Monat: November 2003

Zwei Menschen, ein Bus, eine Flasche Wein

Der Mann, die Frau, die Person mit der Weinflasche: War es ein Mann oder eine Frau? Graue Haare bis zur Schulter, weit über die Ohren, dicht wie ein Toupet. Das Gesicht gebräunt, gepflegt gegerbt. Eine Frau, die immer mit den Männern an der Bar säuft und raucht und die dafür geliebt wird? Oder ein Mann, den die Cremedöschen der Mutter mehr fasziniert haben als die Entscheidung zwischen Cowboy und Indianer? Er/sie setzt sich hin auf einen Vierersitz, seine/ihre Begleitung (unverkennbar weiblich, gleichalt) verschwindet in den hinteren Busteil. “Komm her”, sagt er/sie, und seine/ihre Begleitung steht zögernd, den Mund zusammenkneifend, wieder auf und setzt sich nach vorne, aber nicht auf den Viersersitz, sondern auf die andere Seite des Ganges, die Knie zur Buswand gedreht. Er/sie schraubt die Weinflasche auf. “Willst du?” Doch noch bevor er/sie die Frage ausspricht, schüttelt seine/ihre Begleitung heftig den Kopf. Er/sie grinst.

When routine bites hard

Andere schwelgen darin, wie sicher sie sich fühlen, wenn jeder Handgriff sitzt, und wie schön die Gewohnheit ist, jeden Tag nach dem Abendessen noch einmal vor die Tür zu treten, um eine Zigarette zu rauchen.

Motiv: Verbrecher sein wollen

Als Kind einen Krimi sehend konnte man nicht umhin zu denken: Was soll diese Frage nach dem Motiv? Braucht man ein Motiv, um einen Menschen umzubringen? Reicht nicht, dass man nach dem Mord dann Teil dieses großartigen Schauspiels ist — der Suche nach dem Mörder? Und wir reden jetzt hier nicht von einem Serienkiller, sondern von einem wohlgekleideten Verbrecher, der es schafft, dass sein Opfer auf den Bauch fällt, wenn er ihm in den Bauch schießt, und der sich später im Beisein des Kommissars (”Wollen Sie auch einen Whiskey” — “Nein danke, ich bin im Dienst”) einen Drink einschenkt, ohne dass ihm die Hände zittern.

Auch blöd, wenn man Talent für eine Sache hat, die einem gar keinen Spaß macht.

Zwang

“Da muss man sich zu zwingen” — wie soll man entscheiden, ob das richtig oder falsch ist, wenn man doch erst nach der ganzen Qual merkt, ob es richtig oder falsch ist?

Gong

Und man überlegt, ob der Mann im Orchester ganz hinten, der nur zwei oder drei Mal aufgestanden ist, um seine Schläge in dieser Symphonie zu absolvieren, ob dieser Mann sich eigentlich darüber grämt, dass der Dirigent selbst heute, da er im Sturm des Publikumsapplaus’ so vielen der Musiker die Hand gegeben hat, dass der Drigent dennoch nicht zu ihm, dem Mann am Gong ganz hinzen im Orchester, gekommen ist, um ihm für etwas zu danken, was einem Musiker viel mehr Kraft kostet als das Spielen selbst: das Warten auf den Einsatz.

Wie lange willst du denn leben, wenn es heißt, dass Pessimisten früher sterben? Hör auf zu grinsen, ich durchschaue dich. Warum solltest du sonst immer solche Angst haben? Vergiss es, die wirst dich nie ändern.

Brand

Ich habe es nicht mitbekommen, dass sie alles so niedergebrannt haben. Der Hof der Petersens, ihr Stall, es hat nach verbranntem Fleisch gerochen, fast wie in der Küche, wenn du nicht aufpasst. Und die ganzen Laster, die machen Löcher in die Straßen. Hein hat es mir erklärt: Da sind kleine Löcher in der Straße drin, und die Laster machen die größer. Und wenn dann noch die Panzer kommen und drüber walzen, dann ist sowieso alles zu spät. Solche Löcher gibt das. Wenn die nur nicht alles niederbrennen würden! Die Felder lassen die ja noch in Ruhe. Aber die Tiere, die Kühe. Bei den Kühen ist das vielleicht auch besser so. Hast du mal Kühe gesehen, die sich so am Zaun drängen, weil niemand sie melken kommt. Die schreien wie am Spieß, die schreien schlimmer wie das Baby, das die nicht aus dem Hof von den Petersens retten konnten. Ich habe nicht gehört, wie es geschrien hat, ich war ja nicht dabei. Ich wusste ja nicht, dass sie jetzt alles niederbrennen.

Bier

Wohin? Wohin? Irgendwohin, wo man Bier trinken kann. Aber es ist nicht nicht spät genug zum Biertrinken. Ich kann mich nicht beruhigen, wenn ich nicht Bier trinke. Das ist schon ein paar Jahre so. Seit dieser Sache damals mit dem Auto und der Frau und diesem Seil vom Schiff. Aber… aber… dahin? Dahin ist gut.

In Limbo

Er atmet nur noch flach, auf dem Boden liegend. Mit der Handfläche fühle ich seine geschlossenen Lider: Dahinter rollen die Augen. Er lebt, daran gibt es keinen Zweifel. “Wir können ihn nicht aufheben, er ist zu schwer.” Warum auch nicht auf dem Boden liegen lassen? Es wird nicht lange dauern. Er blutet nicht. Er träumt, aber lässt sich nicht wecken. Wo mag er jetzt sein? Warum hat er so selten mit uns geredet in letzter Zeit? “Ich glaube, im Moment ist er glücklich.” Lassen wir ihn lächeln.

Am I part of the cure?
Or am I part of the disease?

Die Aktion

“Ich kann nicht mehr.”
“Bitte mach weiter. Sind doch nicht mehr so viel.”
“Das sind bestimmt noch 50 Stück.”
“Komm. Das meiste haben wir geschafft.”
“Warum müssen wir die alle zukleben? Und dann auch noch mit Spucke?”
“Ich sagte doch schon, es tut mir Leid, dass ich den Schwamm vergessen habe.”
“Wo willst du es verteilen?”
“Rund um den Kurfürstenplatz. Da ist alles zugeparkt. In jeden Scheibenwischer eine.”
Für den preisbewussten Autofahrer. Denkst du, da bist du richtig? Fährt doch eh jeder Porsche da.”
“Gerade deshalb. Die müssen eben an der Versicherung sparen, gerade jetzt. Was meinst du, wieviele ihren Porsche nach einen Jahr wieder verkaufen müssen?”
“Du hättest weiter Judo machen sollen.”
“Ach, das ist doch kein Tennis. Dafür zahlt doch keiner was.”
“Aber vielleicht hätten wir dann nicht kleben müssen.”
“Das Kleben zeigt den Leuten: Der gibt sich Mühe. Das ist solide.”
“Handarbeit.”
“Genau.”
“Ich glaube, ich fang mit Judo an.”

Vorschriften eines Restaurant

So. Lange würde es nicht mehr dauern, bis er ihn rausschmiss. K. hatte es so satt. Wie oft hatte er P. gesagt, er solle sich neue Klamotten kaufen gehen. Dieses T-Shirt, diese Jeans mit den Beulen in den Kniekehlen. Gut, für seinen Bauch konnte er vielleicht nichts, aber dann: Wieviel Bier mochte er wohl jeden Abend trinken? Da saß er an der Bar, wenn er eigentlich das Besteck in Servietten einwickeln sollte oder zumindest das Telefon abnehmen und Reservierungen ins Büchlein eintragen könnte. Wahrscheinlich machte er mehr Aschenbecher voll als alle Gäste zusammen. Doch das Ekelhafteste war: P. starrte jeder Frau hinterher, die schlanker war als er selbst. Und wenn sie kurze Röcke und schenkelhohe Stiefel trug — um so besser. K hatte es so satt. “Es ist doch dein Bruder”, sagte L. immer wieder, aber was wusste sie schon? “Seine Frau, einfach so ausgezogen.” Wen wunderte es? Zwei Monate hatten K. und L. das Restaurant renoviert, und niemand von dem Gesocks, das sie früher als Gäste gehabt hatten, kam wieder. Aber daran musste sich P. gewöhnen. K. konnte nicht mehr wie früher im Pullover hinter dem Thresen stehen. Und P. musste sich endlich einmal ein Hemd anziehen. Er musste endlich verstehen. Und das mit den Frauen lassen — auch wenn sie ihm viel zu oft ihre Telefonnummern gaben.

Das Haus

T. sah S. von der Seite an: Ja, sie trug immer noch dieselbe Carmouflage-Hose, dieselbe Jacke mit dem Aufdruck “Hamburg”. Nur was war mit ihren Haaren passiert? Nicht von der Seite her ins Gesicht gebürstet, sondern verklebt am Kopf hängend mit sichtbaren Spuren von Schweiß, Staub und Bewegung. Und dann dieses Haus hier. T. hatte Angst, dass der Boden nachgab, bei jedem Schritt bogen sich die Dielen und manchmal schien es, als begann das Holz tief innen zu splittern. Nicht dass man viel vom Boden sehen konnte: Überall lagen umgestürzte Möbel ohne Bezug, Putzstücke von der Decke, rostiges Metall, das einmal einem Zweck gedient haben musste, als Abstützung oder als Werkzeug, und Holz, viel mehr Holz. Die Türen waren so niedrig, dass selbst S. den Kopf einziehen musste. Immerhin konnte sie in den Zimmer aufrecht stehen, ganz im Gegensatz zu T.
T. hatte Angst vor den braunen Balken an der Decke, und er hatte Angst, mit S. später die Treppe hinauf in den ersten Stock zu gehen. Wenn das Holz hier schnon knirschte, in welchem Zustand mochte die Treppe dann sein? S. lächelte zufrieden — natürlich, was sollte sie auch sonst? T. wollte etwas sagen, etwas wie: “Du weißt, was du tust, oder?” Oder: “Kannst du das denn auch alles bezahlen?” Vielleicht hätte er, wenn er sie noch länger betrachtete, ihr Profil, das ihm von ihren Nächten in den Bars der Stadt so in Erinnerung geblieben war, vielleicht hätte er sogar sagen können: “Na gut, ich helfe dir.” Aber statt dessen sagte er: “Wenn du hier einziehst, komme ich dich nie besuchen.”