Monat: September 2003

Das letzte Rätsel Herkunft

So viele Stunden hörte er ihr zu. Diese Wortwahl, dieser Satzbau – sie konnte keine Deutsche sein. Ihre Aussprache war perfekt, ihre Grammatik fast. Aber die letzten Spuren ihrer Muttersprache würde sie nie verlieren. Woher kam sie? Jetzt ist sie verschwunden, und er merkt, dass er wie sie zu reden beginnt. So lange hat er ihr zugehört.

Fragment

Ich hatte alles. Jeden Tag sah ich mich im Spiegel an: Wunderschön. Manchmal nahm ich den Spiegel mit ins Bett und legte mein Gesicht darauf, so dass von meinem Atem das Glas beschlug. Ich hatte einen Platz an der Sonne. Leute, die ich nicht kannte, brauchten mich. Ich hatte eine Hand immer am Griff der Pistole. Ich hatte ein Flugticket nach Syrien. Ich baute auf, nur um zu zerstören.

Er hört Musik nur noch automatisch. Immer auf Random, immer auf Repeat. Der Zufallsgenerator ist zu schwach. Zu oft dasselbe Lied, aber er merkt es nicht. Nur manchmal packt ihn die Sehnsucht: Einmal noch dasselbe fühlen wie damals mit dreizehn, als er sich ins Zimmer seiner Schwester schlich, die Platten hervorkramte und auch noch ganz penibel staubwischte, bevor er sie sie auflegte. MP3s sind antistatisch.

Sie war geschieden

Was änderte es, dass sie geschieden war? Nichts? Noch nicht einmal geküsst hatte er sie, nur berührt, im Vorübergehen oder wenn sie nebeneinander saßen. Ihre Anekdoten waren nie älter als zwei Jahre. Seitdem wohnte sie in der Stadt, seitdem ging sie allein durchs Leben. Ein Freund hatte es ihm gesagt.
Was änderte es?
Nun, da er es wusste, sah er diesen schwarzen Fleck in ihrer Geschichte. Plötzlich waren sie einander nicht mehr so nahe, wenn sie lachten. Immer wieder hatte er gedacht: Jetzt könnte ich sie küssen. Aber nun – was wenn sie nicht nur vegessen wollte, was geschehen war, in ihrer Ehe, sondern auch verhindern, dass es jemals wieder geschah?

“Hunger auf Jazz.” - “Ich nehme meinen Dostojewski mit an den Strand.” - “Brian Eno auf Speed.” - “Das ist jetzt ziemlich 1998.” - “Ich würde Barrichello auch nicht mit meinem Handy fotografieren.” - “Darf man Tok Tok vs. Soffy O. noch hören?” - “Wo ist der nächste HotSpot?”

Der Morgenmensch

Er ist ein Morgenmensch. Er sieht sich sein Leben an und sagt: “Morgen ändere ich es.” Er sieht sich seine Frau an, wie sie neben ihm sitzt, am anderen Ende des Sofas und den Fernseher lauter stellt, weil er mit der Zeitung raschelt, und er sagt: “Morgen trenne ich mich von ihr.” Er sieht sich sein Büro an, seine Kollegen, die tief gebeugt über Papieren sitzen und zischen, wenn er zu laut telefoniert, und er sagt: “Morgen kündige ich.” Er sieht sich seine Eltern an, wie sie am Esstisch Platz nehmen und die Hände auf dem Wachstuch falten, und er sagt: “Morgen bringe ich sie um.” Er sich sieht ein Video an, wie ein Typ einer Tussi ins Gesicht spritzt, und er sagt: “Morgen frage ich diese Kollegin, ob sie mit mir trinken geht.” Er sieht sich sein Auto an, und er sagt: “Morgen steige ich ein und fahre durch bis nach Griechenland.” Und am nächsten morgen hat er geschlafen, und das Haus ist still, und er macht sich fertig für die Arbeit, und er fühlt sich noch frisch, bevor er sein Leben sieht, seine Frau sieht, sein Büro sieht, seine Eltern sieht, und er sagt: “Ich bin eben ein Morgenmensch.”

We do not provoke

We do not provoke. Wir zeigen Dias mit Firmenlogogos. Microsoft. BMW. IBM. Telekom. BMG. DaimlerChrysler. Lufthansa. Coca Cola. McDonald’s. Boeing. Sony. Dell. Deutsche Bank. Siemens. Apple. Pepsi. Burger King. Volkswagen. Nestlé. Unilever. Allianz. Shell. UBS. Vodafone. Nokia. Michelin. Karstadt. Dahinter zeigen wir einen Film: Eine Frau, die masturbiert. We do not provoke.

Es geht los

Es geht los. Du sagst: “Es geht los.” Ich gehe zum Fenster, du bist dicht hinter mir, du hast geduscht, ich rieche das. Ich schiebe die Vorhänge zur Seite. Kein Auto fährt auf der Straße, die Straße ist voller Menschen. Die Menschen strömen, sie strömen herunter zum Platz. Die Gesichter: Die meisten lachen, einige kneifen Augen und Lippen zusammen, besorgte Blicke nur hier und da. Manche tragen Waffen, aber keiner schießt. Die Menge ist fast lautlos, das Skandieren kommt wohl erst später, unten auf dem Platz.
“Gehen wir”, sagst du. “Zum Platz. Ich will wissen, was sie sagen.”
“Ja”, sage ich. Wärest du nicht, ich würde mich ins Bett legen und das Kissen über die Ohren ziehen.
Wir stolpern die Treppe hinunter, keiner begegnet uns. Sie sind wohl schon alle draußen, auf dem Platz oder im Bett im mit einem Kissen über den Ohren. Durch die Tür ins Freie. Zwischen uns und der Menge sind die parkenden Autos, nur ein paar Leute eilen auf dem engen Bürgersteig an uns vorbei.
“Komm”, sagte du und fässt mich an der Hand und ziehst mich mit.
Die Menge wird schon dünner. Die meisten sind schon unten am Platz. Viel zu viele sind wir, wir werden in den Zufahrtstraßen stehen müssen, der Platz ist zu klein. Die Menge ingoriert uns, aber das ist in Ordnung: Wir alle wollen keine Individuen mehr sein. Nur die Sache zählt, die Sache, der du entgegenlächelst, die Sache, die mir Angst macht. Und doch bin ich hier unten, zwischen den Menschen, die jederzeit schießen können und die sich so freuen, und ich bin so stolz, dass du mich festhälst, jetzt, wo alles anfängt, und du sagst: “Es geht los, endlich geht es los.”

Set Fire To Flames: “Sign Reign Rebuilder”

Endlich einmal geschafft durchzuhören. Ist das ein Hörspiel? Wie wunderschön. Muss wohl am Wetter liegen. Auch wenn man sich nicht entscheiden kann: Ist das Apokalypse? Gruselsoundtrack? Zurück zu den Urängsten? Knarrende Türen, Atmung, Streicher, Gitarrenloops. Das Umfeld von Godspeed You Black Emperor wirft in letzter Zeit Besseres ab als die Band selbst.