Jürgen Albertsen
Monat: August 2006
Das verschwundene Genie in der Zeit: Seltsamerweise scheint die Presse solche Geschichten besonders heiß zu lieben zu lieben, in denen sich ein Held der Presse entzieht. Immerhin stellt man hier fest, wie paradox das ganze ist. Diese Meldung wäre nie über eine viertel Spalte hinausgekommen, wenn der Held genau das getan hätte, was man von ihm erwartet — den Preis angenommen und sich den Fragen der Presse gestellt.
Heute wollte uns eine Kuh nicht auf ihrer Bank sitzen lassen, aber ein Pärchen aus Heidelberg hat uns klar gemacht, dass wir als Wanderer doch nicht so ungeübt sind, wie wir immer dachten. Ein guter Tag.
Gunnar Staalesen: Die Schrift an der Wand
War ja klar, dass sie im Klappentext Marlowe erwähnen. Aber eigentlich geht das schon in Ordnung, denn Marlowe entspricht seinem eigenen Klischee letztlich auch nicht.
Bergen ist nicht Los Angeles, und das weiß Staalesen genau. Und so ist alles eine Nummer kleiner, aber nicht weniger dramatisch. Es geht um ein verschwundenes Mädchen aus ganz normalen Hause (das heißt: Ehe der Eltern zerrüttet, die Teenagerin von Mutter und Vater entfremdet). Der Privatdetektiv Varg Veum soll sie suchen, doch jäh endet sein Auftrag: Das Mädchen wird gefunden. Tot. Trotzdem ermittelt Veum weiter. Warum, weiß man nicht genau, vielleicht weil er früher Sozialarbeiter war und sich für solche Schicksale immer noch verantwortlich fühlt, jedenfalls bohrt er so lange im Kleinkriminellenmileu herum, bis er auf Hinweise trifft: Prositution, Drogensucht und ein toter Richter in Damenunterwäsche.
Staalesens größte Stärke sind die Dialoge, selbst da, wo sie dann tatsächlich ins Marlowehafte kippen. Von mir aus könnte er ganz auf die wenigen Actionszenen verzichten, aber die gehören wohl dazu. Nötig hat er sie nicht, denn er kann etwas, was nicht immer selbstverständlich ist: Eine gute Geschichte direkt von A nach B erzählen, ohne sich in Nebensächlichkeiten oder gar Moral zu verheddern, aber auch ohne oberflächlich oder gar unlogisch zu werden. Man könnte sagen, dieses Buch sei solide, aber eigentlich ist es mehr als das. Es ist sehr, sehr gut.
Über einen Monat zu spät, heute den letzten Satz geschrieben, aber jetzt geht die Arbeit erst richtig los. So fängt es an:
Es war drei Uhr, es dämmerte, und Emma stand am Fußend. Sie trug schon wieder ihre Hose. Ihre Brust, ihre Schulter, sogar ihr Gesicht: Alles war weiß und leuchtete. Draußen wechselte der Himmel von schwarz zu dunkelblau.
Und Leon? Er war froh, dass sie nicht blieb. Heute nacht hatte er es wieder gehört und ihr erklärt: “Das sind Tiere.” Sie hatte es ihm geglaubt. Wenn Emma das Haus jetzt verließ, würde sie noch nichts erkennen können. Und sie würde es eilig haben.
Sie fragt, ich antworte
Judith Andresen behauptet, mich nicht zu kennen, und fragt sich, ob ich Stöckchen fange. Ich tu’s:
Warum bloggst du? Seit wann bloggst du?
Ende 1999, nach über sieben Jahre Unterbrechung, fing ich wieder an zu schreiben. Ich hatte mein Informatikstudium abgeschlossen, hatte Monate auf immer wieder denselben Flughäfen und in immer wieder denselben Hotels zugebracht und erlebte gerade erst meine ersten zusammenhängenden Wochen in München. Ich schrieb ähnlich verschwurbelte Kurzgeschichten wie als Abiturient, aber auch Plattenkritiken und etwas, das man mit viel Wohlwollen als Kolumnen bezeichnen könnte. Doch wohin damit? Sowieso im Internetgeschäft unterwegs bastelte ich mir meine Homepage, hackte ein bisschen HTML und stellte die Texte ins Netz.
Irgendwann war ich es Leid, alles in Handarbeit zu machen. Ich suchte nach anderen Wegen, spielte mit dem Gedanken, ein CMS zu verwenden, und stieß dann: auf Blogs. Ich hatte schon vage davon gehört, aber mich nie ernsthaft damit beschäftigt. Also stöpselte ich zuerst meine eigenen Skripte zusammen, ließ es aus Faulheit aber schnell wieder sein und stieg um auf Sunlog, später Nucleus und jetzt endlich auf Wordpress.
Erst so, über die Technik eigentlich, lernte ich mehr über Bloggen. Ich meldete mich bei einigen Blogverzeichnissen an, kommentierte leidlich fleißig und hatte so relativ schnell eine kleine Leserschar. Damals, 2000 oder 2001, war alles ja noch relativ übersichtlich, und vielleicht hätte etwas aus mir “werden” können, wenn mich nicht etwas abgeschreckt hätte, das mich auch schon immer an Newsgroups gestört hatte: Flamewars, Besserwisserei, Ideologie. Fragen wie “Was ist bloggen und was ist es nicht?” oder schlimmer noch “Was darf man und was nicht?” interessieren mich nicht, schienen aber überhand zu nehmen. Ich ließ also alles etwas schleifen, konzentrierte mich mehr auf meine Kurzgeschichten und Buchrezensionen und hatte das Bloggen als eher etwas Nebensächliches abgetan.
Vielleicht lag es daran, dass ich nur noch das tat, wozu ich Lust hatte, jedenfalls begann sich ausgerechnet jetzt aus dem Bloggen plötzlich etwas zu entwickeln. Ich lernte Blogger persönlich kennen und wurde sogar — obwohl ich ja viel weniger online schreibe als die meisten anderen — eingeladen zu lesen. Außerdem kamen Kontakte zustande, die mir Schreibaufträge gaben und vielleicht sogar in ein Buchprojekt münden.
Ironischerweise habe ich jetzt wegen der Projekte, die sich durchs Bloggen ergeben haben, weniger Zeit zum Bloggen selbst, aber immer wird es einen kleinen, aber wichtigen Platz in meinem schreibenden Leben behalten.
Warum lesen deine Leser Deinen Blog?
Ich denke und hoffe einmal, weil sie meine Texte mögen, aber vielleicht ist diese Antwort zu einfach. Einige kommen vielleicht wegen meiner Rezensionen, die ich eine zeitlang regelmäßig veröffentlichte. Andere vielleicht in der Hoffnung, dass endlich einmal wieder einer Kurzgeschichte von mir zu lesen ist. Wiederum andere kennen mich persönlich und schauen vorbei wie sie vielleicht auch bei mir Zuhause vorbeischauen würden. Und wiederum andere… ach, keine Ahnung, ehrlich gesagt.
Welche war die letzte Suchanfrage, über die jemand auf Deine Seite kam?
Vielleicht liegt es daran, dass ich jeden Tag damit beschäftigt bin, das Existenzrecht von Internetseiten begründen zu müssen, aber bei meinem eigenen Blog kümmere ich mich fast nie um Statistiken. Mit anderen Worten: Keine Ahnung.
Dein aktuelles Lieblings-Blog?
In letzter Zeit bin ich etwas entdeckungsträge geworden und lese immer dieselben Blogs. Meine Lieblinge sind auf meiner Linkseite zu finden, aber wenn ich ein Blog herausheben müsste, so wäre es das Mädchenzimmer — vielleicht weil Frau Nanunana etwas ganz Anderes macht als ich; weil sie mit Texten, Bildern, Sounds, Videos jongliert und dabei so kreativ ist, dass ich manchmal neidisch werde.
Welchen Blog hast du zuletzt gelesen?
Judith Andresens, um nachzusehen, welche Fragen sie mir stellt…
Ich werfe das Stöckchen weiter an
…niemanden, weil ich mich nicht aufdrängen möchte. Wer das hier liest und sich angesprochen fühlt: Nur zu.
“Den ganzen Tag vor dem Computer”, sagen die Leute manchmal, “ich könnte das nicht.”
Neulich dachte ich dabei an das Nagelstudio um die Ecke. Jeden Morgen fahre ich mit dem Fahrrad dort vorbei, und jeden Morgen sitzen dort höchst unterschiedlich hübsche Kundinnen. Und die Nagelexpertin? Sie muss den ganzen Tag Hände halten und sich wahrscheinlich Geschichen anhören: Was die Hände zerstört hat, wer die Hände nicht schätzt und was die Hände gerne machen würden.
Ich könnte das nicht.
Es ist wahrscheinlich blödsinnig sentimental von mir, die Mare zu lesen, aber andererseits: Was ist gegen Sentimentalität anzuwenden? Die Zeitschrift erzählt Nischengeschichten und greift dabei immer wieder in die Trickkiste: Das Sichstemmen gegen das Meer, die Einsamkeit des Windes, das Schweigen der Küste usw. Ich liebe so etwas. Was dabei wahr ist oder nicht, kann ich mir entweder denken oder kümmert es nicht. Gibt es mehr solcher Zeitschriften?

Vielleicht gibt es so etwas wie Stadt- oder Landmenschen gar nicht, aber mit den Jahren werde ich für die Idylle empfänglicher, fühle mich in München wohl, weil sie sich nur hier und da als Großstadt aufführt, finde ich New York eher aggressiv als spannend und vermisse etwas, wenn ich ein Wochenende nicht in die Natur fahre. Als Kind habe ich viele Stunden in der Stube verbracht, aber heutzutage denke ich nur noch an die Nachmittage am Strand.