Monat: März 2003

Marion Gräfin Dönhoff: Namen, die keiner mehr nennt

Die 2002 verstorbene ZEIT-Herausgebering Dönhoff war nicht nur eine Kämpferin für die Menschlichkeit, sondern versuchte auch, mit vorschnellen Urteilen über ihre Heimat Preußen aufzuräumen. Weit entfernt davon, eine Ewiggestrige zu sein, die dem Verlust der deutschen Ostgebiete nachtrauerte, bekannte sie sich doch dazu, dass ihre Heimat für immer in Firedrichstein liegen würde - jenes ostpreußische Gut, dass sich Jahrhunderte lang in dem Besitz ihrer Familie befunden hatte.

Die “Namen, die keiner mehr nennt” sind die Namen jener Güter, Dörfer und Menschen, die durch Hitlers Größenwahn verloren gegangen sind. Ausgehend von ihrer Flucht aus ihrer Heimat zeichnet Dönhoff ein Bild der Geschichte und des Geistes eines Ostpreußens, das bemerkenswert frei ist von Sentimentalität. Dabei beschreibt sie das Elend, das in den Trecks herrschte, die vor den Russen nach Westen flohen - und verfällt dabei nicht in Opferjammerei, sondern ist sich der Schuld des eigenen Volkes durchaus bewusst. Überhaupt ist es erstaunlich, mit welch klarem Blick eine Frau, die durch jene schrecklichen Ereignisse so viel verloren hat, ein solches Protokoll zu Papier bringen konnte.

Neben dieser eindringlichen Fluchtbeschreibung treten die anderen Kapitel ein wenig zurück, sind aber nicht minder interessant. So macht sie mit uns einen Rundritt durch die Landschaft Masurens, versucht den politischen und kulturellen Geist, der damals herrschte, wiederzubeleben und erläutert - leider manchmal etwas langatmig - die Geschichte ihrer Familie.

Durch den einzigartig scharfen Blick der Autorin ist das Buch eine wirklich hochinteressante Lektüre. Und gerade durch ihren subjektiven Betrachtungswinkel sieht man umso deutlicher, welche Zerstörungkraft die Wahnvorstellungen Hitlers gehabt haben.

Eduardo Mendoza: Die Stadt der Wunder

Dieses Buch lässt mich ein bisschen ratlos zurück. Empfohlen von jemanden, der es im spanischen Original gelesen hat, fragte ich mich nach der letzten Seite: “Schöne Geschichte. Aber wozu?”

“Die Stadt der Wunder” heißt Barcelona und bietet Onofre Bouvila die Chance, von der er in der katalanischen Provinz geträumt hat. Muss er anfangs noch anarchistische Flugblätter auf der Baustelle zur Weltausstellung des Jahres 1888 verteilen, so findet er rasch Einlass in die Halbwelt. Dort arbeitet er sich mich einer Mischung aus Skrupellosigkeit, Geschäftstüchtigkeit und Menschenkenntnis empor, bis er es zu einem der reichsten und angesehensten Männer Spaniens bringt. Dies alles geschieht vor dem Hintergrund der Umwälzungen an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Der zweite Protagonist dieses Romans ist Barcelona, und Onofres Schicksal ist so eng mit dieser Stadt verknüpft, dass wir seinen Weg nicht verfolgen können, ohne zu wissen, wie auch die Stadt sich immer weiter emporarbeitet und schließlich zu einer der wichtigsten Metropolen Europas wird.

Je älter und reicher Onofre wird desto einsamer und zynischer fühlt er sich. Längst entfremdet von seiner eigenen Frau, der er in seiner Jugend so hartnäckig nachgestellt hat, kann er sein hartes Wesen nicht öffnen, um vielleicht doch einmal Zugang zu den Menschen zu gewinnen. All dies kulminiert - so schließt sich der Kreis - 1929 zur Zeit der zweiten Weltausstellung in Barcelona. Onfore verliebt sich - zum ersten Mal, wie er sich eingestehen muss. Von Anfang an ist er sich dabei bewusst, dass es nur tragisch enden kann. Längst ist er nicht nur seines Reichtums, sondern auch seines Lebens überdrüssig.

Der Roman reiht eine Folge von Episoden aneinander und versucht so, ein Gesamtbild von Onfore zu entwerfen. Doch Mendoza hat die Angewohnheit, allzu schnell zwischen Erinnerung und Gegenwart zu springen und somit nicht selten den Eindruck zu erwecken, er schöbe eine Information nach, die er vergessen hat. Dabei verliert er sich bisweilen in Details. Es sind nicht einmal die Geschichtsfakten über Barcelona, sondern vielmehr die Fülle von Personen und Anekdoten, die verwirren oder gar langweilen. Es steht zu vermuten, dass all dies im Original mit mehr Sprachwitz und Augenzwinkern zu verstehen ist. Doch zumindest in der deutschen Übertragung wirkt es oft bemüht oder schlicht zusammenhanglos.

Alles in allem mangelt es diesem Buch an Schlüssigkeit. Am Ende hat man zwar eine faszinierende und leidlich unterhaltsame Geschichte über einen phantastischen Aufstieg gelesen, aber der ganz tiefe Blick in den Charakter Onfores bleibt einem verschlossen - und man fragt sich, warum er am Schluss so handelt, wie er handelt. Mir persönlich ist das ein bisschen zu wenig.

Dass es jetzt sogar schon Protestforscher gibt.

Der Hass ist echt

Gestern im Taxi war der Fahrer Iraner. Die Kriegsmeldungen im Radio stachelten ihn zu einer Hasstirade an. “Bush ist unsympathischer als Hitler”, sagte er. “Ich hasse diesen Mann. Die Iraker sind unsere Feinde, aber die Amerikaner sind größere Feinde.”

Ich fragte: “Werden die Amerikaner den Iran angreifen?”

“Ich glaube nicht”, sagte er. “Der Iran kauft Waffen, Waffen, Waffen. Wir haben Raketen, die 500 km weit fliegen. Iran ist keine Wüste, sondern Gebirge. Iran hat drei Armeen, jede größer als die Irakische Armee. Die Amerikaner sehen jetzt, das alles nicht so einfach ist.”

Ich musste nichts mehr sagen. Seine rechte Hand fuchtelte, und er sah kaum noch auf die Straße. “Die Amerikaner wissen nichts. Sie dachten, die Iraker würden sich einfach so ergeben. Sie wollen Saddam nicht, aber sie wollen erst recht die Amerikaner nicht. Wir wollen sie nicht. Wir wissen, was gut für uns ist. Immer wieder haben wir es geschafft, demokratisch zu werden. Aber die Amerikaner haben immer wieder eine Revolution bezahlt. Sie haben die Islamisten unterstützt. Die Islamisten! Die Amerikaner wollen keine Demokratie.”

Ich hörte nur noch zu. Die Augenbrauen des Fahrers zogen sich eng zusammen. So oft hatte man all dies schon gelesen, gehört und gesehen. Doch in diesem viel zu warmen Taxi dachte ich: Wenn das alles stimmt… wenn alle Araber so denken wir er…

Geschäftsreise

Geschäftsreisen sind immer noch nicht überflüssig, und das ist höchst bedauerlich. Denn mit Reisen hat es ja eigentlich gar nichts zu tun. Da fährt man drei Stunden nach Heidelberg, sitzt zweiundhalb Stunden um einen Tisch herum und diskutiert, hetzt in die Innenstadt, um wenigstens etwas gesehen zu haben und eine schlechte Zwiebelsuppe zu essen, und fährt wieder drei Stunden zurück. Einziger Vorteil: Im Zug findet man während eines Arbeitstages Zeit zum Lesen. Ich will 3D-Holo-Besprechungen. Und ich will noch einmal nach Heidelberg ohne Termin.

Was Sportreporter so sagen

“Es sei interessant zu beobachten, ob der Luftkrieg die Schwächen am Boden ausgleichen könne. ”

Wetter

Wie einem ein Sonnentag, ein neues Fahrrad und allgemeines Erwachen doch mit einer Stadt und seinen Bewohnern versöhnen kann.

Tote

Man könnte ja glatt denken, nur alliierte Soldaten seien gestorben.

Die meisten Anglizismen entstehen doch aus Faulheit.

Seit 1991 ist der Krieg im Fernsehen grün. Wie eine Chirurgenmaske.

Ein Plan?

Wann im Leben entscheidet es sich eigentlich, ob man Melancholiker ist oder immer gut gelaunt?

Wir haben vergsagt

Die Geschichte hat uns nichts gelehrt.

Zeit

In Eduardo Mendozas “Stadt der Wunder” ist davon die Rede, dass vor der industriellen Revolution die Arbeit keinesweg so regelmäßig war wie heute. Man konnte Tage und Nächste durcharbeiten und dann wieder eine ganze Woche frei haben. Deswegen gab es auch überhaupt keinen Grund, das Vergnügen irgendwie zeitlich zu begrezen. Feste dauerten Tage und begannen schon am frühen Vormittag. Erst als die Freizeit gleichmäßig auf die Abend- und Wochenendstunden verteilt wurde, musste man sich auch bei der Zerstreuung an einen Zeitplan halten.

Zwar haben die Leute in Europa heutzutage eine größere Sicherheit, aber denkt man daran, dass man auf einer Party oder bei der Lektüre immer wieder auf die Uhr schielen muss, um nicht zu spät ins Bett zu gehen, so kann man glauben, dass uns trotz Freitzeitgesellschaft immer mehr die Entspannung verloren geht. Sich sorgen und pünktlich sein. Vieielleicht ist das aber auch nur eine Sache der inneren Einstellung.

“Meine Frau und ich, wir sind auf dem richtigen Weg, denke ich”

Er ist der erste, der sagt “Ich komme mit”, wenn die Kollegen nach der Arbeit einen trinken gehen. Abendessen mit dem Kunden? Gerne. Schnell einmal nach Paris zu einem Meeting: “Ja, Schatz, ich weiß, es ist kurzfristig, aber wir müssen die Firma voran bringen.” Manchmal kommt er zu spät und sagt: “Nun, wir haben darüber diskutiert. Aber sie muss wissen, wieviel mir dran liegt, das hier aufzubauen. Das muss sie mittragen.”
In den nächsten Tagen wird jemand sagen: “Jetzt hat der Krieg angefangen.” Und er wird antworten: “Ja, ja. Grausam ist das.” Sie werden einen Moment schweigen und danach ihre Frauen anrufen, weil sie heute abend noch nach Nürnberg fahren. Der eine widerwillig, der andere nicht.

Endlich ist es da

Und es liegt so schön in der Hand. “My eyes are bigger than my brain”, sagte einmal ein Freund von mir, als er einmal wieder ein Buch zuviel gekauft hatte. Kann es überhaupt zuviele Bücher geben?