Hans Magnus Enzensberger: Der kurze Sommer der Anarchie

Man sagt, dass der Spanische Bürgerkrieg die Generalprobe für den Zweiten Weltkrieg war. Und man sagt, dass Franco ohne die Italiener und Deutschen niemals gewonnen hätte.

Das ist wohl wahr. Wahr ist allerdings auch, dass es hinter den Linien der Republik noch einen zweiten Bürgerkrieg gab: Zwischen den Bürgerlichen und den Revolutionären, zwischen den Kommunisten und den Anarchisten.

Als Francos Truppen sich erhoben, waren die Anarchisten in Katalonien als erstes zur Stelle. Sie bekämpften die Faschisten, ohne dass die gelähmte Republik ihnen zur Seite stand. Katalonien wurde die erste anarchistische Nation der Welt.

Doch die Macht, die ihnen in die Hände gefallen war, konnten die Anarchisten nicht halten — wollten es auch nicht. Es entsprach nicht ihren Vorstellunen, Posten zu besetzen und Regierungsstrukturen aufzubauen. In Friedenszeiten hätte das vielleicht funktioniert, denn ein riesiger Teil der Arbeiter stand hinter ihnen. Doch der Krieg band die Kräfte. Zudem taten die Republikaner alles, um die Anarchisten zu entmachten, mit Unterstützung der Kommunisten, die Geld und Waffen von Stalin bezogen, der schon die Anarchisten in Russland ausgerottet hatte.

Einer der charismatischsten Figuren des spanischen Anarachismus’ war Buenaventura Durruti. Dieses Buch handelt von dessen Werdegang vom Mechaniker zu einer der Anführer der FAI. Dabei ist es keine Biografie im eigentlich Sinne, sondern eine Art Dokuroman. Ezensberger reiht Ausschnitte aus Interviews, Essays und Memoiren aneinander, bis sich aus dieser Vielzahl der Stimmen ein Bild ergibt. Manchmal unterbrechen Glossen diesen Fluss, um bestimmte Aspekte näher zu beleuchten oder zu interpretieren. Ansonsten ist der Autor nur zuständig für Auswahl und Überlieferung.

Durch diese verschiedenen Quellen erhalten wir ein rundes Bild von Durrutis Leben. Zwar ist Enzensberger eindeutig pro Durruti, aber insbesondere zum Ende hin lässt er auch die kritischen Stimmen zu Wort kommen, die von der anarchistischen Gewalt erzählen und von der schleichenden Korrumpierung durch Politik und Posten.

Was diese gescheiterte Revolution für ihre Unterstützer noch heute bedeutet, erfährt man ganz zum Schluss. Im Exil leben immer noch einige der Kämpfer von damals und haben große Schwierigkeiten, die revolutionären Strömungen der 1970er (dem Erscheinungszeitpunkt dieses Buches) zu verstehen. Ihnen ist unbegreiflich, dass es Menschen gibt, denen Kultur ein Ausdruck der Dekadenz ist. Sie selbst haben um ihre eigene Alphabetisierung gekämpft. Dass sie freien Zugang zu Büchern haben, Theaterstücke besuchen und Filme sehen können, empfinden sie als einen großen Schritt nach vorne.

Und noch heute geben sie die Hoffnung nicht auf, eines Tages die Revolution fortzuführen. Ihre Revolution.

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