Monat: Dezember 2005

“Die sind hungrig”, sagt er. “Ihnen gehört die Zukunft. Wir sind zu satt.” Und er sagt es, als sei es erstrebenswert, hungrig zu sein, als würde er es ihnen neiden. In den fernen Osten geht er aber trotzdem nicht. Das überlässt er der Generation seiner Kinder, die er noch gar nicht hat.

So kann man es natürlich auch sehen

Lachen und Weinen sind keine Kriterien für Literatur. Emotionen sind die Rutschbahnen für Weltbilder

Martina Krauss im Streitgespräch mit Gerd Holzheimer über Ludwig Ganghofer unter der Aufsicht der Süddeutschen Zeitung (leider nur in der Druckausgabe).

Ian Rankin: Tooth and Nail

Ian Rankin ist nicht Gott. Das ist doch auch mal ganz beruhigend zu wissen. Nun gut, dies ist sein zweiter von über einem Dutzend Romanen, und im Gegensatz zu den meisten Rockmusikern, werden Schriftsteller eher besser als schlechter mit den Jahren.

Tooth and Nail ist natürlich besser als ein ganzer Sarg voll anderer Kriminalromane, aber krankt gleich an ein paar Ecken und Enden. Da ist zuerst einmal das Serienmörderthema. Tobias Gohlis sagt darüber etwas sehr Kluges in der Wochenzeitung Die Zeit:

Serienkiller sind Verwandte der Aliens, Godzillas und anderer Monster aus nichtmenschlichen Territorien, die über uns kommen wie die sieben Plagen über die Ägypter. Sie sind außermenschliche Menschen, die von irgendwo hinter dem Horizont alltäglicher Lebensbewältigung kommen, ihre Blutspur durch die Vorgärten der Zivilisation ziehen, geschnappt werden und wieder verschwinden.

Mich interessiert die Niedertracht von nebenan, die Verbrechen, die es vielleicht noch nicht einmal in die Zeitung schaffen. Rankin ist normalerweise ein Meister darin, genau diese alltägliche Niedertracht auszuleuchten, egal ob sie nun im Asylantenmilieu vorkommt oder unter Geschäftsleuten. Doch in diesem Buch macht er sich es zu einfach. Dass er alle paar Kapitel die Gedanken des Mörder wiederzugeben versucht, ist letztlich nur ein etwas hilfloser Versuch, den Leser auf die falsche Fährte zu locken. Da ist das fast zwangsläufig, dass Rebus der wahren Identität des Mörder durch einen etwas arg dürftigen Hinweis auf die Spur kommt.

Apropos Rebus: Diesen versoffenen und renitenten Inspektor, den ich — zum Beispiel — in The Falls und Fleshmarket Close so lieben gelernt habe, hat Rankin in Tooth and Nail noch arg überzeichnet. Zu versoffen, zu renintent. Und seltsam sprunghaft obendrein.

Aber Gott sei Dank hat Rankin seine schlechteren Romane zu Anfang geschrieben und nicht jetzt, denn jeder seiner letzten fünf, sechs oder mehr Romane ist ein Meisterwerk. Und das lässt ja nur Gutes hoffen.

Ich kann keine Rückblicke. Denn: War das dieses Jahr? Oder das Jahr davor? Und bei Platten, Büchern, Filmen etc. geht es ja nicht um das Erscheinungsjahr, sondern darum, wann man es entdeckt hat.

Nur eines weiß ich ganz genau. Die Platte dies Jahres ist Leaders of the Free World von Elbow. Ich erwähnte es bereits. Nicht nur machen sie wundervollste, ergreifenste Musik der Welt, nicht nur geben sie großartige Konzerte, nicht nur sind es hochsympathische Jungs, nein, der Sänger Guy Garvey schreibt auch noch Textzeilen wie diese:

A call girl with yesterday eyes
Was our witness and priest
Stockport supporters club kindly provided a choir
Your vow was your smile
As we move down the isle
Of the last bus home
And this is where I go
Just when it rains

Great Expectations heißt das Lied, aber bei Elbow können die Erwartungen nicht groß genug sein. Sie werden immer erfüllt.

Maigret vs. Marlowe

Für Klassiker gelten ja keine anderen Geschmacksregeln als für den Rest. Klassiker drängen sich nur mehr auf, weil sie ständig präsent sind. Und vielleicht ist es bei Krimis noch ein bisschen schwieriger, einen Bezug zu den Klassikern herzustellen, weil sie ja doch sehr oft im Hier und Jetzt verankert sind und darum schnell ein bisschen angestaubt wirken.

Angestaubt fand ich jedenfalls George Simemons Maigret contra Picpus. Dieser ständige Perspektivwechsel und immer wieder die Unterschlagung von Details, um die Spannung zu halten. Und auch wenn ich normalerweise einen knappen Stil schätze, hetzt mir Simenon doch ein bisschen zu sehr durch die Handlung. Sicher ist es erstaunlich, mit wie wenig Sätzen er einen Charakter zeichnen kann oder wie wenige Details er braucht, um eine Umgebung zu beschreiben. Doch bei den Dialogen übertreibt er es: “Würden Sie uns bitte führen?… Eine Lampe?…. Sehr freundlich, bringen Sie eine mit.” Kann er den anderen nicht zu Wort kommen lassen? Oder gleich sagen: Maigret bat um eine Lampe?

Die Handlung? Ach ja. Ehrlich gesagt, konnte ich mich schon einen Tag nachdem ich das Buch zugeschlagen habe, nicht mehr daran erinnern. Das ging mir alles zu schnell. Aber vielleicht liegt’s auch an mir. Tischfußball ist mir nämlich auch zu hektisch.

Jetzt zu Raymond Chandler. The Big Sleep. Ah, wieviel besser hat mir das gefallen! Obwohl kaum einer mehr das Bild eines hartgestottenen Detektivs geprägt hat als Chandlers Marlowe, tappt man beim Lesen nicht in die Klischeefalle. Natürlich regnet es ständig und wimmelt es von kalten Blondinen, und natürlich hat Marlowe immer die passende Antwort parat, selbst wenn er in die Mündung einer Waffe blickt. Doch muss alles dies so sein. Marlowes Verlorenheit ist echt, sein Zynismus unausweichlich. Es passt, dass man nichts über seine Vorgeschichte weiß. Nur einmal ist er out of character, nämlich als er ohne rechten Grund weiterermittelt, obwohl für ihn der Fall abgeschlossen ist.

Die Handlung: Marlowe wird von einem sterbenden General Sternwood engagiert, der nicht daran denkt, sich von einem Mann namens Geiger erpressen zu lassen. Sternwood hat zwei Töchter, die ihm schon genug Probleme bereiten: Carmen — männerfressend und beschränkt bis an den Rand der Geisteskrankheit — und Vivian — spielsüchtig und exzessiv. Vivian ist eigentlich mit Rusty Regan verheiratet, einem Gauner, den ihr Vater ins Herz geschlossen hat, der aber nach ein paar Wochen Ehe verschwunden ist. Darum denkt sie auch, Marlowe sei dazu engagiert, Rusty zu finden. Das scheinen auch viele andere zu denken, und nach einigen Toten und aufgedeckten Winkelzügen, kann Marlowe nicht mehr an der Frage vorbeikommen: Wo ist Rusty?

Natürlich ist der Vergleich zwischen diesen beiden Büchern einmal wieder zufällig, weil ich sie direkt hintereinander gelesen habe, aber ich gebe Chandler eindeutig den Vorzug. Vielleicht ist das seltsam, weil einige Autoren, die ich überaus schätze, sich auf Simenon berufen (Friedrich Ani), aber letztendlich zählt ja auch immer der Einfluss des Hier und Jetzt. Den darf man wohl nicht unterschätzen.

Wo habe ich das nur gelesen:

Man muss das Schreiben wollen und nicht das Schriftstellersein

“But he said he was innocent Europeans protest. Would he lie about that?” Of course he might. Criminals in the U.S. lie about their innocence all the time. There’s a reason for that. Suspects have little incentive to confess their guilt in most American states. They will not automatically receive a lighter sentence for doing so, and they will hurt their legal defense. American criminal-defense attorneys always tell their clients not to confess or even talk to the police. The system does not reward true confessions, but does not punish false claims of innocence.

German Joys: A Wave of Self-Righteous Moral Outrage Sweeps Europe! Again!

Über Vorbilder

Doch Vorbilder hat Friedrich Ani auch - Georges Simenon etwa (”man kann ihn so wunderbar anhimmeln, weil man ihn niemals erreicht”) und vor allem Anton Tschechow (”ohne ihn möchte ich nicht auf eine einsame Insel verbannt werden”). Aber letztlich, sagt Ani, “nutzen einem Vorbilder nichts: Sie schweigen einen bloß an, wenn das Schreiben wieder einmal nicht geht.”

Hamburger Abendblatt: Die im Schatten sieht man nicht

Der innere Snob

Unlängst berichtete das Krimiblog über den unglücklichen Gebrauch des Wortes Apartheid. Es ging wieder einmal um die Trennung zwischen Kriminal- und “echter” Literatur. Zuerst winkte ich ab: Oft gehört, kann man nicht ernst nehmen, darüber bin ich hinaus. Wirklich? Und warum brauchte ich dann Monate, um mich dazu durchzuringen, das Thema, das in meinem Kopf kreiste, in einen Krimiplot zu packen?

Der innere Snob war Schuld. Wir alle haben ihn, herangezüchtet durch Lektüre, Fernsehen, Meinungsführer, genährt von dem Wunsch, unsere Mitmenschen zu beeindrucken, mindestens aber die Mädchen. Egal, ob wir Prada tragen oder Elbow besser finden als Coldplay, wer nicht zugeben kann, dass er sich manchmal besser, mindestens aber anders fühlen möchte als die anderen, lügt.

Das muss nicht absurd sein, immerhin ensteht manchmal durch das Streben nach Größe Großes. Aber oft ist es absurd, nämlich dann, wenn man anfängt Maßstäbe anzulegen, die nicht die eigenen sind. Und eben das habe ich getan.

Ich lese bei weitem nicht nur Krimis, diese aber sehr gerne. Und sobald ich die fixe Idee verwarf, “echte” Literatur schreiben zu wollen und statt dessen einen Murder Mystery-Roman, entwickelte sich das Konzept wie von selbst. Was jetzt noch fehlt, sind die nächsten Monate mit Zeit und Geduld, um das Buch Wirklichkeit werden zu lassen. Ich nagele mich selbst darauf fest.

Niedertracht, bundesdeutsche

Wer einen Sinn für die Tragik im Alltäglichen hat, liest Polizeiberichte. Free Radio News fasst viele solche aus ganz Deutschland zusammen, und was man dort liest, genügt schon für einen Überblick über die ganz normale bundesdeutsche Niedertracht. Nur wenn man sich für die Niedertracht speziell in meiner schönen kleinen großen Stadt interessiert, muss man direkt auf die hässliche kleine Seite des Polizeipräsidiums München, denn die finden sich nicht auf Free Radio News. Warum auch immer.

Der angeschlagene Handelskonzern.

Kleiner Aufreger über Fußballgerechtigkeit

Das Fußball-WM-Auslossystem ist umso schwerer zu verstehen, wenn man davon ausgeht, dass es gerecht sein soll. Wieso gibt es in jeder Gruppe nur eine, höchtens zwei “starke” Mannschaften? Damit immer wieder dieselben weiterkommen, das Geld verdienen und beim nächsten Mal wieder “stark” sind?

(Ich weiß, ich weiß, eigentlich ist diese Frage so wichtig, ob Goleo peinlich ist oder nicht, aber ich musste gerade daran denken, was hier in München los sein wird — zur WM im Allgemeinen und im Besonderen wenn Deutschland auf England treffen sollte.)

Fakten und Zahlen zum Thema Todesstrafe

Amnesty International — Facts and Figures on the Death Penalty:

During 2004, at least 3,797 people were executed in 25 countries and at least 7,395 people were sentenced to death in 64 countries. These were only minimum figures; the true figures were certainly higher.

[...]

Based on public reports available, Amnesty International estimated that at least 3,400 people were executed in China during the year, although the true figures were believed to be much higher. In March 2004 a delegate at the National People’s Congress said that “nearly 10,000″ people are executed per year in China.

Iran executed at least 159 people, and Viet Nam at least 64. There were 59 executions in the USA, down from 65 in 2003.

Mit anderen Worten: Fast 3.800 Hinrichtungen schaffen es nicht auf die Titelseiten, und die, die es schaffen, sind immer, immer die amerikanischen.

“The last lost soul”: Es klingt so schön, aber in Wirklichkeit heißt es: “The last bus home”.

Auch erst jetzt zum ersten Mal gelesen: Stefan Zweig. Schachnovelle, großes Kino, wenn man es denn so sagen darf. Mehr Worte verliere ich jetzt nicht darüber. Selber lesen, das Buch ist kurz genug.