Karstadt bedeutete mir etwas. Kein Großstadtkind kann mich verstehen. Doch bei uns in der Provinz hatte man als Musiksüchtiger Beschaffungsprobleme. Amazon gab es noch nicht, dafür führte Karstadts Plattenabteilung ein ganzes Regal mit Independent/Wave, betreut von zwei Verkäufern, einem Mann und einer Frau, beide gleichermaßen inkompetent in Bezug auf alles jenseits von Jennifer Rush. Wenn man dort etwas (wie so oft) nicht finden konnte, bestellte man die Platte oder später die CD bei ihnen und musste &mdash heute unvorstellbare — sechs Wochen warten. Dafür riefen sie dich auch zu Hause an, um dir Bescheid zu sagen, wenn die Ware eingetroffen war. Nicht, dass man nicht in der zwischenzeit schon zehnmal da gewesen wäre und nachgefragt hätte.
Einmal wagte es, ein anderer Plattenladen neben dem Giganten aufzumachen. Es war eine Zweigstelle von Cadillac und wurde von zwei unfassbar coolen, immer schwarz und lumpig gekleideten Typen geführt. Die hatten sogar Fields of the Nephilim oder Nitzer Ebb immer auf Lager. Leider liehen sie jedem der Stammgäste Platten aus — “um mal reinzuhören” —, so dass sich ihr halber Bestand schließlich auf Chromdioxyd wiederfand. Meine erste Berührung mit Copy Kills Music. Aber wer waren sie auch, gegen Karstadt bestehen zu wollen.
Später gab es für uns Indies immerhin Malibu, sozuagen ein Otto-Versand samt Katalog für Sisters of Mercy- und The Jesus And Mary Chain-Fans. (Was ist aus ihnen geworden? Google gibt keine Antwort.) Ihre Pakete begleiteten mich, bis ich schließlich nach Flensburg zog, um zu studieren, dort zwar kein Karstadt fand, aber mindestens drei Plattenläden und die Hauptdependence von Cadillac.
Das letzte Mal, das ich in Husum war, zählte ich zwei Plattenläden mehr. Einen annehmbaren in der Innenstadt, zwei Minuten zu Fuß von Karstadt entfernt. Und ein Media Markt-Imitat in der Gewerbehölle am Stadtrand. Karstadts Plattenabteilung führt jetzt auch DVDs und Videospiele, dafür kein Regal mehr mit Independent/Wave. Die beiden Verkäufer sind noch da, sie mit grauen Haaren, er mit veritablem Bauch, beide vermutlich nicht kompetenter. In der Sockenabteilung würden sie nicht weniger, aber auch nicht mehr Einsatz zeigen. Bald müssen sie wohl gehen.
Jürgen Albertsen
…erzählte früher mal hier.
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