Malcolm, der musikalische Kopf, der seine Depressionen zuerst in unbehauenen Rock, später in Pop verwandelte. Wie haben sie sich entwickelt. Aidan, der zuerst nur nuschelte und später so rauh und schief und dabei so schön sang, wie kaum jemand sonst. Malcolm, der sein Gespür für verzweifelte Melodien zuerst unter Lo-Fi versteckte, doch dann immer offener auslebte, und dessen Popperlen seinem Partner Aidan vielleicht zu perlend wurden. So ist dann auch das Album The Red Thread das beste, auf halben Wege zwischen dem Schleppenden von The Week Never Starts Around Here und dem Treibenden von The Last Romance. Und auf The Red Thread findet sich auch mein absoluter Lieblingstitel von ihnen, Screaming in the Trees:
Your shoes could’ve woken up the whole street.
They drowned out the birds screaming in the trees.
We sat down on the stone stairs
and I watched the scars on your knees.
Vielleicht erklärt es einiges, dass Malcolm eine Therapie gemacht hat und dass sein letztes Solo-Album Into the Woods stellenweise fast fröhlich klingt. Vielleicht wollte er sich nicht mehr an Aidans versoffener Grübelei reiben, aber wenn man Arab Straps letztes Album hört, so weiß man auch, dass sie ein Stück weit Recht haben, wenn sie sagen: “We simply feel we’ve run our course and The Last Romance seems to us the most obvious and logical final act of the Arab Strap studio adventure. Everybody likes a happy ending!”
Sie sagen auch: “There’s no animosity, no drama [...] We will, of course, be celebrating. Our anniversary compilation, Ten Years Of Tears will be released this October/November to coincide with our Farewell Tour. We hope you’ll be able to join us [...]” Ich werde kommen, keine Frage. Am 13.11. im Ampere in München. (Restliche Tourdaten hier.) Und ich hoffe, dass sie wieder New Birds spielen, ein Lied aus ihrer frühen Phase, als Aidan mehr sprach als sang und ich beim Konzert im Feierwerk trotz seines Akzents folgende Zeilen verstehen konnte, die so gut zu diesem traurigen Thema passen:
You can see her breath in the air between your faces as you stand in the leaves and she just asks you straight out if you want to come and stay at her flat. But you make sure you get separate taxis and you go home and there might be a slight regret and maybe you’ll wonder what you missed but you have to remember the kiss that you worked so hard on - and you’ll know you’ve done the right thing.
Nachteil: Es gibt neue Barhocker. Wahre Eigernordwände von Barhockern.
Die Literaturwelt bloggt wieder von der Buchmesse.
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Ich bin ja selber schuld, aber dass die Vorbesteller mein Buch schon in Händen halten, aber ich nicht, ist dann doch etwas seltsam.