Monat: Januar 2006

Merke: Schreibe keinen Kriminalroman und lese nebenher Raymond Chandler. Denn Motivation ist der wichtigste Rohstoff.

Diese Scheiß-Körperzerbrechlichkeit. Blankes Eis auf der Fahrbahn und dann: Ein Kniebluterguss, der sich jetzt nach zwei Wochen mittlerweile bis in Ferse erstreckt. (”Das ist normal”, sagt der Arzt.) Das weckt hypochondrische Tendenzen: Ist da nicht immer noch dieser Druck auf die Kniescheibe? Ist das Bergwandern im Sommer in Gefahr, die einzige Arzt von Bewegung, bei der ich nicht vor Langeweile sterbe?

Nach der sechsten, siebten, achten Überarbeitung kann man seine eigenen Geschichten nun wirklich nicht mehr sehen, geschweige denn lesen.

The Argh Page
— via JWZ

Hinab ins Paradies

Sie nimmt sie immer noch, die 144 zum Scheidplatz, steigt dann um in die 12 und fährt bis zum Nordbad. Dann ein kleiner Fußweg zum Karstadt, hinab ins Feinschmeckerparadies. Die Schokolade, das Kalbsfleisch, die die Panade. Hierhin will sie wieder zurück. Sie will weg vom Isarring. Sie will nicht zum Karstadt bei sich um die Ecke, obwohl es das auch da gibt, das Feinschmeckerparadies.

Sie kniet vor ihrem Fahrrad und haucht. Ihre Handschuhe liegen auf dem Boden, einer davon unter ihrem linken Knie. Sie rüttelt an dem Schloss und versucht zu drehen. Und sie haucht. Irgendwann muss es ja mal auftauen.

Wie man römische Ziffern lernen sollte, um die Jahreszahlen im Abspann von Filmen lesen zu können, muss man Latein lernen, um bei Jauch weiterzukommen.

Haruki Murakami: Kafka am Strand

Naokos Lächeln und Nach dem Beben fand ich wunderbar, aber Kafka am Strand hat mich enttäuscht. Dabei fängt es wirklich gut an. Es erzählt parallel die Geschichte von Kafka, einem Ausreißer, der in einer Privatbibliothek unterkommt, und Nakata, der dazu getrieben wird, einen Katzenfänger zu ermorden und dann in dieselbe Richtung flüchtet wie Kafka.

Die phantastischen Elemente, die sich am Anfang noch in Grenzen halten und in die Geschichte einfügen (Nakata kann mit Katzen sprechen, Kafka begegnet nachts dem Geist der Bibliotheksbesitzerin, die aber eigentlich noch lebt), nehmen irgendwann überhand und werden zum Selbstzweck. Nicht nur dadurch schwindet die Glaubwürdigkeit, sondern auch weil man Kafka, immerhin einem 15-jähriger Jungen, seine hochphilosophischen Betrachtungen nicht mehr abnimmt, und Nakata so übertrieben liebenswürdig-beschränkt ist, dass man ihn manchmal schütteln möchte.

Ein Freund von mir hat gesagt, dass erfolgreiche Autoren oft in die Ausschweifungsfalle tappen, weil das Lektorat sich nicht mehr traut, sie in die Schranken zu weisen. Das ist hier vielleicht geschehen, denn von den 600 Seiten hätte man sicher ein Drittel weglassen können und dann vielleicht eine schöne und nachvollziehbare Geschichte erzählt.

SZ Krimibibliothek

Heute erscheint der erste Band der Krimibibliothek der Süddeutschen Zeitung. Ludger Menke vom Krimiblog hat sich mit dem begleitenden Feuilleton-Artikel von Burkhard Müller auseinandergesetzt, dem ich nur hinzufügen möchte, dass es der Text von Thomas Steinfeld in der Sonderbeilage zur Krimibibliothek wesentlich besser auf den Punkt bringt.

Abgesehen von solchen Randerscheinungen bleibt die Frage nach Sinn oder Unsinn solcher Zeitungsbibliotheken. Es gibt viel gegen sie einzuwenden. Zum Beispiel: Sie verderben die Preise, kosten die Hardcoverausgaben doch selten mehr als € 10 (die Bände der SZ-Krimibliothek sogar nur € 4,90). Sie wiederverwerten Bekanntes oder sogar Altbekanntes, so dass diejenigen Leser, die man durch eine solche Bibliothek überhaupt erst zum Lesen animiert, an junge Autoren vorbeigelockt werden. Außerdem ist die Auswahl der Titel dermaßen getrieben von Lizenzbedingungen, dass von Lieblingsbüchern der Redaktion nicht die Rede sein kann.

Letzteres gilt sicher für die Stern-Krimibibliothek, aber nur eingeschränkt für die der SZ. Immerhin finden sich in dieser viele anerkannte Klassiker wie der Malteser Falke von Dashiel Hammel oder Der Spion, der aus der Kälte kam von John Le Carré. Und was ist falsch daren, Leute mit Altbekannten zum Lesen zu animieren? Wenn sie die Bücher nur kaufen, um sie ins Regal zu stellen, sind sie sowieso für weitere Lektüre verloren. Und lesen sie tatsächlich und sind sie begeistert, werden sie sich dann nicht nach mehr umsehen? Und auch nach neuen Autoren?

Dann zum Preis: Sicher ist es schwer zu vermitteln, dass eine Hardcoverausgabe normalerweise € 20 kostet, wenn man einen Band der SZ-Bibliothek für € 4,90 bekommen kann. Aber wem der Preis so wichtig ist, der greift sowieso ausschließlich zu Taschenbuchausgaben. Für diese Klientel erscheint der Originalausgabepreis sowieso immer überzogen.

Ich persönlich hätte mir die Krimibibliothek ebenso wie die allererste SZ-Bibliothek komplett gekauft, wenn ich nicht schon viele der Titel gelesen hätte bzw. sie lieber im englischen Original lesen würde. Denn erstens spricht es meinen Sammlertrieb an und zweitens schätze ich die begleitenden Artikel, die zu jedem Band erscheinen und mir Näheres über Roman und Autor erklären. Es ist letztlich eine Sache des Vertrauens: Eine Empfehlung nimmt man ja nur an, wenn sie ehrlich gemeint und gut begründet ist.

Eisstock

Aus blauem Himmel schneit es. Nein, es sind nur die Bäume, die Raureif abwerfen. Auf dem See spielt man Eishockey und Eisstockschießen. Dazwischen schlittern bestiefelt wir. An einem Föhntag wäre es warm genug für eine Mass Bier. Heute halten wir nur das Gesicht in die Sonne und freuen uns, dass der Nebel auch in unserer flachen Stadt verschwunden ist.

Geschäftsreise

Brüssel bei Nacht scheint dunkler als andere Städte. Das liege am gelben Licht. In den Außenbezirken fahren wir an Gebäuden vorbei, in denen man die CIA vermuten könnte, in denen aber die Übersetzer für die EU arbeiten. Wissen wir, dass es Schwierigkeiten gab, einen Simultandolmetscher von Maltesisch ins Dänische zu finden? Wissen wir jetzt.

Er sagt, hier müsse er jeden Tag vorbei, an der EU-Kommission, die natürlich auch ganz anders aussieht als im Fernsehen. Man könne sich vorstellen, was hier los sei, wenn die Regierungschefs kämen. Und dahinten sei noch dazu der Sitz des belgischen Ministerpräsidenten. Und links der Palast des Königs.

In der Innenstadt Neugotik. Der Grand Place sieht aus wie der Münchner Marienplatz in klein ohne die Bausünden aus der Nachkriegszeit. In einer Döner-Fressmeile versuchen Koberer dich auf Englisch, Französisch oder Holländisch zu locken. Überhaupt: WIe unterhalten sich Flandern und Wallonen miteinander? Und ja, Ideen gab es, Belgien einfach aufzulösen. Der Süden nach Frankreich. Der Norden zur Niederlande. Und der Osten?

Im Radison dann die Junior Suite für 166 Euro statt 555. Ohne Frühstück, dafür immerhin mit WLAN. Ohne Außenfenster, dafür aber mit zwei Doppelbetten und einer Sitzecke. Egal, ist nur zum Schlafen.

Von der Enttäuschung darüber, dass etwas früher Schönes nicht mehr schön ist — oder dass man verlernt hat, es schön zu finden — erzählt, im weitesten Sinne, die loreley.

Es ist ein Fehler, wenn man deutsche Fernsehkomiker als Maßstab hernimmt. Gehen Sie wie ich zu Andreas Giebel ins Münchner Lustspielhaus, so werden auch Sie entdecken, dass es ihn in Deutschland gibt: Lockeren Humor, mit (sagen wir mal) Niveau, manchmal böse, aber nicht unter der Gürtellinie. Teilweise im Dialekt, aber wie sonst soll man den Kabarett machen?

Neulich einen dieser “So funktioniert die Wirtschaft”-Berichte gesehen. Über eine Wäscherei in Polen, in die aus x deutschen Hotels die Wäsche gekarrt wurde. Mit dem LKW. Sofort gedacht: Wenn sich das lohnt, muss man den Dieselpreis verdoppeln und die Maut verdreifachen. Nicht um die Deutschen Arbeitsplätze® zu sichern, sondern weil es so absurd ist, Handtücher und Laken über die Landstraßen zu karren, nur um sie waschen zu lassen.

Heute war ich überrascht. Im Internet gibt es keinen Media-Markt-Fanclub. Dabei hatte ich mir es so schön vorgestellt: Alle in roten Trainingsanzügen, alle mit diesem Cowboyhut auf dem Kopf.