Monat: Mai 2003

S-Bahn-Ordnung

Der Mann war nicht gerade typisch Rentner, trug aber trotzdem diesen Anorak. In Braun, wie seine Hose, die Socken grau und – tatsächlich – das dünne Haar über den kahlen Kopf gekämmt. Er schmiss seine Tasche auf den Sitz, drehte sich um und deutete auf den Mann, der am anderen Fenster saß. “Geben Sie die Zeitung her! Überall werfen die Leute alles hin, überall! Geben Sie her, geben Sie her. So. Danke.” Jetzt langsamer atmend, aufrecht stehend, ordnete der Rentner die Seiten. Ganz zerfleddert, Boulevardblatt, bloß nicht auf die Schlagzeile schauen. Mit weniger Schwung als vorhin seine Tasche auf den Sitz warf er die Zeitung nach oben, auf die Gepäckablage. “So”, sagte er noch einmal. “So.” Jetzt is alles wieder in Ordnung, mag er gedacht haben, ich stieg aus.

In Wirklichkeit gibt es keinen ernsten sensiblen Mann, der dem Mädchen ein Taschentuch reicht, wenn es weint. Statt dessen blickt die Frau, die ihr gegenüber sitzt, die im braunem Kleid, auf den Boden, in den Mittelgang, als das Mädchen den Kopf senkt, eine Falte sich auftut auf ihrer Stirn und sie den Mund verzieht. Wäre er da, der romantische Mann, hätte er sie schön gefunden, denn es ist so, dass nicht alle schön sind, die traurig sind. Aber sie ist es, traurig und schön, aber da ist nur die Frau im braunen Kleid und blickt in den Mittelgang. Das Mädchen beruhigt sich, ohne dass ihr ein Mann ein Taschentuch reicht, und schaut aus dem Fenster und hält sich an ihrem Helm fest, neben sich auf dem Sitz. Sicher, irgendwo fährt ein Mann durch die Straßen, allein, vielleicht erleichtert, mit leerem Sozius und fragt sich, jetzt wo alles vorbei ist und er sie vielleicht sowieso nie geliebt hat, ob er ihn zurück bekommt, den Helm.

Manuel Vázquez Montalbán: Die Einsamkeit des Managers

Weil Krimis sich so sehr mit den Randfiguren der Gesellschaft beschäftigen, sind sie auch immer ein Kommentar zur aktuellen Befindlichkeit. Während die Schwedische Fraktion um Mankell die Systemkritik in aller Breite formuliert, überlassen es andere Autoren dem Leser, sich zu fragen, ob der Mörder nicht vielleicht auch Opfer ist. Im gewissen Sinne führt Vázquez Montalbán mit seinem Detektiv Pepe Carvalho die “Hard Boiled”-Tradition von Chandler, Hammett und Co. mit anderen Mitteln fort. Denn unter dem Zynismus des Protagonisten schlummert Müdigkeit. Carvalho will nichts mehr über die Menscheit erfahren, er hat schon zuviel gesehen. Er gibt sich lieber den Genüssen hin: Gutes Essen, französischer Wein, Müßiggang.

In jedem seiner Romane durchleuchtet Vázquez Montalbán einen weiteren Aspekt der spanisch-katalanischen Gesellschaft. In den Jahren nach Francos Tod versuchen die Bonzen ihr Geld und ihre Macht zu erhalten. Jaumá, ein Manager mit kommunistischer Vergangenheit, den Carvalho noch aus seinen CIA-Zeiten kennt, wird ermordet. Carvalhos Sinn für Gerechtigkeit lässt ihn exporbitante Honorarforderungen stellen. Weil man sie akzeptiert, macht er sich auf die Suche nach dem Täter. Er beginnt, in den Seilschaften der franquistischen Opportunisten herumzustochern. Dabei wirbelt er soviel Staub auf, dass ihm von allen Seiten nahegelgt wird, die Sache ruhen zu lassen, zumal man den Mörder gefasst zu haben glaubt. Jaumás Freunde, die Polizei und sogar Jaumás Witwe - sie alle flehen ihn an, drohen ihm, aufzuhören. Doch Carvalho ist zu angewidert von dem Niedergang all jener linken Intellektuellen, die sich so gut mit Franco arrangiert haben, dass sie letztlich sogar Profit daraus ziehen konnten.

Wie alle Carvalho-Romane lebt auch dieser von dem schillernden Charakter des Protagonisten. Anders als Chandlers und Hammetts Detektive versucht er zwar, durch Härte seine Enttäuschungen zu überspielen, ist aber darüber hinaus noch hochgebildet und außerordentlich feinsinnig. In den entscheidenen Momenten wird er immer wieder von seinen totgeglaubten Überzeugungen überwältigt und zu Handlungen getrieben, die seiner Maxime zuwider handlen, nur noch für Geld, gutes Essen und Sex zu leben.

Ganz nebenbei erfahren wir noch viel über das spanische Wesen und die Menschen im allgemeinen. Vázquez Montalbán ist ein gebildeter Humanist mit grandioser Formulierungskraft. Und wie so oft, wenn solche “genrefremden” Autoren Krimis schreiben, besitzen sie eine zweite Ebene, die den Roman zu etwas Besonderem macht.

Michael Cunningham: The Hours

Ein Buch nach Motiven eines anderen Buches zu schreiben, klingt erst einmal nach Ideenlosigkeit. Michael Cunningham ist Virginia Woolf-Fan. Und weil er deren Mrs. Dalloway gleich mehrfach verschlungen hat, schrieb er ein Buch über über den Menschen, der das Buch geschrieben hat. Und über die Menschen, die das Buch gelesen haben. Und schließlich über das Buch selbst. Da ist es nahezu einfacher, die Unterschiede aufzuzählen als die Gemeinsamkeiten.

Sowohl Mrs Dalloway als auch The Hours beschreiben einen Tag und den Weg einiger Personen durch diesen Tag. Doch während Mrs Dalloway im Juni kurz nach dem ersten Weltkrieg in London spielt, finden wir uns bei The Hours an drei verschiedenen Orten in drei verschiedenen Jahren wieder.

Da wäre einmal die Geschichte von Clarissa in New York am Ende des 20. Jahhunderts. Ihre Kapitel sind überschrieben mit Mrs Dalloway, und tatsächlich finden wir hier das meiste von der Vorlage wieder: Ein herrlicher Tag im Juni, Clarissa plant eine Party, sie kauft Blumen, sie bemerkt auf der Straße ein ungewöhnliches Auto, sie trifft jemanden, den sie spontan zur Party einlädt, sie ist eifersuchtig auf ihre Freundin, weil diese zu einem Mittagessen eingeladen ist, aber Clarissa nicht. Clarissa wird ihre Party zu Ehren ihres AIDS-kranken Freundes Richards geben, dessen Roman mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Immer wieder denkt sie zurück an die Zeit, in der sie einmal ein Verhältnis mit Richard hatte, Jahre bevor sie feststellte, dass sie lesbisch ist. Waren das die glücklichsten Momente in ihrem Leben? Warum tut sie all das? Warum muss das Lächeln immer sitzen, die Sitzordnung perfekt sein?

Dann ist da Mrs Brown, eingesperrt in einer Vorstadthölle in den 50er Jahren, verheiratet mit einem ebenso aufopfernden wie ideenlosen Mann. Bücherwurm nennt man sie, und tatsächlich kann sie ihre Leben nur ertragen, in dem sie sich in die Literatur flüchtig. Heute ist es Mrs Dalloway, und welches Leben entdeckt sie dort! London; this moment of June, immer wieder. Wieviel freier ist das als ihr eigenes Dasein in diesem Haus, mit ihrem Kind, mit ihrem Mann, der heute Geburtstag hat und abends keine Freunde sehen will, sondern nur sie, das Kind und eine Torte auf dem Esstisch?

Und dann ist da noch Mrs Woolf persönlich. Wir schauen ihr über die Schulter, fühlen ihre Appetitlosigkeit und verfolgen ihre Suche nach dem ersten Satz des Romans: Mrs Dalloway. Wer wird sterben? fragt sie sich immer wieder. Clarissa? Selbst geplagt von Depressionen, immer wieder aufbrechenden Kopfschmerzen, hat man sie verbannt in eine Londoner Vorstadt. Doch wie gerne würde sie wieder zurück in die geliebten Straßen ihrer Stadt, lieber will sie dort wieder verrückt werden, als hier im Dorf weder tot noch lebendig zu sein.

So geht es in allen Geschichten um die persönliche Vorstellung vom Glück. Alle Personen sind durch das Buch Mrs Dalloway miteinander verbunden und manchmal, ohne dass wir es ahnen, durch noch mehr. Lohnt es sich zu leben? Der Selbstmord kehrt als Gedanke immer wieder. Gleich zu Anfang, im Prolog - als einiger Teil des Buches, der nicht an jenem, dem einzigen Tag spielt - beobachten wir Virginia Woolf, wie sie sich, mit zugrunde gerichteten Nerven, in einem Fluss ertränkt. Sie hat ihr Glück nicht gefunden. Und für die anderen? Liegt es in der Vergangenheit? Können sie es noch einmal wieder hinaufbeschwören? Haben sie es überhaupt einmal gespürt? Oder ist es nur einfach das Leben und Treiben an einem schönen Frühsommertag in der Stadt, in der Straße, unter all den Leuten?

Cunningham umschifft die Gefahr, die in dieser konstruierten Geschichte liegt. Sein Stil hat viel von der Reflektionskraft seines großen Vorbildes, doch bleibt präziser und natürlich moderner. Immer sind seine Personen glaubhaft, die Verbindung klar. Und am Ende gibt es Auflösung, wie in einem Krimi: Wodurch sind die Leute verbunden außer durch Mrs Dalloway?