Für Klassiker gelten ja keine anderen Geschmacksregeln als für den Rest. Klassiker drängen sich nur mehr auf, weil sie ständig präsent sind. Und vielleicht ist es bei Krimis noch ein bisschen schwieriger, einen Bezug zu den Klassikern herzustellen, weil sie ja doch sehr oft im Hier und Jetzt verankert sind und darum schnell ein bisschen angestaubt wirken.
Angestaubt fand ich jedenfalls George Simemons Maigret contra Picpus. Dieser ständige Perspektivwechsel und immer wieder die Unterschlagung von Details, um die Spannung zu halten. Und auch wenn ich normalerweise einen knappen Stil schätze, hetzt mir Simenon doch ein bisschen zu sehr durch die Handlung. Sicher ist es erstaunlich, mit wie wenig Sätzen er einen Charakter zeichnen kann oder wie wenige Details er braucht, um eine Umgebung zu beschreiben. Doch bei den Dialogen übertreibt er es: “Würden Sie uns bitte führen?… Eine Lampe?…. Sehr freundlich, bringen Sie eine mit.” Kann er den anderen nicht zu Wort kommen lassen? Oder gleich sagen: Maigret bat um eine Lampe?
Die Handlung? Ach ja. Ehrlich gesagt, konnte ich mich schon einen Tag nachdem ich das Buch zugeschlagen habe, nicht mehr daran erinnern. Das ging mir alles zu schnell. Aber vielleicht liegt’s auch an mir. Tischfußball ist mir nämlich auch zu hektisch.
Jetzt zu Raymond Chandler. The Big Sleep. Ah, wieviel besser hat mir das gefallen! Obwohl kaum einer mehr das Bild eines hartgestottenen Detektivs geprägt hat als Chandlers Marlowe, tappt man beim Lesen nicht in die Klischeefalle. Natürlich regnet es ständig und wimmelt es von kalten Blondinen, und natürlich hat Marlowe immer die passende Antwort parat, selbst wenn er in die Mündung einer Waffe blickt. Doch muss alles dies so sein. Marlowes Verlorenheit ist echt, sein Zynismus unausweichlich. Es passt, dass man nichts über seine Vorgeschichte weiß. Nur einmal ist er out of character, nämlich als er ohne rechten Grund weiterermittelt, obwohl für ihn der Fall abgeschlossen ist.
Die Handlung: Marlowe wird von einem sterbenden General Sternwood engagiert, der nicht daran denkt, sich von einem Mann namens Geiger erpressen zu lassen. Sternwood hat zwei Töchter, die ihm schon genug Probleme bereiten: Carmen — männerfressend und beschränkt bis an den Rand der Geisteskrankheit — und Vivian — spielsüchtig und exzessiv. Vivian ist eigentlich mit Rusty Regan verheiratet, einem Gauner, den ihr Vater ins Herz geschlossen hat, der aber nach ein paar Wochen Ehe verschwunden ist. Darum denkt sie auch, Marlowe sei dazu engagiert, Rusty zu finden. Das scheinen auch viele andere zu denken, und nach einigen Toten und aufgedeckten Winkelzügen, kann Marlowe nicht mehr an der Frage vorbeikommen: Wo ist Rusty?
Natürlich ist der Vergleich zwischen diesen beiden Büchern einmal wieder zufällig, weil ich sie direkt hintereinander gelesen habe, aber ich gebe Chandler eindeutig den Vorzug. Vielleicht ist das seltsam, weil einige Autoren, die ich überaus schätze, sich auf Simenon berufen (Friedrich Ani), aber letztendlich zählt ja auch immer der Einfluss des Hier und Jetzt. Den darf man wohl nicht unterschätzen.
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