Monat: März 2006

A Propos Lesungen

Lyriker haben die Tendenz, uneingedenk ihrer Zuhörer, die im Publikum sitzen und sich die Hände reiben, dass der Dichter nur 5 Gedichte lesen wird, ganze GedichtZYKLEN vorzutragen und machen es dann gern noch mit Musik untermalt, in Darmstadt eine Cellistin und eine Klavierspielerin, von denen alle hoffen, dass sie krank und abkömmlich sind, aber nein, quietschfidel stehen die auf der Bühne und wollen einen auch noch mit ihrem Kram glücklich machen (sie nennen das PAUSE vom Lesen). Und Prosaiker lesen die lange Version ihrer Geschichten, damit man als Zuhörer schön in den Rhythmus ihrer Sprache reinkommt.

Anobella hört zu und liest Kröten vor

Punk Rock von Mogwai, auf ihrem Album Come On Die Young, enthält Schnipsel aus einem grandiosen Interview mit Iggy Pop. Jetzt kann man es sehen auf der CBC-Website.

Wegen dieser Ankündigung. Von wegen Buch. Veröffentlichen und so. Im September. Sagt der Verleger. Ich melde mich.

David Peace: 1974

Das Hinternet und das Krimiblog sind schuld. Kaum treibt man sich mal auf Spezialseiten rum, schon greift man auch zu Spezialbüchern, die der gewöhnliche Krimileser wohl kaum kennt. Aber woran liegt das? Nun, an diesem Buch gibt es nichts Schönes. Nicht dass es nicht gut wäre, ganz im Gegenteil, aber auf knapp 300 Seiten erzählt uns Peace von Korruption, Gewalt, Niedertracht und benutzt jede Menge Schimpfwörter. Helden gibt es keine, nur Schurken. Selbst mit verhandlungssicherem Englisch wird das Buch kompliziert, denn auch wenn Peace sein Stakkatto nicht ganz so reduziert wie Ellroy, stößt man schon mal an seine Grenzen. Dafür hat man jede Menge F*ck und Sh*it, vielleicht ein bisschen zuviel. Und das Ende hätte ich mir persönlich etwas weniger alles erschlagend gewünscht, aber man kann ja nicht alles haben.

J.D. Salinger: The Catcher in the Rye

Um Enttäuschungen vorzubeugen, wollte ich ja immer mal wieder hinreichend altes Buch einschieben, das man heute immer noch kennt und das fast alle gut finden. Einen Klassiker eben. Das ist manchmal nach hinten losgegangen, aber diesmal nicht. Salinger hat nach diesem Buch kaum noch etwas herausgebracht, etwas annähernd so Erfolgreiches schon gar nicht. Heute lebt er zurückgezogen, hat seit 1961 nichts mehr veröffentlicht, seit 1974 kein Interview mehr gegeben und musste sich sogar gefallen lassen, dass seine Tochter eine Biografie über ihn schrieb.

Aber was soll jemand machen, der ein perfektes Buch hinlegt, und das auch noch gleich zu Anfang der Karriere? Wenn er alles gesagt hat, was er sagten wollte? Wenn alles, was er von da an schreibt, nur noch Nachahmung seiner selbst wäre? Er hört auf. Geld genug hat er ja. Immerhin sei es “High School”-Literatur, wie man mir sagte — das heißt Heerscharen von Teenies müssen das Buch kaufen. Das ist durchaus nicht abwertend, sondern beneidenswert, auch wenn die Teenies das vielleicht nicht so sehen. Ich hätte jedenfalls lieber Salinger gelesen als Günter Grass.

Auch bei der Zweiten Bayerischen Bloglesung habe ich mich wieder so mit ein paar Menschen verquatscht, dass ich auch diesmal nicht mit allen reden konnte, mit denen ich auch hätte reden wollen. (Sorry, Helga B..) Im Großen und Ganzen trugen dieselben vor wie letztes Mal, nur die Lesenden nördlich des Mains wurden ausgetauscht (nämlich Lyssa und ich). Der Ersatz war aber mehr als würdig, nämlich Banana aus der Allee der Spackonauten und Martina Kink. Dass ersterer lustig sein würde, wusste ich und wurde nicht enttäuscht, aber die größte Überraschung für mich war “die Kink”. Selten so gelacht. Ganz, ganz großartig.

Der Abend endete dann in einem Laden mit rotem Teppich (hey, das ist München), dessen überfüllter Stuckdeckenhedonismus inklusive Feuerspucker mich nach Gesprächen über Nabokov und wie zum Teufel man Bremen richtig ausspricht ein bisschen überforderte. Ich verließ dann ziemlich abschiedslos den Laden, wanderte noch einmal um den Block, verabschiedete mich von einem rotbehemdeten Herren, brachte ein huttragende Dame zum Taxi und ging dann müde, müde, müde ins Bett.

Wann kommt das nächste Mal?

Astrid Paprotta und Norbert Horst

Es war gleich klar: Das LKA befand sich nicht in dem alten Haus mit den Erkern, sondern in dem grauen Betonklotz mit Moosbefall. Drinnen grüßte uns deutsche Behördenarchitektur, aber es ging ja sowieso in den Keller, in den Schießstand nämlich. Dort, wo sonst die Polizisten an ihren Pistolen übten, hatte man heute Stühle aufgestellt. Man saß sozusagen in der Schusslinie. Wir hatten aber keine Bedenken, denn heute gab es Literatur statt Kugeln.

Astrid Paprotta und Norbert Horst lasen, anlässlich des Krimifestivals München. Und weil sich die Krimiliteraten und -fans selbst nicht so ernst nehmen, wurde es eine höchst kurzweilige Veranstaltung. Man zeigte Filme, fesselte ein frischverheiratetes Ehepaar mit Handschellen aneinander (”zu lebenslänglich verurteilt”) und ließ auch den Polizeipräsidenten zu Wort kommen. Der sah ein bisschen so aus, wie man ihn sich auch in Krimis immer vorstellt: Ein bisschen zu braun gebrannt, ein bisschen zu teurer Anzug.

Ach ja, gelesen wurde auch noch. Astrid Paprotta las aus Die Höhle der Löwin und Norbert Horst aus Todesmuster. Zwar konnte man etwas schlecht sehen, da man den Vortragenden keine Bühne spendiert hatte, aber schließlich kam es auf das Hören an. Ich hätte mir gewünscht, dass die beiden Autoren noch in einer Runde mit der Moderatorin diskutieren würden wie damals Friedrich Ani beim Glatteis-Geburtstag, aber statt dessen gab es “nur” ein paar Fragen nach dem Ende des jeweiligen Vortrags. Dabei konnte man erfahren, dass Astrid Paprotta an einem neuen Buch arbeitet, in dem nicht Ina Henkel die neue Hauptfigur ist. Das führte zu Raunen im Publikum, aber ich kann sie gut verstehen, nicht zuletzt, weil schwer vorstellbar ist, wie es mit der Kommissarin nach dem letzten Buch weitergehen soll. Norbert Horst hingegen hat erst zwei Bücher mit seinem Kommissar Kirchenberg veröffentlich, also geht diese Reihe noch ein bisschen weiter.

Da ich vor der Lesung zu blöd war, Astrid Paprotta zu finden (okay, ich wusste auch nicht ganz genau, wie sie aussieht) und sie nach der Lesung natürlich verschiedentlich bestürmt wurde, blieb uns nur kurze Zeit zum Plaudern. Immerhin habe ich nicht davor zurückgeschreckt, mit eine Widmung schreiben zu lassen, aber dann musste sie auch bald davon, mit ihrem Verlag essen (sind eigentlich alle Verlage in München?).

Schön war’s, mal was anderes. Leider wird das dieses Jahr die einzige Veranstaltung des Krimifestivals für uns bleiben. Aber nächstes Jahr findet sie ja wieder statt.

Aha: Weblogs führen zur Buchveröffentlichung. Na dann.

Und wo wir gerade bei Lesungen sind: Es geht weiter.

Am 24. März im Twisted Bavarian: Die 2. Bayerische Bloglesung. Diesmal lese ich nicht selbst und kann deshalb ganz entspannt zuhören, was die anderen so vortragen. Wie sehen uns.

10 Erkenntnisse zur 1. Bayerischen Bloglesung

1. In Bars, in denen mir die Tische nur bis zum Knie reichen, gibt es nur Rentnerhalbe (danke, liebe Kaltmamsell, für dieses schöne Wort). Aber gleichzeitig gibt es auch eine unendliche Auswahl anderer Alkoholika und ebenso unendlich aufmerksame Bedienungen.

2. Man hat das Gefühl, dass da jemand ist, der weiß, was man braucht, wenn dieser kurz bevor man liest plötzlich die Bedienung mit einem Glas Lagavulin zu einem schickt.

3. Das Lieblingswort der Lyssa ist “reizend”, aber sie darf das, kann doch niemand so reizend Fotografierregeln erklären wie sie.

4. Bin ich mir nicht sicher, ob die Kaltmamsell das als Lob auffasst, wenn ich sage, sie wäre vielleicht eine gute Lehrerin. Immerhin klang ihr “Ihr frage euch hinterher ab” sehr überzeugend.

5. Kann kaum jemand die Vorsilbe “Drecks-” so verachtungsvoll aussprechen wie Don Alphonso.

6. War die Geobiographie der Klugscheißerin eigentlich eine Aversionsbiographie, die in Liebe und damit happy endete.

7. Ist es noch schwieriger, mit überschwänglichem Lob, insbesondere von Damen, umzugehen als mit Kritik von Männern.

8. Denken einige der Lobenden wahrscheinlich, dass ich ein arrogantes Arschloch mit Bluthochdruck bin, weil ich rot wurde und so wenig wie möglich antwortete. (Hinweis: Nein, ich wollte euch nicht loswerden, ich war ganz einfach nur sprachlos.)

9. Ist es völlig egal, ob es 2:00 Uhr morgens und mehrere Cocktails, Bier und Whisky spät ist. Man kann trotzdem nicht schlafen.

10. Kann man sich an so etwas gewöhnen.

Ich las übrigens die neue Geschichte Dass der Gustl kein Hund war und eine gekürzte Fassung von Die Liesl.

Danke noch einmal an alle, die gekommen sind. Es war umwerfend.

Uff. Was für ein Abend. Leider habe ich den Fehler gemacht, keinen Urlaub zu nehmen heute. Also erst später mehr.

Paradox, dass Aktivitäten, die übers Blog zustande gekommen, dazu führen, dass man aus Zeitmangel weniger bloggt. Aber wenn es weiter so nett bleibt, bin ich da ganz egoistisch und sage mir: Egal. Nur ein bisschen mehr Schlaf dürfte es sein. (Und wenn ich wieder wach bin, erkläre ich, warum ich eine Skepsis verloren habe.)

Und ich sage noch einmal: Ich möchte so gern schreiben, wie Mogwai Musik macht. Da denkt man erst einmal, das ist ja nichts Besonderes, das kommt so leicht daher, und dann erwischt es dich und drückt dich an die Wand, und ganz am Ende zwingt es dich in die Knie.

Da war jetzt diese Anfrage. Und wer kann mir was über Noir erzählen?

Dashiell Hammett: Der Malteser Falke

Was für ein blödes Buch. Anobella hat ja schon an mehreren Stellen geschrieben, was daran auszusetzen ist: Beschreibungsprosa wie im LK Deutsch. Dialoge, die noch nicht einmal in einer Plastikwelt passend sind. Und Frauenverachtung galore. Na gut, letzteres ist nicht ganz richtig. Eigentlich verachtet der Roman sein gesamtes Personal, einschließlich des unsäglich arroganten und emotionslosen Sam Spade. Und es ist keine gesunde zynische Verachtung, wie man sie ja als denkender Mensch gerne einmal der Welt als solcher entgegenbringt, sondern eine Verachtung aus Ignoranz heraus. Ich habe das Gefühl, Hammet waren seine Figuren egal. Und das ist ja wohl so ziemlich das schlimmste, was man über einen Autoren sagen kann.

Ach, und von der Story wollen wir gar nicht erst anfangen. 100 Seiten sind genug.

(Ist schon wieder nichts geworden mit dem Lob.)