Monat: Juni 2004

Kolonialstil, jetzt auch bei IKEA.

Was starrst du mich an, sagt sie, in ihrem umwerfenden Kleid, nicht umwerfend kurz, nicht umwerfend eng, einfach nur umwerfend, und sie sieht ihn an, er sizt ihr gegenüber, viel zu nah, der Tisch ist zu klein, und er kann sich nicht entscheiden, ob er die Schultern durchdrücken oder doch wieder nach vorne fallen lassen soll, was das einfachste wäre, denn er will sagen, ich habe dich nicht angestarrt, und dann sagt er, sagt er nichts.

Lieber Herr Michael Moore,

sicher haben Sie in vielen Dingen Recht. Aber vielleicht lassen Sie sich beim nächsten Mal in der Form von Herrn Julio Medem inspirieren. Er hat nämlich sicher auch in vielen Dingen Recht. Aber macht daraus bessere Filme. La pelota vasca. La piel contra la piedra.Das baskische Ballspiel. Stein gegen Haut.

Die neue Dumme

Keller

— Wirklich hier?
— Er wollte unbedingt, dass dieses Licht auf mich fällt.
— Wo lagt ihr?
— Wir standen. Ich habe mich gebückt. Genau hier.
— Hast du dich hier festgehalten?
— Erst habe ich mich auf meine Beine gestützt… So… Aber dann konnte ich nicht mehr…
— Ist das Schimmel auf der Mauer?
— Ich habe es gar nicht gemerkt.
— …Das mit euch… Ich wusste ja nichts davon.
— Ich glaube, ihr ward schon ein paar Wochen zusammen.
— Gut, dass du und ich uns getroffen haben.
— Aber er wird wohl eine andere finden.
— Eine andere Dumme. So wie wir… Aber wieso hier? Mit mir war er nur im Bett.
— Mit mir nie. Wir tranken Wein, draußen am Fluss. Riechst du den Fluss? Man kann ihn immer noch riechen hier.
— Hat er dich abgefüllt?
— Nein, ich wollte ihn.
— Ich auch.
— Und die neue Dumme wohl auch.
— Wir waren nicht dumm.
(Schweigt.)
— Wir haben ihn zum Teufel gejagt.
— Und es hat Spaß gemacht.

Sie stehen auf der anderen Straßenseite, zwei Mann, einer mit der Kamera, nach oben gerichtet, dorthin, wo der Balkon ist. RTL, SAT.1, Pro 7, egal. Heute abend gibt es noch einen Bericht über Jennifer Nitsch.

Meine Damen und Herren, bitte schenken Sie Ihre Aufmerksamkeit

Morrissey, You Are The Quarry

He Is The Quarry

Nun gut, sehen wir den Tatsachen ins Auge: Die Hoffnung ist dahin. Nicht, dass es ein überaus schlechtes Album wäre, besser als Maladjusted oder Southpaw Grammar allemal. Aber wir, die wir uns so verstanden gefühlt haben von ihm, vor zehn Jahren und vorher, brauchen nur einen kurzen Blick ins Textheftchen zu werfen, um zu wissen, wie man sich in sieben Jahren Isolation verrennen kann: “America / It brought you the hamburger / America / You know where / You can shove your hamburger.” Schlimmer noch: “I’ve been dreaming of a time / When to be English / Is not to be baneful / To be standing by the flag not feeling / Shameful, racist or partial.” Man wird ja noch mal sagen dürfen, britische Variante. Da nützt es auch nichts mehr, dass er auf Oliver Cromwell spuckt. A propos Britisch: Je länger Morrissey in dieser Villa bei Los Angeles lebt, desto ideologischer wird seine Liebe für das viktorianische Zeitalter. Vorbei die Zeiten, als seine Verehrung Oscar Wildes zuvorderst bedeutete, den sensiblen Männern dieser Welt ein Schutzpatron zu sein, ein verständnisvoller Verbündeter gegen Stärke- und Siegeszwang. Irgendwo mag diese Attitüde noch versteckt liegen, aber in erster Linie gebiert er sich jetzt als Angry Middle-Aged Man, der Old Britannia hinterherträumt. Auf dem Cover als Chicago-Gangster mit Maschinengewehr zu posieren ist auf den ersten Blick augenzwinkernd politisch unkorrekt. Aber hört man bei dem Großteil der Songs genauer hin, so kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass ihm der Humor von Some Girls Are Bigger Than Others in der kalifornischen Sonne ausgebrannt worden sein muss.

Dabei geht es musikalisch durchaus aufwärts. Zwar hängt er immer noch mit verfettenden Rockabilly-Musikern ab, aber ausgerechnet Jerry Finn, dem wir Teenage-Punk-Pop à la Blink 128 zu verdanken haben, brachte die Produktion zumindest in die Nähe von Vauxhall and I. Es ist schließlich nicht Finns Schuld, dass Morrissey seit Jahren kein Songwriter von Format zur Seite steht. Wobei es Ausnahmen gibt. Ausgerechnet das oben zitierte Irish Blood, English Heart ist mit seinen zweiundhalb Minuten Powerpop eines der besten Songs, die Morrissey seit zehn Jahren veröffentlicht hat. Und I’m Not Sorry zeigt nicht zuletzt dank meerestiefer Echoeffekte eine Gemütsverfassung Morrisseys, die er hassen wird, aber die immer sein Kreativitätskraftwerk war: Verzweiflung.

Warum erntet also dieses Album Lobeshymnen, mindestens aber Anerkennung? Aus Respekt und Schuldbewusstsein. Respekt, weil jeder, der heute in den Musikreadaktionen der Zeitungen und Zeitschriften sitzt, es den Smiths zumindestens zum Teil zu verdanken hat, dass er zum Schreiben gekommen ist. Gleichzeitig hat er aber auch in den Techno-Neunzigern Morrissey als sentimentalen Anachronismus verflucht und selbst Vauxhall and I verrissen. Das versucht er heute wieder gutzumachen, jetzt, wo er auch auf die Vierzig zugeht und weiß, dass Morrissey immer Recht hatte: Am Ende bleibt nur die Einsamkeit. So hat die Platte doch ihr Gutes, nämlich Morrissey die Ehrung zuteil werden zu lassen, die er trotz allem verdient.

Meeting Mr. Marchant in Bryant Park, New York City

Bryant Park, NYC

— Where’re you from?
— Europe. Germany and Spain.
— Every year I go skiing to Europe. Three weeks. Every year.
— Where?
— Kitzbühel. In Austria. And to Germany, too. What’s the name of that place?
— Garmisch-Partenkirchen?
— No… no… it’s that mountain.
— Zugspitze?
— Zugspitze! That’s right… You know, I came up with that idea how to connect America with Europe.
— Oh, did you?
— Yeah. They should build a tunnel. That tunnel would go from Canada to Greenland, come up, then go down again, then go up on Iceland, then go down again and go to Norway. Iceland is under Dutch control, right?
— Actually it used to be under Danish control. But now it’s independent.
— But Greenland is under Dutch control.
— No, it’s Danish.
— Right… You know how you Europeans could be independent of resource supply from other countries?
— How?
— You should split up and join with other parts of the world. Northern Europe should go together with Canada, Southern Europe should go together with Southern America. Anyway, you have such different mentalities between Northern and Southern Europe. Right?
— And Southern America used to be under Spanish and Portuguese control, too.
— True. Do you like my idea?
— It surely is interesting.
— I also came up with a idea of a new means of transportation based upon electro-magnetism. You can read about it on my webpage. I put it there because big corparations are trying to steal my ideas. It’s free for all. Do you like it?
— It surely is very interesting.

NYC Reality Check

Brooklyn Bridge Lampe

So viele dieser Häuser meine ich schon im Fernsehen gesehen zu haben. Doch sind sie in der Wirklichkeit nicht realer. Es ist wie in Las Vegas. Je höher sie sich erheben, desto eher erscheinen sie aus Pappe. Ein paar Jahre müssen sie stehen, dann reißt man sie nieder und baut neue, höhere. Eine Stadt der Flüchtigkeit, das war von vornherein klar und wird klarer, wenn man eine Wohnung betritt. Das ist die Flexibilität, die wir gefälligst auch lernen sollen: Mach es dir nicht gemütlich, sei jederzeit bereit, weiterzuziehen.

In den Geschäften, in den Restaurants schnauzt man die Kunden genauso an wie überall, aber dann: Stehe ich an der Staßenecke und suche auf der Karte nach dem Weg, kann ich fast sicher sein, dass mich jemand anspricht: “Can I help you?” Und hat er mir erklärt, wie ich weiterkomme, fügt er hinzu: “May I also recommend something to you?”

Alles ist Take-away. In die Cafés, in denen ich für eine halbe Stunde Luft holen will, finde ich nur, wenn ich mir einen Tipp habe geben lassen. Man schlürft seine Latte im schnellen Schritt im Gehen. Ich probiere die Salatbars, wie es sie überall in Manhatten gibt: Ich hole mir etwas Köstliches für eine Mahlzeit im Park. Dort stehen nicht nur Bänke, sondern auch Stühle und Tische, gedacht für Office Workers, die in die Sonne flüchten. Wer ein Gespräch sucht, findet eines, kaum jemand gestikuliert gegen nette Worte an.

Überhaupt das Essen: Jede europäisch-kullinarische Arroganz muss von einem abfallen, wenn man die Restaurants besucht. Man muss kein großes Portmonee haben, aber es hilft. In Europa hat jede Region seine Küche: In New York findet man sie alle, neben oder zusammen mit den Spezialitäten aus dem Rest der Welt.

Einkaufen 24/7. Muss ich nicht erwähnen, denke ich. Kleidung sowieso und billig, Bücher auch. CDs eher nicht.

Das Empire State Building lohnt nur bedingt die einundhalb Stunden Wartezeit, die einem eine Anzahl von Koberern verkürzt: “Get Tony’s Audio Guide with a taxi driver’s guide to Manhatten. Where was John Lennon shot? Where exactly stood the World Trade Center? Also with a little history but nothing too heavy.”

Das Englisch kann noch so gut sein, immer wirst du einmal jemanden nicht verstehen. In einer Stadt, in der wohl jedes Volk vertreten ist, wiederholt man das Gesagte gerne noch einmal. Das wird dir in einem niederbayerischen Dorf nicht passieren.

Es ist so einfach, sich über Amerika lustig zu machen. Aber diese Stadt muss ihnen erst einmal einer nachmachen.