Lese viel mehr englische Bücher als englische Blogs.
Jürgen Albertsen
Monat: Februar 2004
Das dachte ich auch: Dass die New Economy für Nachwachsende interessant sei. In allen Ecken raunt es. Lagerfeuergeschichten. Was für Opi der Zweite Welkrieg ist, ist für uns die Börsenblase anno 2000. Auch ich will darüber ein Buch schreiben. Katharsis. Aber immer noch privatversichert, immer noch Schwabing. Wenn ich die Wiedervereinigung nicht miterlebt habe, muss ich mir eine andere Massenhysterie aussuchen, von der ich erzählen kann? Und dabei sollte ich nicht daran denken, dass meine Neffen schon jetzt die Augen verdrehen wie ich damals bei Opi?
Juli Zeh. Kein Pop. Bosnien existiert. Grandios.
Diese Ungeduld angesichts von Sprachunkenntnis lässt sich nicht so leicht ablegen. Eine meiner ersten Erfahrung abseits der Dorftraumwelt meiner Kindheit: Dass man nicht dumm sein muss, nur weil man kein Deutsch kann. Bei McDonald’s in den Ferien gejobbt, um eine Reise nach Quebec zu finanzieren, die ich nie angetreten habe, und so als Achtzehnjähriger übers Burgerbraten mit einem kurdischen Doktor ins Gespräch gekommen, der nicht kassieren durfte, weil es ihm noch schwerfiel zu glauben, dass es siebenundzwanzig und nicht zwanzigsieben hieß. Und auch heute noch ertappe ich mich dabei, wie ich “Nun sag schon!” brüllen möchte, wenn einer sich im Gestrüpp der trennbaren Verben verliert. Das darf nicht sein. Nur weil wir so gut Englisch können? Wisst Ihr den Unterschied zwischen Partizip I und Partizip II? Da hilft nur: Aprender castellano, weiterlernen eigentlich, eine Sprache mit Subjunktiv, aber vor allem muss ich wieder jedes Wort von allen Seite beleuchten, bevor ich es ausspreche. Wider der Ungeduld.
Tech Talk, ausnahmsweise
Mozilla Firefox. Großartig. Auch wenn es nächste Woche wieder anders heißen wird.
Dann wurde sie laut: “Und in deinem Weblog, immer wieder muss ich lesen: ‘Meine Freundin’ hier, ‘Meine Freundin’ da. Was sind das für Dialoge? Die sind nicht echt. Über sowas haben wir uns nie unterhalten. Und warum tust du immer so, als würdest du mich nach meiner Meinung fragen? Und diese Zärtlichkeit! Dabei fasst du mich ja noch nicht einmal mehr an, wenn wir zusammen im Bett liegen. Denk dir doch wenigstens ein Pseudonym für mich aus. Die Frau, die du das in deinem Weblog beschreibst, gibt es in deinem Leben sowieso nicht.”
Nur noch im Schlaf und im Traum mochte ihn eine winzige Berührung oder ein Flecken nackter Haut erregen. Das war die vergrabene Erinnerung an eine Kindheit der wachen Nächte.
Obwohl er sich für Mode nicht interessierte, entdeckte er, dass er nicht mehr unter schlecht gekleidete Menschen gehen konnte. Diese dicken Männer mit den nachlässigen Lederjacken oder die zweifachen Mütter mit heraushängenden Flanellhemden: Sie widerten ihn an. Wie sehr vermisste er die schönen Nachbarn in seinem Viertel, und wie wenig beachtete er sie eigentlich Tag für Tag. Kaum musste er für einige Stunden an den Stadtrand oder für ein paar Tage in die Provinz, sehnte er sich er nach geschminkten Frauengesichtern und gegelten Männerhaaren.
Manche Leute sehen einfach nur dumm aus, wenn sie schweigen. Man muss das entsprechende Gesicht haben, um in der Wortlosigkeit Würde zu bewahren. Sonst bleiben Kommentare nicht aus: “Warum so stumpfsinnig heute?”
Wenn man sich nur noch Gedanken über Metaebenen macht, kann es natürlich auch ein Zeichen dafür sein, dass einem einfach scheißlangweilig ist. Aber vielleicht ist das auch nur die eigene Feigheit.
Tatsächlich sind mir diejenigen Weblogs am liebsten, die am wenigsten verlinken. Vielleicht weil sie etwas zu erzählen und nicht nur wiederzugeben haben.
Dieser Gedanke, dass man besser die Finger vom Internet gelassen hätte. Dieses ständige Streben. Early Adaptor sein müssen. Trends schon frühzeitig ironisch brechen, lakonisch abwinken, dabei nur umso mehr die eigene Abgeklärtheit zelebrieren. Erklärungsversuche, mit denen andere ringen, schon längst als wahr und gegeben voraussetzen. Milde lächelnd diejenigen, die nachkommen, willkommen heißen und sagen: “Ach ja, für euch bleiben ja nur noch die Massenhoster übrig.” Und, verdammt noch mal, nicht mehr naiv sein können.