Die 2002 verstorbene ZEIT-Herausgebering Dönhoff war nicht nur eine Kämpferin für die Menschlichkeit, sondern versuchte auch, mit vorschnellen Urteilen über ihre Heimat Preußen aufzuräumen. Weit entfernt davon, eine Ewiggestrige zu sein, die dem Verlust der deutschen Ostgebiete nachtrauerte, bekannte sie sich doch dazu, dass ihre Heimat für immer in Firedrichstein liegen würde - jenes ostpreußische Gut, dass sich Jahrhunderte lang in dem Besitz ihrer Familie befunden hatte.
Die “Namen, die keiner mehr nennt” sind die Namen jener Güter, Dörfer und Menschen, die durch Hitlers Größenwahn verloren gegangen sind. Ausgehend von ihrer Flucht aus ihrer Heimat zeichnet Dönhoff ein Bild der Geschichte und des Geistes eines Ostpreußens, das bemerkenswert frei ist von Sentimentalität. Dabei beschreibt sie das Elend, das in den Trecks herrschte, die vor den Russen nach Westen flohen - und verfällt dabei nicht in Opferjammerei, sondern ist sich der Schuld des eigenen Volkes durchaus bewusst. Überhaupt ist es erstaunlich, mit welch klarem Blick eine Frau, die durch jene schrecklichen Ereignisse so viel verloren hat, ein solches Protokoll zu Papier bringen konnte.
Neben dieser eindringlichen Fluchtbeschreibung treten die anderen Kapitel ein wenig zurück, sind aber nicht minder interessant. So macht sie mit uns einen Rundritt durch die Landschaft Masurens, versucht den politischen und kulturellen Geist, der damals herrschte, wiederzubeleben und erläutert - leider manchmal etwas langatmig - die Geschichte ihrer Familie.
Durch den einzigartig scharfen Blick der Autorin ist das Buch eine wirklich hochinteressante Lektüre. Und gerade durch ihren subjektiven Betrachtungswinkel sieht man umso deutlicher, welche Zerstörungkraft die Wahnvorstellungen Hitlers gehabt haben.