Monat: August 2003

Zerrissenheit

“Das muss so sein”, sagen sie. “Die meisten Schriftsteller sind zerrissen.” Ich bin aber kein Schriftsteller, möchte ich sagen, aber irgendwie bin ich stolz, dass sie das sagen. Aber was wissen sie schon von der Zerrissenheit? Lustig ist das nicht. “Alle Schriftsteller haben Selbstzweifel.” Dabei sind Selbstzweifel noch viel schlimmer als Zerrissenheit. Denn zweifelt man an sich selbst, kann man ohne fremde Hilfe eigentlich überhaupt nicht mehr glücklich werden. Ständig fragt man nach: “Und? Wie ist es?” Hundert mal können da die Leute beschwören, wie toll es doch ist, doch dann kommt einer her und sagt: “Also, der Schluss ist jetzt ein bisschen konstruiert.” Zerrissenheit, Selbstzweifel. Die haben zuviel Künstlerbiografien gelesen, die sind zu romantisch.

Die Einladung

“Darf ich Sie zum Essen einladen?”
“Sie kennen mich doch gar nicht.”
“Ich weiß. Aber ich koche so ungern nur für mich.”
“Wir gehen also gar nicht ins Restaurant?”
“Nein. Aber ich versichere Ihren, ich bin ein hervorragender Koch.”
“Das mag sein. Aber wir wären dann in ihrer Wohnung.”
“Ich würde es bevorzugen. Dort sind alle meine Gerätschaften. Töpfe, Pfannen, Löffel. Sie wissen schon. Ich kann natürlich auch zu Ihnen kommen, wenn Sie es wünschen.”
“Ich dachte eher daran, dass wir dann ja ganz allein sind.”
“Das wären wir im Restaurant ja auch.”
“Nein, der Kellner wäre da, andere Gäste…”
“Aha. Sie haben also Angst vor mir.”
“Nein… nein… nicht unbedingt. Aber ich kenne sie ja gar nicht. Ich meine, Sie sprechen mich hier einfach auf offener Straße an und laden mich zum Essen ein.”
“Ja.”
“Da kann ich ja nicht wissen, was Sie mit mir machen, wenn wir in Ihrer Wohnung allein sind.”
“Nein, das können Sie nicht. Ich kann Ihnen aber versprechen, dass nichts weiter passiert, als dass ich Ihnen ein Essen koche, wir uns ein bisschen unterhalten und wir uns nicht wiedersehen müssen, wenn Sie es nicht wünschen. Mehr noch: Wenn es Ihnen nicht schmecken sollte, brauchen sie nicht zu bleiben.”
“Und was kochen Sie mir?”
Das ist eine Überraschung.”
“Wo haben Sie kochen gelernt?”
“Selbststudium. Und mein Vater natürlich.”
“Ihr Vater?”
“Er hatte ein Restaurant.”
“Ah.”
“Also?”
“Warum habe Sie gerade mich angseprochen.”
“Sie erschienen mir sympathisch. Sie sind in etwa in meinem Alter, Sie sehen aus, als besäßen Sie Bildung. An der Kleidung kann man sehr viel ablesen.”
“Sie hätten einen Mann ansprechen können.”
“Glauben Sie mir, das habe ich schon das eine oder andere Mal getan. Keiner der Männer ist je mit mir gegangen. Sie haben mich meistens noch nicht einmal ausreden lassen.”
“Weil sie natürlich denken, es geht um mehr als nur das Essen.”
“Das scheinen Sie ja auch zu denken.”
“In der Tat.”
“Das kann ich leider nicht verhindern. Ich kann nur immer wieder wiederholen, dass ich nichts weiter tun werden als kochen.”
“Sie sind schon seltsam.”
Das haben mir auch schon mehrere Leute gesagt.”
“Also gut! Ich komme mit! Aber ich warne Sie: Wenn es mir nicht schmeckt, bin ich eine gnadenlose Kritikerin.”
“Ich hoffe, dazu wird es keinen Anlass geben.”