Der Dagger of the Daggers hat mich darauf gebracht. The Spy Who Came in from the Cold wollte ich schon lange einmal lesen, und von Gorky Park wusste ich nur noch, dass es um Morde im winterlichen Sowjet-Moskau ging, ansonsten hatte ich seit meiner Lektüre vor fast zwanzig Jahren alles vergessen. Außerdem hat sich mein Englisch immerhin soweit verbessert, dass ich mir Cruz Smiths Roman jetzt auch im Original zu Gemüte führen konnte.
Ein schneller Überblick über die Handlungen:
In The Spy Who Came in from the Cold geht es um einen Spion im Kalten Krieg der frühen Sechziger Jahre, dessen aktiven Jahre in West-Deutschland gezählt sind. Einen Auftrag hat er noch auszuführen, und dieser verlangt von ihm die totale Unterordnung seiner Identität, bevor er danach, so hofft er, endlich seine ersehnte Ruhe findet.
Gorky Park erzählt von fünf Leichen mit gehäuteten Gesichtern und Fingerspitzen, die am Ende des Winters in Moskau gefunden werden. Wir befinden uns in der Sowjetunion der Breschnew-Zeit, und die Ermittlungen führen geradewegs mitten in das Herz der korrupten kommunistischen Bürokratie, die abhäniger vom Westen ist, als die Mächtigen zugeben möchten.
Beide Bücher gelten als Meilensteine ihrer Gattung, aber während Le Carré zeigt, was Literatur sein kann, merkt man bei Cruz Smith allzu oft die Anstrengungen, die es dem Autoren gekostet haben, seine Handlung zu stricken. Hemingway sagte einmal, dass das meiste, was der Autor weiß, unter der Oberfläche bleiben muss. Le Carré hat beim Geheimdienst gearbeitet, in Deutschland, und er schrieb The Spy Who Came in from the Cold innerhalb von wenigen Wochen, als er einer deprimierenden Arbeit in Bonn nachgehen musste. Er weiß, wovon er redet. Er beschreibt nur die Fakten, die wir unbedingt wissen müssen, um seiner Geschichte zu folgen. Alles andere schwingt zwar mit, bleibt aber unausgesprochen, unter der Oberfläche eben. Auf diese Weise spricht Le Carré mit einer Stimme, die uns viel mehr einnimmt als die Stimme Cruz Smiths. Der hatte nämlich zum Zeipunkt, als er Gorky Park schrieb, die Sowjetunion niemals besucht. Die Anzahl der russisch klingenden Namen in seiner Danksagung deuten darauf hin, welchen Rechercheaufwand er betrieben haben muss. Das, so hat er sich wohl gedacht, darf dem Leser nicht verborgen blieben. Und so sind nicht wenige der über 500 Seiten des Romans Erklärungen, die nur am Rande etwas zur Sache tun, zwar in einer bemerkenswerten Sprache geschrieben, aber nichtsdestotrotz überflüssig. Immerhin versteht Cruz Smith das Handwerk des Figurenerfindens, wenn auch nicht annähernd so gut wie Le Carré. Letzterer schafft es zudem mit weniger als der Hälfte der Seiten eine komplexere Geschichte zu erählen als diejenige, die bei Cruz Smith übrigbleiben würde, wenn man sein Buch auf den bloßen Plot reduzierte. Und außerdem hat Le Carré keinen Showdown am Ende nötig, nicht wie Cruz Smith, der an die letzten zwanzig Seiten von Gorky Park eine Schießerei und einen tränenreichen Abschied stellt.
Zumindest in direktem Vergleich dieser beiden Bücher hat Le Carré den Dagger of the Daggers also zurecht gewonnen. Dass er Brite ist und kein Amerikaner wie Cruz Smith, werten wir jetzt einmal als Zufall.
