Monat: Januar 2006

Henning Mankell: Mittsommermord

Übertrieben gesagt: Durch Henning Mankell bin ich zum Krimi zurückgekommen. Jahrelang habe ich kaum Krimis gelesen, und dann hat mich der Hype weichgekocht. Mörder ohne Gesicht hat mich wirklich begeistert, aber diese Begeisterung nahm dann mit jedem weiteren Buch ab. Mankells Wallander-Krimis wurden immer sensationeller, und mehr als einmal musste sich der Kleinstadtkommissar mit Weltverschwörungen auseinandersetzen. Ich meine, Fiktion hin oder her, aber Ystad ist noch kleiner als meine Geburtsstadt Husum, und der Gedanke, dass ausgerechnet dort ein Umsturz geplant wird, ist absurd. Der Gipfel ist der Roman Die Brandmauer, der mir nicht nur gezeigt hat, wie schlampig Mankell recherchiert, sondern auch, dass er sich endgültig von jeder Subtilität verabschiedet hat: Seine Gesellschaftskritik prügelt er mit dem Vorschlaghammer in den Leser, bis es auch der letzte kapiert hat.

Mittsommermord kommt vor Die Brandmauer. Immerhin geht es hier nicht um eine Weltverschwörung, sondern nur um einen “normalen” Serienkiller. Ich habe an dieser Stelle ja schon mehrfach meine Meinung zu dieser Spezies Bösewicht kundgetan, darum nur soviel: Wenn schon einen Massenmörder, dann mit vernünftiger Motivation für seinen Morddurst. Und eigentlich wäre es auch spannender, wenn man nicht ständig erführe, was denn der Killer als nächstes plant, sondern alles nur aus der Sicht er Ermittelnden erlebte.

Ingesamt wirkt der Roman ziemlich hingeschludert. Abgsehen davon dass Wallanders Ausbrüche reichlich unmotiviert erscheinen und er dadurch nicht gerade die Sympathie des Lesers gewinnt, sind auch alle anderen Figuren einigermaßen flach, insbesondere — und das ist besonders fatal — die des Killers selbst. Außerdem gibt es immer wieder Floskeln à la “In welcher Welt leben wir, die so etwas zulässt?” und “Früher wusste ich, warum ich Polizist geworden bin, heute nicht mehr.”

Doch trotz aller Unzulänglichkeiten muss man eines anerkennen: Der Roman entfaltet einen Sog. Der Polizeiberichtstil mit seinen ständigen Datums- und Zeitangaben ist eigentlich nicht dazu angetan, und auch wenn man eigentlich längst weiß, worauf alles hinausläuft, bleibt es spannend. Das Buch wird sicher keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, aber auf seltsame Weise lässt es einen über viele der Ungereimtheiten hinwegsehen und beschert dann doch eine recht unterhaltsame Lektüre.

4555. Nicht schlecht für die ersten paar Tage.

“Jeden Tag bekommt jeder Lektor Dutzende Manuskripte, die er nicht angefordert hat. Wie soll er die alle lesen?”

“Wenn Sie nicht wissen, was eine Normseite ist, brauchen Sie gar nicht erst einen Verlag anzuschreiben.”

“In Deutschland hat der große Krininalroman kaum eine Chance. Was meinen Sie, warum alle Regiokrimis schreiben?”

“Ein gutes Buch allein reicht noch nicht. Marketing, das ist alles.”

Manchmal, nur manchmal habe ich das Gefühl, dass erfolgreiche Autoren die Aussichten für Newcomer deshalb so schwarz malen, weil sie entweder furchtbar stolz sind, sich im Haifischbecken Literatur durchgeschlagen zu haben oder — schlimmer — weil sie Angst vor dem Nachwuchs haben.