Ja, auch ich liebe den Sommer. Die Hitze macht uns melancholisch, mehr noch als der Regen. Sie zwingt uns, langsamer zu werden, still zu sitzen und im Stillsitzen nachzudenken. Warum sonst sind die Andalusier und Portugiesen so viel trauriger als die Friesen oder Dänen? Die Sonne treibt sie in den Schatten, wo sie dem Leben zusehen und sich fragen, was von diesem Leben bleibt.
Jürgen Albertsen
Monat: August 2004
Der Verein für das Recht auf schlechte Laune
Das Erkennungslied stammt von den frühen Tocotronic (”Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse”), die Satzung von einem wiederbelebten Thomas Bernhard. Jeden Monat erhält man ein Gutelauneneutralisierungsexlexier, und wenn das nicht hilft, kann man Schläger anheuern, die das Grinsen aus den Fressen der Mitmenschen polieren. Regelmäßig gibt es Wettbewerbe, um zu ermitteln, wer andere am besten grundlos anschnauzen kann. Bevor man auf eine Party geht, wird man gecoacht, um die Feierei zu ertragen. Findet man niemanden, mit dem man zusammen alles schrecklich finden kann, ruft man bei einer Hotline an, die noch viel schlechter gelaunt ist als man selbst. Zu den Vereinstreffen geht man, um Frauen kennenzulernen, bei denen man endlich nicht witzig sein muss. Und wenn man heitratet, kommt keiner von den Vereinskollegen, weil ihnen das alles schon wieder viel zu viel Glück ist.
Ist es eigentlich ein Naturgesetz, dass man 95 % der Sachen, die man geschrieben hat, beim zweiten Lesen scheiße findet? Und ich meine damit nicht die heruntergerotzten Weblogeinträge, sondern Texte, die man in seinen Träumen in wunderschönen Anthologien veröffentlicht.
Ich habe sich auch erlebt, die Zeiten, in denen ich stundenlang an meinem PC herumschrauben konnte, mich an den scharfen Alukanten schnitt und PCI-Karten ein-, aus- und umsteckte. Spätestens seitdem ich mit Computern mein Geld verdiene, will ich mit Hardware nichts zu tun haben. In der Firma schraubt mein Chef die Rechner zusammen, und zu Hause steht ein Laptop, den ich wegklappen und ignorieren kann, wenn ich will. Man sollte sich mit solchen Dingen nicht beschäftigen müssen. Das hat sich heute einmal mehr bestätigt. Mit dem Gedanken, meine CD-Sammlung zu rippen, kaufte ich mir eine externe Festplatte. Schloss sie an, formatierte sie, kopierte 20 GB Musik. Hörte Musik. Stellte fest, dass nur bei lauten Passagen das penetrante Rauschen der Platte nicht zu hören war. Harderte mit mir, redete mir ein, das sei normal. Harderte weiter mit mir, entschloss mich: Das ist nicht normal. Also: Zurückkopieren der MP3s, wieder formatieren (was verdammt lange dauert bei 250 GB) und einpacken der Festplatte zum morgigen Umtausch. Ich hasse Hardware. Die überlasse ich lieber meinen Chef.
Cat Power
Wüsste man es nicht, man hätte trotzdem keine Zweifel: Diese Musik entsteht aus einer einzigen Seele. Cat Power ist keine Band. Cat Power ist Chan Marshall. Selten mehr als drei Instrumente, keines davon elektronisch. Klavier, Gitarre, mannchmal ein Schlagzeug. Und dann diese Stimme. Diese Songs. Musik mit der Klarheit des Folks, mit dem Gefühl des Countrys, mit der Stärke des Rocks und der Verzweiflung der Großstadt. So singt man, wenn man in der Masse die Einsamkeit gefunden hat, nach der man sich in der Natur sehnt, die einem dort aber immer verwehrt bleibt, weil man sie braucht, die Masse, um einsam zu sein. Es ist Musik für die Bank vor dem Haus (oder den Stuhl auf dem Balkon) nach dem alles entscheidenden letzten Anruf der Geliebten und der Flasche Wein. Wenn du meinst, schon alles zu kennen, lassen dich diese Lieder immer noch in Tränen ausbrechen.
Drei Monate war es schon her, und immer noch sprachen sie nicht miteinander. Jetzt war er schon viel zu nahe gekommen. Neben ihr stand dieser Mann, den sie seit zwei Tagen kannte. Sie wandte sich ihm zu und sagte laut genug: “Die letzte Nacht war wunderschön.”

Über die Menschen kann man natürlich wenig sagen, wenn man 15 km von der nächsten Einkaufsmöglichkeit entfernt wohnt. Die wenigen Hausbewohner auf unserem Hügel sprechen nur schwedisch. Freundlich sind sie — winken, wannimmer wir im ersten Gang an ihnen vorüber schleichen. In den Supermärkten und an den Museumskassen lächelt man uns an, kann Englisch oder verzeiht es uns, dass wir ihre Sprache nicht beherrschen. Umgekehrt ist es nicht immer der Fall. Auf dem Spielplatz schreit ein deutscher Junge eine Einheimische an: “Red ordentlich. Ich kann kein Schwedisch.”
Ist man die grün-blau-graue nordfriesische Weite oder das bayerische Fels-Alm-Panaorma gewöhnt, hügelt sich diese Landschaft eher unspektakulär dahin. Auf unseren Wegen durch die Wälder treffen wir niemanden — wie erwartet, wie gewollt. Die Seen entlassen nachts ihre Mückenschwärme und verleiden uns die hellen und warmen Abenstunden. Tagsüber halten sie sich vor der heißen Sonne versteckt. Der Wanderurlaub verwandelt sich einen Bade- und Leseurlaub
Man weiß, dass man schon zu lange in der Stadt wohnt, wenn man in der Stille vergisst zu atmen. Die Erholung merkt man erst, wenn man zurück ist — manchmal sogar erst, wenn man darauf angesprochen wird. Ich wehre mich dagegen, Himmelsrichtungen als Ideologien zu verstehen. Und dennoch sagen wir: “So schön es war: Nächstes Jahr fahren wir wieder in den Süden.”
Machen Sie es auch so? Mit dem Fahrrad an der roten Ampel schauen, ob kein Auto kommt und dann schnell rüberfahren? Das sollten Sie nicht mehr tun, vor allem nicht, wenn Sie in Schwabing wohnen. Freundliche Polizisten verfolgen Sie zur Not auch bis in den Englischen Garten hinein und eröffnen Ihnen, dass es 125 € teuer wird und einen Punkt in Flensburg gibt.
Wie eine logische ss/ß-Regelung, ein paar undurchdachte Getrennt-Groß-Kleinschreibregeln und flexiblere Kommasetzung eine Sprache zerstören, mindestens aber verflachen sollen, ist mir auch nicht ganz klar geworden.
Und im Apple-Store fühle ich mich wie 1992 beim PC-Verkäufer in Flensburg (”Was, Sie wissen nicht, was interlaced ist?”). In jeder Vorführgeste schwingt der Botschaft mit: Wenn Sie jetzt noch nicht überzeugt sind, kann ich Ihnen nicht helfen. “USB? Die Kabel sind aus. Wir haben zuviele PC-Kunden. Haben Sie denn kein Firewire?” Die Nachfrage nach dem besten verfügbaren Produkt macht den Kunden zum Bittsteller. Den Abschluss des Geschäfts betrachtet das Personal als naturgegeben: “Viel Spaß mit dem Gerät” — “Werde ich haben.” — “Ich weiß.”
Konsolidierung ist ja so ein Wort — soll an dieser Stelle aber gebraucht werden. Dies ist kein echter Neuanfang, weil vieles Altes (wieder) hier zu finden ist. Platten-, Film- und Buchbesprechungen, dann noch Blogeinträge aus Sunlog-Tagen, die es mir wert erschienen, habe ich aus eingerosteten Datenbanken gegraben und wieder ins grelle Licht der Öffentlichkeit gestoßen. Jetzt ist zusammen, was zusammen gehört. Das “ohne punkt”-Label musste dabei auf der Strecke bleiben, denn wenn alles nur von einem Autoren stammt, kann man es auch gleich am Blognamen festmachen. Meine Erzählungen muss ich noch sichten, überarbeiten und dann dann noch einmal posten. Ich wünsche derweil gute Unterhaltung.

Aus einem erholsamen Urlaub gibt es naturgemäß nicht viel zu berichten, man bringt höchtens ein paar Erkenntnisse mit: Dass man die Schönheiten von Landschaften erst bemerkt, wenn man sie nicht mehr jeden Tag vor Augen hat; dass Karl Ignaz Hennetmairs Ein Jahr mit Thomas Bernhard sich wie die besten Romane liest, weil es sich um einen außerordentlichen Charakter dreht; dass Autobahnen die letzten Orte sind, an denen sich Vorurteile mit Sicherheit bestätigen lassen (inklusive der Fernfahrermentalität bei Vollsperrung beider Fahrtrichtungen); dass Mückenstichanfälligkeit tatsächlich eine Typfrage ist, Wespenstichanfälligkeit jedoch nicht; dass es wirklich Situationen gibt, in der man getrost sagen kann: “So jung kommen wir nicht mehr zusammen.”