Nick Cave ist sexy. Die Frauen mögen mir zustimmen, die Männer mich belächeln, weil ein so dünner Mann nicht sexy sein kann. Aber es ist wahr, und endlich wird es klar.
Sein neuestes Album kommt in zwei Scheiben mit zwei Titeln daher. Und die erste von ihnen, Abattoir Blues, macht gleich klar, dass keine Gefangenen gemacht werden. Blixa Bargeld ist weg? Egal. Als Ersatz holen wir gleich einen ganzen Gospelchor, sowieso die logische Wahl für einen so religiösen Mann wie Cave. Die Verzerrer auf Anschlag, die Orgel spielen wir nur mit Faustschlägen. Wir stürmen nach vorne wie Brasilien bei der Weltmeisterschaft.
Cave hat seinen Erker von No More Shall We Part verlassen, irrt nicht mehr durch die Flure wie auf Nocturama, sondern rennt durch die — regnerische — Nacht und packt jeden, der es nicht fühlen kann, am Kragen. Er ist in seinem Universum geblieben, hat aber mächtig angebaut.
Auf The Lyre of Orpheus haut Cave zwar die Bremse rein, aber es knirscht dennoch immer noch mächtig im Gebälk der dunklen Bar im Souterrain. Wenig ist noch zu spüren vom Chanson vergangener Tage, der Blues ist dreckig, der Folk lärmt, und selbst ins leisen Momenten ist Cave kurz davor, auf den bierklebrigen Tisch zu hauen.
Cave war immer einer der selbstunmitleidigsten Melancholiker around. Jetzt packt ihn so etwas wie Euphorie, die, wie jede große Euphorie, getrieben ist von Schmerz — und sexy macht.
Jürgen Albertsen
Monat: September 2004
Nick Cave & The Bad Seeds: “Abattoir Blues / The Lyre of Orpheus”
Der Untergang
Eigentlich ist das ein Kinobesuch wie jeder andere. Nach einer halben Stunde Werbung sowieso. Oder: Vielleicht sogar weniger als das. Vor sich hat man einen Film, der sich nicht so recht entscheiden kann, ob er Satire ist oder Fernsehdokumentation. Hitler befindet sich schon lang in der Markenfalle, und auch Bruno Ganz zelebriert des Führers sattsam bekannte Kehlkopflaute. Wannimmer er auf der Leinwand schimpft, erschrecken die Generäle auf der Leinwand. Im Kinossal schluckt so mancher sein Lachen herunter. Ein Freund will wissen: “Diese Idee, dass Hitler immer so mit dem Kopf wackelt. Haben sie das aus South Park?”
Letztlich fragt man sich doch: Was soll das alles? Es muss schon fünfzehn Jahre her gewesen sein, dass es schon einmal einen Film über den Führerbunker gab. Im Fernsehen. Jeder, der darüber lesen oder sehen will, kennt die Fakten. Und was mehr erfahren wir? Dass der Pfarrer sogar Hitler fragt, ob dieser denn arisch sei? Dass der Führer als Henkersmahlzeit Nudeln mit Tomatensauce verzehrt? Wollen wir das wissen?
Tiefere Charaktereinblicke bleiben aus. Ein Kniefall Magda Goebbels’ vor Hitler im Beisein ihres Mannes: Ist das alles?
Im gewissen Sinne verkauft der Film sein Publikum für dumm. Dass auch ein Diktator charmant sein kann, ist jedem klar, der das Wort “Volksverführer” buchstabieren kann. Noch nicht einmal zur Warnung dienen diese zweiundhalb Stunden, höchstens für Zuschauer, die “Die Brücke” im Unterricht verpasst haben. Aber selbst die Szenen mit panzerbefausteteten Fünfzehnjährigen huschen an uns vorbei, verlieren sich im Gewusel der selbstmordenden Nazigrößen, die “nur Befehle ausführen”. Überhaupt ist so oft von Befehlen die Rede, dass man unruhig auf dem Sitz herumrutscht und sich fragt: Ist das jetzt Entschuldigung oder Erklärung?
Wir blicken auf die Wahlergebnisse, denken an die deutsche Natur und hoffen das Beste.
Wenn man sich (in einem bestimmten Zustand) auf dem Oktoberfest anhört, was andere (in einem bestimmten Zustand) so zu sagen haben, ist man versucht zu wünschen, dass damals Großbritannien, Frankreich und Polen Deutschland unter sich aufgeteilt hätten.
München, Odeonsplatz, am ersten Wiesn-Tag

Hoffentlich ist es kein Zeichen der Verzweiflung, dass John Kerry-Anhänger ihren Landsleuten zum Oktoberfest nachreisen, um sie zum Wählen zu überreden. Inwieweit die Kleine im Kinderwagen allerdings als Lockvogel diente bzw. bereits politisch eingenordet war, konnte nicht abschließend geklärt werden.
Fragt sich nur, was es über einen aussagt, dass man es sympathischer findet, wenn auf den Rücken und Armen der Oktoberfestsicherheitskräfte “Sécurité” steht und nicht “Security”.
Man kann
Man kann behaupten, dass die meisten sie aus Protest gewählt haben. Man kann sich darüber aufregen, dass die meisten behaupten, dass die meisten sie aus Protest gewählt haben. Man kann ihre Wähler für dumme, ungebildete, faule, dumpfe, intolerante, Bild nachplappernde, Talkshow anbetende Vollidioten halten. Man kann sich fragen, wofür man die Wähler der anderen halten soll. Man kann versuchen, sie zu ignorieren. Man kann versuchen, sie noch nicht einmal zu ignorieren. Man kann sie totschweigen. Mann kan ihnen eine Plattform geben, auf dass jede Pressekonferenz “zur Farce” werde. Man kann sagen: “Alle Jahre wieder erschrecken sie unser Land”. Man kann sagen, dort sind nur noch die politisch extremen aktiv.
Mann kann soviel, dass man am Ende eines nicht mehr kann: Sich vorstellen, was passiert, wenn sie in zwei Jahren 10% erzielen. Und dann in sechs Jahren 20%. Und dann Neuwahlen. Und dann 25. Und dann die anderen zähneknirschend koalieren. Und dann die Koaltion zerbricht. Und dann Neuwahlen. Und dann. Und dann ist der Rest ist Geschichte.
Aber die meisten haben sie ja nur aus Protest gewählt.
Kante: “Zombi”
“Diese Platte wächst beim Hören”, die letzte Ausrede des Rezensenten. Manchmal ist es wahr: Melodien, die sich wehren, Störfeuer in Form von Geräuschen. Wie bei Wilco, zum Beispiel. Kante machen das Gegenteil. Zuerst ersticken sie dich in Harmonien und dicken Arrangements — manchmal ist es Schlager —, aber dann erkennst du, wie schön es darunter ist, und schließlich willst du einfach nur “Danke” sagen. Vieles hat sich als Kitsch verkleidet oder kommt als Standardmetapher daher. Und doch kannst du manchmal nicht mehr einschlafen, wenn du die Lieder am Abend gehört hast. Sie gehen dir einfach nicht mehr aus dem Kopf.
Jetzt will man die Geschichte der DDR anscheinend doch nicht nur den Komikern überlassen. Und was ist das Resultat? Eine Erzählung zwischen der Sendung mit der Maus und Was ist was?-Büchern.
Elbow: “Cast of Thousands”
Das neue Elbow-Album. Hätten sie sich weniger verkünstelt, wäre es annähernd so großartig wie “Asleep in the Back”. So bleiben vier große Songs, zwei schlechte, und den Rest wünscht man sich mit ein bisschen weniger KRRRNNNNNNGGGGG. Obwohl, das übersteuerte Schlagzeug hat sich ja schon angedeutet.
Vielleicht doch keine so gute Idee, eine Lesung auf einem Straßenfest zu machen. Die Sonne brennt auf das Publikum, das auf geschnorrten Bänken sitzt und hauptsächlich aus den Mitgliedern der anderen Literaturgruppen besteht. Nur manchmal kommt jemand vorbei, bleibt stehen und lauscht für ein paar Minuten. Ein Mädchen setzt sich zu uns und verzehrt ihre Thai-Nudeln, steht aber nach dem letzten Bissen wieder auf und geht. Ich kann sie verstehen, auch ich habe Probleme, mich zu konzentrierten. Das liegt weniger an den Texten und der Sonne, als an dem Kompressor, der neben uns dröhnt, den Kindern die hinter uns schreien und die Musik, die überall wummert. Am Ende sitzen nur noch ein graubärtiges Dickerchen mit Hut und ich auf den Bänken. Als dem Vortragenden auch noch der schütztende Sonnenschirm weggenommen wird, verziehe ich mich auch in den Schatten.
Ich sollte aufmerksamer fernsehen, dann wüsste ich, wer diese Frau ist. Ihre Haarfarbe mag echt sein, ihre Hautfarbe ist es nicht, die Bräune zieht sich tief hinab ins Dekoltee. Plastik steckt in ihren Brüsten und Lippen, Schweinebraten und Knödel liegt auf ihrem Teller. Entweder ist ihr ihre Figur egal oder sie geht jeden zweiten Tag zum Workout oder sie kotzt später alles aus. SIe ist die einzige Frau am Tisch ohne Begleitung und die Frau mit der größten Sonnenbrille. Die Gläser sind so schwach getönt, dass man klar erkennt, wie sie ihren Blick nicht auf ihrem Gegenüber ruhen lassen kann, sondern er immer wieder über den Tegernsee schweift. Während mir selbst im Schatten das T-Shirt am Rücken klebt, schwitzt von ihnen keiner, obwohl die Sonne so stark auf sie herabbrennt, dass sie zur Abwehr die Stirn runzeln. Ich sollte wirklich aufmerksamer fernsehen, dann könnte ich meiner Mutter erzählen, wen ich gesehen habe, wenn sie mich einmal wieder fragt, ob ich in München, wo sich doch alles abspielt, nie einem Promi über den Weg laufe.