Monat: September 2005

Was man tun sollte: Keine Zeitung mehr lesen, keine Nachrichten mehr hören, sondern sich, wenn alles vorbei ist, ein Buch kaufen, das einem aus sicherer Entfernung erzählt, was wirklich geschehen ist. Alternativ: Einen Spekulations- und Prognosefilter installieren.

George Saunders: Pastoralia

Saunders beschreibt in seinen Erzählungen ein Amerika, das nur ein, zwei Schritte von dem heutigen entfernt ist: Die als Teamgeist verkleidete Aufforderung zur Denunzierung von Kollegen; Reality-Shows, die sogar das Was-wäre-wenn ausbeuten; Verzweifelte, die Nachschulungen für Verkehrssünder als letzte Möglichkeit sehen, Frauen kennenzulernen. Das alles ist in einer Sprache vorgetragen, die zeigt, wie sehr wir alle schon vor den kommerziellen Weiter-so-Parolen kapituliert haben. Manchmal hätte es den Geschichten gutgetan, sich kürzer zu fassen, und manche Pointen wiederholen sich in ihrem Aufbau, aber alles in allem: Großartiges Buch, das einem kopfschüttelnd zum Lachen bringt.

(Danke übrigens an Anke Gröner für den Hinweis. Und: Nein, ich sage nicht “Danke, Anke”. Sie kann es sicher nicht mehr hören.)

Isabel Allende: Das Geisterhaus

Natürlich ist es ein großer Familienroman mit sprühender Phantasie, starken Charakteren und hinreißend gewobenem Plot. Man sollte es vielleicht auch nicht mit Hundert Jahre Einsamkeit vergleichen, aber die Parallelen drängen sich auf: Ein Multigenerationendrama in Südamerika, in dem es auch gerne einmal spuckt. Doch während Márquez seine Geschichte auf allen Ebenen als Märchen gestaltet und das Phantastische als Selbstverständlichkeit erzählt, scheint sich Allende manchmal nicht entscheiden zu können. Sie hat die Geschichte im Chile in den ersten sieben Jahrzehnten des 20. Jahrhunders angesiedelt, aber der Realitätsbezug steht bisweilen verbindungslos neben den Übernatürlichkeiten und dem Veträumten. So ist das Buch letztlich nicht so ergreifend, wie es sein könnte, und hinterlässt den leicht schalen Geschmack des Inkonsequenten.

Ich: Jetzt auch auf last.fm.

Letzte Tage im Freien. Bergquerung. Die Wellen auf dem See dort unten sind ein krauses Brechen von Licht. Die Wolken stauen sich schon an den Gipfeln, der Blick nach Süden besteht aus Dunst. Die Baumuhr tickt. Herbstwette: Welche Blätter fallen zuerst? Die Tage zwischen Hitze und Schnee. So könnte es bleiben.

Die Bank macht es möglich

Hat es mit der HypoVereinsbank angefangen? All I Need und im Hintergrund eine Stimme: “Versteht mich nicht falsch, ich will ja nicht die Welt anhalten — aber kann sie sich nicht ab und zu einmal um mich drehen?” Und jetzt ist die Werbung voll davon. Die Bank macht es möglich: Du kannst Mode entwerfen, sorglos muszieren, bildhauen, eine kleine Bäckerei eröffnen, einfach nur dasitzen auf einer Wiese. Keine Rede davon, dass jede Arbeit eine gute Arbeit ist, Hauptsache Arbeit. Keine Rede von Business-Plans, Forecasts und Markanalysen. Keine Rede vom Freizeitpark Deutschland. Erfülle einfach deinen Traum. Die Bank macht es möglich.

Hair care professional.

Elbow
Leaders of the Free World: Album des Jahres. Mindestens.

Münchner Wahl-Lokale: Ein Abstimmungsbarometer von Schumann’s
bis Schoppenstube.

Oktoberfest

Eigentlich ein guter Film über flüchtige Beziehungen und kleine Dramen inmitten der Ausgelassenheit. Er erzählt die Geschichten verschiedener Menschen auf dem letzten Wiesntag, die einander begegnen und wieder auseinander gerissen werden, manchmal ganz ohne ihr Zutun. Vielleicht hätte man aber den Film doch nicht auf dem letztjährigen Oktoberfest drehen sollen, denn es scheint mir, als wäre die gut zwei Wochen zuwenig gewesen. So wirken einige Dialoge arg hölzern und mancher Schauspielerleistung hätten ein paar Takes mehr sicher gutgetan. Ansonsten: sehenswert.

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Schranne, Pschorr, Ani

Die Schrannenhalle* ist wirklich schön geworden. Zwar hatte ich etwas Ähnliches wie die Boqueria erwartet, aber stattdessen ist es eine sehr nette überdachte Fressmeile. Man holt sich an den Ständen Sushi, Leckeres aus dem Tandoori (gestern probiert!), Pasta oder — natürlich — Weißwurst/Brezen/Bier. Man stellt sich entweder zum Essen an einen Tisch oder geht eine Treppe zu einem der Balkone hinauf, um das Gewusel von oben zu betrachten.

Wie es sich für München gehört, gab es natürlich einen VIP-Bereich. Denn der Angermaier veranstaltete eine Modenschau für Wiesnkluft (Trachten kann man das ja nicht mehr nennen), und den Models und der Presse war es natürlich nicht zuzumuten, sich unter den Pöbel zu mischen. Deshalb ging’s auch zu wie am Stachus, und wir mussten uns nach dem Essen durch die Massen zum Pschorr drängen.

Dort fand nämlich die Lesung statt: Funf Jahre Krimibuchhandlung Glatteis. Nicht in der bayrisch-holzverkleideten Wirtsstube (schon jetzt mit Wiesenstimmung, aber vielleicht lag das an der Modenschau), sondern in einem Saal à la Schloss Schleißheim, nur mit niedrigerer Decke und Musik aus einen iBook. Sehr fein.

Die Lesung selbst war großartig. Edlinger und Steinleitner kamem zuerst. Sie lasen “szenisch” ihrem Roman Hirschfänger. Sie spielten sich gegenseitig ihre Halbsätze zu, und für Dialoge wechselten sie ins Bayerische und/oder sprangen auf und liefen durchs Publikum.

Aber die Veranstalter wussten natürlich, dass Friedrich Ani der Star des Abends war, deshalb kam er zum Schluss (Headliner sozusagen). Er sah aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte: Grauer Bart, längere Haare, Jeansjacke, bedrucktes T-Shirt. Als er sich setzte, stand vor ihm schon ein frisches Bier, obwohl er noch eines in der Hand hielt. “Das ist mir jetzt aber unangenehm”, sagte er. Er las aus Süden und der glückliche Winkel — passend, spielt der Roman noch zum großen Teil auf dem Viktualienmarkt. “Mein Lieblings-Süden”, sagte er.

Anschließend versammelten sich alle drei Autoren noch zum Interview auf der Bühne. Dabei zeigte sich: Edlinger und Steinleitner waren die Witzigeren, aber Ani hörte man lieber zu: Denn wenn er — manchmal sogar stockend — von Tabor Süden, dem Verschwinden oder dem Licht auf Sitzweg-Bildern sprach, dann tat er das mit solcher Begeisterung und einem solch träumerischen Blick, dass man wusste: Da hat einer seine Bestimmung gefunden.

Trotz seines immensen Outputs die letzen Jahre bekannte sich Ani zur Faulheit: “Tschechow sagt: Die Kürze ist die Schwester des Talents. Darum sind meine Bücher kaum länger als 200 Seiten. Ich bewundere Leute, die fähig sind, einen Plot für 400, 500, 600 Seiten zu entwickeln. Ich kann so etwas nicht überblicken.”

Zum Schluss gab Ani noch einen Ausblick. Zwar ist seine Süden-Reihe beendet, aber er gestand, dass er einen neuen Kommissar erfunden hat, über den man spätestens nächstes Jahr im Herbst etwas lesen kann. Ich bin gespannt.

*Wer auf der Homepage der Schrannenhalle ein vernünftiges Foto von dieser findet, sage bitte Bescheid. Ich sehe dort nur Bilder von der Baustelle und komische Zeichnungen.

Ich wollte etwas über die Schönheit der Berge schreiben, aber ich bin zu faul