Monat: August 2005

Krimi-Dreier

Ich habe Astrid Paprotta durch ihr Blog entdeckt und alle ihre vier Bücher über die Kommissarin Ina Henkel gelesen, als letztes Sterntaucher und Die Höhle der Löwin. Es sind Nummer zwei und vier der Serie und beweisen mir den Eindruck, den ich schon nach Nummer eins (Mimikry) und Nummer drei (Die ungeschminkte Wahrhet) hatte: Astrid Paprotta wird von Buch zu Buch immer besser. Den größten Sprung macht sie dabei vom zweiten zum dritten Buch. In Mimikry und Sterntaucher folgt sich manchmal allzu präzise abwechselnd den inneren Stimmen der Kommissarin und des Antagonisten. Zwar ist Paprottas Gut-Böse-Schema hinreichend differenziert, aber erst in Die ungeschminkte Wahrheit wird ihre Direkte-Rede-Prosa so richtig lebendig. Dazu passt auch, dass Die Höhle der Löwin noch unmittelbarer an den Vorgänger anknüpft als die anderen Bücher. Hier verzichtet Paprotta auch zum ersten Mal darauf, in jedem Kapitel die Stimmen zu wechseln. Ich halte diese wechselnde Perspektive zwischen Verfolger und Verfolgtem sowieso oft für einen Spannungskunstgriff, insbesondere weil der Autor uns gerne alles über den Verfolger erzählt, aber nur das über den Verfolgten, was der Spannung nicht abträglich ist. In Die Höhle der Löwin begleiten wir also nur Ina Henkel, reisen mit ihr nach Bukarest und Offenbach und lernen zu verstehen, warum sie die Gejagte nicht wirklich fangen will. Wir lernen: Astrid Paprotta hat keine Spannungskunstgriffe nötig.

Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski
von Robert Hültner ist da ganz anders gestrickt, aber dafür nicht minder gelungen. Das Buch spielt in den Wirren der Münchner Räterepublik (jaha, zwischen dem Märchenkönig und CSU gab es auch einmal den Kommunismus in Bayern) und hätte von einem Autoren mit weniger Talent so richtig in den Sand gesetzt werden können. Doch Hültner schafft es, einen Ton anzuschlagen, der oberbayerische Charaktere beschreibt, ohne sie zu Abziehbildern verkommen zu lassen. Der Kommissar ist angenehm ambivalent gegenüber den politischen Ereignissen, und Hültner drängt dem Leser die historische Kulisse nicht auf. Die Poltik ist in dem Roman, was sie ist: Ein notwendiges Übel, das gerade die Menschen in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg nicht unbedingt interessiert. Dass der Fall trotzdem mit der Ermordnung des Republikpräsidenten Kurt Eisner zu tun hat, ist dann fast nur Zufall. Sehr unterhaltsam, auch für Leser nördlich von Aschaffenburg.

Und bei Lesungen, wenn Sie mal drauf achten, trinke ich erst lange nach der Pause den ersten Schnaps. Ich versuche das immer so zu timen, dass ich pünktlich zehn Minuten nach der Lesung knülle bin. Es gibt ja viele Kollegen, die erscheinen da bereits knülle wie ‘n Schützenkönig, das ist Beschiss am Publikum. Das Publikum hat ein Anrecht darauf mitzuerleben, wie der Referent sich zugrunde richtet.

Eins in die Fresse: Interview mit Harry Rowohlt in der Zeit

Man sollte ja denken, dass man bei einer Lebenserwartung von über 80 Jahren das Ganze etwas ruhiger angehen könnte. Aber nichts da. Fremdsprachen am liebsten schon im Kindergarten, Laptop statt Bücher, Ganztagsschule sowieso. Wo bleibt da das kindliche Recht auf Faulheit?

Die Flut

Während hier in Bayern das Land anscheinend alle paar Jahre von schlammigen Fluten überrollt wird, ist von Stumfluten in meiner alten Heimat Nordfriesland kaum noch die Rede. Ähnlich wie man sagen möchte “Früher gab es noch richtige Sommer”, scheint mir, als hätte ich als Kind jedes Jahr Landunter erlebt.

Schobüll ist dabei ein Unikum an der Westküste. Das Dorf steht nicht auf flachem Marschboden, sondern auf sandiger Geest, und das bedeutet, dass es sich bis zu 32 Meter über Normalnull erhebt. (Jaja, lacht nur, aber überwindet ihr mal diese 32 Höhenmeter mit dem Fahrrad, wenn euch Regen und Winderstärke 8 entgegenpeitschen). Da Deiche zu bauen weder ein Spaß noch sehr billig ist, war man froh, die Küstenlinie Schobülls aussparen zu können — denn es lag ja hoch genug, um nicht von einer Sturmflut überspült zu werden.

Fast zumindest.

Denn es gab ein paar Häuser unten am Strand, die jedes Jahr unter Wasser standen. Damals glaubte ich dem Gerücht, dass die Versicherungen den Bewohnern Unsummen angeboten hatten, um doch bitte endlich umzuziehen, aber heute weiß ich, dass eine Versicherung schon beim bloßen Anschein an Hochwassergefährung abwinkt.

Es waren also dramatische Zeiten. Und heute? Heute verflacht die Husumer Bucht immer mehr, und Sturmfluten sind immer unbedrohlicher. Und wessen Schuld ist das? Richtig, Adolf Hilters. Der hatte nämlich die glorreiche Idee, die Insel Nordstrand mit dem Festland zu verbinden und so mit Staatsverschwendung sein Versprechen einzulösen, Arbeitsplätze zu schaffen. Das hat die Wasserzirkulation so nachhaltig gestört, dass nach ein paar Jahren der schöne, lange Sandstrand verschlickt war (was andererseits den Vorteil hat, dass Schobüll heute kein Mini-Westerland ist).

Übrigens: Die Flutbekämpfer an den Flüssen haben einen Vorteil gegenüber denen an der Nordsee. Wenn die Höchstpegel erreicht werden, hat das schlechte Wetter meistens schon aufgehört, während man am Deich mit Orkan, Kälte und Dauerregen kämpfen muss. Ein schwacher Trost, ich weiß.

And you know, I don’t think you’d get Salman Rushdie and Martin Amis touring together — probably not. Norman Mailer and John Updike? You just can’t imagine these things happening.

Making It Up: powel.com’s interview with Ian Rankin

Dass das immer noch funktioniert: In der Küche sitzen, wenn die Sonne aufgeht, mit Leuten, die man kaum kennt; auf dem Tisch Flaschen, Aschenbecher, Chipstüten; ein hoffnungslos überlasteter CD-Spieler liefert den Soundtrack, der Rauch fremder Zigaretten liefert die Atmosphäre. Du weißt jetzt, mit wem du dich noch einmal treffen könntest und wer dir jetzt egal ist, und du weißt auch: Die Welt verändern wirst du nicht mehr.

Hören Sie The White Birch.

If this sounds like the story of a life, okay.

The Raymond Carver Website

Nun ja, die BUGA-Lesung

Wichtigste Erkenntnis: Wenn du irgendwo liest, wo die Leute nicht wirklich wegen der Lesung kommen, brauchst du Marktschreierqualitäten. Denn fehlerfrei und, ja, lebendig vorzutragen reicht nicht. Was in einem Raum von sitzenden — womöglich extra zahlenden — Zuhörern funktioniert, funktioniert nur bedingt, wenn du in der Ecke eines kieswallumrandeten Zellgartens stehst, die Sonne dir auf den Kopf scheint, der Schweiß deinen Rücken hinunterläuft und schreiende Kinder dich fast umrennen.

Kafka und eigene Geschichten gingen gar nicht. Zum Schluss besann ich mich auf Fräulein Smillas Gespür für Schnee. Schließlich war ich der Winter. Und das brachte mir immerhin eine Dauerzuhörerin, die das Buch zwar schon kannte, aber sich “nicht mehr an die Sprache erinnerte”. Und ein Ehepaar, bei dem die Frau sagte: “Ich will ja, dass mein Mann auch mal liest. Immer soll ich ihm nur erzählen, was drin steht.”

So war es am Ende doch ganz nett. Ob ich so etwas allerdings noch einmal mitmache, glaube ich nicht. Ein Marktschreier bin ich eben nicht.

Lesung auf der Bundesgartenschau in München

Vier Jahreszeiten in den Zellengärten: die Fuge, das Nest, das Waldlabor und der Maulwurfshügel.

Ich lese zusammen mit Marie Sophie Michel, Robert Stauffer und Barbara Yurtdas im Rahmen einer BUGA-Veranstaltungsreihe des VS München.

Am 18. August 05 ab 14.00h in den Zellengärten.

Danke an Bernhard Horwatitsch für die Einladung.

Poloshirt schlägt Streifenbluse: Wie absurd ist das denn? Da ist denen eine “Homestory” zu privat, doch was ist denn der Punkt einer Homestory, wenn nicht das Private? Klar sieht Merkel auf den Fotos scheiße aus, aber in den Sachen, in denen ich zu Hause rumlungere, sehe ich auch scheiße aus. Fast kann sie einem dadurch sympathisch werden, dass sie “das Spiel der Medien” nicht perfekt beherrscht. Sind Stoibers Grinsebilder (oder: Gruselbilder) etwa besser? Und wieso wird davon geschwärmt, dass bei Kohls Fototerminen “nichts dem Zufall überlassen” wurde?

Mit einem Wort: Geht’s noch?

Anke Gröner hat eine wunderbare Kurzgeschichte entdeckt: Sea Oak von George Saunders.

Watching the Detectives: Schönes Blog über Krimis. Rezensionen, Diskussionen, Betrachtungen und mehr zum Thema. (Auf Deutsch übrigens, auch wenn es der Titel nicht vermuten lässt.)

Warum ein Urlaub auf einer Nordseeinsel retro ist, konnte RTL2 dann doch nicht erklären.

Hans Magnus Enzensberger: Der kurze Sommer der Anarchie

Man sagt, dass der Spanische Bürgerkrieg die Generalprobe für den Zweiten Weltkrieg war. Und man sagt, dass Franco ohne die Italiener und Deutschen niemals gewonnen hätte.

Das ist wohl wahr. Wahr ist allerdings auch, dass es hinter den Linien der Republik noch einen zweiten Bürgerkrieg gab: Zwischen den Bürgerlichen und den Revolutionären, zwischen den Kommunisten und den Anarchisten.

Als Francos Truppen sich erhoben, waren die Anarchisten in Katalonien als erstes zur Stelle. Sie bekämpften die Faschisten, ohne dass die gelähmte Republik ihnen zur Seite stand. Katalonien wurde die erste anarchistische Nation der Welt.

Doch die Macht, die ihnen in die Hände gefallen war, konnten die Anarchisten nicht halten — wollten es auch nicht. Es entsprach nicht ihren Vorstellunen, Posten zu besetzen und Regierungsstrukturen aufzubauen. In Friedenszeiten hätte das vielleicht funktioniert, denn ein riesiger Teil der Arbeiter stand hinter ihnen. Doch der Krieg band die Kräfte. Zudem taten die Republikaner alles, um die Anarchisten zu entmachten, mit Unterstützung der Kommunisten, die Geld und Waffen von Stalin bezogen, der schon die Anarchisten in Russland ausgerottet hatte.

Einer der charismatischsten Figuren des spanischen Anarachismus’ war Buenaventura Durruti. Dieses Buch handelt von dessen Werdegang vom Mechaniker zu einer der Anführer der FAI. Dabei ist es keine Biografie im eigentlich Sinne, sondern eine Art Dokuroman. Ezensberger reiht Ausschnitte aus Interviews, Essays und Memoiren aneinander, bis sich aus dieser Vielzahl der Stimmen ein Bild ergibt. Manchmal unterbrechen Glossen diesen Fluss, um bestimmte Aspekte näher zu beleuchten oder zu interpretieren. Ansonsten ist der Autor nur zuständig für Auswahl und Überlieferung.

Durch diese verschiedenen Quellen erhalten wir ein rundes Bild von Durrutis Leben. Zwar ist Enzensberger eindeutig pro Durruti, aber insbesondere zum Ende hin lässt er auch die kritischen Stimmen zu Wort kommen, die von der anarchistischen Gewalt erzählen und von der schleichenden Korrumpierung durch Politik und Posten.

Was diese gescheiterte Revolution für ihre Unterstützer noch heute bedeutet, erfährt man ganz zum Schluss. Im Exil leben immer noch einige der Kämpfer von damals und haben große Schwierigkeiten, die revolutionären Strömungen der 1970er (dem Erscheinungszeitpunkt dieses Buches) zu verstehen. Ihnen ist unbegreiflich, dass es Menschen gibt, denen Kultur ein Ausdruck der Dekadenz ist. Sie selbst haben um ihre eigene Alphabetisierung gekämpft. Dass sie freien Zugang zu Büchern haben, Theaterstücke besuchen und Filme sehen können, empfinden sie als einen großen Schritt nach vorne.

Und noch heute geben sie die Hoffnung nicht auf, eines Tages die Revolution fortzuführen. Ihre Revolution.