Und was passiert, wenn man alles mögliche auf die verregneten Tage des Herbstes verschiebt? Seit Wochen nur blauer Himmel und 20°.
Jürgen Albertsen
Monat: Oktober 2005
Sich aufs Wesentliche konzentrieren. Heißt ja irgendwie, dass man es nicht hinkriegt, über mehrere Sachen gleichzeitig nachzudenken.
Lesung
“Kinder” ist das Thema der aktuellen Ausgabe der Klivuskante, und auch ich habe mir dazu was ausgedacht (wir waren ja alle mal Kind, im Gegensatz zu Vater, Papst oder Deutschland). Darum lese ich zusammen mit anderen Autoren der neuesten Ausgabe:
Am Freitag, den 21. Oktober in München
Fruchthofkeller
Gotzingerstr. 52b, im Rahmen von “Kunst in Sendling”
ab 19:30 Uhr
Eine Wegbeschreibung findet sich auf kunstinsendling.de (Station 1).
Und er schafft es nicht mehr. Er sitzt da. Konzentriert sich. Greift nicht zur Fernbedienung, nicht zum Telefon, noch nicht einmal nach einem Buch. Er schließt die Augen. Er will nicht nichts denken, er will nur einmal wieder etwas zu Ende denken. Keine Musik, keine Zeitung, auch kein Licht. Früher funktionierte es auch, ganze Nachmittage. Auch ohne Bier.

Sowieso gibt es kaum noch Kinder hier. Und die paar, die es gibt, lässt man nicht mehr hier schwimmen. Nicht nach dem, was passiert ist. Auch wenn sie ihn verhaftet haben, den Max. Man muss das verstehen: Die Angst ist immer noch da. Zum Beispiel diese Leute im Haus weiter unten, wer sind die? Die lassen sich nicht blicken im Dorf, die sind aus der Stadt geflüchtet, und wer flüchtet, muss gejagt worden sein, oder? Außerdem: Versuchen Sie mal, jedes Frühjahr die Männer dazu zu kriegen, das Wasser wieder sauberzumachen. Die Zeiten werden härter, sagen die Bauern. Sie schaffen es grad noch so, sich um ihre Kühe zu kümmern, wie soll da noch Zeit bleiben für den Weiher?

Die alte Lisbeth, ja die. Die muss ja auch keine Angst haben. Der Max hätte ihr nichts getan, wäre eher weggelaufen. Der Lisbeth machen die Blätter nichts aus. Nur von Dezember bis Februar macht sie eine Pause. Dabei muss sie manchmal schon im November das Eis durchschlagen. Und sie fährt auch nicht mit Fahrrad wie die Kinder früher, sondern geht den ganzen Wegen zu Fuß: Zwanzig Minuten hin, zwanzig Minuten zurück. “Darum seh ich auch noch aus wie fünfzig und die schon wie siebzig”, sagt sie. Unverschämt war sie schon immer. Auch sie lässt sich nicht mehr blicken, dabei ist sie hier sogar geboren.
Haruki Marukami: Norwegian Wood
[Auf Deutsch: Naokos Lächeln
Dieses Buch hat Marukamis Superstarstatus besiegelt. Mit Recht. Kaum wurden dies großen Themen — Was ist mein Platz in der Welt? Was ist Liebe? Was bedeutet der Tod? — ergreifender behandelt als hier. Das Buch erzählt die Geschichte von Toru Watanabe, dem sich die Bedeutung der Welt verschließt. Sein Studium, die Universitätsrevolten des Jahres 1968, Karriereaussichten, das alles ist für ihn nur eine Abstraktion. Er lebt in seiner eigenen Schale, die nur für ein paar Menschen öffnet: Zuerst für Naoko, der Freundin seines verstorbenen besten Freundes, die nach einem Nervenzusammenbruch im Sanatorium landet. Und dann für Midori, einem selbstbewussten Mädchen, das sich in Toru verliebt, weil er nichts von ihr fordert. Toru muss sich entscheiden: Naoko, Midori oder Isolation.
Murakami erzählt die Geschichte mit der ihm typischen fast schon naiven Sprache und erinnert in seiner Fähigkeit zur Charakterisierung einmal mehr an Coupland ohne Popkulturobsession. Nur in der Mitte hat das Buch für wenige dutzend Seite ein paar Längen. Ansonsten ist es perfekt.
Arnaldur Indridason: Nordermoor
Herr Indridason, hören Sie mal zu. Plot ist nicht alles. Auch nicht für einen skandinavischen Krimiautoren. Auch nicht wenn man Preise gewinnt. Ein Roman braucht noch nachvollziehbare Charaktere, einen Kommissar, den man von Rest des Handlungspersonals unterscheiden kann, und vor allem einen Schreibstil, der diese Bezeichnung verdient. Weil wir des Isländischen nicht mächtig sind, wissen es natürlich nicht sicher, aber es kann unmöglich nur an der Übersetzung liegen, dass die Personen ständig “vom Donner gerührt sind”, “die Hand vor Augen nicht sehen” oder “bis auf die Knochen nass werden”. Und noch was: Dauerregen allein macht noch keine Atmosphäre.