Monat: Juli 2005

Lesung

Am Sonntag, den 31.07.2004 lese ich im Rahmen der Raumwandler-Literaturlesung in München. Bei guten Wetter findet sie um 19:00 in den Maximiliansanlagen statt, ansonsten eine Stunde später in der Blumenstrasse 28 (4.Stock - Raum 400). Näheres dazu auf der Raumwandler-Seite.

Nachtrag: Weil die Wolken da oben nicht weggehen und es dann doch ziemlich frisch ist, findet die Lesung jetzt in der Blumenstraße statt.

Wolfgang Koeppen: Das Treibhaus

Sicher kein schlechtes Buch, aber ich habe es nach 100 Seiten wieder ins Regal zurück gestellt. Wer sich für die Innenwelt eines idealistischen Bundestagsabgeordneten zur Zeit der Wiederbewaffnung interessiert und zudem noch Andeutungen auf Zeitgenossen und -geschichte entschlüsseln kann, sollte zugreifen. Ich hatte das Problem, dass ich mich durchaus für den Rahmen, aber nicht für die Hauptfigur interessierte. Und das war fatal, denn das Buch ist weniger eine Gesellschafts- als eine Charakterstudie und als solche ein einziger langer innerer Monolog.

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Mir scheint, der Konsens heutzutage ist: Die Bild-Zeitung ist zwar in Ärgernis, aber längst keine Gefahr mehr. Die Zeit sagt, außer während der Porno-Diva-Kampagne gegen Sibel Kekilli habe sie sich in den letzten Jahren keine ethischen Flops mehr geleistet.

Das war früher anders, insbesondere in den Jahren 1968ff.

Bölls Erzählung ist eine Stellungnahme zu den Methoden der Springer-Presse während der Studentenrevolten und den Machenschaften der Baader-Meinhof-Gruppe. Sie ist also eine Art Zeitdokument, und genau das ist aus heutiger Sicht das Problem.

Böll schreibt im Berichtstil (Passivkonstruktionen en masse, “Man tut” statt “Sie tun”), nimmt das Ende schon am Anfang vorweg und belegt alles mit einer dicken Schicht Ironie oder was er dafür hält. Denn anstatt die Geschichte für sich allein stehen zu lassen, scheint er dem Leser nicht zu trauen und fühlt sich gezwungen, mehr oder weniger versteckt zu kommentieren. Überhaupt ist es extrem anstregend, dass Böll — ebenso wie sein Generationskollege Grass — jede Spannung im herkömmlichen Sinn zu vermeiden versucht. Es soll eben ein moralisches Dokument sein und keine Unterhaltung.

Man kann allerdings auch etwas Positives darin sehen: Wenn wir solche Bücher heute als antiquiert und fast schon unfreiwillig komisch empfinden, haben sie ihr Ziel erreicht. Offensichtliches langweilt, und Bölls Kritik ist offensichtlich, und das ist nicht zuletzt auch sein Verdienst. Er hat seinen eigenen Roman quasi selbst überflüssig gemacht — zumindest in dieser Form.

Hexagon Sun, Edinburgh, Scotland

The new album by Boards of Canada will be released in October 2005.

Friedrich Ani: Süden und das Lächeln des Windes

Friedrich Ani hat ein Vorbild: George Simenon. Simenon hat seine Bücher innerhalb von zwei, drei Wochen runtergeschrieben, noch exakt einmal durchgelesen — “um alles Literarische rauszustreichen” — und dann in den Druck gehen lassen. Ani sagt über sich, dass ihm das Schreiben da schwerer falle, doch das ist kaum zu glauben angesichts seines Outputs.

Nennt man die Romane um den Kommissar Tabor Süden “Volksdramen”, so kommt das der Wahrheit recht nahe. Die Menschen leben eher im Hasenbergl als in Bogenhausen, trinken eher Augustiner als Moët & Chandon. Die Romane sind da am stärksten, wo diese Menschen für sich selbst sprechen und fallen nur dort ab, wo Ani versucht, die Figuren reflektieren zu lassen. Simenon hätte diese Passagen wahrscheinlich rausgestrichen: “Zu literarisch.”

Dieses Buch handelt von zwei Kindern — Junge und Mädchen — die verschwunden sind. Der Vater des Jungen ist nicht wirklich sein Vater und möchte lieber heute als morgen von der Mutter forziehen. Der Vater des Mädchens arbeitet in der JVA Stadelheim und hat sich an der Betriebskasse bedient. Soweit klingt es wie Sozialkitsch, aber Anis Stärke liegt darin, das Spannende in solchen Schicksalen zu finden. Er hat einmal wieder ein sehr lesenswertes Buch vorgelegt — so lesenswert wie alle aus dieser Reihe.

Murakami und Böll hintereinander: Wie direkt aus dem Club zum Sonntagsbratenessen bei den Eltern.

Ein, zwei, drei

1) Blogs werden Zeitungen schon deshalb nicht ersetzen können, weil sie dann nichts mehr hätten, aus dem sie zitieren könnten.

2) Ich weiß ja nicht, aber ich habe da ein komisches Gefühl bei Blogs, die den Tod des Journalismus’ ante Portas sehen und bei denen jeder zweiter Eintrag genau um dieses Thema kreist und nicht etwa um Selbsterdachtes, das den Journalismus wirklichen töten könnte (wenn das denn jemand wollte).

3) Ich muss noch das Blog finden, dass sich angesichts der Anschläge von London, Madrid etc. nicht hauptsächlich mit den Schilys und Becksteins auseinandersetzt, sondern — ja, warum eigentlich nicht — mit den Opfern.

Das sagt sich so leicht: “Dann musst du dich engagieren.” Alles ist schon mal da gewesen und gescheitert. Träge ist man sowieso, will nur in Ruhe gelassen werden. Das ist keine Politkverdrossenheit, sondern Politikekel. Man liest mit demselben Gefühl die Zeitung wie man mit dreizehn Horrorfilme sah: Es gefällt einem nicht, es widert einem an, aber doch muss man da durch. Man nimmt ja gern für sich in Anspruch, dass man Bescheid weiß, aber was nützt einem das, wenn man auch keine Alternative weiß. “Das Wort hat jetzt der Souverän, das Volk.” Man will ja nicht alles mit Ironie kontern, aber lachen muss man da schon. Man geht zur Wahl wie man früher in den Krieg zog: Aus Bürgerpflicht.

[Und man versteckt sich hinter dem Wort "man", weil man das Gefühl hat: So bist du weniger allein.]

Besonders zu beobachten bei Fernsehfilmen, dem Tatort usw.: Die Stadtperspektive. Als gäbe es gar kein Leben außerhalb von Metropolen, allenfalls Skurrilitäten. Kommen die Drehbuchautoren nie aus ihrem Dreieck Wohnung-Kaffeehaus-Kneipe heraus? Ist keiner von ihnen in Orten unter 100.000 Einwohnerns aufgewachsen? Kann ihnen mal jemand erklären, dass das Land nicht nur Fluchtort, Idylle oder Sammelbecken für Aussteiger ist?

Brüssel - München

Vielleicht ist sie aus Südamerika, vielleicht aus Kuba. Sie trägt einen kurzen Rock, schwarze Strümpfe, schenkelhohe Stiefel, ein schwarzes, enges Top. Sie sitzt am Fenster, er am Gang. Er trägt ein weißes Hemd, eine graue Anzughose, sein Jacket liegt im Gepäckfach. Während sie auf der Toilette ist, bestellt er für sie beide je eine kleine Flasche Rotwein. Wenn sie sich unterhalten, gestikuliert sie mit den Händen, seine Hände liegen auf seinen Knien. Später setzt er sich auf den Mittelplatz, direkt neben sie. Jetzt liegen seine Hände auf der Armlehne.

Beim Aussteigen zeigt er ihr das Bild in seinem Ausweis. Sie lacht. Auf dem Weg zur Gepäckausgabe nimmt er die Treppe, sie ruft ihm zu “Tschüss! Ciao”, wirft ihm eine Kusshand hinterher — und nimmt die Rolltreppe auf der anderen Seite.

Unten wartet auf er auf sie. Sie lacht. Die Kabine an der Passkontrolle ist nicht besetzt. Er sagt: “That’s Schengen.”

Vor dem Gepäckband bleiben sie stehen. Sie fragt: “We get our baggage here?”

Was ist eigentlich Anarchie?

Dieses Büchlein bietet einen ganz guten Einstieg in den Anarchismus, wenn es einem nicht stört, dass es extrem voreingenommen ist. Andere linke Ideologien, vor allem der Kommunismus, kommen darin gar nicht gut weg, und die Schuld für das Scheitern von anarchistischen Revolutionen wird immer den anderen zugeschoben. Lässt man dies einmal beiseite, so erklärt es die Ziele und die Geschichte des Anarchismus’ recht gut — etwas unstrukturiert manchmal, aber gut verständlich. Für einen ersten Überblick reicht das allemal und räumt so einige Vorurteile aus — bis auf eines: Dass linke Aktivisten sich überaus gerne mit anderen linken Aktivisten streiten und sich irgendwann in Theoriediskussionen verlieren, denen nur Eingeweihte nur noch etwas abgewinnen können. (Siehe auch Your Politics Are Boring As Fuck.)

The New Puritans

Eine literatische Bewegung mit folgendem Manifest:

1. Primarily story-tellers, we are dedicated to the narrative form.
2. We are prose writers and recognise that prose is the dominant form of expression. For this reason we shun poetry and poetic licence in all its forms.
3. While acknowledging the value of genre fiction, whether classical or modern, we will always move towards new openings, rupturing existing genre expectations.
4. We believe in textual simplicity and vow to avoid all devices of voice: rhetoric, authorial asides.
5. In the name of clarity, we recognise the importance of temporal linearity and eschew flashbacks, dual temporal narratives and foreshadowing.
6. We believe in grammatical purity and avoid any elaborate punctuation.
7. We recognise that published works are also historical documents. As fragments of our time, all our texts are dated and set in the present day. All products, places, artists and objects named are real.
8. As faithful representations of the present, our texts will avoid all improbable or unknowable speculation about the past or the future.
9. We are moralists, so all texts feature a recognisable ethical reality.
10. Nevertheless, our aim is integrity of expression, above and beoynd any commitment to form

Sie sind inspiriert von Dogma 95, haben aber nicht ansatzweise soviel Wirbel erzeugt. Gibt es sie als Gruppe noch? Ich weiß es nicht. Die einzige Spur, die ich finden kann, ist die Anthologie All Hail the New Puritans von 2001. Der Titel spricht für eine ironische Auffassung ihres Deutungshoheitsanspruchs, und das ist gut, denn ein Manifest sollte man biegen können. Die Herausgeber sagen selbst:

They admit that out of the 10 points only six embrace the ‘puritan’ code of writing [...] The other four were put in “to make things difficult”. [...] What’s more important is the spirit behind it.

Dasselbe gilt auch für Dogma 95, denn gleich zu Anfang brachen Thomas Vinterberg und Lars von Trier ihre eigenen Regeln.

Anders als Manifeste für Filme scheinen Manifeste für Literatur keinen Welten mehr zu bewegen. Vielleicht ist das der Grund, dass die “New Puritans” keine Bedeutung erlangt haben (vielleicht liegt es aber auch an dem dämlichen Namen).

Ich persönlich stimme Rebecca Ray zu:

[She] described the manifesto as “a test to write to a specific set of rules”.

Zu solchen Regeln könnte es Spaß machen zu schreiben.

München - Brüssel - München

556 €. Davon habe ich als Student zwei Monate lang gelebt.

Ian Rankin: Fleshmarket Close

Ian Rankin ist ein Phänomen. Wie er es schafft, jedes Jahr ein neues Buch seiner Serie um Inspektor Rebus zu veröffentlichen, ohne dass jemals die Qualität darunter leidet, ist mir ein Rätsel. Auch diese Folge ist wieder ganz hervorragend: Ein kurdischer Abschiebekandidat wird in einer Plattenbausiedlung erstochen, und es liegt nahe, dahinter Rassenhass zu vermuten. Gleichzeitig findet ein Bauarbeiter zwei Skelette im Keller eines Pubs. John Rebus und seine Partnerin Siobhan Clarke beginnen zu ermitteln.

Rankin gelingt es, einen komplexen Plot zu weben, bei dem am Ende alles ineinander greift, ohne dass es jemals konstruiert wirkt. Dabei ist sehr angenehm, dass er das Geschehen nicht ausufern lässt: Keine Serienmörder, keine Weltverschwörungen. Abzüglich einiger dramatischer Zugeständnisse ist alles auch in der Wirklichkeit denkbar. Und das liegt nicht zuletzt an den Charakteren, mit denen bekanntlich jeder Roman steht und fällt.

Krakau

Krakau

Da ist diese Firma, in der ich einmal gearbeitet habe, und in dieser Firma gab es jemanden, dem ich sagte, ich hätte Rot-Grün gewählt, und dieser Jemand sagte: “Dann bist auch du schuld daran, wenn Polen uns bald in der Wirtschaftskraft überholt.” Wäre diese ganze “Vorfahrt Arbeit”-Geschichte nicht sowieso schon eklig genug und wäre ich schlagfertiger gewesen, hätte ich antworten müssen: “Mit Recht!”

Krakau liegt in Polen und Krakau ist ganz wunderbar. Einmal schon waren wir dort zu Silvester, doch seinen größten Charme entfaltet es natürlich im Sommer. Das Leben drängt sich in der kleinen Altstadt und in ein paar kleinen angrenzenden Vierteln. Und was für ein Leben! Noch morgens um halb fünf waren die Straßen voll schöner Menschen, nicht maximianstraßenschön, sondern glücklich schön. Viele schienen verliebt zu sein, mindestens jedoch auf der Suche nach Liebe. So weit im Osten geht die Sonne früher auf als hier.

Die Nacht kann man draußen verbringen, mit Blick auf die Tuchhallen, oder in einer der Bars in den Kellergewölben. Tagsüber kann man durch die Gassen und Straßen umherlaufen oder das beste italienische Essen außerhalb Italiens essen. In der Altstadt und darüber hinaus ist kein Weg zu weit zu Fuß.

Wir wohnten über einem Tattoo-Shop. Vor der Klientel, die dort auf der Treppe hockte, hätte ich in Deutschland Angst: Muskelbepackte Männer mir kurzgeschorenen Haaren, bauchfreie Frauen, die hierzulande Gründe für Revierkämpfe gegeben hätten. Doch sobald wir uns auch nur näherten, sprangen alle sofort auf, um uns Platz zu machen, und nickten uns freundlich zu. So war es überall: Nirgends ein unfreundliches Wort.

Dass es billig ist, mag man schon nicht sagen, denn diese Stadt wäre ein vielfaches ihres Preises wert.