Monat: Juli 2003

Das Messer

Für eine Sekunde denkt sie daran, das Messer einfach fallen zu lassen. Es würde ihn treffen, vermutlich nur im Fuß. Er steht vor ihr, er hält ihre Schulter fest und schweigt zum ersten Mal seit zwanzig Minuten. Neben ihr verbrennen die Zwiebeln im Öl, sie hat sowieso keinen Hunger mehr. “Kochen wir einmal wieder zusammen”, hat er gesagt, “wir haben das so lange nicht mehr gemacht.” Die Zwiebeln hat er geschnitten, und auch das Gemüse geputzt. Sie hat ihn korrigiert, hier und da, ganz leise. Dann hat er angefangen. Er hat sie gefragt, was sie denn denkt, wie soll es weitergehen? Wann haben sie zum letzten Mal zusammen etwas mit Freunden gemacht?
Einfach das Messer fallen lassen. Er würde nicht daran sterben, nur viele Wochen humpeln. Vielleicht würde er auch nie wieder Fahrrad fahren können. Vielleicht würde er dann endlich einen Bauch ansetzen, endlich nicht mehr diese engen T-Shirts mit extrakurzen Ärmeln tragen. Aber sie würde es gar nicht wissen, denn würde er noch einmal zurückkommen, wenn sie das Messer jetzt fallen ließe? Wohl kaum. Nur wenn sie sich entschuligen würde: “Es war ein Versehen, es tut mir Leid.”
Sie drehte das Messer. Jetzt zeigte es auf seinen Bauch. Er bemerkte es nicht, er fing wieder an zu reden. Jetzt wäre es kein Versehen mehr.

Abschied von Susanna

Susanne hatte Jan gezeigt, wie man fischt. “Die Angel immer ganz ruhig halten, langsam auswerfen… das beruhigt. Hinterher fallen dir wieder Lieder ein.” Seite an Seite standen sie am Meer, und immer seltener schaute Jan auf Susanne, sondern immer mehr auf den Köder.
Abends aßen sie den Fisch, an den ersten Abenden Susannas, später Jans, und Jan ging auf sein Zimmer, um zu komponieren. Susanne wohnte in dieser umgebauten Kapelle, Susanna war so großzügig. Wen sie nicht schon alles hier hatte wohnen lassen! “Schriftsteller mag ich nicht so gerne”, sagte sie. “Die kommen überhaupt nicht raus aus dem Zimmer. Am liebsten habe ich kleine Bands. Drei oder vier Leute, das ist schön.”
Sie würde nicht hören können, wenn er Gitarre spielte, also würde sie auch nicht hören können, wenn er nicht Gitarre spielte. Fragte sie “Spielst du mir das vor”, sang er alte Lieder, die sonst niemand kannte. “Das ist die Luft”, sagte sie und zwinkerte.
Manchmal wehte aus der Stadt der Duft von Fisch. Jeden Tag liefen die Schiffe aus und lieferten nachts ihren Fang direkt an die Fabrik. “Das Meer riecht nie nach Fisch”, sagte Susanne. “Das Meer riecht jeden Tag anders, aber nie nach Fisch.”
Am Ende fuhr Jan mit dem Zug nach Hause und hatte seine Gitarre nicht einmal angefasst. Zum Schluß hatte er Susanne nicht mehr angesehen, und sie hatten auch nicht mehr viel geredet, wenn sie ihren Fisch aßen am Abend. Jan fuhr im Zug und saß allein im Abteil. Er suchte in seinen Taschen und fand ein Zettel. Aus seinem Rucksack holte er einen Stift. Abschied von Susanna, dachte er und schrieb es hin. Die Melodie fällt mir bestimmt später ein.

Die Straße

Sie lehnt ihren Kopf gegen die Scheibe. So schön feucht, so schön kühl. Draußen regnet es, die Straße spiegelt, es ist dunkel. Aber sie träumt von einer anderen Straße, einer Straße ohne Häuser und ohne viele Kurven. Es wäre Tag, aber es gäbe Wolken. Ein bisschen Nebel stünde über den Feldern, doch die Straße selbst wäre frei. Sie führe, sie führe stundenlang. Irgendwann, nach einem halben Tag, sähe sie ein einzelnes Haus, aus grauem Stein, mit einem Holzdach.
Und was würde sie denken?
Ich bin zu Hause?
Ich bin endlich entkommen?
Die Tür öffnet sich, ihr Mann steckt den Kopf hinein:
“Kommst du?”
Sie trennt ihr Gesicht vom Fenster und sieht ihn an. Sie sieht nur seinen Kopf. “Ja”, sagt sie. “Ich komme.”
Ihr Mann lächelt. Er zögert. Will er noch eine Frage stellen? Nein. Er schließt die Tür.
Fahren. Fahren.
Sie hat diese Stadt so satt.

Das Transparent

“Mir ist ja nichts peinlich”, sagt er und steht auf dem Gerüst. Es ist Sonntagabend, es ist noch warm. “Und wenn ich jetzt nackt wäre, wär mir das auch egal.” Er klettert höher, er atmet nur halb so schnell wie ich. “Und wenn sie das Transparent selbst nicht lesen kann, egal. Eigentlich geht es ja nur um die anderen.” Das Paket ist nicht groß, das er da auf dem Rücken trägt, und er klettert viel zu weit nach oben. Niemand schaut so weit nach oben, auch jetzt nicht, wenn sie da bauen. Und doch: Er klettert fast bis ganz nach oben, viel zu weit für das kleine Transparent. “Eigentlich wollte ich ja was Derbes schreiben. Du Fotze oder so. Aber das ist dumpf, das passt nicht.” Er faltet das Transparent auseinander, er hält es in den Wind. Das war verschwendete Zeit mir dir, Lisa, steht drauf, und er schaut sich um. Er hat so einen Blick in den Augen, er sagt jetzt nichts mehr. Es ist windig hier oben. Er zerknüllt die Ecken des Transparents und schaut in die Tiefe.

Ein Konzert

Er schaute nach oben und dachte: Warum tropft da kein Schweiß von Decke? Vor der Bühne war noch genug Platz, die Leute setzen sich hin. Die Band war es gewohnt, der Band war es egal. Sie hatten die Augen geschlossen. Wie peinlich, dachte er, aber kaum hatte er das gedacht, schon war das wieder vergessen. Denn eigentlich würde er sich auch so gerne hinsetzen.
Er klebte.
Er würde so gerne zufällig mit jemanden verkleben.
Er holte sich noch ein Bier.