Im Hinternet habe ich mich in eine Diskussion über einen Atlas der Krimischauplätze eingemischt und frage mich: Was ist so faszinierend daran, die Handlungsorte eines Romans zu besuchen? Warum fahren jedes Jahr Hunderte nach Ystad auf den Spuren Wallanders? Warum würde ich mir gerne einmal John Rebus’ Edinburgh selbst ansehen. Ist es der Wunsch, die Atmosphäre eines Buches selbst zu erleben, quasi Teil der Geschichte zu werden, die man so geliebt hat?

Kommentare 5

  1. Judith Andresen :

    Während meiner Schulzeit habe ich als Stadtführerin in Husum in- und ausländisch besetzten Besuchergruppen Häuser & Dinge gezeigt, die Theodor Storm in seinen Texten aufgegriffen hat. Davon gibt es in Husum sehr viel. Drumherum wurde noch ein bißchen über die Stadtgeschichte erzählt.

    Vollkommen begeistert standen die Leute vor den Häusern, den Hausaufschriften, den Gassen, die Storm beschrieben hat. Und im Zweifel zitierten ein Haufen Japaner im Chor aus “Aquis submersus” (auf plattdeutsch!). Durch das reale Da-Sein werden die Texte irgendwie noch realer.

    In diesem Falle kann es nicht mehr um Atmosphäre gehen, da Husum sich in den letzten hundert Jahren zu sehr verändert hat. Nichts desto trotz fühlten sich die Besucher den Texten näher. Und auch mit der langen Zeitspanne zwischen Entstehung und “Nachlaufen” haben die Besucher etwas gespürt, was sie mit den Texten verbindet.

    J.

    30 Jun 2006 um 07:56
  2. albertsen :

    Vielleicht geht es doch um Atmosphäre, denn die ist ja sehr subjektiv, und darum ist es eigentlich egal, ob sich in der Zwischenzeit etwas verändert hat oder nicht.

    30 Jun 2006 um 08:05
  3. Judith Andresen :

    Die baulichen Veränderungen innerhalb eines Jahrhunderts und die Art der Außendarstellung von Märkten verändert - so fühle ich das jedenfalls - einen Ort in der Atmosphäre schon sehr.

    Dennoch spürt man vielleicht an diesen Ort eine besondere Nähe - und erhascht so vielleicht eine noch bessere Idee von dem eigentlichen Text?

    30 Jun 2006 um 10:49
  4. kaltmamsell :

    Du hättest mich mal in Wien erleben sollen, die Schauplätze von Torbergs Tante Jolesch abklappernd. Eine Art Heimkehr, Konvergenz von Imagination und dem Bühnenbild der Realität.
    Gleichzeitig irritiert es mich höllisch, dass Friedrich Ani in seinen Romanen fiktive Lokale / Büros an reale Münchner Orte setzt. Diese an vertraute Plätze zu imaginieren, strengt mich sehr an.

    30 Jun 2006 um 21:40
  5. albertsen :

    Dabei kann ich Ani sehr gut verstehen, denn nicht nur kann man sich elendig viele Diskussionen einhandeln, wenn man ein reales Lokal beschreibt, auch ist man beim Wunsch nach exakter Beschreibung so sehr gefesselt, dass die Geschichte in den Hintergrund zu treten droht. Mit anderen Worten: Scheiß drauf, wie es in Wirklichkeit ist, erfinde ich halt was selbst.

    01 Jul 2006 um 14:56

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