Die Flut

Während hier in Bayern das Land anscheinend alle paar Jahre von schlammigen Fluten überrollt wird, ist von Stumfluten in meiner alten Heimat Nordfriesland kaum noch die Rede. Ähnlich wie man sagen möchte “Früher gab es noch richtige Sommer”, scheint mir, als hätte ich als Kind jedes Jahr Landunter erlebt.

Schobüll ist dabei ein Unikum an der Westküste. Das Dorf steht nicht auf flachem Marschboden, sondern auf sandiger Geest, und das bedeutet, dass es sich bis zu 32 Meter über Normalnull erhebt. (Jaja, lacht nur, aber überwindet ihr mal diese 32 Höhenmeter mit dem Fahrrad, wenn euch Regen und Winderstärke 8 entgegenpeitschen). Da Deiche zu bauen weder ein Spaß noch sehr billig ist, war man froh, die Küstenlinie Schobülls aussparen zu können — denn es lag ja hoch genug, um nicht von einer Sturmflut überspült zu werden.

Fast zumindest.

Denn es gab ein paar Häuser unten am Strand, die jedes Jahr unter Wasser standen. Damals glaubte ich dem Gerücht, dass die Versicherungen den Bewohnern Unsummen angeboten hatten, um doch bitte endlich umzuziehen, aber heute weiß ich, dass eine Versicherung schon beim bloßen Anschein an Hochwassergefährung abwinkt.

Es waren also dramatische Zeiten. Und heute? Heute verflacht die Husumer Bucht immer mehr, und Sturmfluten sind immer unbedrohlicher. Und wessen Schuld ist das? Richtig, Adolf Hilters. Der hatte nämlich die glorreiche Idee, die Insel Nordstrand mit dem Festland zu verbinden und so mit Staatsverschwendung sein Versprechen einzulösen, Arbeitsplätze zu schaffen. Das hat die Wasserzirkulation so nachhaltig gestört, dass nach ein paar Jahren der schöne, lange Sandstrand verschlickt war (was andererseits den Vorteil hat, dass Schobüll heute kein Mini-Westerland ist).

Übrigens: Die Flutbekämpfer an den Flüssen haben einen Vorteil gegenüber denen an der Nordsee. Wenn die Höchstpegel erreicht werden, hat das schlechte Wetter meistens schon aufgehört, während man am Deich mit Orkan, Kälte und Dauerregen kämpfen muss. Ein schwacher Trost, ich weiß.

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