Monat: November 2004

Wenn ich so oft abgeschleppt worden wäre wie mein Auto, hätte ich mich niemals über mein Sexualleben beklagen können. Aber wäre die Begründung, mich abzuschleppen, ebenso fadenscheidig gewesen, wie die, mein Auto abzuschleppen?
(Und ist es eigentlich noch eine Extraschikane, dass die KFZ-Verwahrstelle (so ein schönes deutsches Wort, klingt nach “Verwahranstalt für Parkunfähige”) auf gar keinen Fall einfach mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist?)

Das Volk hat entschieden

Frauenkirche München
In München darf kein Hochaus höher sein als die Frauenkirche. Aber was passiert, wenn die Frauenkirche einstürzt? Muss dann das gesamte Stadtgebiet gesprengt werden? Oder wenn sich eine Erdfalte auftut und die Frauenkirche nach oben hebt? Oder wenn ich einen Legohochbaurekordversuch aufstellen will? Und außerdem: Die Frauenkirche selbst stört meinen Blick auf die Alpen. Kann sie bitte jemand planieren?
Das Schöne daran: Man kann sich so herrlich darin suhlen, wie blöd die Leute doch sind — bis man nächstes Mal selbst zur Mehrheit gehört.

Bier, Gin Tonic, Tequila Sunrise, Nachos, böse Kombination. Man reiche mir das ASS plus C.

Warum “wir” keine Parallelgesellschaften wollen, warum Deutschkenntnisse Pflicht sein müssen, warum also in Parallelgesellschaften lebende Ausländer ohne Deutschkenntnisse automatisch Terroristen werden, konnte mir auch noch niemand so richtig erklären.

Nick Drake. Unfassbar.

The Motorcycle Diaries

Großartiger Film, auch für solche, denen diese ganze Che Guevarra-Verehrung auf die Nerven geht, wie mir. (P.S.: Dieses einzige Foto, das die meisten von ihm kennen, ist von Alberto Gutierrez. Wusste ich noch nicht. So.)

Astrid Paprotta

Äußerst angetan von Frau Paprottas Blog (das gerade Pause macht) und aufgrund einer Empfehlung von Anke (die auch gerade Pause macht die gerade aus der Pause zurück ist) habe ich Die ungeschminkte Wahrheit gelesen. Eine gewisse Art von Krimis mag ich gerne, Ian Rankin zum Beispiel oder Patricia Highsmith. Ich ziehe es vor, wenn das Verbrechen nur der Anlass ist, tief in den Abartigkeiten ganz normaler Leute herumzustochern, und am entnervensten finde ich den Überfluss von Serienkillern und Systemkritikern.
Frau Paprotta führt auf ihrer Homepage eine Verbotsliste an:

Moral. Botschaften. Leser platt und plump auf Moral und Botschaften hinweisen. Leser plump und platt darauf hinweisen, dass man hinweist. Autoren und -innen, die ihre Haltung auf jeder Seite – ehm, kommunizieren, statt das Nötige den Figuren zu überlassen.

Leider hält sie sich selbst nicht daran. Es geht um einen Serienkiller. Und um Obdachlose. Im ganz großen Stil. Mit allem, was damit verbunden ist, inklusive Gesellschafts- und Medienverachtung. Die beste Voraussetzung für mich, das Buch in die Ecke zu werfen.
Aber es ist großartig.
Ich freute mich jeden Abend, ins Bett zu kriechen, meine Kopfhörer überzustülpen und dieses Buch zu lesen. Und seit langem war ich mal wieder traurig, auf der letzten Seite angelangt zu sein und mich von den Charakteren verabschieden zu müssen. Frau Paprottas Schreibstil, der zu Anfang holpert und machmal so unbeholfen wirkt, entfaltet einen solchen Sog, dass man nicht anders kann, als ganz eng an den Personen zu kleben und ihnen alles abzunehmen. Wunderbar.
Auch wenn ich mir wünsche, dass das nächste Mal ein einzelner Mord ausreicht.

Gespräch mit dem neuen Kollegen, gerade aus Hamburg zugezogen:
Er: “Woher kommst du genau?”
Ich: “Aus Husum.”
Er: “Ah, dann kennst du ja auch den Dornbusch. Hab schon viel davon gehört.”
Sofort überrannte mich diese Nostalgiewelle und Verwundern darüber, dass man den Indiemusiktempel meiner Jugend auch außerhalb von Nordfriesland kennt: Ein altes Bauernhaus, zur Disco umfunktioniert, ein DJ, der wirklich gespielt hat, was ihm gefiel, nächtlliche Razzien der Polizei auf der Suche nach Minderjährigen, Tränengasangriffe, schonmal auf dem Parkplatz warmtrinken und später in die Büsche kotzen, weil es dann doch zuviel war, die Indiekönigin anschmachten, weil unerreichbar (und vor ein paar Jahren wiedergesehen, fett geworden, fast so fett wir ihr Typ mit Bürstenhaaren), draußen vorm Würstchenstand rumknutschen, kurz vor Schluss Arm in Arm mit den Kumpels tanzen, im Morgengrauen die Strecke mit dem Fahrrad nach Hause fahren.
Den Dorn haben sie jetzt abgerissen und ein Miteshaus hingestellt. Schade, denn man konnte dort vieles lernen, vor allem eines: Toleranz. Denn in der Provinz müssen alle zusammenhalten, die sich irgendwie alternativ vorkommen. Ich habe später nie wieder hintereinander Doors, Front 242 und Dead Can Dance gehört.

Arvo Pärt
Etwas haben Tom Tykwer und Michael Moore gemeinsam.

Manchmal überfällt mich der Wunsch, all das schon hinter mich gebracht zu haben, was man im Leben so erreichen muss, dort zu stehen, wo man eben mit Ende 50, Anfang 60 steht, wenn man sich endlich auf das Wesentliche konzentrieren muss, weil einem keine Zeit mehr bleibt. Vielleicht wie der Ex-NVA-Offizier, der seinen Truppenübungsplatz zum Naturschutzgebiet gemacht hat oder der Hobbyarchivar in der Provinz, der beredt darüber Auskunft gibt, wie die Architektur dieses oder jenen Guts sogar die hohen Herren in Berlin inspiriert hat, der Pensionär, der dafür kämpft, dass auch in der Stadt die Spuren des KZ Dachau sichtbar bleiben. Und, nein, ich denke nicht, dass man dies schon dreißig Jahre vorher haben kann, denn ohne Erfahrung, ohne genug von der Welt gesehen zu haben, ohne ein paar hoffnungslosen Irrtümern ist man gar nicht in der Lage zu dieser Art von Konzentration.

Dachau

Am Schloss

Schlagzeile heute morgen in der Münchner Abendzeitung: “Kanzler kürzt Oktoberfest”. Fast ein Stabreim.

Die Wahlkommentierung erinnert mich manchmal an den Streber in der ersten Reihe. Sollen die Deutschen doch erst einmal zeigen, dass ihre Demokratie auch 200 Jahre hält, ohne von außen gehätschelt und getätschelt zu werden.

Christopher Isherwood

Mr. Norris Changes Trains und Goodbye To Berlin: Großartige Bücher. Böte man mir eine Zeitreise mit Zurückkehrgarantie an, würde ich tatsächlich nach Deutschland reisen: In die zwanziger Jahre. Nicht um mich vom aufkeimenden Nationalsozialismus gruseln zu lassen, sondern um zu erleben, wie man um den richtigen Weg ringt. Liest man Isherwoods Bücher, so spürt man, wie damals alles im Fluss war, wie experimentiert, gezweifelt und, ja, gelebt wurde. In der ersten Person erzählt, erfährt man kaum etwas über den Protagonisten, sondern benutzt ihn als Kamera. Isherwood porträtiert die Deutschen, wie er sie gesehen hat: Lebemenschen, Kommunisten, Arbeiter, Betrüger, Trunkenbolde, Nazis oder alles zusammen. Er ist ein Expatriate, ein Ausländer, der nie die Absicht hatte, für immer zu bleiben, sondern nur gekommen ist, um zu erleben. Die Bedrohung kommt schleichend und zuerst ungläubig beäugt. Ständige Neuwahlen quittiert man mit einem Achselzucken, aber schließlich wird es ernst. Auf einer Party im November 1932 wartet eine Gruppe Juden auf das Ergebnis der Wahl und kommentiert ihr Ergebnis: “Für diesmal noch davongekommen.”
Mr Norris Changes Trains ist ein echter Roman und äußerst amüsant. Goodbye To Berlin ist eine Ansammlung loser Erzählungen, manche davon skurril-unbeschwert, wie die Geschichte von Sally Boweles, die Schauspielerin werden möchte, aber eher mit jedem schläft, als zu Rollen vorzusprechen (übrigens die Vorlage zum Musical Cabaret), andere Geschichten dunkler, wie die des jüdischen Geschäftmannes, der sich die Welt mit einer Mischung aus Höflichkeit und Zynismus vom Leib hält, aber gegen die Nazis damit nicht ausrichten kann.
Wie gesagt, großartig.

Ein Buch wie Handkes Die Angst des Tormanns beim Elfmeter ist nichts für mich. Sicher, hier türmen sich zig Metaebenen, bin ich anschaulich durchs Hirn eines Schizophrenen geirrt und könnte ich jeden einzelnen Satz in seine Partikel zerlegen, um das Sprachgenie noch extra zu beweisen. Aber wozu? Ein Werk kann brillant sein und mich trotzdem nicht berühren. Vielleicht kommt das später, beim nächsten Buch oder zweiten Lesen, aber fragt sich nur, ob es dazu kommt.
(Wobei Handke als Typ wahrscheinlich hochsympathisch ist, sagte er doch in seiner Rede zur Verleihung seiner Ehrendoktorwürde: “Das ist das letzte Mal, dass ich mein Idiotentum öffentlich zeige.”)