Monat: Juni 2005

Schtimm

Sehr schönes Konzert im Prager Frühling. Sicher waren sie enttäuscht, dass noch nicht einmal vierzig Leute gekommen waren, aber sie ließen es sich nicht anmerken. Auf der Bühne standen drei schwarz gekleidete Herren (zwei davon mit Sternen auf Schulterklappen) und eine junge Dame in Rot mit chinesisch anmutenden Schriftzeichen auf ihrem Oberteil. Nicht nur farblich war sie der Mittelpunkt, sondern auch s(ch)timmlich. Ihr männlicher Gesangspartner fiel degen ein bisschen ab, und sowas kann einem auch großartige Songs ein bisschen verleiden. Überhaupt die Songs — dem Geoklischee entsprechend liegt das den Norwegern ja im Blut, vor allem diese leicht angeschrägte Folk-Country-Pop-Mischung, wie man sie auch von ihren Landleuten Ai Phoenix kennt. Sehr schöner Abend, sehr schöne Musik. Unaufgeregt, unironisch, entzückend.

Marguerite Yourcenar: Der Fangschuss

Schönes Büchlein über den Zusammenhang zwischen Liebe und Eitelkeit. Der preußische Offizier Erich von Lhomond kehrt nach dem ersten Weltkrieg in das Baltikum zurück, mitten hinein in den Bürgerkrieg und die Russische Revolution. Er trifft einen alten Jugendfreund wieder, Konrad, der mit seiner Schwester Sophie und einem Haufen gestrandeter Soldaten in einem verfallen Schloss lebt. Sophie verliebt sich in Erich, doch der kann oder will die Liebe nicht erwidern, ist aber auch zu eitel, um Sophies Avancen an sich vorüber gehen zu lassen. Er spielt mit ihr, was für beide fatale Folgen hat: Für sie, weil sie sich aus Trotz in Abenteuer stürzt, und für ihn, weil sein Spiel in ihm Gefühle weckt, die er nicht wahrhaben will. Das Ganze ist unpathetisch erzählt, wenn auch manchmal zu aphorismen- und metapherngeschwängert. Und leider konnte die Autorin das Buch nicht für sich stehen lassen, sondern musste noch eine Deutungshilfe in Form eines Nachworts nachschieben. (Für die literaturtheoretische und kunstgeschichtliche Deutung dieses Buchs siehe auch die Rezension der SZ).

Auch so eine Sache: Sich zur eigenen Trägheit bekennen.

Savoy Grand: The Lost Horizon

Wunderbare, weltabgewandte Lieder. Aufgenommen in einem Schlafzimmer in Nottingham. Solch schöne Melodien kann die Stille haben. Wer bei dieser Musik noch tuschelt, hat kein Herz.

Maj Sjöwall & Per Wahlöö: Die Tote im Götakanal

Wie klingt das denn, wenn man schreibt, dass man dieses Buch gelesen hat, weil man sich mit Magenproblemen auf nichts Komplizierteres einlassen wollte? Dabei ist es ein Lob, wenn sich ein Buch einfach liest, bei Krimis erst recht. Und bei Sjöwall/Wahlöö kann man nichts falsch machen, nicht umsonst sind sie die geistigen Eltern des Schwedenkrimibooms. Dabei können Mankell & Co. im direkten Vergleich einpacken. Dieses Buch von 1965 ist das erste in der Serie um Kommissar Martin Beck, die zehn Bände später mit dem Tod Wahlöös ein viel zu frühes Ende nahm. Wie auch bei den Heerscharen von Epigonen ist auch Sjöwall/Wahlöös Ermittler ein Einzelgänger mit Eheproblemen, und ist die Welt, in der die Romane spielen, alles andere als perfekt. Doch hier wird nicht angeklagt, hier finden keine Verschwörungen statt, hier nervt kein Kommissar den Leser mit Selbstmitleid. Eine Frau wird tot mit Götakanal gefunden, und wir beobachten die Polizei dabei, wie sie Schritt für Schritt versucht, den Mord aufzuklären. Weniges ist spektakulär, vieles Fleiß, noch nicht einmal die viel gespriesene Intuition des Kommissars kommt allzu oft ins Spiel. So könnte es auch in Wirklichkeit sein. Die Charaktere sind plausibel, aber nicht aufdringlich, nur manchmal bleibt das Autorenduo ein wenig zu distanziert, ein Manko, das sie in späteren Romanen beheben. Spannendes Buch, nicht nur bei Magenproblemen.

Tag der offenen Tür der bayerischen Staatskanzlei

Der Mann mit dem Zwirbelbart in der Schlange vor dem Eingang: Eine Internetseite habe er, “Wirtschaftswunder Dienstleistungen”, hier seien seine Unterlagen, der braune Koffer immer dabei. Und damals sei er angetreten, zur Bundestagswahl 2002, 250 Unterstützungsunterschriften habe er gebraucht und dann sei er angetreten, in dem Wahlkreis im Ostallgäu, als parteiloser Kandidat, ja, ja, das ginge. Über 900 Stimmen habe er bekommen, 200 mehr als die Bayernpartei! Und auch habe er einen Plan — Wirtschaftswunder Dienstleistungen, man habe ja gerade seine Unterlagen gekriegt — er habe einen Plan, wie das gehen kann: Die Baubranche ein Jahr Vollbeschäftigung. Wiederholbar!

Friedrich Ani: Süden und das Gelöbnis des gefallenen Engels

Aus der auf zehn Teile begrenzten “Süden und…”-Reihe mit dem Kommissar Tabor Süden in der Hauptrolle. Wie immer eine schöne Mileustudie aus dem München jenseits der Maximilianstraße, abseits von “Laptop und Lederhosen”. Ein Schuster ist verschwunden, vermeindlich unvermittelt, wie soviele, die sich plötzlich entscheiden abzuhauen. Und obwohl seine Frau die Polizei geholt hat, gibt sie kaum Antwort auf Fragen. Süden ermittelt im Viertel, im “Stüberl” und in einer Pension in Neuperlach. Er ist dabei lakonisch, aber auch melancholisch, verloren im Leben, allerdings ohne so entnervend weinerlich zu sein wie ein Wallander. Wie alle Romane aus dieser Reihe lebt auch dieser von der Tragik des ganz normalen Lebens, von der Erkenntnis über die zersetzende Kraft der Routine.

Nick Hornby: A Long Way Down

Typischer “später” Nick Hornby. Etwas vertrackter als High Fidelity oder About a Boy, im gewissen Sinne sogar ernster. Es geht um vier Selbstmordkandidaten, die einander über den Weg laufen, als sie sich alle zu Silvester vom selben Hochhaus in London stürzen wollen: Die Mittfünfzigerin mit dem behinderten Kind; der Ex-Frühstücksfernsehenmoderator, der wegen einer Affäre mit einer Fünfzehnjährigen seine Karriere vermurkst hat; die ausgeflippte Tochter eines Ministers und der Ami, dessen Laufbahn als Rockmusiker vorbei ist, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat (dabei, hey, hat der REM-Manager ihnen mal ein Angebot gemacht!). Wir folgen den vieren, wie sie sich gegenseitig beschimpfen, aber sich trotzdem immer wieder irgendwie gegenseitig davon abhalten, doch noch vom Dach zu springen. Jeder versucht, auf seine Weise sein Leben wieder auf die Reihe zu bringen — mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Das Buch ist aus wechselnder Ich-Perspektive geschrieben, meistens gelungen, nur manchmal fällt es einem schwer, die Stimmen auseinander zu halten. Es ist solide Nick-Hornby-Kost, besser als About a Boy, aber natürlich nicht so gut wie High Fidelity. Wie schon bei How To Be Good gibt es kein alles erschlagendes Happy End, aber zumindest die Hoffnung ist zum Schluss wiederhergestellt.

Your Politics Are Boring As Fuck

Harald Schmidt soll einmal gesagt haben, er habe dem Zynismus abgeschworen, weil einem der Zynismus so viele Türen verschließt. Wer sich nicht mehr begeistern kann, lernt nichts Neues mehr kennen. Er hat sich selbst nicht daran gehalten, aber er hat recht. Diese Sendung von Elke Heidenreich zum Beispiel. Natürllich könnte man ironisch lächeln über diese Missionierungswut, aber kann man nicht auch einfach die Liebe zum Lesen anerkennen? Ich lasse mir lieber etwas von einem Fan bejubeln, als mir wieder einmal erklären zu lassen, warum ich etwas nicht gut finden darf, auch wenn natürlich gleich wieder jeder hinter ihrer Attitüde Kalkül vermutet, nach dem Motto: “Wieviel kriegt sie dafür?”

Nationalhymnen sind an sich ja schon schrecklich genug, aber sie dann auch noch acapella singen zu lassen, überdies von Sarah Connor, ist wirklich unerträglich.

(Obwohl: Das befreit uns davon, uns ansehen zu müssen, wie die Spieler versuchen, zu “Einigkeit und Recht und Freiheit” den Mund zu bewegen.)