Zum Schluss schmiss sie ihn aus dem Bett, wenn er anfing zu kotzen. Immerhin, bis zum Klo schaffte er es noch, aber dieses Hin- und Hergewälze, dieses Würgen schon bevor er endlich aufsprang und ins Bad stolperte. “Raus hier! Geh aufs Sofa!” Dann taumelte er, trat barfuß auf die Hüllen von CDs, die er in der Nacht noch gehört hatte, manche davon einfach nicht mehr wiederfinden konnte, und ließ sich aufs Sofa fallen, ein gutes Stück eigentlich, eierschalenfarbend sagten mache, er sagte: “Natur”.
Sie ging schon lange nicht mehr mit in die Kneipe, auf die Konzerte, in die Clubs, nicht etwa, weil sie es nicht ertragen konnte, wenn er wieder besoffen war, so schlimm war es nicht, er war sogar witzig, zumindest bis er anfing zu kotzen oder bis er einfach zusammenbrach, nein, wenn sie ehrlich zu sich war, so war sie froh, allein zu sein, zu Hause. Manche von den Freunden vermisste sie schon, ja, aber diese Ruhe, einfach nur Kerzen anzünden abends, und wenn ihr Blick dann auf die zerkratzen CD-Hüllen fiel, am Boden ausgebreitet, auf die Bücher, die er manchmal aus dem Regal zog, stockbesoffen — was konnte er schon darin noch erkennen? — auf die Postkarten, die er aus den Kneipen mitbrachte, Werbung für Erzählbände russischer Autorinnen, Flyer für Clubs, von denen er sagte “Die sind mir zu schick”, wenn sie all das sah, dann wusste sie eigentlich wirklich nicht mehr, warum sie nicht schon längst ausgezogen war. Und doch, die Ruhe war viel zu schön, man konnte in dem Moment wirklich nicht glauben, dass er bald wieder angekrochen kam, sich unter die Decke wälzte und immer wieder in ihre Richtung atmete, Bier ausatmete, Rauch ausatmete, und so ließ sie den Immobilienteil der Zeitung schließlich doch auf dem Boden liegen.
Jürgen Albertsen
Monat: Oktober 2003
Wohnungsträgheit
Bands trinken
Eine Band ist doch keine richtige Band, wenn der Sänger kein Bier trinkt. Eine Band ist eine richtige Band, wenn der Sänger sich schämt, wenn er Wasser trinkt. Eine Band ist eine richtige Band, wenn man trinkend mit dem Sänger mithalten will. Eine Band ist eine richtige Band, wenn man will, dass sie alles von dir nimmt und man deshalb trinkt, weil man ja sonst nicht in der Lage ist, alles zu geben.
Bedsitter Phenomenon
Im Bett bleiben, ja. Jetzt ist es soweit. Nicht, dass er niemals aufstünde. Zur Arbeit geht er noch, quälend und mit verklebten Augen. Aber sobald er, abends um sechs, wieder seine Wohnung betritt, macht er sich in der Küche ein paar Brote und zieht sich dann um: Shorts und T-Shirts. Pyjama ist ihm zu unbequem — wenn es zu kalt wird, dreht er die Heizung an. Sowieso: Seine Wohnung hat nur diesen einen großen Raum — Wohnzimmer, Schlafzimmer und Arbeitszimmer zugleich — und mit den Jahren wurde das Bett zum Epizentrum. Es ist von großen Nachtschränken flankiert, fast schon Schreibtischen, aber dennoch stehen viel zu viele Flaschen, Gläser und Teller auf dem Boden. Aber er hat es im Griff: Alles Wichtige liegt auf den Tischen, nur im Notfall muss unter der Decke hervor sich nach unten bücken. Dabei schläft er gar nicht viel. Und er hat es auch schon geschafft zu vergessen, warum er tagein, tagaus hier liegt. Das Telefon steht auch auf dem Boden, aber er braucht es nur noch, um abzusagen. Mit der Zeit erledigen sich die Anrufe von selbst. Bücher bestellt er sich über das Internet, DVDs holte er sich auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Warum soll er sich etwas vormachen? Er ist zufriedener jetzt.
Ein Gespräch über Fotos
“Was sind das für Bilder?”
“Ach, die habe ich damals gemacht, vor drei Jahren, weißt du? Als ich durch Europa gereist bin. Mit meinem Bus, der dann in Kroatien schlappmachte.”
“Aber es ist nichts zu sehen.”
“Zeig mal.”
“Hier. Nur ein paar Bäume, ein paar Büsche. Hier ist sogar nur Sand. Ist wohl im Gebirge.”
“Das war in den Pyrenäen.”
“Und das?”
“Das war bei Danzig.”
“Und hier?”
“Gar nicht mal weit von Split. Zwei Wochen später ist mir dann die Achse gebrochen. Treuer Bus, ich sag dir!”
“Und was soll das alles?”
“Das sind Leichen.”
“Leichen?”
“Massengräber. Das ist mein Projekt.”
“Aber—”
“Unentdeckte natürlich. Wer sind wir, dass wir alle Greuel kennen?”
“Und du?”
“Ich rede mit den Leuten.”
“Mit wem?”
“Mit den Alten.”
“Und wem noch?”
“Manche waren dabei. Manche haben geschossen.”
“In Danzig?”
“Da haben mir die Alten erzählt.”
“Was machst du jetzt?”
“Ich kaufe mir einen neuen Bus.”
Eine Straße schreibt Geschichte, Teil 3
(Teil des Projektes OP 13. Die ersten beiden Teile — von Doris Dörrie und Michael Sailer — befinden sich im Schaufenster der Firma Farben Hackl, Hohenzollernstraße 39, München.)
Der junge Mann hechtete über die Straße, den rechten Arm erhoben wir ein Schülerlotse. Einer der schaufahrenden Porsche Kabrios kam quietschend, nur Zentimeter vor dem jungen Mann, zum Stehen. Der Fahrer fuchtelte drohend mit der Faust, stieß Flüche aus, die aber der aufröhrende Motor seiner Karosse gleich wieder erstickte. So eilig hatte es der Fahrer, dass er das Gaspedal mehrmals fest drückte, bevor der junge Mann die rettende andere Straßenseite erreichte. Kaum hatte der junge Mann seinen zweiten Fuß von der Straße, fuhr der Porsche ebenso quietschend an, wie er Sekunden zuvor zum Stehen gekommen war – nicht ohne jedoch dass der Fahrer sich noch einmal umwandte, um den jungen Mann mit neuerlichen Flüchen zu bedenken.
Als der junge Mann dann aber endlich bei Schnürer angekommen war, machte er einen erstaunlich gelassenen Eindruck. Er legte seine rechte Hand auf Schnürers Schulter und sagte: “Ich habe sie zuerst entdeckt.”
Wenn Schnürer ehrlich zu sich war, so hätte er einen tief südländischen Akzent erwartet: Italien mindestens, vielleicht aber sogar Spanien oder Südamerika. Doch der junge Mann dehnte die Vokale so sehr, wie es nur Deutsche zu tun pflegen, die weit nördlicher wohnten, als die Vorstellungskraft manch alteingesessener Bayern reichte: Ostfriesland vielleicht — oder sogar Schleswig-Holstein.
“Was entdeckt?” fragte Schnürer.
“Die magischen Splitter.”
“Bitte?”
“Dort unten”, sagte der junge Mann und wies in die Baugrube hinein, in der jetzt mehr noch als zuvor etwas Unbestimmtes blau und grün zu ihnen empor glitzerte. “Sie haben keinen Namen. Aber wenn du weißt, wie du sie werfen sollst, verraten sie dir alles, was du willst.”
Nun gut, es war vielleicht ein oder zwei Biere zu viel gewesen, die Schnürer getrunken hatte, als er gestern in seiner Lektüre versunken gewesen war — aber magische Kräfte? Daran konnte er sich nicht erinnern, Vielleicht war der junge Mann ja höhenkrank. Für jemanden, der an Normalnull gewöhnt war, mochte selbst hier die Luft zu dünn sein.
“Ich glaube, Sie irren sich”, sagte Schnürer. “Es sind die Hohenzollernstrasse.”
Der junge Mann hob seinen Blick aus der Grube. “Hohenzollernstraße? Dort unten? Aber wir stehen auf ihr.”
“Nicht mit SZ, mit Doppel-S, auch nach der Rechtschreibreform. Gerade dann, eigentlich.”
Der junge Mann nickte wie jemand, der sich in einer Kneipe den Sermon eines Betrunkenen anhören muss und sich sehnlichst wünscht, die Bedienung möge endlich mit der Rechnung kommen. Schnürer wurde ärgerlich: Dabei war der junge Mann doch derjenige, der ihn ungebeten angesprochen hatte!
“Wissen Sie”, sagte der junge Mann, “die Dame dort drüben braucht meine Hilfe.” Er deutete zu der Frau, mit er sich soeben im Café unterhalten hatte. Hilfe? In der Tat sah sie sehr blass aus, aber Schnürer bezweifelte, dass, was immer ihr auch fehlen mochte, sie ausgerechnet die Hilfe dieses schwarzhaarigen Norddeutschen brauchte.
In diesem Moment ertönte Für Elise — in Schnürers Tasche: eine piepsende Melodie, von Vibrationen begleitet. Sein Handy.
Bodensatz
Ja, ja, nachcolorierte Postkarten — 70er Jahre! Ach, schau mal, da im Hintergrund ist ein alter Käfer! Und diese Badeanzüge. An dieser Bucht stehen nur noch Hochhäuser. Die Revelotion hat versagt, der Faschismus auch. Viel mehr Mitbringsel hast du nicht. Immer mal wieder 5 Liter Olivenöl, aber der steht unter der Spüle. Wo soll das auch sonst hin? In deinem Wohnzimmer, auf dem Boden: Soviel altes Gerät. Die 50er Jahre werden nie wieder in. Alles viel zu spießig, meinen die Leute. Aber denk doch mal daran, was da alles aufbrach! Endlich gab es keine Nazis mehr. Man konnte wieder mit dem Motorrad zur Arbeit fahren! Das erste Mal wieder zur Musik tanzen! Und da denken wir, wir sind Hedonisten. Nicht nur einmal hast du dir eine Bronchitis von den Flohmärkten geholt. Und warum schon wieder einen Bilderrahmen? Demnächst kommt noch der Jugendstil. Gott sei Dank hast du Bier im Haus. Aber dein Kleid — ja! ja! Das ist aus Spanien. Nein, die Mode von damals finde ich nicht so toll. Aber in Sevilla gab es diese Boutique. Ach, was das Volk doch aufgelebt ist in den letzten dreißig Jahren. Ich stelle mich dumm und krieche näher zu dir.
Irma
Sie heißt Irma, und natürlich nennen sie zu viele Irma La Duce. Hübsch sieht sie aus, vielleicht ein bisschen zu klein, aber das ist egal, denn keck schaut sie dich von unten an. Und ihre Haare sind schwarz, lang und lockig — und wenn sie so durch die Menge läuft, von einem zum anderen, dann schüttelt sie die Haare, obwohl sie ihr gar nicht ins Gesicht fallen. Manchmal ruft sie ein bisschen zu laut und fasst die Leute zu viel an, vor allem, wenn sie in der einen Hand ein Weinglas hält. “Weißt du…”, sagt sie auf dem Sofa sitzend und greift nach deinem Knie.
Jetzt hat sie abends angefangen zu stricken, aber das erzählt sie niemandem. Und eigentlich liest sie auch gar nicht soooo viel, sondern hört die Bücher — oder lässt sie sich am Telefon von ihrer Freundin erzählen. Ihre Mutter hat viel gelesen, ihre Mutter war auch klein, aber jetzt ist sie tot.
Was Irma vom Leben will? “Nutze den Tag!” ruft sie immmer wieder und schreibt das auch im Internet. Ihr letzter Freund hat gesagt: “Du warst so süß zu Anfang und jetzt willst du immer alles entscheiden.” Aber heute kommt mrbungle: Ich bin häuslich, aber überraschend. Das Doppelkinn auf dem Foto war vielleicht nur unvorteilhaft. Seine Frisur? Glatte schwarze Haare, Seitenscheitel: Das muss nichts bedeuten. Seine Mails waren so nett.
Heute hat Irma das Buch zu Ende gelesen. Eine Empfehlung von mrbungle: Gedichte von Gottfried Benn.
Regen, später
So hat es angefangen. Er hat gesagt: “Ich kann da jetzt nicht mehr rausgehen.” Und dann: “In deinem Badezimmer dampft deine Unterwäsche.” Danach ist kein Wort mehr gefallen.
Und jetzt liegt er da und schaut sie nicht an. Doch was macht sie? Sie fummelt in der Schublade herum und gräbt nach ihrer Marlboro-Schachtel. Mit den Fingerspitzen öffnet sie die Packung und zieht gleichzeitig das Feuerzeug und eine Zigarette heraus. Draußen prallt der Regen gegen die Scheibe – fast waagerecht, so laut.
Er dreht sich auf die Seite. Jetzt ist sie diejenige, die ihn nicht anschaut. Sie starrt an die Decke und blickt dem Rauch hinterher.
“Und was wird jetzt?” fragt er.
“Was denkst du?”
“Wir müssen es ihm sagen.”
Sie schweigt.
“Jetzt ist es endlich passiert. So oft standen wir kurz davor. Jetzt ist es endlich passiert.”
“Wir haben alles kaputt gemacht.”
Er drängt sich näher an sie heran. Sie wendet ihren Kopf. “Was haben wir kaputt gemacht?” fragt er.
“Alles.”
“Zwischen dir und Uwe lief es doch sowieso nicht mehr.”
“Aber zwischen dir und mir. Das ist jetzt kaputt.”
“Aber—”
“Wir waren so gute Freunde…”
Er lässt sich wieder in das Kissen fallen. “Wir müssen es ihm sagen.”
“Ich habe Angst.”
“Ich werde bei dir sein.”
“Nicht vor Uwe.”
“Aber um Kim?”
“Uwe kann ihn mir wegnehmen. Wer hat denn hier was falsch gemacht?”
“Ihr seid noch nicht einmal verheiratet. Väter haben keine Rechte.”
“Ich habe trotzdem Angst.”
“Wir müssen es ihm sagen.”
“Können wir nicht so weitermachen bis bisher?”
“Wie bisher?”
“Alle zwei Wochen ist Uwe doch weg. Und manchmal können wir Kim zu meinen Eltern geben. Dann können wir wegfahren.”
“Das kriegt Uwe doch raus.”
Jetzt hat sie sich auf die Seite gedreht. Sie hält die Zigarette hinter ihrem Rücken, wie sie es immer bei Uwe macht. “Wir sind so blöd.”
“Du liest zuviel Romane.”
Sie steigt auf dem Bett. Mit ihrer Zigarette umrundet sie das Bett. Ihre Augen glänzen. Sie schaut ihn nicht an. Sie geht ins Badezimmer und drückt ihre Zigarette im Waschbecken. Er hat Recht: Ihre Unterwäsche dampft.
Auf dem Bett starrt er an die Decke, in den Nebel, zu dem der Rauch geworden ist. Er legt er den linken Arm über die Augen. Mit der rechten Hand nimmt er das Kondom von seinem Schwanz und lässt es einfach auf den Boden fallen. Draußen knallt der Regen immer noch gegen die Scheiben. Er kann da jetzt nicht mehr rausgehen.
Die Stadt
So lebte er dahin, 20 Jahre in der Stadt. Immer weigerte er sich: Seine Wohnung einzurichten, vielleicht gar ein Haus zu kaufen, ein Fitnessstudio zu suchen, Freunde zu suchen, die Restaurants auszuprobieren, den Weg in die Innenstadt zu lernen, zu schauen, ob es nicht woanders bessere Pasta gab als beim Italiener um die Ecke, einen anderen Spazierweg zu machen als immer nur am Fluss und vor allem aufzuhören zu sagen: “Wer will schon wirklich hier leben?” Bald zöge er wieder weg, wo er herkomme sei es besser, er brauche nur noch einen Job dort. Das sagte er immer wieder – seit 20 Jahren.
Alte Talente in Zeiten der Krise
Die Genprogrammierer streiken schon seit Monaten. Wenn wir jetzt kein Kind bekommen, dann niemals. Leg dich zu mir, ich weiß noch, wie das geht. Ganz früher habe ich heimlich geübt. Und wenn mein Vater betrunken war, hat er mir davon erzählt. Meine Mutter schämte sich dann und rannte aus der Küche. Ich bin nervös, weißt du? Darum rede ich zuviel. Leg dich zu mir. Es wird angenehm.
“Kaum einer meldete sich, nachdem ich umgezogen war. Dabei waren wir fast jeden Tag miteinander ausgegangen. Ich hatte gedacht, sie würden alles für mich tun.”
“Würdest du alles für sie tun?”
“Nein.”
Simplify Your Life
Der Tag, an dem er feststellte, wie sehr in das alles langweilte, war ziemlich genau der Tag, an dem er anfing wachzuwerden, bevor der Wecker klingelte. Warum braucht man weniger Schlaf, wenn man keine Träume mehr hat? dachte er und nutzte jeden Morgen die wache Stunde vor Arbeitsanfang, um wegzuwerfen, was er nicht mehr brauchte. Wenn nichts mehr übrig ist, kann ich endlich weg von hier, dachte er. Nichts muss ich dann mehr tragen. Schade nur, dass er keine Träume mehr hatte.
