Ich gehe dann mal gequälte Gesichter und braune Autobahnsehenswürdigkeitshinweisschilder schauen. In einer Woche mehr.
Jürgen Albertsen
Monat: April 2006
Fremdgeschrieben
Aufgrund einiger Offline-Vorhaben ist hier ja in letzter Zeit eher wenig los, aber zum Glück gibt es das großartige Projekt Mindestens haltbar. Die haben mich nämlich gefragt, ob mir für ihre Rubrik “Instant Illusion” etwas zum Thema “Global betrachtet” einfällt. Zwischen Fabrikstress und selbstverschuldeter Hektik habe ich dann auch wirklich etwas zustande gebracht — eine Geschichte aus einem Hamburger Café über Reisen, Yogi-Tee und die Himmelsrichtung des Wetters: Was die Italiener dürfen, dürfen die Bayern noch lange nicht.
Vielleicht ist es ein Anzeichen von zuviel Internet, von zuviel Self-Service-Terminals, wenn man verlernt hat, sich beraten zu lassen. Irgendwie denkt man, alles selbst recherchieren zu müssen. Welches Hemd und welche Krawatte am besten zu einem braunen Cordanzug passt, weiß aber die Verkäuferin viel besser. Da ist dann endlich, endlich einmal wieder der Preis die Nebensache.
Das Blog als Krisenberichterstatter: 10 Stunden Arbeit in der Fabrik, danach nach Hause und wieder Arbeit — aber freiwillige, also schöne, aber trotzdem mit (Achtung!) Deadline. Vielleicht sollte man sich mehr zum Hinrotzen zwingen.
Bernhard Horwatitsch: Anleitungen zum Scheitern
Ich gebe zu, ich bin befangen. Bernhard habe ich in einer Münchner Autorengruppe kennengelernt und über ihn den Kontakt zu den Herausgebern der Klivuskante und letztlich zum Wittaverlag hergestellt, der nicht nur dieses Buch, sondern bald auch einen Erzählband von mir herausbringt. Aber ich meine es ehrlich, wenn ich sage, dass mir Bernhards Geschichten immer sehr gefallen haben. Ich glaube, seine Figuren würden sich mit meinen gut verstehen (und vermutlich das eine oder andere Bier trinken gehen), kämpfen doch auch sie meist außerhalb des Gesellschaftsradars um ihr Überleben. Allerdings sind Bernhards Geschichten mit einer noch größeren Portion Ironie durchsetzt und — ich hoffe, Bernhard verzeiht mir — literarischer. Vom Scheitern handeln sie jedenfalls tatsächlich alle, sei es, dass sich jemand versucht, mit einer Überdosis Augustiner Hell umzubringen, der von Kafka bekannte Ex-Affe seinen letzten Bericht an die Akademie liefert oder ein Unglücklicher in einer feministischen Fickverschwörung wähnt.
Wer jetzt das Buch kaufen will, kann das im übrigen nicht nur im Buchhandel, bei Amazon, Buch.de usw., sondern auch direkt beim Autoren. Es lohnt sich auf jeden Fall.
Oh, Walpurga
Für den Tanz in den Mai zu ungelenk? Schon immer gerne nachts zwischen Grabsteinen umhergespuckt? Dann auf zur III. Bayerischen Bloglesung in der Freinacht auf dem Alten Nordfriedhof in München. Ich werde nicht da sein können, leider, also passt mir gut auf die Lesenden auf — nicht dass die Toten sie dabehalten wollen.
Chameleons und I Love You But I’ve Chosen Darkness in einer iTunes-Liste auf Zufall. Nicht zu unterscheiden.
Heute einen Abend mit Microsoft verbracht. Zanderfilet mit Tagliatelle, Crema Catalana, ein Helles, drei Weißwein, ein Espresso, ein Wasser. Microsoft zahlt und verschenkt Software in neutraler Verpackung. Draußen liegt immer noch Schnee.
Ich habe mich gefragt, ob die Amerikaner am Nebentisch und die Japaner vorne an der Tür in den Schelling-Salon kommen, weil dort Franz Josef Strauß als kleiner Bub Bier für seinen Vater geholt hat oder weil es Hilters Stammlokal war, als er in der Maxvorstadt lebte. Wie auch immer: Solche Läden mag ich, und jetzt kann von mir aus jeder rätseln, warum.
Norbert Horst: Todesmuster
Das mit der Stimme eines Autoren ist so eine Sache, insbesondere wenn man ihn in einer Lesung gehört hat. Horsts Stil kommt dem gesprochenen Wort so nahe, dass man seinen Tonfall die ganze Zeit im Ohr hat, wie man liest. Das hat sicher auch damit zu tun, das Horst etwas besitzt, das für einen Autoren, zumal einem Krimiautoren selbstverständlich sein sollte: Exzellente Beobachtungsgabe. Er ist selbst Kommissar und versteht es ganz verzüglich, die Umgangssprache zwischen den Beamten, das Büroklima und das deutsche Berichtsdeutsch wiederzugeben.
Der Fall: In einer stillgelegten Mine werden Blutspuren gefunden, die erst niemand so recht ernst nimmt, bis sich herausstellt, dass sie von einem Menschen stammen. Es folgt die typische Fleißarbeit der Polizei, die ein Autor mit weniger Talent sicher nicht so spannend geschildert hätte. Nur an einer Stelle tappt Hort in ein Dilemma: An der lakonischem Hauptfigur, dem Kommissar Kirchenberg, prallen zuviele Konflikte ab, als dass sie dem Buch zusätzliche Würze geben könnten. So ist dann der Roman an manchen stellen dann doch zu real geraten: So wenig die ganz großen Emotionen in der Wirklichkeit vorkommen, so wenig gibt es sie auch hier.
